Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
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Schicksal von. Prüfung zu Prüfung zu schreiten, wäre nicht an der Wiege unseres Volkstums uns mitgegeben das „Und dennoch", das uns die schwersten, trübsten Zeiten überdauern ließ, wir müßten verzagen. Wir können die Ereignisse an sich freilich nicht zum Vergleich stellen, dort die Erhebung gegen den fremden Eroberer, der Befreiungskrieg und seine Folgen, hier die Renaissance des gesetzestreuen Judentums. Aber sind die Ausstrahlungen einer Lichtquelle, wie sie in Hirschs Schriften gegeben ist, in unsere Kreise nicht gar zu winzig, sind die W irkungen einer solchen Persönlichkeit, wie sie bis jetzt in die Erscheinung getreten sind, nicht gar zu spärlich, fand der große Moment nicht ein kleines Geschlecht? Wir können's nicht leugnen. Der Traum, den Hirsch geträumt, das Judentum, das unser ist, in altem Glanze wieder zu erblicken, daß in den Stätten alter Talmudherrlichkeit die Helden jünger um die alte Fahne sich zusammenscharten, daß überall sich wieder blühende Gemeinden zu frommen Wirken nach der Väter Art erhöben, er blieb bisher im Traum! Und wollten wir, und wenn wir wollten, es bliebe nicht ein Traum! O daß in diesen Tagen, die dem Gedenken unseres Führers geweiht sind, der Funke zündete in tausenden von Herzen, der Funke, der auch jetzt noch glüht in seinen Worten, der Funke, der entstammt dem Feuer unseres göttlichen Gesetzes! Daß der Entschluß in ihnen reifte: Wir wollen lernen, Gott zu fürchten, wir wollen Tag für Tag, und wäre es auch nur kurze Zeit, den Worten jenes Mannes lauschen, der uns mit Mut und Kraft erfüllt, das Höchste zu vollbringen im Dienste unseres Gottes. Gewiß, wenn ihr nur zu ihm kommt, er läßt euch nicht, er hätt' euch denn gesegnet! Samson Raphael Hirsch in Ungarn. Von Rabbiner Ph. Fischer in Devavänya, Ungarn. Deutschland ist die Stätte, von der aus der Name Hirsch seinen Eroberungszug nach allen den Ländern hin angetreten hat, wo der Begriff Jude und Judentum noch kein leerer Schall, kein bloßes Wortgepränge geworden, die Stätte, woher der Genius Hirschs seinen Siegeseinzug in das Pantheon der das ganze Erdenrund umspannenden jüdischen Volksgeschichte begonnen. Dort strahlte die leuchtende Sonne seines großen Geistes nur auf, um die belebenden Strahlen der wahren Gotteserkenntnis und wahrer Menschenbeglückung allüberallhin fluten zu lassen, wo man sich nach wahrheitsgemäßer Darstellung der jüdischen Lebensaufgabe gesehnt hat und sehnt. Im weiten Zarenreiche schaffte emsig und unermüdlich bis an sein Lebensende der ausgezeichnete Hebraist Moses Aronsohn, um die klassischen Werke Hirschs auch dem hebräisch lesenden Publikum zugänglich zu machen. Er hat bereits eine hebräische Uebersetzung der 19 Briefe, des Chaurev und des Kommentars des ersten Buches Mosis herausgegeben. Wir halten es für eine Ehrenschuld des jüdischen Volkes, dafür zu sorgen, daß sämtliche Schriften Hirschs, vor allem aber seine Meisterwerke ins Hebräische übertragen werden. Wohl wohnt dem Vorwurf, den Dr. Nacht in Ha’olam (I. Sp. 8. 181) erhebt, daß Hirsch seine Werke nicht in hebräischer Sprache geschrieben, und der Schadenfreude,1 mit welcher derselbe ein in diesem Sinne gehaltenes Epigramm 8. D. Luzzattos zitiert, nicht eine Spur von Berechtigung inne. Wohl muß es im Gegenteil, angesichts der modernen Zeitlage und der in der neueren Zeit hervortretenden Bestrebungen im Schoße des jüdischen Volkes, als eine historische Notwendigkeit angesehen werden, daß Hirsch in deutscher Sprache schrieb, denn was hätte man mit dem klassischen hebräischem Style gegen die auf die Betörung der Massen spekulierenden Bestrebungen der Geiger und Konsorten ausrichten können? Aber dennoch ist es nun eine Ehrenpflicht des jüdischen Volkes, dafür zu sorgen, daß die aus den tiefsten Tiefen des jüdischen Geistes und Gemütes hervorquellenden geistigen Schöpfungen Hirschs dem hebräischen Bücherschatze eingefügt werden. Es ist bekannt, daß dem Englisch lesenden jüdischen Publikum bereits die „19 Briefe über das Judentum“, welche bekanntlich den skizzenartigen Grundriß der Hirsch’schen Ideenwelt enthalten, durch eine englische Uebersetzung des Rev. Dr. Drachmann in New-York zugänglich gemacht sind. Auch ins Holländische sind sie bereits übersetzt worden. Gegenwärtig arbeitet Schreiber dieser Zeilen an einer ungarischen Uebersetzung der 19 Briefe, die er mit Gottes Hilfe noch in diesem Jubeljahre Hirschs herausgeben will. Wir glauben damit dem Verlangen weiterer Kreise entgegenzukommen. Denn auch in Ungarn hat Hirsch eine große Schaar von Verehrern. Zur Zeit, da Hirsch als Landesoberrabbiner von Mähren nach Nikolsburg kam, berief die jüdische Gemdinde von Nikolsburg den Prediger Mannheimer von Wien, einen Anhänger der Reform, um einen — S. R. Hirsch! zu begrüßen. Mannheimer sagte auch mit Freuden zu und begrüßte Hirsch in der Hauptsynagoge mit den Worten: 12 nn <1- B. M. 41,38.)* indem er des weiteren ausführte, wie der neugewählte Landesoberrabbiner von Mähren der Mann sei, der in die alten Gesetze des Judentums einen neuen Geist der Belebung zu bringen bestrebt sein werde. Er erklärte, daß Hirsch der Mann sei, den die Vorsehung berufen, um die Judenheit Mährens einer geistigen Renaissance entgegenzuführen. Charakteristisch genug für die damalige Begriffsverwirrung und Unklarheit der Vorstellungen, daß man einen Mannheimer zur Begrüßung eines Hirsch berief. Doch blieb der tiefe geistige Gegensatz zwischen dem Begrüßungsredner und dem Gefeierten nicht lange ein Geheimnis. Und gar bald wandten sich die orthodoxen Rabbiner in Ungarn-an das'geistige Oberhaupt des mährischen Judentums um Rat. Während eines Aufenthaltes Hirschs in Wien suchten ihn mehrere der größten Rabbiner Ungarns auf. Auch der damalige Oberrabbiner von Preßburg, der hochberühmte Verfasser der Responsensammlung 1D1D pro war unter denselben. — Am Sabbath darauf, nachdem R. S. Wolf Sofer s. A. von dem Besuche bei Hirsch zurückgekehrt war, so erzählte mir ein äußerst glaubwürdiger Schüler desselben, der auch Ohrenzeuge des weiter Berichteten war, gingen besonders viele Talmudjünger gelegentlich des miyD-Mahies zum Rabbi hinauf. Sie waren gar gespannt auf den Eindruck, den der neue eigengeartete Rosch-Medinah von Mähren auf ihren Rabbi gemacht hatte. Besonders waren sie darauf neugierig, wie sich ihr als großer Talmudgelehrter gefeierter Rabbi über die talmudische Gelehrsamkeit Hirschs äußern werde, da es ihnen für eine Sache der Unmöglichkeit galt, daß ein modern gebildeter „aschkenasischer“ Raw auch ein großer Lamden sein könne. Auch wußten sie, daß ihr Rabbi, wie der größte Teil seiner gleichzeitigen, strengorthodoxen Amtsgenossen mit zur damaligen Zeit ziemlich berechtigtem Mißtrauen auf die Verbreitung von weltlichem Wissen schaute, und infolge trauriger Erfahrungen, in jeglicher Verbreitung profanen Wissens im Kreise des jüdischen Volkes eine Gefahr für die jüdische Gesetzestreue erblickte. Aber wie überraschte sie die Aeußerung ihres großen Lehrers: „Wir haben mit dem neuen njHD sehr viele nilD "Hin gesprochen. Aber worüber immer wir mit ihm sprachen, überall in und DpDID war er zuhause. Ein ^>D haben wir ungarische ■ Er hält uns nämlich für größere als er einer ist. Wüßte er aber, was für ein er selber ist, dann hätten wirkeine nriUD (Ruht) vor ihm.“— Letzterer Satz bezog sich auf das Bestreben Hirschs, auch weltliche Bildung unter seinen Gesinnungsgenossen zu verbreiten. Ein achtzigjähriger Lamdon in Preßburg erzählte mir, daß er einst einem Schiur, einem Talmudvortrage Hirsch s, den derselbe vor seiner Jeschibah in Nikolsburg hielt, beigewohnt hatte. Während desselben gelangte H. zu einer der schwersten Stellen in Tossafotb, da sagte er nun bescheiden zu seinen Jüngern: „Ich selber verstehe diese Stelle noch nicht, so kommet und lasset uns gemeinschaftlich deren Verständnis zu ermitte’n suchen.“ Diese Bescheidenheit rührte den Hörer derart, daß immer, wenn er an eine schwerverständliche Stelle in Tossafoth gelangte, er sich unwillkürlich des großen Mannes erinnern mußte, zu dessen Größe sich solche Bescheidenheit gesellte. In damaliger Zeit, da Nikolsburg noch Etf) yy „Mutterstadt in Israel“ war, voll der Weisen und Schriftkundigen, und in Mähren noch viele talmudisch gelehrte Rabbiner und Talmudhochschulen existierten, bestand ein reger Verkehr zwischen der Talmudgelehrten-Republik Ungarns und Mähren. Talmudjünger aus Ungarn besuchten Talmudschulen Mährens, namentlich waren viele ungarische Talmudjünger an der Jeschid ah Hirschs eingetroffen. Ueberhaupt stammte in früherer Zeit ein großer Teil der ungarischen Rabbiner aus Mähren und Böhmen. (Wir verweisen blos auf einige bekannte Namen: R. Wolf Boskowitz, Verfasser des nitfDn TTD R. Feiwel Plaut, Verfasser des d'TI p "on 'BpS R Salomo Klein, Verfasser des 'Bp!?. R- Josef Hönig, Rabbiner in Neutra, Josef Weise, der bekannte Biurist, Rabbiner in Waag Neustadtl und viele Andere). So ist es kein Wunder, daß bald die ganze ungarische Rabbinerwelt von dem neuen Rosch-Medinah in Mähren wußte, der Wunder wie „gebildet“ und dabei „doch“ streng orthodox sein sollte. Fast ungläubig vernahmen sie die Kunde davon, schienen doch den frommen Rabbinern in Ungarn die „ersten Schwalben“ im Magyarenlande, ein Leopold Low, ein Zipser, ein Fassei und Genossen eben das Unmögliche einer harmonischen Vereinbarkeit altjüdischer Frömmigkeit mit moderner Kultur zu beweisen. Das Auftreten derartiger Rabbiner in Ungarn war nur dazu geeignet, Mißtrauen zu säen gegenüber der modernen Bildung und Kultur überhaupt. Das Wort Hirsch s: „Jede solche falsche Wissenschaft untergräbt — nicht das Judentum, das Judentum wird uns alle überleben — untergräbt aber jedes Aufblühen wahrer Wissenschaft im Judentume, indem es allen mit der Wissenschaft nicht vertrauten aufrichtigen Juden, erfahrungsmäßig, wissenschaftliches Streben als das Judentum gefährdend erscheinen lassen muß“ (Jeschurun VII, S. 357), — bewahrheitete sich auch hier. So ist es kein Wunder, wenn so mancher altehrwürdige Raw in Ungarn, dem die von wahrer, unerschütterlich fester Ueberzeugungstreue und glühender 45