Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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eingeweiht war. Bei dem russischen Spioniersystem läuft auch heute jeder Brief Gefahr geöffnet zu werden. Das dafür bestehende „schwarze Kabinett“ verfügt über Kenner aller Sprachen, die jeden Brief zu entziffern vermögen. Trotzalledem hätte diese Briefe Niemand verstanden, denn sie waren äußerlich in Form einer wissenschaftlichen Konterverse über religions-gesetzliche Angelegenheiten — rarem — gehalten und hatten für die in Betracht kommenden Persönlichkeiten verabredete, fingierte Bezeichnungen. Diese Fassung stellte für die Ermittelung des rechten Verständnisses selbst an den Scharfsinn des Empfängers große Ansprüche. In vielen Fällen, in welche eine deutliche Darstellung des Sachverhalts unerläßlich war, wurden die Briefe durch einen besonderen Boten von Kowno über die deutsche Grenze gebracht und bei einer preußischen Poststelle aufgegeben. Diese Briefe wurden dann von Hirsch dem Rabbiner der Residenzstadt übergeben, der ihren Inhalt dem Fürsten und dem Prinzen mitteilte. Die Briefe zeichnen sich durch eine wunderbar genaue Kenntnis der darin geschilderten Vorgänge und ihrer geheimen Triebfedern aus. Der Prinz ließ durch seine Freunde in Rußland die angegebenen Tatsachen auf ihre Richtigkeit prüfen; sie hatten sich jeder Zeit als überaus wahrheitsgetreu und zuverlässig erwiesen. Der Prinz ließ den Rabbiner sehr oft zu sich bescheiden und besprach sich stundenlang mit ihm über die zu unternehmenden Schritte. Eines Tages als er wieder Nachrichten aus St. Petersburg erhalten hatte, sagte er dem Rabbiner: „Wollen Sie unseren gemeinsamen Freund — so nannte er Hirsch, obwohl er ihn nicht persönlich und nur durch diese Vermittlung kannte — veranlassen, über das Wesen des Talmuds eine kleine Schrift zu verfassen, um die Gegner des Talmuds damit zum Schweigen zu bringen. Man sagt dem Kaiser stets, so lange die Juden noch Talmud studieren und dessen Grundgesetze hochhalten, seien sie Feinde des Staates und der Regierung.“ In der Tat sollten deshalb die Q'-nn und mare' vernichtet werden, zumteil ist es ja tatsächlich damals geschehen. Auf diese Anregung des Prinzen hin schrieb damals Hirsch im Jahre 1884 seine Broschüre: „Geber die Beziehung des Talmud zum Judentum und zu der sozialen Stellung seiner Bekenner.“ So wenig auch diese Veranlassung zur Hirsch’schen Schrift allgemein bekannt ist, die Folgen, die sie mit Gottes Hi Ife IVatte, dürften es noch weniger sein.— Die Schrift hatte den Beifall des Prinzen. Aber in seinem Gerechtigkeitssinn ließ er, um allen Einwänden irn Voraus zu begegnen, die Arbeit erst durch einen christlichen Leipziger Gelehrten auf ihre Wahrheit prüfen, dessen Urteil überaus anerkennend ausfiel. Die Schrift kam dann in die Hände des Kaisers, der sich bei dem Prinzen dafür bedankte. Obwohl mir diese Vorgänge, trotz der 25 Jahre, die seitdem verflossen sind, in voller Frische gegenwärtig sind, habe ich mich vor Niederschrift dieser Zeilen doch noch einmal an den betr. Rabbiner um eine Bestätigung dieser Vorgänge gewandt. Dieselbe liegt mir in einen eingehenden, ausführlichen Schreiben vor, aus dem ich hier nur die Stelle folgen lasse: „Mir ist es kein Zweifel, daß Ignatiew „durch den Einfluß des Prinzen gefallen ist; „der Prinz war tief bewegt, als er mir die „Mitteilung machte. Die Schrift hat sicher „bedeutend mitgewirkt.“ Ein Wort über 8. R. Hirschs wissenschaftliche Methode. Von Dr Samuel A. Hirsch in London. Was uns bei der Betrachtung der Methoden, nach welchen Samson Raphael Hirsch die Erkenntnis der Thora und des Judentums pflegt, am meisten frappiert, ist der durch und durch moderne Charakter dieser Methoden. Er hat sich als Forscher bewährt, der die Werkzeuge, welche seit zwei bis drei Jahrhunderten in den Werkstätten der Wissenschaft als die allein brauchbaren erkannt worden waren, sich zu eigen gemacht, und sie während seiner langjährigen Tätigkeit mit Konsequenz gehandhabt hat. Bei aller lebendigen Einbildungskraft, bei aller feurigen Inbrunst, welche sein ganzes Leben bewegten und beseelten, fehlte ihm doch nie das Bewußtsein, daß nur nach den nüchternen induktiven Methoden, welche die wissenschaftlichen Errungenschaften und die Erfindungen der Neuzeit ermöglichten, auch auf dem Gebiete der Forschung nach dem Wesen des Judentums ein Resultat, der Wahrheit möglichst nahe, zu erzielen sei. Er erkannte, daß das Verfahren, das die meisten mittelalterlichen Philosophen angewendet hatten, an dem Mangel litt, daß sie Systeme, welche außerhalb des Judentums lagen, jedenfalls nicht auf jüdischem Grund und Boden gewachsen waren, mit dem, was dem Judentum wesentlich eigen ist, mit Gewalt zu verschmelzen suchten. Griechische Philosophie, Plato und Aristoteles, wie sie den Juden aus getrübten Quellen durch arabische Schriftsteller zugänglich waren, hat man mit den Grundlagen und den Zielen der schriftlichen und mündlichen Thora vereinbaren wollen. Jüdische Frömmigkeit konnte den Gedanken nicht ertragen, daß zwischen dem Judentum, zwischen jden Pflichten die zu befolgen es erheischt, zwischen den jüdischen Anschauungen und Lehren über Gott und Welt und dem, was zu einer gegebenen Zeit Philosophie hieß, nicht völlige Uebereinstimmung herrschen sollte. Man dachte nur daran, die vermeintliche Kluft zwischen Philosophie und jüdischer Religion zu überbrücken. Man hielt eben die Resultate der Philosophie für unumstößlich wahr, und die jüdische Thora und jüdische Tradition für nicht weniger wahr. Große Männer, von edlem Wollen begeistert, bestrebten sich, die fremden Elemente mit den jüdischen in Einklang zu b» ngen. An der Möglichkeit, diesen Ausgleich zu bewerkstelligen, zweifelte man nicht. Man brauchte nur eine Theorie aufzustellen, welche genügende Berührungspunkte der beiden einander gegenüberstehenden Gebiete enthielt. Religiöse Innigkeit und geistiger reicher Scharfsinn taten dann das Weitere, und eine befriedigende Ausgleichung war hergestellt — befriedigend, das heißt, für jeden der die aufgestellte Theorie und die Folgerungen anzunehmen bereit war. Es war dieses die Methode, die zu jener Zeit nicht nur auf dem Gebiete der Religionsphilosophie, nicht nur von jüdischen, sondern auch von christlichen und muhammcdanische i Philosophen angewandt wurde; — sie herrschte auch in den Gebieten der Realwissenschaften. Man war lange bemüht, Naturgesetze und Naturerscheinungen aus Voraussetzungen und willkürlich gesetzten Theorien zu erklären. Das Wesentliche der modernen Wissenschaft besteht darin, daß letztere nicht a priori zu konstruiren sucht was der Beobachtung durch die Sinne unterzogen werden kann. Moderne Wissenschaft macht nicht den Versuch, aus willkürlich aufgestellten Begriffen Wahrheiten über Erscheinungen, welche der Wahrnehmung unterliegen, oder unterliegen sollten, herauszufinden. Anstatt von einem allgemeinen Grundsatz auszugehen, durch welchen alles ohne weiteres erklärt werden soll, hat es sich die moderne Wissenschaft zum Gesetz gemacht, alle Erschwungen, welche sichtbar, fühlbar, wahrnehmbar sind, vor alleh^ einer genauen Beobachtung zu unterwerfen, und für den Fall, daß die Erscheinungen nicht so unmittelbar den Sinnen zugänglich sind, die Möglichkeit der Beobachtung durch Experimente zu schaffen. Und auch damit ist der Forscher nicht zu frieden, so lange er die Verallgemeinerungen, zu welchen seine Beobachtungen ihn führten, nicht einer strengen Verifikation unterworfen hat. Der Forscher muß es verstehen, die induktive und deduktive Methode so anzuwenden, daß sie sich gegenseitig stützen, und, vereinigt, ihn in den Stand setzen wissenschaftliche Wahrheiten zu ermitteln; — Wahrheiten, welche nur so lange Wahrheiten sind, solange neue Beobachtungen von früher übergangenen Erscheinungen die früher gewonnenen Resultate nicht umstoßen. Samson Raphael Hirsch war unter den neuen Religionsphilosophen der erste, wenn nicht der einzige, der sich die Aufgabe gestellt hat, all das was unter dem Namen Judentum 33