Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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haben sich außerordentliche Umwälzungen vollzogen, aber die Betrachtungen wirken, als wären sie heute geschrieben. Denn es sind eben keine Predigten, und wollte man sie als solche bezeichnen, so sind es Predigten von einer einzige:! Art. Upd dies, weil die beiden anderen Momente: die 'Bestimmung des Willens und die Erregung des Gefühls wohl eine hervorragende Rolle in ihnen spielen, aber dennoch in ihrer Bedeutung zurücktreten vor der Fülle der neuen Gesichtspunkte, dem Reichtum nie geahnter Beziehungen, die der Verfasser aus der Gedankenwelt des Judentums vor unseren Augen entwickelt. Wir haben oben ausgeführt, und es ist das ja eine tägliche Erfahrung, daß die Geiühlserregungen sich abschwächen, je häufiger sie wiederholt werden, daß sie wirkungslos verpuffen und ohne alle Früchte fürs Leben bleiben, wenn man ihnen nicht neue Kraft einhaucht durch Verknüpfung und Verflechtung mit neuen Vorstellungen, Daß das überall und ununterbrochen in Hirschs Schriften geschieht, ist bekannt und es erscheint in dieser Festnummer, die bei dem Leser eine gewisse Vertrautheit mit ihnen voraussetzt, recht überflüssig, dies durch Beispiele zu illustrieren. Es hieße ja auch, eine ganze Weltanschauung entwickeln, eine Weltanschauung, die zugleich d^s scheinbar Geringste und Wertloseste in der Welt berücksichtigt, wollten wir ein rechtes Bild von dem Gedankenreichtum geben, der sich in diesen Schriften entfaltet. Zweifellos ist es vor allem das Verdienst des gewaltigen Gegenstandes, der in den Betrachtungen und in den Kommentaren behandelt wird; daß wir diese Fülle von Anregungen empfangen. Ist's doch das Judentum mit dem von der Gottheit empfangenen Gesetzbuch, seiner allumfassenden biblischen und nachbiblischen Literatur, seiner vieltausendjährigen Geschichte. Und haben doch alle Zeiten und Geschlechter auf diesem unerschöpflichen Boden Schätze über Schätze gehoben. Es ist darum ein seltsamer Einfall, wenn manche Verehrer, übers Ziel hinausschießend, und im völligem Widerspruch zu der wahren Eigenart des Meisters, der sich überall mit bescheidener Zurückhaltung äußert, wenn sie den Pentateuchkommentar — den Kommentar nennen und damit die zweitausendjährige Geschichte der jüdischen Pentateuchexegese aus ihrem Gedächtnis streichen wollen. Und doch ist seine Schriftbetrachtung, seine Symbolik, seine Art, aus Gesetz und Sitte, aus Litteratur und Geschichte das wahre Wesen des Judentums geschichtlich zu entwickeln, genial, genial in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Wie die Natur überall den kürzesten Weg nimmt, wie sie mit den einfachsten Mitteln arbeitet, so das Genie. Die schlichteste Beobachtung, ein Vorgang, den Unzählige gesehen, wird ihm zum Ausgangspunkt einer epochalen Entdeckung oder Erfindung. So Hirsch in seinen Schriften. Immer wieder müssen wir es bedauern, daß wir im Rahmen dieses Aufsatzes nur wenige Beispiele bringen können. Das Schewuothfest, so wird in einer Siwanbetrachtung1) ausgeführt, das Fest der Gesetzgebung, das grundlegende und wichtigste, ist aw&nur einen Tag beschränkt, und die Feier ist nicht mit einem Gebot verknüpft, die Thora hat kein Symbol. Aus dieser Idee, diesem Samenkorn eines Gedankens entfaltet sich vor unsern Augen Wurzel und Stamm und Gezweig unseres Lebensbaumes, das ganze Wesen der jüdischen Religion, der fundamentale Unterschied zwischen der Thora und den heiligen Urkunden der Völker, zwischen dem Begriff Gesetz und dem der „Religion." Und eine andere Siwanbetrachtung.3) „Es sprach — Gott — alle diese Worte — zur Mitteilung.“ Es ist vielleicht der schlichteste Satz aus den Kapiteln über die Offenbarung am Sinai zum Ausgangspunkt gewählt, und wie reich beschenkt kehren wir von dieser Betrachtung heim! Zugleich ist diese Art ein gutes Stück grandiosen Anschauungsunterrichts. Daß „das Maß der Thora weiter ist als die Erde und breiter denn das Meer," das kann nicht deutlicher und dauernder dem Bewußtsein eingeprägt werden als durch eine Betrachtungsart, der das unscheinbarste Moment, die schlichteste Bibelstelle Gelegenheit gibt, uns zu zeigen, wie die Quelle des Thoragesetzes, des Thorawortes in überschäumender Fülle auch an unbesuchten und ungekannten Orten sprudelt. * V * Samson Raphael Hirsch als Erzieher! Wie er es mir durch seine Schriften gewesen und warum er es mir gewesen, habe ich zu zeigen versucht, und daß diese seine Wirksamkeit auf psychologischen Gesetzen beruht und darum an jedem jungen Juden sich bewähren muß, der sich in den Bereich seiner Erziehertätigkeit begibt, an dem er seine erzieherische Kraft entfalten kann, der zu seinen Schriften sich wendet und immer b Ges. Sehr. 1 S. 80 ft. *) Ges. Sehr. III S. 163 if wieder zu jener Weisheit zurückkehrt, die einst der Mund des Lehrers verkündet hat. Samson Raphael Hirsch als Erzieher! Das wäre ein dankbares, fruchtbares, vielgestaltig zu behandelndes Thema. Ich habe nur seine Schriften berührt, aber er hat ja auch eine gottgesegnete praktische Wirksamkeit entfaltet, er hat ja Menschen gebildet Generationen hindurch, die Verlorenen zurückgebracht, die Verstoßenen gesammelt, eine blühende Gemeinde schier aus dem Nichts geschaffen, die Jugend gelehrt, die Männer gestählt. Und vor allem, er war Gründer und Leiter einer höheren Schule, Pädagoge im engeren Sinne, und daß er hier der rechte Mann auf dem rechten Platze war, lehrt der Erfolg. Anregend und inhaltreich sind auch seine pädagogischen Aufsätze, die er zum Teil im „Jeschurun", zum Teil in Schulprogrammen veröffentlicht hat. Letzten Grundes ist die Technik der Pädagogik nur eine, es können daher nur immer die gleichen Wahrheiter ausgesprochen werden. Auch will Hirsch eigentlich nur den Nachweis führen, daß in Bibel und Talmud die gleichen Sätze ausgesprochen werden, die heute Allgemeingut der Pädagogen sind. Demnach begegnen wir bei Hirsch Gedankengängen, die der ganz modernen pädagogischen Bewegung entsprechen. Eines der bekanntesten Bücher dieser Bewegung ist Försters „Jugendlehre." Wer dies Werk liest, und mit den I Erörterungen Hirschs vergleicht, wird überrascht sein, wie ähnlich hier und dort die Grundideen sind. Wenn es bei Förster heißt, der Grundfehler unsrer Erziehung beruhe darauf, daß wir die Moral als eine dem Kinde feindliche Macht hinstellen, die immer zu verbieten hat und dem Kinde seine liebsten Wünsche stört, während wir uns doch mit den natürlichen Trieben des Kindes der Tapferkeit, dem Mut, dem Selbstbewußtsein verbünden, ihm zeigen müßten, daß die Selbstüberwindung, die in der Erfüllung der Sittengebote gegeben, der Ausfluß höchster Tapferkeit ist, so vergleiche man damit Hirsch (Programm 1875): „Des Kindes Stolz ist es „groß" zu sein und „groß sein" bedeutet dem jüdischen Kinde dem Gottesgesetze vollen Gehorsam zu leisten." Oder man vergleiche mit dem ausgezeichneten Abschnitt „Erziehung zur Selbstständigkeit" in Försters „Jugendlehre" in der er in trefflicher Weise zeigt, daß es unsere Hauptaufgabe sein muß, das Kind dahin zu führen, daß es seine eigenen Wege geht, unbekümmert um die Anfeindungen, die es dadurch von seiner Umgebung erfährt, man vergleiche damit was Hirsch (in demselben Programm) über den Wert des Minoritätsbewußtseins für die Charakterbildung sagt. Aus vielen Stellen seiner Schriften geht es hervor, daß er, der ein Lehrer der Großen war, auch in die Seele der Kleinen sich vertiefen konnte. Goldene Worte spricht er über die individuelle Behandlung des Kindes, und unwiderleglich, wenn auch noch nicht allgemein anerkannt, sind seine Ausführungen; über das völlig widersinnige, unpädagogische und Geist und I Gemüt des Kindes verwirrende Erziehungsmittel der Märehenj erzählungen. Hier möchte ich einen kleinen Zug einfügen, der, i mehr als alle theoretischen Erörterungen es könnten, ihn als | den echten Kinderlehrer zeigt, aus dem die Liebe zu den Kin-! dem in herzerquickender Frische hervorbricht. Er ist mir von | einem Augenzeugen berichtet worden. In der Synagoge zu | Frankfurt stellten sich die Kinder während der Predigt in den : großen freien Raum vor die Kanzel. Hirsch war mitten in seiner; Predigt, als mehrere Kinder zu weit vordrängten, und der Vor- | Steher herantrat, um sie zurückzuführen. Da unterbrach Hirsch , seine Predigt: Herr .... lassen Sie die Kinder, ich spreche zu den Kindern, für die Kinder, und nun folgte eine seiner wirkungsvollsten Predigten, in der er, halb zu den Kindern, halb zu den Erwachsenen gewandt, den Wert und die Bedeutung des Kindes für die Zukunft des Judentums schilderte. Aber was er seinen Zeitgenossen gewesen und dem engeren Kreis seiner Gemeinde, das gehört nicht der Vergangenheit an — es wirkt noch hinein in die Gegenwart und noch hinüber in eine nahe Zukunft, aber nur mittelbar. Er war der Lehrer der Kinder, das Vorbild der Jünglinge, der Vorkämpfer der Männer, Trost und Bürge für die Greise, doch das ist er gewesen. Aber für alle Zeiten bleibt er, und das durch seine Schriften, der Erzieher unseres Volkes. Wir nannten diese Schriften: „Reden an die jüdische Nation." Wir dachten an Fichte, aber hier ist mehr als Fichte. Wie kalt und schal erscheinen uns heute diese Reden an die deutsche Nation und wie warm und lebendig und jugendfrisch die Reden an die jüdische. Freilich dort das Thema des Patriotismus, wenn auch für uns nicht wie für Lessing eine heroische Schwachheit, so doch immerhin ein menschliches Ideal, und hier das Gesetz des lebendigen Gottes, des Menschen Heil und seine Seligkeit, gedeutet von einem gottbegnadeten Sänger und Weisen. Und der Erfolg:’ Wäre es nicht nun bald zwei Jahrtausende Israels 44