Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
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jüngste Tochter, die Reform, offnen Boden zur Entfaltung gehabt, wäre, auf sich selbst gewiesen, gezwungen gewesen statt in bloßen Negationen in positiven Schöpfungen sich zu üben, und statt ihre Gebilde den Institutionen des alten Judentums gewaltsam einzuimpfen und diese zu verkümmern, ohne selbst zu eigener Blüte zu kommen, wäre sie genötigt gewesen in Schöpfung eigner Institutionen ihre Lebenskraft und Lebensfähigkeit zu erproben . . . Alles dieses hat der vielgepriesene Zwang vereitelt. Indem er die beiden wie Satz und Gegensatz unversöhnlichen Elemente zusammenhielt, brachte er die gebildeten Söhne der Reform zu fanatischer Feindschaft und Zerstörung der alten religiösen Heiligtümer und die treuen Hüter dieser Heiligtümer zu scheuer Flucht vor einer Bildung, die ihr nur in religiösem Widersatz entgegentrat, also, daß lange, lange bei den Gebildeten das religiöse Leben und bei den Religiösen die Bildung verkümmern mußte und verkümmerte. Und dieser Zwang, der die disparatesten Gegensätze in den heiligsten Anliegen der Menschen gewaltsam zusammenhielt, hat permanenten Zwiespalt und Hader in Gemeinden, Familien und Häusern genährt, hat die Wahrheit des religiösen Lebens aus Gotteshäusern und Schulen gescheucht, hat an die Stelle der Klarheit der Erkenntnis und der Entschiedenheit der Gesinnung einen Geist der Konnivenz und der Rechnung tragenden Klugheit erzeugt, der nur die Männer als die rechten Männer der Zeit begrüßte, von denen er vertraute, sie würden im „rechten Verständnis“ der Zeit und im vermeintlichen Interesse des Friedens das Religiöse zu einer Reihe hohler Phrasen zu umwandeln verstehen, daß darin alle Gegensätze, das bekennende Ja und das leugnende Nein religiöser Ueberzeugungen, ein friedliches Nebeneinander finden Es ging ja nicht anders. Es mußte die Aequilibristik pastoraler Klugheit, eine sonst im Judentum unbekannte Kunst, an die Stelle der Aufrichtigkeit in Lehre und Leben treten, und die Wahrheit, das einzige Element eines jeden echten religiösen Lebens, als Störenfried aus dem Kreise der Lebendigen verscheucht werden. Indem der Staat konfessionelle Gegensätze von solcher Kontrarität, wie die jüdische Reform und die jüdische Orthodoxie, zu einer Religionsgemeinschaft gewaltsam zusammenzwängte, sprach — ohne es zu wollen — er es aus, daß im religiösen Gebiete Alles einerlei, somit Nichts etwas sei, ward er ganz eigentlich der Vater und Erzeuger jenes Nihilismus, den er gewiß nicht als heilvollen Factor für die Völker- und Staatenbildung begrüßt. So sieht der Gewissenszwang aus, dem S. R. Hirsch durch die Austrittsfreiheit der dissentirenden Glieder begegnen will! Unsere Zeit, die nur die reellen Faktoren im Staats- und Gesellschaftsleben zu begreifen, zu würdigen weiß, mag diese Auffassung weltfremde Verstiegenheit, theoretisierende Speculation bedünken! Ihre überzeugende Kraft kann darunter nicht leiden; schon hat die Geschichte ihr Recht gegeben, und die Zukunft wird dies Urteil nur bestätigen. -Austrittsfreiheit“ — hierüber noch ein Wort! S. R. Hirsch hat diesen Ausdruck gelten lassen, weil er die faktische Rechtslage knapp und präzise umschreibt; dem Sinne nach hat er ihn nie gebilligt. Denn ihm bedeutete die gesetzlich erzwungene, formelle Austritts-Erklärung nicht, daß der Dissentierende vom Alten sich schied. „In uns lebt die Muttergemeinde fort, von welcher die Gegner ausgetreten. Nicht die Ausscheidenden — die Zurückgebliebenen sind wir, der letzte Rest der bei den väterlichen Heiligtümern des von jeher bestehenden Judentums treu Gebliebenen!“ Mochten die Gebäude, die Stiftungskapitalien, die alten Einrichtungen, selbst die Grabstätten der Ahnen im Besitze der Neologie verbleiben - Jüdische Gemeinschaft, eine jüdische Gemeinde ist ihm nur die zu nennen und zu schätzen, wo die Fahnen des alten, wahren, orthodoxen Judentums weiten, wo „Thora, Aboda und Gemillus Chassodim — theoretische Kenntnis der Thora, praktische Verwirklichung ihrer Anforderungen und Uebung selbsttätiger Menschenliebe" als des Judentums Merkmal gelten. S. R. Hirsch hat vieler Menschen Städte gesehen und ihren Sinn erkannt. Und mag, wie er ihn erkannt, noch so vielen in unserer Zeit unverständlich, irrig erscheinen; mögen sie ihn als Störenfried verschreien oder als Mystiker zu verspotten wagen; in seinen Ideen zur inneren Politik des Judentums ist mehr Wahrheit und Klarheit, mehr sittlicher Ernst und weitschauendes Ewigkeitsbewußtsein als in all den Panaceen zur Heilung unserer Gemeindenöte, die gerade unsere Zeit in beängstigendem U ebermaße zu produciren sich berufen dünkt. Samson Raphael Hirsch als Erzieher. Von Dr. J. Wohlgemuth in Berlin. „Rembrandt als Erzieher“, wie ein Blitz fuhr dies Buch vor etwa zwei Jahrzehnten in die deutsche Welt, erweckte stürmische Begeisterung und entflammte junge und alte Herzen. Deutsche Art und deutsches Wesen waren noch nie mit so jugendlichem Feuer gepriesen, mit so überlegenem Wissen geschildert, mit soviel Kunstverständnis und ästhetischem Feingefühl gezeichnet worden. Wer gibt uns das Buch: „S. R. Hirsch als Erzieher“, wer gibt es uns Juden so, wie es der große Unbekannte, der anonyme Verfasser in jenem Werke den Deutschen gegeben? Das würde ein Buch in dem all die Hoffnungen Israels zu frischem, fröhlichen Leben erwachten, die uralten Wahrheiten in lichter Klarheit sich wieder offenbarten, das heilige Gesetz seine beglückende und beseligende Macht entfaltete, und die ganze neu sich erschließende Gedankenwelt wäre aus dem Geiste Hirschs geboren, wir hörten nicht nur die Worte des großen Mannes, seine Seele stiege hernieder, und die wundersame Melodie, mit der sie die Mitwelt in ihren Bann zauberte, da sie noch auf Erden weilte, erklänge wieder in einer neuen Harmonie. In einer Harmonie voll Kraft und Anmut, voll Lieblichkeit und berauschender Fülle, die unser führerloses Volk, unsere geistesarmen und willensschwachen Scharen mit ungeahnter Erkenntnis, mit flammender Begeisterung erfüllte, daß die alte, sturmerprobte Fahne des gesetzestreuen Judentums uns zu neuen Siegen führte, wie in der Vorzeit. Wir haben dies Buch nicht, und wir erhalten es wohl nicht in Bälde. Wir stehen dem Großen noch zeitlich zu nahe, als daß es Einem unter uns gelingen könnte, alle Strahlen dieses Geistes zu sammeln und sie in neuen Lichtern zu verkörpern. Vielleicht ist es aber gestattet, in dieser Festesnummer, die dem Andenken Hirschs geweiht ist, ein paar lose Gedanken, einige anspruchslose Sätze vorzutragen, winzige Bruchstücke jenes Buches, das dereinst in seiner Vollendung uns von dem Berufenen gespendet wird. Einer ganzen Anzahl theoretischer Erörterungen wohnt nicht soviel Beweiskraft inne, wie einer einzigen lebendigen Erfahrung. Darum will ich erzählen, wie Hirsch m i r zum Erzieher wurde. Einundzwanzig Jahre alt war ich geworden, in einer Gemeinde, wie Hamburg, aufgewachsen, und keine Zeile von Hirsch war bisher in meine Hand gelangt. Vielleicht war es so gut und noch besser, daß ich, als ich nun die Universität bezog, zuerst über die Jahrgänge des „Jeschurun“ geriet. Nirgends ist Hirsch so ganz Hirsch, nirgends tritt das Geniale seiner Persönlichkeit so unverhüllt hervor, wie in den ersten Jahrgängen des „Jeschurun.“ Er steht in der Vollkraft seines Schaffens, eine blühende Gemeinde zaubert er aus dürrem Boden, er bildet Menschen nach seinem Ebenbilde, seine Weltanschauung, vor Jahrzehnten schon in großen Zügen von ihm erfaßt, ist ausgereift, sein sicherer Besitz geworden, die Werke der Zukunft liegen vor seinem geistigen Auge, und jetzt auf dem Höhepunkt seines Lebens, im Glücksgefühl des Errungenen, im Bewußtsein seiner providentiellen Aufgabe hält er seine Reden an die jüdische Nation. Es sind Reden auch für den Leser, 40