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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 59

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 59)
Language
German
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Wie nun Hirsch des Weiteren zeigt, daß das Schönheitsideal des Hellenismus dennoch nur eine Vorstufe des Judaismus ist, daß der semitische Geist erst die Erfüllung und die wahre Vollendung der Menschheitsziele gewährleistet, das ist in wenigen Worten nicht wiederzugeben. Unzählige Male habe ich diese Abhandlung gelesen, Unzähligen sie zur Lektüre empfohlen, immer neue Anregungen für pragmatische Geschichtsbetrachtungen aus ihr empfangen. Soll ich die Schilderung meiner Wanderungen fortsetzen? die Beispiele werden genügen. Bald zwei Jahrzehnte sind seitdem dahmgegangen, die einzelnen Züge haben sich in der Erinnerung vielleicht verwischt. Aber im Großen und Ganzen gab ich ein treues Bild, wie Hirschs „Jeschurun" auf mich wirkte draußen in Gottes freier Natur, wie Naturbetrachtung und Hirschs Gedankenwelt sich mir zu einer Einheit gestalteten, und gemeinsam mich bildeten und erzogen. Diese Einheit war keine subjektive Zutat von mir. Sie ist in der Sache gegeben. Wie jeder echte und rechte Erzieher ist Hirsch von der Natur ausgegangen. Das ließe sich durch Zergliederung seiner Aufsätze und Abhandlungen erweisen. Doch solche philologische Kleinarbeit kann hier nicht unsere Aufgabe sein. Sie erscheint auch überflüssig, denn die Bewunderung für die Natur, das liebevolle sich Versenken in die unendlich mannigfaltigen Reize, in die unvergängliche Schönheit, die sie dem aufmerksamen, s nn gen empfänglichen Betrachter bietet, das alles ist zu sehr mit den Kerngedanken von Hirschs Weltanschauung verknüpft, als daß sich ein Zweifel regen könnte. Die Lebensbejahung, das Glück des Diesseits wird ja in allen möglichen Wendungen von ihm verkündet Und er sollte die edelste Quelle des irdischen Glücks, den ureigensten Lohn des gottergebenen, gottgetreuen Dieners, die Freude an der gotterschaffenen Welt vernachlässigt haben? Ein in seiner Schlichtheit rührendes Wort von Hirsch ist mir berichtet worden. Er konnte und wollte nicht die heutzutage beliebten jährlichen Sommerreisen unternehmen, konnte und wollte in seinem Amte, in seiner rastlosen Arbeit nicht eine längere Unterbrechung eintreten lassen. Einmal entführte sein Schwiegers ohi ih i nach de : Sch weiz Und a's e * heim gekehrt war, da meinte er: Ich fürchtete mich immer, wenn ich einst vor Gottes Richterstuhl erscheinen würde, vor der Frage: „Ich habe eine so schöne Welt geschaffen, was hast du von dieser Welt gesehen?“ Nun kann ich doch Rede stehen. Das schönste und gewaltigste Stück seiner Erde habe ich geschaut! Und wieviel Eindrücke hat er aus einer schlichten Rheinfahrt gewonnen. „Aus der Mappe eines wandernden Juden“ sind die Betrachtungen betitelt, die im Besonderen freilich an die Gespräche anknüpfen, in denen er mit Reisegenossen über die trübe Gegenwart des Judentums, über seine Aufgaben und Ziele sich auseinandersetzte. Aber wie bricht da immer die innige, unausrottbare Liebe zur Natur hervor. Eine Stelle von vielen: „Was waren unsere alten Rabbiner für andere Männer! Wie haben sie in Gottes herrlicher Natur geatmet und gefühlt, gedacht und gelebt! Wie haben sie unseren Sinn für alles tirhabene und Schöne in der Schöpfung wecken wollen! Wie wollten sie aus Morgenstrahl und Abendröte, aus Tageslicht und Schattennacht, aus Sternenschimmer und Blütenschmelz, aus Meeresrauschen und Donnerrollen und Blitzesflug uns den Kranz der Verherrlichung unserem Gotte wieder lehren; wie wollten sie in jedem Geschöpfe einen Prediger seiner Macht, einen Mahner an unsere Pflicht uns zuführen. Zu welcher Gottesoffenbarung haben sie das Buch der Natur uns gemacht!“ Das Genie ist ein Stück Natur, ursprünglich wie die Natur und schöpfend aus der Natur. Aber Hirschs Wirksamkeit, seine Wirksamkeit als Menschenbildner allein aus seinem Verhältnis zur Natur erklären zu wollen, wäre natürlich durchaus verfehlt. Ist es doch der Geist des Judentums, der Geist des göttlichen Gesetzes, den er in den Mittelpunkt all seiner Betrachtungen stellt. Ist doch die Naturbetrachtung für ihn nur eines der Hilfsmittel, um das Gottesgesetz in seinem Sinn zu deuten Und haben doch die „Stubenhocker, die die Gottesherrlichkeiten auf Erden nie geschaut“ nicht minder im Bann der Persönlichkeit und der Gedankenwelt Hirschs gestanden! Er hat Seelen geschaffen. Darum mußte er seelenkundig sein. Und in der Tat, jeder große Menschenbildner, jeder große Erzieher ist ein großer Psychologe. Nicht in dem Sinne, daß er die Systeme der Psychologie beherrscht, nicht einmal in dem Sinne, daß in ihm eine genaue Kenntnis aller Schwächen und Leidenschaften, aller guten Keime und Triebe des Menschenherzens lebt und er nun systematisch und bewußt, die guten Keime pflegt und die Schwächen nutzt. Der große Menschenbildner spielt das Seeleninstrument der ihm Anvertrauten wie ein großer Künstler. Er schafft die Harmonieen nach Gesetzen, die wir nachträglich — vielleicht — ab'.eiten und feststellen können, von denen er selbst aber nur Weniges weiß. Ich habe in einem anderen Zusammenhang ausführlich gezeigt, wie von den Propheten bis herab auf die neueste Zeit alle Führer in Israel, die einen entscheidenden Einfluß auf ihr Volk geübt, die nicht nur theoretisch sein Wissen gemehrt, sondern es durch ihr Wort auch fortgerissen zur opferfreudigen Hingabe an Gott und sein Gesetz, daß diese alle, was sie an Gedanken gaben, durch das Medium des Gefühls fruchtbar machten für den Willen. Ich will zum leichteren Verständnis des folgenden hier in aller Kürze noch einmal sagen, weshalb diese Tatsache in psychologischen Gesetzen begründet ist. Es hat in einer früheren Zeit an einer klaren Einsicht in das Verhältnis der Seelenkräfte gefehlt. Man war der Meinung: die Erkenntnis, daß etwas unrecht sei, das völlige Verständnis für das Wesen der Sünde würde dem Menschen das Unrecht der Sünde unmöglich machen. Man glaub e eben, der Verstand wirke unmittelbar auf den Willen und übersah die Mittelglieder, die, häufig allerdings unter der Schwelle des Bewußtseins, zwischen dem Denken und Wollen die Kette schließen. Diese unentbehrlichen Mittelglieder nun sind in dem Gefühlsleben des Menschen gegeben. Die Welt der Gefühle ist psychologisch freilich noch wenig erforscht, darüber aber herrscht ziemliche Uebereinstimmung, daß das Gefühl im Seelenleben die entscheidende und wirksamste Rolle spie’t. Was jedem einzelnen geistigen Zustande seinen eigentümlichen Charakter verleiht ist vorzüglich die Stimmung, die während desselben herrscht, ihn bestimmt und durch ihn bestimmt wird. Ebenso wie bei den unmittelbaren Empfindungen spielen auch bei dem Verlaufe der Vorstellungen das Interesse und die durch das Interesse bestimmte Aufmerksamkeit eine wesentliche Rolle. Ebenso beruht die Stärke der Vorstellung auf ihrem Verhältnis zum Gefühl. Aber auch bei aller Unabhängigkeit von den praktischen Bedürfnissen und den Forderungen des Augenblicks ist das Denken dennoch stets mit einer gewissen Stimmung verbunden. Es sind Gefühlselemente vorhanden, die nur so leicht übersehen werden, wenn sie sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern sich dem Spiel der Gedanken unterordnen. Ein durchaus gefühlloses Denken (wie spekulative Philosophen es so oft gefordert haben) existiert nicht. Nur vermöge der mit allen Vorstellungen und Gedanken verbundenen Gefühlselemente wird die Erkenntnis eine Macht in der Seele. Es ist, psychologisch falsch, wenn man so oft von dem Streit der Vernunft mit den Leidenschaften spricht. Direkt kann ein solcher Streit gar nicht stattfinden Ein Gedanke kann ein Gefühl nur dadurch verdrängen, daß es ein anderes Gefühl erregt, das im Stande ist, jenes zu beseitigen. Wenn man vom Kampfe der Vernunft mit der Leidenschaft redet, so wird eigentlich ein Kampf gemeint zwischen den mit vernünftigen Rücksichten verknüpften Gefühlen und den heftigeren mit weniger Gedankenelementen verbundenen Gefühlen, die man mit dem Ausdruck Leidenschaft bezeichnet. Ein Gefühl kann sehr stark und innig sein, ohne heftig zu sein, wird aber dann häufig übersehen. Die mit ideellen Zwecken und Verhältnissen verknüpften Gefühle sind weit weniger als die prlm'tiven, mit den physischen Lebens unktionen verbundenen, Gefühle im Stande, augenblicklichen Effekt und plötzliche Aufwallung zu bewirken. Die ideellen Gefühle sind mehr über größere Zeiträume verteilt und wirken mehr im Verborgenen. Und dennoch sind sie im Stande, sich Schritt für Schritt des Mittelpunktes der Seele zu bemächtigen, und die angesammelte, ursprünglich von jenen Trieben beherrschte Energie in ihren Diensten zu benutzen. — Das innige Verhältnis zwischen Gefühl und Wille aber ist mit der Tatsache gegeben, daß nur ein starkes lebhaftes Gefühl Motiv des Willens ist. Erkenntniselemente an und für sich führen nicht zur Wil'ensbewegung. Also Gedanken vermögen den Willen nur zu bestimmen, wenn sic den Umweg nehmen über das Gefühl. Freilich eine stete Inanspruchnahme des Gefühls schädigt seine Frische und Lebendigkeit. Das gilt aber mehr von den elementaren Gefühlen, von denen die durch einfache und sinnliche Reize erzeugt oder von denen, die stets mit den gleichen Mitteln und in gleicher Form angeregt werden. Die ideellen Gefühle aber, d. h. diejenigen die mit einem größeren oder kleineren Kreise von Vorstellungen verknüpft sind und diejenigen, die durch neue Gesichtspunkte oder anders gestaltete Formen wieder erweckt werden, können nicht nur ihre Stärke (wenn auch nicht ihre Heftigkeit) behalten, sondern durch Wiederholung nur gewinnen. Die nämliche Summe von Energie, die im Moment der Erregung ausgelöst ist, läßt sich auch später auslösen, nur gewissermaßen in mehrere Ströme verteilt. Das Gefühl gewinnt a^so an Mannigfaltigkeit und Innigkeit, was es an Frische verliert. So wird gerade für die Welt der höheren Gefühle die Erkenntnis und die Bereicherung der Vorstellungen von der größten Bedeu- 42

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