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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 52

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 52)
Language
German
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leider nur wenige seinen Wegen und wissenschaftlichen Methoden gefolgt sind; aber als ein Eigener muß er auf allen Gebieten der religiösen und sprachwissenschaftlichen Forschung erkannt und gewürdigt werden. Seine Schriften bedeuten eine radikale Aenderung, sowohl in den angewandten wissenschaftlichen Methoden, als auch in dem künstlerischen Geschmack der Darstellung. In allem zeigt sich System, keine Phantastik. Jede seiner Abhandlungen steht unter dem Gesichtspunkte beherrschender Ideen, über welche einen klaren Oeberblick zu gewinnen man erst dann vermag, wenn man sich in sämtliche Schrifter: des Meisters vertieft hat. Schon in seinem „Choreb" j zeigen sich in Sprache, Aufbau und Gedankenentwickelung alle j Kernpunkte seiner Orginalität. In diesem wird der Lehr- und Gedankeninhalt des Judentums zur wissenschaftlichen Bearbeitung und Erkenntnis gebracht. Anstatt die religiösen Vorschriften der jeweiligen Geistesrichtung anzupassen, hat er dort die wechj selnden Denkweisen und Anschauungen an dem Maßstab des Judentums gemessen und das Berechtigte und Bleibende in! ihnen nachgewiesen. Der Lehrinhalt des Judentums wird von I ihm religionsphilosophisch dargestellt, jeder seiner Glaubenssätze unter eine systematische Ordnung gebracht, deren Zwecke und Absichten mit tiefem Verständnis erörtert. Er folgt hierin Maimonides, nur daß er dem Judentum seine intellektuelle Eigenart und Ursprünglichkeit wahrte, während jener bekanntlich — in der Theorie — sich allzusehr von aristotelischen Lehrmeinungen beeinflussen ließ. Da es für Hirsch in Glaubenssachen nur einen Ursprung und ein Bestehen, aber kein Werden und Entwickeln gibt, so ist seine Darstellung von geschichtlichen Ausblicken frei, woraus viele verständnislos gefolgert haben, daß er des historischen Bewußtseins ermangelt habe. Grätz, sein ehemaliger Schüler, der ihn besser gekannt, nennt ihn dagegen (Gnostizismus) neben „dem unvergeßlichen Lehrer und väterlichen Freund", auch „den geistvollen Vertreter für das geschichtliche Judentum." — Nach Choreb ist sein Pentateuchkommentar seine bedeutendste Leistung, die große Wirkungen hervorgebracht hat und noch viel größere veranlassen würde, wenn eine Bearbeitung, die dem Bedürfnisse der Allgemeinheit entspräche, möglich wäre. Hier zeigen sich seine schöpferische Intelligenz und gestaltende Kraft auf ihrer ganzen Höhe. Frei von jedem Eklektizismus entwickelt er in diesem epochalen Werke die tiefsten Ansichten und Gedankenreihen, nur gestützt von dem eigenen Reichtum der Ideen und der eigenen Kraft der Erfindung. Die eingestreuten halachischen Erörterungen halten sich frei von überflüssiger Dialektik, ^eine Symbolik vermeidet das Gebiet verwirrender Mystik. Seine Lexicographie ist individuell und national zugleich, weil sie auf Fremdes, wenn auch noch so Naheliegendes verzichtet und nur aus Eigenem schöpft. So selbstverständlich es darum auch ist, daß er die älteren und späteren Bibelkommentare studiert hat, so nennt er solche dennoch nur selten, auch da nicht, wo seine Ausführungen mit ihnen übereinstimmen, weil er in sich selbst dasjenige lebendig gefunden und aus sich selbst zur eigenartigen Darstellung gebracht hat, worin diese ihm zuvorgekommen. Sonst registriert er mit gewissenhaftester Treue auch die kleinsten Anregungen, die er aus den Schriften älterer und späterer Autoren wie Silforno, Wessely und selbst aus .—iyp3.‘—? a'Dr^n gewonnen hat. Die sprachlichen und halachischen Einzelheiten leiten immer die großen Gedanken des Thoraworts ein, die er meisterhaft auseinandersetzt. Sie bilden für den Kundigen blos den reizvollen Wechsel in den alle Teile beherrschenden geistvollen Abhandlungen. Man schwelgt im Genüsse eines Gedankenreichtums, wie ihn vor ihm noch keiner bei dieser Gelegenheit entfaltet hat. Hierin geht das Urteil aller einig. Weniger ist dies der Fall in 'Beziehung auf das von Hirsch angewandte System etymologischer Untersuchungen und Ableitungen. Bei vielen dieser will es scheinen, als ob sie nur vermittels scharfer Dialektik und Hirsch'scher Sprachgewandtheit möglich seien. Da aber die Sprache Begriffe darstellt, die auf dem Wege der Vorstellung gewonnen wurden, so genügt für eine Worterklärung in der Tat kein trockener Nachweis der Analogie, sondern alles weist auf den von Hirsch betretenen Weg der Ableitung eines jeden Wortes aus sich entwickelnden Gedankenreihen mit zwingender Notwendigkeit hin. Auf der Geltendmachung 'dieses Standpunktes beruht die ganze Hirsch’sche Etymologie. Man mag den Ausführungen hierin im einzelnen Billigung schenken oder nicht, ihre grundsätzliche Richtigkeit muß jeder einräumen. Es ist geradezu unglaublich, wie «ehr man sich gewöhnt hat zur Erklärung irgend eines dunkeln Ausdrucks der Bibel sofort in anderen Sprachen Umschau zu halten, anstatt im nächsten Umkreise nachzusehen und sich in den Geist der eigenen zu vertiefen. Wer demgegenüber den von Hirsch gezeigten Weg verfolgt, dem werden sich noch eine Fülle bedeutender Entdeckungen darbieten, die die Möglichkeit der Fortbildung und Begründung seiner Etymologien erweisen. Wir wollen dies -Qpn roaaH pnx 'NLV vrp ftjD1? durch ein Beispiel aus dem laufenden Thorahabschnitt näher erläutern. Den Satz Dü1? rvm TV. B. M. 11,20 übersetzt Hirsch eigenartig und trefflich: „Bis es euch aus dem Halse wachsen und euch zum Erbrechen werden wird." In der Begründung führt er an, daß fr-OT verwandt mit mr. ein Weg werfen, also ein Erbrechen bedeutet. Eine ähnliche Auffassung des Wortes N-r findet sich in dem Werke "ncn *vnX des R. Abraham Saba, nur kommt er hiezu auf anderem Wege, indem er das hc als Auflösung einer Verdoppelung eines Stammes nimmt, wie in für *TTD Jes. 18,2; iDtfO' für 1DDC' Ps 58,8 (s. das. im Comm. von Hirsch) und es gleichfalls als „Erbrechen" erklärt *iwn -mPl 1V2 Kit^*). — Solcher Stellen, in denen die Hirsch'sche Auffassung und Ableitung sich auch noch von anderer Seite begründen läßt, kennen wir viele. Möge die hundertste Wiederkehr des Geburtstages des großen Lehrers uns mahnen, uns immer mehr in seine Gedankengänge zu vertiefen und seine Gesinnungen und Lebensgrundsätze in der eigenen, seiner würdigen Lebensgestaltung wirksam sein zu lassen. Aus dem Briefwechsel zwischen S. R. Hirsch und Gerson Josaphat.**) 1. Hirsch an Josaphat. •ppn □'ax: 'd 'i uv j-raajr6n 7>"a Mein lieber guter Josaphat! Es hat mich innigst gefreut, vor längerer Zeit schriftlich von Ihnen selbst Mitteilung über Ihre gegenwärtigen Bestrebungen zu erhalten und wenn Ihr 1. Schreiben bis jetzt unbeantwortet blieb, so glauben Sie mir gewiß, daß nicht Mangel an freundschaftlicher Teilnahme daran Schuld gewesen. Nun sind Sie doch, was Sie lange erstrebt, auf einer Universität und jetzt bereits Veteran, und begierig bin ich zu wissen, was Ihnen das Universitätsleben geworden, was und worin Sie sich vorzüglich bewegt haben und ob das wissenschaftliche Bestreben Ihrerseits (unkenntlich) müßige vor der Zeit aufgedrungene Zugabe Ihnen geworden, eine Zugabe, die so betrachtet, nur Bürde und beschwerlich ist. Oder ist sie Ihnen das geworden, was Sie Ihnen werden sollte, Erhellung des Geistes, auf dem sich Ihre eigne Wissenschaft mit der Wissenschaft die apjp nS“)p DBHD ist, vereinigt. Daher kommt es viel darauf an, welche Gebiete der wissenschaftlichen Kreise und mit welcher Ansicht und zu wtlchem Ziele man sich ihnen weiht. Und daher auch hier wie überall onDDH H'Q? D,»D3D: nmn usw. Oldenburg, 18. Adar 5596. II. Hirsch an Josaphat. Mein lieber Josaphat! Innig hat mich die Nachricht Ihrer Anstellung erfreut und wünsche ich von ganzem Herzen Glück dazu. Möge Ihnen der Himmel ein ungetrübtes Gluck bereiten und Sie mit Kraft rösten, in Ihrem neuen Wirkungskreise recht segensvoll zu wirken. Niehl minder muß mich der Anteil freuen, den Sie meinem literarischen Versuche schenken. Wollte Gott, ich könnte die Hälfte der guten Meinung rechtfertigen, die Sie von dem Verfasser der Briefe hegen. Aber ich bin mir meiner Beschränktheit zu gut bewußt, um nicht zu wissen, daß der Beifall, den diese Briefe hie und da erhielten, mehr dadurch erworben wird, daß der Verfasser den Mut hatte, für eine Sache öffentlich zu sprechen, für cie man bis jetzt größtenteils geschwiegen, als daß ihnen irgend eine innere Vortrefflickeit innenwohne. Darum, mein lieber Josaphat, muß ich mit *) Anm. d. Red.: Als weitere Bestätigung dieser Bedeutung vgl. Sirach 37, 30: 817 w's N2-I2N1 ’5in pp’;i;sn rrs **) Rabbi Gerson Josaphat Rabbinats-Assessor zu Halberstadt, war geboren 5568 (1808zu Cassel, wo sein Vater, Rabbi Samuel Levy Josaphat (allgemein unter dem Namen Rabbi Samuel Witzenhansen bekannt) Ober-Landesrabbiner war, Im 18. Jahre bezog er die damals in Blüte stehende Jeshiwah zu Mannheim, welcher der selbst noch jugendliche, bereits hochberühmte Stift srabbiner Rabbi Jacob Ettlinger, später Oberrabbiner in Altona Vorstand. Von da her rührte seine Freundschaft mit seinem damaligen Studiengenossen Rabbi R. 8. Hirsch 5"3£T Durch den Tod seines Taters wurde Rabbi Gerson veranlaßt, in die Heimat zurückzukehren; darr als im Alter von 21 Jahren wo er an Stelle seines Vaters lVa Jahre lang das Land-Rabbinat in Cassel verwaltete. Da aber damals schon außer Rabb. Wissen, auch weltliche Kenntnisse von den Behörden verlangt wurden, so entschloß sich der junge Rabbiner die Universität Bonn zu besuchen, von wo er nach zweijährigem Hören der Kollegien, zur ferneren Vervollkommnung sich nach der Kurhessischen Landes-Universitftt Marburg begab. (Hierauf bezieht sieh Briefauszug I). Im Alter von 29 Jahren wurde Rabbi Gerson als Rabbiner an die Berend-Lehman’sche Stiftung als Rabbinats-Assessor nach Halberstadt berufen, welche Stellung er 47 Jahre lang bis zu seinem 1883 (am 6. Nissan) erfolgten Tode bekleidete. Während dieser Zeit verlebte Rabbi Gerson IV« Jahr in Frankfurt a. M., wohin er bei Ausbruch der Cholera 1850 von Halberstadt aus sich begeben hatte (Briefe III u. IV). 35

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