Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449324--64625-2507223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aber Reden wie der Propheten Rede, nicht für den Tag geboren, sondern für alle Zeiten. Und auch mich ergriffen sie mit elementarer Gewalt. Solche Töne hatte ich noch nie vernommen, len war in dem Alter, in dem die Widerstandsfähigkeit gegen die Fluten der aus allen profanen Wissenszweigen herandrängenden Probleme geschwächt ist, da all die stickigen Dünste das Hirn umnebeln, da brauste der Sturm der religiösen Begeisterung aus diesen Reden hervor und verscheuchte die Nebel. Die eiserne Konsequenz, das „Und dennoch!“ das aus jeder Rede spricht, sie wurden Stab und Stütze dem im Dunkel Wandelnden. Es war kein Zufall, daß ich gerade mit dem „Jeschurun“ im Arm dem Getriebe der Großstadt entfloh und die Wälder der Mark durchstreifte. Ein Urwüchsiges, ein völlig Ursprüngliches, ein Stück Natur war für mich in die Erscheinung getreten. Und nur in Gottes freier Natur, wo die Brust sich weitet, der Blick unbehindert in die Ferne schweift und mit den Sinnen auch der Geist sich zu Großem erhebt, nur dort schien mir der rechte Rahmen gegeben für das grandiose Bild, das Hirsch mit Meisterhand entwirft. Auch die kargen Reize der Mark entschleiern dem, der sie mit offenem Auge sucht, die Züge der Schönheit und Erhabenheit in der Natur. Auch hier Wald und Feld und Berg und j Tal, und Blumenduft und Vogelsang, ins scheinbar Unendliche! sich dehnende Binnenseen, das blaue Himmelsgewölbe und das Spiel der Sonnenstrahlen in allen Farbenwundern, das Wechseli volle Lied der Windsbraut und das Jagen und Treiben der j phantastischen Wolkengebilde. Ich wandere durch eine romanj tische Schlucht. Immer schauriger gestaltet sich die Umgebung, j immer steiler schlängelt sich der Pfad, die Bäume dicht aneinandergereiht, wuchernder Pflanzenwuchs, kein Sonnenstrahl fällt hinein. Dunkel umfängt mich, Totenstille ringsumher. Tief i unter mir in gespensterhaft düsterem Scheine ein Gewässer. Da j schimmert es hell durchs Gebüsch, ein Schritt und tief aufatmend j begrüß ich das Sonnenlicht. Und ich greife zum „Jeschurun“! und lese die Thischribetrachtung: „Des Juden Katechismus ist j sein Kalender“ und mich erfaßt ein unendliches Sehnen, den werbenden, mahnenden, lockenden Worten durchs Leben zu folgen, durch Nacht zum Licht mich durchzuringen, „von Morgen zu Morgen, von Frühling zu Frühling zu zählen,“ daß auch mein Tag sei „ein Tag, der mit dem Morgen anbricht und zum! Mittag steigt und mitten durch die Schatten der Nacht doch sicher wieder zum Morgen geleitet.“ Ich kenne kein Produkt der | nachbiblischen jüdischen Literatur, das in einer einzigen Be- - trachtung eine solche Fülle von Gedanken, einen so unerj schöpflichen Stimmungsgehalt gegeben, wie diese Thischribetrachtung. Ists ein Wunder, daß sie mir an diesem Orte in i dieser Zeit gelesen unvergeßlich geblieben, in ihren Wirkungen j für mein Seelenleben nicht zu berechnen ist? Ein anderes 'Mal: Ich habe die höchste Erhebung eines Waldrückens erstiegen. Auf den Sammetboden von schwellendem Moos hingelagert, blicke ich nach oben in das azurne Blau des Himmelsgewölbes und durch eine Lichtung schweift das Auge über den See bis dahin, wo Himmel und Erde sich küssen, wo die verschwimmende Linie des Horizont die Ahnung eines Unendlichen weckt. Nicht in der Studierstube über den scholastischen Beweisführungen der Alten brütend oder über den Hirn und Mark aussaugenden Systemen der neueren Philosophie gebückt, hier im Angesicht des Himmels und der Erde i wird die Unendlichkeit des Raumes, die Ewigkeit der Zeit zur; lebendigen Vorstellung. Und ich lese im „Jeschurun“ den Weck- , ruf: „Der Jude und seine Zeit“ und zum unverlierbaren Besitz wird mir die Wahrheit: das Judentum ist nicht zeitgemäß, und sein höchster Ruhm ist es, daß es nie zeitgemäß gewesen. Wie lächerlich klein erscheint die Zeit gemessen an der Ewigkeit, wie bedeutungslos die herrschenden Ideen einer Zeit gegenüber dem von Gott übermittelten Gesetz an Sein Volk, dem es selbst und die Menschheit heranreifen soll im ewigen Wandel der Geschlechter. Ich raste im Laubwald. Um mich ein reges Leben und Weben, eine reiche Flora und Fauna. Kaum fassen die in der Großstadtluft verkümmerten Organe all die Welt von Luft und Duft, von Klang und Sang, von wimmelnder Regsamkeit, die hier sich entfaltet. Man sieht förmlich die Säfte emporsteigen, hier welkende Blüten, dort schwellende Früchte. Aus der Ferne der Ruf des Kukuk, hoch über uns pfeift der Pirol, aber schmetternd übertönt sie der. Sang der Drossel. Ein Lächeln tritt auf unsere Lippen. Der Specht ist wieder einmal um den Baum gerannt, und recht einfältig schaut er aus, er sieht sich wieder genarrt. Es raschelt in den Zweigen, hoch oben im Wipfel wiegt sich das Eichhörnchen und blinzelt mit seinen klugen Aeuglein herab auf den Eindringling. Aber erst am Boden, wras für ein geschäftiges Treiben! Insekten aller Arten schwirren heran, saugen an den Blüten im Unterholz und enteilen geschwind. Die mannigfachsten Käfer versuchen ihre bescheidenen Kletterkünste an den am Boden liegenden Zweigen, aber ernster und schwerer Arbeit sehe ich die beiden Ameisen hingegeben, die mit ihrer Last sich nun gemeinsam so lange schon mühen und sie doch erst eine kleine Strecke fortbewegt. — Und hier, völlig hingegeben der Betrachtung der Natur, sinne ich der Gedankenwelt Hirschs nach, hier erwachsen in mir seine Ideen über das Gottesgesetz zu neuem und mir für alle Zeit ureigenen Leben. Baum und Strauch, Halm und Blume, die Tiere, groß und klein, hinab bis zum Unscheinbarsten, sie alle folgen dem göttlichen Gesetz, und nur weil sie es befolgen, treu und verläßlich, nicht um Haaresbreite weichend von dem ihnen gewordenen Gebot, darum zeigt sich uns die Natur in der Pracht der Vollendung, darum die von keinem Mißklang gestörte Harmonie. Und der Mensch? Und die Menschheit? Sie sollte die Krone der Schöpfung sein, in ihrem Wirken und Streben eine zweite Natur, eine noch herrlichere erstehen lassen, sie sollte derr ihr gewordenen Gottesgesetze in Freiheit sich beugend aus eigener Kraft eine Harmonie schaffen, in der Himmel und Erde sich vermählte, Seele und Körper, Geist und Natur zu einem wunderbaren Gebilde sich zusammenschlösse. Aber noch gilt das Dichterwort: „Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.“ Denn wir sind von der Natur abgefallen, von unserer Natur, von den Gesetzen, die allein unser Wesen so gestalten können, wie es in Gottes Plan lag, da er den Menschen in Seinem Ebenbilde schuf, daß er Sein Stellvertreter sei auf Erden, daß „das reine Gottes Willen vollbringende Wirken des Menschen die Gottheit enthebe des Niedersteigens zur Erde, sie enthebe des unmittelbaren Vollbringens ihres Willens im irdischen Kreise.“ Und nicht eher wird die Schöpfung in ihrer Vollendung erstrahlen, als bis wir an der Hand der göttlichen Lehre ein anderes Dichterwort beherzigen: „Suchst du das Größte, das Höchste? Die Pflanze kann es dich lehren! Was sie willenlos ist, sei du es wollend! Das ist's!“ Die Ufer der Havel im Schimmer der Abendröte. Ringsum ein Kranz von Waldeshöhen in allen Farbennüancen des Grün. Unten die leicht gekräuselten Wellen im funkelnden Rot. Und am Fuße der Hügel die Häuser der Reichen, Marmorbilder lugen hier und dort aus dem Grün des Waldes hervor, und auf einzelnen Höhen in stolzer Pracht, in antikem Gewände die Schlösser des preußischen Königshauses. Schönheitstrunken umfaßt der Blick diesen Erdenwinkel, den Kunst und Natur mit soviel Anmut geschmückt. Dies Bild wird mir zum Symbol. Ich sehe Hellas vor mir mit seinen Tempeln und Statuen, seinen Festen und Gesängen, der Musik seiner Sprache und dem zwingenden Zauber seiner Dichtung. Warum ward nicht uns die Lebensfreude und der dem Glücke des Diesseits zugewandte Sinn, des Hellenen? Und der „Jeschurun“ gibt die Antwort. Die Kislewbetrachtung „Der Hellenismus und das Judentum“ ist es, die den Widerstreit löst in des Jünglings Brust, den inneren Kampf beendet, der sich so oft, wenn auch unbewußt, im Innern unserer jüdischen akademischen Jugend abspielt. Die besten Jahre hat sie dem Humanitätsideal der Antike geopfert, in glühenden Farben wurde ihr die Welt des Schönen geschildert, wie sie bei den Hellenen in nie wieder erreichter Vollendung sich entfaltet hat. Und demgegenüber der strenge Ernst des jüdischen Pflichtenlebens, die klare aber darum oft harte und poetischer Form entkleidete Arbeit talmudischer Forschungsmethode. Aber Hirsch läßt sich also vernehmen: „Nicht umsonst hat Gott seine Welt mit dem Gewand des Schönen umkleidet, in Formen und Töne das Gesetz der Harmonie gesenkt und dem Menschen Aug’ und Ohr geöffnet, diese Harmonieen zu erfassen und sich ihrer im Geiste und Gemüte zu erfreuen. Mit jeder Empfindung des Erhabenen, die dem Menschen der bestirnte Himmel und das Strahlendiadem der kommenden und scheidenden Sonne bringt, mit jeder Freude die er an der Anmut und der Schönheit einer Blume empfindet, wird er über den engen Kreis beschränkter Nützlichkeit gehoben und ein Ton in seinem Inneren angeschlagen, der in inniger Verwandtschaft zu der noch höheren Empfindung für das sittlich Schöne steht und ihn der Empfänglichkeit für dieses um einen bedeutenden Schritt näher bringt. Und weil der allgütige Schöpfer die Freude am Schönen, eben als Vorstufe für seine höhere Vollendung, tief in die Brust des Menschen gelegt und in diesem durch das Schönheitsgefühl veredelte Dasein, der Mensch erst wahrhaft seiner selbst froh wird und zum heiteren Genuß des irdischen Daseins ersteht, darum eben verwirklicht sich der Seherspruch an dem Triumph des japhetischen Geistes über alle Gemüter, darum öffnen sich rasch und gern die Pforten des Gemütes der hellenischen Kultur; und der Kalokagathia, der durch das Gefühl des Schönen vermittelten Tugend griechischer Bildung, ist der verheißene Sieg gewiß/' 41