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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 63

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 63)
Language
German
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Anhänglichkeit an das heilige Vätererbe Israels zeugenden Schriften Hirschs nie vor Angen gekommen waren, etwas ungläubig das graue Haupt schüttelte, so man ihm die Ort .odoxie Hirschs laut pries. Und wie erst als man-hörte, daß der neue Rosch-Medinah der in den Synagogen eingerissenen großen Unordnung steuern wollend, sämtliche Rabbinate und Vorstände des Landes aufforderte, die Ordnung während des Gottesdienstes in den Synagogen wieder herzus eilen und dauernd aufrecht zu halten, da witterte gar mancher, der Hirsch blos von Hörensagen, nicht aber aus dessen Schriften kannte, einen verkappten Neologen in dem neuen Herrn. Und doch zeigte eben auch dieses Vorgehen Hirschs seine weitschauende Weisheit. Er sah, wie die Reformer mit Hilfe von Schlagwörtern von Anstand in der Synagoge und dergleichen all diejenigen an sich lockten, die es nicht länger leiden mochten, daß die „dudenschul" auch weiterhin zum Spotte im Munde des Volkes sei, er sah. wie solche und ähnliche Schlagwörter blos Köder waren, um die gesitteten Elemente an die Reform zu fesseln. Dem gegenüber berief sich nun Hirsch auf den klipp und klar ausgesprochenen „Din" im Schulchan-Aruch. forderte eben im Namen des von den Reformern begeiferten Schulchan-Aruch Anstand und Andacht in der Synagoge und entwand so den Feinden ihre gefährliche Waffe. Einer der hervorragendsten Schüler des großen Baal Chatham Sofer s. A., sein Schwiegersohn Rabbi Salomon Spitzer s. A. hat dem Andenken Hirschs Worte gewidmet, die deutlich Zeugnis ablegen, wie sehr er letzten Endes auch von den „Alten“ gewürdigt wurde. Da heißt es: „Gott war geweiht das ganze Leben R. Hirschs. Gott und dem göttlichen Gesetze waren ge weihet die Gedanken seines Geistes und die Gefühle seines Herzens. Und derjenige, der seine Werke zu lesen pflegt, empfindet es bei deren Lektüre, wie ein Quell der Lebensheiligung in seinem Inneren aufsteiget." — -„Seine 19 Briefe pflanzen einem die Kraft des Glaubens ins Gemüte, sein Chaurew wieder durchdringet einen mit Erkenntnis des Geistes, der in den Geboten Gottes weht.*-„Er war der Mann der bereits vor 50 Jahren den Verteidigungskampf gegen die Stürme auf das Ueberlieferte eröffnete. Er gab seine 19 Briefe he aus und erregte Bewunderung mit denselben. In diesen 19 Briefen enthüllte er die ganze Unwahrhaftigkeit der Reformer. Er zeigte auf glänzende Art und Weise die Erhabenheit des Vätererbes. Wer diese 19 Briefe liest, der wird einsehen müssen, daß er das Judentum früher — bevor er diese 19 Bri ef e gelesen — nicht so erkannt hat wie jetzt. Er fühlt sich nach der Lektüre dieses Werkes als ein ganz neues Wesen. Nachher gab R. Hirsch seinen Chaurew heraus, der eine Begründung der 613 Ge- und Verbote der Thora enthält. Das ist ein tn'Ul 8^22 T!2n. ein wunderbares und furchtbares (für die Gegner) Werk; welches den Ruhm des Verfassers in alle Welt hinaustrug etc. etc." (Siehe ppYl "IDD von Rabbiner Salomon Spitzer in Wien, Fol. 110 und 111, Hesped auf Hirsch). Es ist gewiß, daß auch in Ungarn der Ruhm Hirschs in stetem Wachsen begriffe > ist. Das Studium seiner Werke und die Anerkennung seiner Lehren und Ideen verbreitet sich immer mehr und mehr und faßt immer tiefere Wurzel im Kreise der ungarischen Judenheit. Dieser wachsende Einfluß Hirsch’schen Geistesund Hirsch’scher Ideen ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des ungari'Chen Judentums, denn nur deren Anerkennung und Sieg kann die in einer üebergangsperiode sich befindende Orthodoxie Ungarns davor bewahren, daß sie Beute einer der beiden Extreme im ungarischen Israel wird: des jeglicher modernen Bildung abholden Chassidismus oder der Neologie, deren ganzes Judentum sich auf einen Tempelbesuch am Jomkipur und auf das Kaddisch- und Maskirgebet für die hingescbiedenen Eltern beschränkt. Diesem Gedanken hat auch schon ein anderer begeisteter Anhänger und Verehrer Hirschs in einer bereits vor Jahren veröffentlichten ungarischen Schrift Ausdruck verliehen. Wir meinen die unter dem Titel: „A zsidö vallas in modern korb an" (die jüdische Religion in der modernen Zeit) im Jahre 1899 erschienene Schrift des H Elias Friedmann. In der Vorrede schreibt der Verfasser : „Auch wollte ich die Wahrheit dessen vergegenwärtigen, daß der religiöse Glaube wohl zu vereinbaren ist mit der weltlichen Bildung. Dieses wähnte ich dadurch zu erreichen, daß ich den beiden eben charakterisierten Extremen in der ungarischen Judenheil die wahrhaft großartige Gestalt Hirschs, der doch auch unserer modernen Zeit angehörte, als eines solchen vorzustellen mich bemühte, der Thoragelehrsamkeit mit moderner Bildung harmonisch vereinigend, zugleich Großmeister auf dem Gebiete weltlicher Wissenszweige und Vertreter des wahren Judentums war.“ Auch sonst befreunden sich selbst ältere Rabbiner immer mehr und mehr mit Hirsch’schen Ideen und Schriften, wie dieses schon aus dem Umstande hervorgeht, daß man in neuerer Zeit häufig genug auf Zitate aus Hirschs Werken und Benützung und Anwendung der dortselbst gegebenen Ideen trifft, so z B. in dem immense Gelehrsamkeit verratenden Werke 'vip*7 meines sei. Großonkels R. Silomo Klein gewesener Oberrabbiner in Zenta, S. 104, b. vgl. Hirsch, Pentateuch, IV. B. M. 17,3 und Psalmen 42,1; zu Seite 111, b; vgl. Hirsch, Psalmen 34,1. Vg. ferner desselben Verfassers "tiDD ny Paks, 5658, S. 17, b. *) Auch in dem Werke noa des R. Josef Fisch finden wir S. 27, b, die tiefsinnige, seither fast zum geflügelten Worte gewordene Exegese Hirschs zu II. B. M. 25,8 aggadisch verwertet und sie dann von R. Feiwel Plaut, dem gewesenen Rabbiner zu Groß Surany, in dem Werke a"n p “an ’Bipb weiter ausgebaut. In dem im Jahre 5664 erschienenen Werke -12 min ibo von dem emer. Rabbiner in Groß-Tapolcsäny H. Feiwel Schlesinger ist sehr oft der Einfluß verständnisvoller Lektüre«Hirsch’scher.Schriften zu bemerken. In dem zu Waitzen in Ungarn erscheinenden rabbinischen Fachblatte *?n 10. Jahrgang S. 45 ist eine gegenwärtig in meinem Besitze sich befindliche N2wri von S. R. Hirsch verö.fentlieht worden. Das Antwortschreiben ist an meinen Vater, Herrn Rabbiner A. Fischer gerichtet, ist aus Frankfurt a. M. 5639, 1. Kislew datiert und beantwortet mehrere an H. gerichtete Fragen in 11*70 x*73 pip S'ipn p;ys Dieses Schreiben allein beweist schon zur Genüge, daß Hirsch nicht blos auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie den Größen unserer Vergangenheit ebenbürtig war, sondern daß er auch die traditionelle Methode der Talmudforschung als Meister beherrschte. Das Schreiben erschien mit den Randglossen des Einsenders des Herrn Rabbiners Fischer und mit denen des Oberleiters des erwähnten Fachblattes, des Herrn Rabbiner J. Silberstein versehen und erregte solches Aufsehen, daß sich eine große publizistische Kontroverse mehrerer Rabbiner und Talmudgelehrten ihrem Erscheinen anschloß, die in den folgenden Nummern des nve^n ausgetragen wurde. Es ist bemerkenswert, daß selbst hervorragende Persönlichkeiten der Neologie in dem von der eigentlichen Stätte der Wirksamkeit Hirschs so weit ab liegenden Ungarn, sich des imponierenden Eindruckes der hehren Gestalt Hirschs nicht erwehren können. So ist es charakteristisch, daß der Sohn und Amtsnachfolger des Reformrabbiners Leopold Löw in Szegedin, Immanuel Low, nach dem Tode Hirschs demselben einen warmen Nachruf gewidmet hat. (Löw Immanuel Beszedei, S. 401 und 402.) Er führt darin aus, welch tiefen Eindruck der noch junge Hirsch auf Geiger machte, wie dessen große rednerische Begabung, scharfer Verstand und rasche Auffassungsgabe die Bewunderung des letzteren erregten. „52 Jahre sind es, daß das erste Werk Hirschs erschienen ist. Binnen kurzer Zeit, im Verlauf einiger Jahre ist Hirsch die erste Autorität der deutschen „romantischen“ *) Orthodoxie geworden, deren Anschauungen er in einem großangelegten Werke, im Chaurew entwickelte, und zwar wenn auch in maniriertem (?) Stile und auf „irrtümlicher" **) wissenschaftlicher Basis, dennoch aber mit wohltuender Wärme, mit geistvollen Wendungen und kühnen Forderungen, großen Eindruck machend und viele Anhänger sich erwerbend etc. etc.“ Noch bemerken wir, daß L. Löw auch die Einleitung eines Aufsatzes von Hirsch zu den Elul- und Selichothtagen und die eines Aufsatzes zu den Teschuwahtagen ins Ungarische übertragen und sie als Betrachtungen dem von ihm verfaßten ungarischen Andachtsbuche einverleibte. (S. Smädsäpok zsidök.szämära. Gyüjtötte: Immamel. 1503. S. 114 und 137.) Es seil ferner nicht unerwähnt bleiben, daß einer der hervorragendsten Jünger des echtheolugen Rabbinerseminars in Budapest, der in neologen Kreisen großes Ansehen genießende Rabbiner Dr. J. Steinherz in Stuhlweißenburg in der Vorrede seines i. J. 1895 erschienenen Buches: „A zsidö vallas erkölcstana" (Morallelire der jüdischen Religion) schreibt, daß er unter den seiner Arbeit zugrunde liegenden Werken in erster Reihe den Chaurew, den fiammengeistigen (hangelmejü) Vertreter des strengsten Konservatismus nennen müsse; er fährt dann fort: „Es kann jedoch hierorts nicht meine Aufgabe sein, die Richtung dieser. meteorgleichen Erscheinung zu charakterisieren. Nur das eine will ich erwähnen, daß derselbe sich keinesfalls mit der bloßen Anführung irgend einer Stelle aus der Heiligen Schrift zur Begründung und Befestigung einer gewissen Morallehre zufriedenstellt, sondern sich vielmehr in die betreffende Lehre versenkt uud jenen beispiellos erhabenen Geist sich offenbaren läßt, der unsere Thora durchdringt und den bloß die Propheten vollkommen erfaßten, die mit ihrem Herzen dachten.“ (S. 4 und 5.) Selbst der, wie wir bereits im vorigen Jahrgange des Israelit (Nr. 29) nachgewiesen, radikalste, bibelkritischen Hypothesen huldigende langjährige Religionslehrer an der neologen Lehrerpräparandie in Budapest, z. Zt. Dozent am neologen Rabbinerseminar in Wien, Dr. S. Krauß, scheint in seiner „Systematischen jüdischen Religions- und Moral/ehre“, die wir an eben erwähnter Stelle gehörig betrachtet haben, dort, wo ihn die Reformweisheit seiner Meister im Stich läßt, nicht ohne Hirschs tiefsinnige Erklärungen auskommen zu können. So z. B. bei den Speisegesetzen Seite 109. * * * Wir glauben, daß aueb obige Zeilen dazu beitragen werden, in manchem der vielen Tausende, denen Hirsch inmitten des Ringkampfes zwischen Religion und Kultur, Glauben und Wissen, Altem und Neuem ein treuer Wegweiser auf ihrem Lebenspfade ist, die Ueberzeugung zu festigen, daß er keinem Phantom nachgeht, so er sich der Führung des Mannes anvertraut, den die jüdische Gesamtheit auf dem Erdenrunde mit jedem Jahrzehnt mehr als „Leuchte des Exil es" erkennen und verehren wird. *) Diese Bezeichnung der deutschen Orthodoxie wurde bekanntlich vom Vater des Autors Leopold Löw erfunden F. **) Und wie sollte denn auch für Löw die Voraussetzung der Göttlichkeit der mündlichen Tradition eine andere als „irrtümliche" Basis abgeben können? F. 46

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