Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
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tung. Durch die Verbindung, die die Vorstellungen miteinander eingehen, werden auch die Gefühle anders gruppiert. Durch die Beziehung der Gedanken zu neuen Gedanken gehen die Gefühle in neue Gefühle über. Wer also durch das Gefühl auf den Willen dauernd wirken will, muß so häufig wie möglich neue Gedankenreihen vorführen, um die Vorstellungswelt des ihm Anvertrauten zu bereichern und durch die neuen Vorstellungen einen neuen Weg zu seinem Herzen zu finden, er muß verschiedenartige Formen wählen, um das Gefühl von Zeit zu Zeit an einem anderen Ende zu ergreifen Was ich hier ausgeführt, ist von der Wissenschaft festgestellt und in den systematischen Werken der Psychologie zu lesen, und es klingt doch so, als hätte ich das alles aus einer Analyse der literarischen Produkte Hirschs gewonnen, als hätte ich diese Gesetze aus der genaueren Beobachtung seines Wirkens abgeleitet. So sehr war seine Arbeit eine Erfüllung der psychologisch gegebenen Aufgabe. Ja wenn es das Ziel des Menschenbildners ist, dem Willen die Richtung zu geben und diesem Ziele mit allen Mitteln, auf allen Wegen zuzustreben, und wenn der erfolgreichste Weg, wie wir gesehen, eben der ist, eine Fülle von Gedanken durch das Medium des Gefühls' dem Willen zuzuführen, dann war Hirsch das Ideal des Menschenbildners. Ich setze bei dem Leser die Kenntnis der Werke Hirschs voraus und begnüge mich daher mit Andeutungen. Den Willen zu bestimmen und natürlich religiös und im Sinne des gesetzestreuen Judentums zu bestimmen, das stellt Hirsch sich als Aufgabe. Es ist kühn, bei dem weitschichtigen Material, das als Ergebnis einer so gesegneten nahezu sechzigjährigen literarischen Wirksamkeit vorliegt, eine allgemeine Behauptung aufzustellen. Ich glaube sie wagen zu dürfen. Es gibt wohl keinen Aufsatz, keine wissenschaftliche Auseinandersetzung, keine größere zusammenhängende Steüe in seinen Kommentaren, keine Besprechung eines noch so entlegenen Themas, die nicht in irgend einer Form auf das Ziel zusteuern, den Willen des Lesers zu bestimmen, d. h. für Hirsch: ihn zum Gehorsam gegen Gott und Sein heiliges Gesetz zu führen. Die „Gesammelten Schriften“, die ein sehr gutes Bild der Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit von Hirschs literarischen Arbeiten geben, eignen sich am besten dazu, diese Behauptung nachzuprüfen. „Die jüdische Heiterkeit“, „Die Kunst schön zu sein und lange zu leben“, „Der jüdische Gemeinsinn“, „Einige Andeutungen über den hebräischen Unterricht als gemeinsames Bildungselement“, das sind Aufsätze, die mehr kulturhistorischen Charakter tragen, und doch wie sind auch sie. letzten Endes darauf angelegt, die Leser zu Juden zu erziehen, zu willensstarken Juden, die in dem Bewußtsein von der alles überragenden Bedeutung ihrer Religion, ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer nationalen Eigenschaften den Vorschriften folgen, den göttlichen Geboten, die ihr ureigenes, besonderes Wesen geprägt haben. Soll ich hier den Nachweis führen, wie Hirsch den Willen der Leser sich, oder besser seinen Zielen dienstbar macht durch die Erregung des Gefühls, wie er mit unerreichter Meisterschaft alle Saiten unseres Gefühllebens erklingen läßt, uns bald zur seligen Lust emporhebt, bald in düsteren Schmerz versenkt? Der hat nie seines Geistes einen Hauch verspürt, der nicht in allen Fibern erzitterte, dem nicht ein Rieseln über den Rücken rann, wenn er die Perlen unter Hirschs Kalenderbetrachtungen las. Gesänge sinds, aber Gesänge von einer seltenen Mannigfaltigkeit. Da erklingt eine liebliche Weise:1 2) Es leuchtet der Mond. Mild strahlt sein silbernes Licht. Eines Säuglings Auge erträgt seinen Strahl, und spielend greift eines Säuglings Hand nach dem freundlichen Licht. Mild dämmernd hält er Wacht über die schlafende Erde und gesellt sich als freundlicher Führer zu dem Wanderer in der Nacht. Bescheiden entzieht sich dem Forscherblick sein stilles Wirken in dem Trieb der Kräfte, in der schwellenden Woge, in den Schwingungen der Nerven, und nicht immer und nicht in stets gleicher Fülle grüßt uns sein Licht. In stetem Wechsel steigt und fällt seine lichtige Größe, wächst aus völligem Dunkel zur ganzen Lichtfülle empor und ringt sich durch die Phase gänzlichen Verscheidens immer wieder zu neuem Wachsen hinan. Sein Reich ist die Nacht, doch weicht er auch nicht vor dem Tagesstrahl der Sonne. Vom Sonnenglanze verdunkelt, vollbringt er gleichwohl mitten unter Tagesherrschaft der Sonne, still und bescheiden die eigene Bahn. Ist bald ein stiller Begleiter der Sonne, und steigt bald herauf, wenn die Sonne gesunken. Und diese liebliche Weise schwillt an zu immer volleren Akkorden, und Sonne und Mond, „die verschiedenen Größen“, werden zum Symbol der Völkergenien von Esau und Jakob. Wehmut und Lust, Wonne und Schmerz eitönt in den ergreifenden Klängen jener Jjarbetrachtung zum O^Dmn 3N: Eine dunkel-lichte Zeit, mit ihren Schrecken und ihrem Erhabenen, mit ihrer Verzweiflung und ihrer Seligkeit, mit ihrem todumflorten Leben und ihren lebendurchdrungenen Toten — steigt alljährlich mit diesen 1) Ada «Betrachtung: „Die verschiedenen Größen." Ges. Sehr. II. 8.59. 2) Ges. Sehr. III. S. 152. Worten aus dem Grabe der Vergangenheit in die frisch-pulsierende Gegenwart. — Was wollen die Toten unter den Lebendigen? Sie wollen sie zu ihrem Tode und ihrem Leben begeistern. Aber Wehmut und Lust lösen sich, sie verschmelzen zu dem spornenden Gefühl, zu dem willenskräftigen Trieb, den Ahnen gleich zu werden, die Hirsch nun schildert im Gegensatz zu den lauen Bekennern des Judentums seiner Zeit: „Sie hatten einen Eigner und kannten seinen Willen, sie kannten ihren Hort und wußten sein Verlangen.“ Wir können hier auf beschränktem Raume nur wenige Beispiele vorführen. Jedem Kenner der Schriften Hirschs werden sich viele andere bieten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang besonders an die Nissanbetrachtung3): „Werden sie wieder aufleben, die dürren Gebeine?“ Auch hier aus niederdrückenden und emporführenden Gefühlsmomenten jene unnachahmliche Mischung, welche den Menschen erhebt, wenn sie den Menschen zermalmt. Aber die mächtigste Wirkung üben seine Reden, wenn es wie Donner aus ihnen grollt, wenn er seinem Volk kündet sein Vergehen, dem Hause Jakobs seine Sünde. Mit elementarer Gewalt brausen die Sturmworte heran, das rüttelt und zerrt an uns, das reißt uns empor, jeder Widerstand ist vergeblich. Da ruft er uns auf zu heißem Kampf, hinauf, hinan, zu mutigem Ringep um den Siegespreis. Da prasseln die Blitze des Spottes und der Ironie gegen all die Ueberhebung und das törichte Selbstbewußtsein entarteter Zeitgenossen. Auch hier müßten wir die Betrachtungen ganz wiedergeben, wollten wir Beispiele anführen. Ich erwähne nur unter den vielen die Nissanbetrachtung. „Denn siehe der Winter ist vorüber“, „Der Jude und seine Zeit“, „Der Religionsunterricht“, „Das jüdische Cercmonialgesetz“, „Die ' Trauer des neunten Aw“, alle Thischribetrachtungen usw. Ich fürchte den Vorwurf, den der Talmud David entgegenhielt auf seine Worte -pr>-: *6 *\-i „Gesänge sind mir deine Gesetze.“ Ist die Betonung des Gefühlsmäßigen nicht eine Entwertung dessen, was mit dem Anspruch unverbrüchlicher Gültigkeit und Wahrheit auftritt? An andrer Stelle habe ich gezeigt und es mit Stellen belegt, daß im Talmud zwei Richtungen herrschen, die eine, die die ästhetische Wertung der Thorawerke verwirft, und die andere, die sie würdigt und anerkennt Und so mögen auch für die Schriften Hirschs die beiden Anschauungen ihr Recht sich wahren und ich meine, es ist das beste Kriterium für die wahre und unvergängliche Größe Hirschs, daß Menschen von den verschiedensten Anlagen, die einen mit zarterem Empfinden und die anderen, die kühlen Denker und Kampfesnaturen, den Namen des Meisters mit gleicher Verehrung nennen. Freilich würde Hirsch nicht selbst gegen diese Hervorhebung des Gefühlsmäßigen in seinen Schriften entschieden protestieren? War er doch der geschworene .Feind aller in Gefühlen schwelgenden religiösen Betätigung. Die Aesthetisierung der Religion, die Meinung, der Dienst Gottes erschöpfe sich in einer ästhetischen Gestaltung des Gottesdienstes, in Chorgesang und Orgelklang, prunkvoll erbauten Synagogen, diese Meinung freilich war ihm in der Seele verhaßt. Aber bei Hirsch setzt sich ja jede Gefühlserregung, wie wir gesehen, um in einen Appell an den Willen, all die Tiefe der Empfindung', alles Weiche und Zarte, alles Herbe und Harte, das er in seine Worte legt, dient überall und immer einer praktischen Nutzanwendung, führt uns auf allen Wegen zu dem einen Ziele, zu der Forderung des Gehorsams gegen das göttliche Gebot. Entscheidend ist das Letzte. Hätten wir es in Hirschs Schriften wirklich nur mit Aeußerungen eines Gefühlslebens zu tun, und wären die Aeußerungen noch so mannigfaltig, und wäre das Gefühl noch so stark und ursprünglich, ihre Wirksamkeit wäre eine vorübergehende, nicht von Dauer für den Einzelnen und nicht hinüberreichend in kommende Zeiten. Die Schriften aber haben Menschen gebildet in ihrer Zeit und werden, das ist ohne Prophetengabe schon jetzt vorauszusagen, auch künftigen Geschlechtern die Wege weisen. Und der Grund hierfür, und das ist eben das Entscheidende, ist in ihrem Gedankenreichtum gegeben. Die Gefühle sind nicht leer, sondern getragen und erfüllt von einer schier -überwältigenden Masse an Ideen und Vorstellungen. Predigte^, und mögen sie noch so bedeutend sein, sind für ihre Zeit, bald lagert auf ihnen Staub, sie veralten und verlieren immer mehr zn ihrer ursprünglichen, werbenden Kraft. Das gilt auch von den Deraschahs des Mittelalters und der Neuzeit. Mehr als sechs Jahrzehnte sind verflossen, seitdem die Betrachtungen in den Jahrgängen des „Jeschurun“ erschienen. In unserem Leben, in unseren Anschauungen, in unserem wissenschaftlichen Denken,?) Ges. Sehr II. S. 72. 43 -