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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 49

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 49)
Language
German
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ihrer Mitte lrbra tan ein Leben gestaltet, das auf den Gottesdiktaten der Sittenheiligung, der Wahrheit, des Rechts und der Liebe sich aufbaut und in jeder Fuge die alleinige Gottesherrschaft auf Erden zur Anschauung bringt, sodaß das Charakteristikum des Judentums voll in die Erscheinung tritt. Der Monotheismus alleine erschöpft es nicht, sondern erst dessen weiteste Konsequenz: die Einheit Gottes mit der Einheit des Lebens durch Gottes Gesetz. Samson Raphael Hirsch und das jüdische Rußland. Die Abschätzung des Einflusses großer Männer auf ihre Zeit war immer etwas Schweres, aber niemals war sie so schwierig wie heutzutage, wo sich so viel komplizierte Einflüsse auf das Gesamt- und Einzelleben geltend machen. Diese Schwierigkeit erreicht ihren Höhepunkt, wenn es sich um Männer handelt, die ihre Tätigkeit nicht nur einzelnen Richtungen, sondern dem gesamten Leben in allen seinen Teilen zugewendet haben. Dazu kommt noch, daß dieser Einfluß sich ja nicht auf eine gewisse Zeit und einen bestimmten Ort beschränkt, sondern wie der fns Wasser geworfene Stein immer weitere Kreise zieht, deren Ausdehnung sich zuletzt unserer Betrachtung gänzlich entzieht. Auch ein Hinweis auf Hirschs Einfluß im jüdischen Rußland muß sich daher auf dasjenige beschränken, was sich als von ihm beeinflußt unzweifelhaft nachweisen läßt, ohne Rücksicht auf die Ausstrahlungen und Fernwirkungen dieses Einflusses, die von menschlicher Beobachtung kaum geahnt, geschweige denn dargestellt werden können. Man denkt bei diesem Einfluß zunächst an denjenigen seiner Schriften, die in Rußland in die heilige Sprache übersetzt .und so großen Kreisen mit ihren aufklärenden Gedanken und Empfindungen zugänglich geworden sind. Wenige aber ahnen, daß und wie es Hirsch vergönnt war, auch auf die materielle, soziale und politische Stellung der russischen Judenheit einen Einfluß auszuüben, wie er nur selten einem Menschen in diesem Umfange beschieden ist. Es war Anfang der achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert, als unter dem Regime des damals allmächtigen Ministers Ignatiew, die staatsseitigen Bedrückungen, Maßregelungen und Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung Rußlands sich derart zur Unerträglichkeit gesteigert hatten, daß die Maßnahmen geradezu einer Austreibung der Juden aus Rußland gleichkamen. Ungezählte Tausende, Männer, Frauen und Kinder ergriffen den Wanderstab, um die russische Heimat zu verlassen ohne Aussicht auf ein Plätzchen, an dem die Unglücklichen Ruhe finden konnten. Dieses namenlose wandernde Elend hatte die ganze gesittete Welt Europas und Amerikas auf die brutalen Gewaltakte aufmerksam gemacht, mit welchen das offizielle Rußland hilflose Menschen von sich stieß, lediglich deshalb, weil sie ein anderes religiöses Bekenntnis als das herrschende hatten. Ein Schrei der Entrüstung ging damals durch alle Staaten und Länder dieseits und jenseits des Ozeans. Christen und Juden wetteiferten in Protestversammlungen, in Spenden und Sammlungen von Geld und Naturalien zur Unterstützung der von Haus und Hof Verjagten und die allenthalben entflammte Menschenliebe war mit Aufgebot aller Kräfte bemüht, die Wunden zn heilen, die der Religions- und Menschenhaß geschlagen und noch immer weiter schlug. In allen jüdischen Gemeinden wurden ständige Komitees, und in der Nähe der russischen Grenze Kontroll-Komitees gegründet. Die erste Anregung dazu war vom Rabbiner Hirsch ausgegangen, durch folgenden unterm 23. Januar 1882 an den Redakteur des „Israelit“ gerichteten Brief: Frankfurt a. M., 23. Januar. Sehr geehrter Herr! Gestatten Sie mir, eine Idee zu äußern, die mir sehr am Herzen liegt und die ich Ihrer einsichtsvollen Erwägung nahe legen möchte. Oie russischen Vorgänge und Zustände sind leider zu entsetzlich, als daß sie einer näheren Schilderung bedürften. So gewiß in Wahrheit hier nur n"3n helfen kann, so sind Sie doch gewiß damit einverstanden, daß ausnahmslos von allen □i-ppp etwas geschehen müsse. Sollten Sie, geehrter Herr, nicht Ihr weitverbreitetes Blatt dazu benützen wollen, daß überall in allen Gemeinden einige Leute als Komitee zusammen treten, um Spenden für unsere unglücklichen Brüder zu veranlassen und entgegenzunehmen? In einigen der russischen Grenze näher liegenden Gemeinden mußten Central-Komitees zusammentreten, an welche die von den Gemeinden überall eingehenden Spenden von den Lokal-Komitees entweder direkt oder durch Ihre Vermittelung gesandt würden und welche dieselben je nach Bedarf für' die Auswanderer oder die in der Heimat vom Unglück Heimgesuchten zu verwenden hätten. Leider ist bei der fast allgemeinen Oeroute der Geschäfte jetzt keine "NPOn njlJP* allein, die russischen Zustände sind doch noch schrecklicher, und da, wie ich mir denke, die Komitees und Sammlungen so lange V'n die mu und ihre Folgen dauern, permanent bleiben müßten, so wird doch mit Gottes Hilfe durch das allgemeine und anhaltende Zusammengreifen etwas Erkleckliches erzielt werden. Wenn Sie die Idee für ausführbar halten, so könnten Sie unmaßgeblich die russische Sache zu einem stehenden Artikel machen und in jedem Blatte das Interesse für die Sammlungen aufs Neue wecken und wachhalten. Jedenfalls bin ich Ihrer gütigen Nachsicht dafür den Gedanken geäußert zu haben, sicher und bitte, die Versicherung vorzüglicher Hochachtung zu genehmigen mit der zu verharren die Ehre hat Ew. Ehr würden ergebenster Hirsch. Dabei ließ es aber Hirsch nicht bewenden. Rabbi Izchak Elchanan Spektor Vift, der berühmte Rabbiner von Kowno, war mit Hirsch in brieflichen Verkehr getreten, der detaillierte Mitteilungen über einzelne besonders harte, an den russischen Juden verübte Grausamkeiten enthielt, um daran die Bitte zu knüpfen, Hirsch möge in London und Paris geeignete Schritte versuchen, welche die dortigen Regierungen bestimmen sollten auf die russische Regierung eine Pression zu Gunsten der russischen Juden auszuüben. Die versuchten Schritte in diesen beiden Städten blieben ohne Erfolg. Aber Hirsch’s rastloses Streben zu helfen ließ ihn ein deutsches Fürstenhaus ausfindig machen, das besonders gute Beziehungen zum russischen Hof unterhält und den Juden zu aller Zeit gut gesinnt war. Hirsch setzte sich mit dem Rabbiner der betreffenden Residenzstadt in Verbindung und veranlaßte diesen, eine Audienz bei seinem Landesfürsten nachzusuchen, die ihm auch bewilligt wurde. Der Fürst nahm die Mitteilungen mit unverkennbarer Teilnahme und aufrichtigem Mitgefühl entgegen, erklärte sich jedoch außer Stande, seinen Einfluß beim Kaiser geltend machen zu können, verwies den Rabbiner aber an einen Prinzen des Hauses, der mit der russischen Kaiserfamilie besondere Verbindungen unterhielt und der mit seinem Einfluß sicher gern der guten Sache dienen werde. Dieser Prinz hat mit seinem guten Herzen, seiner herablassenden Leutseligkeit und seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft in der Tat alle auf ihn gesetzten Hoffnungen in reichem Maße entsprochen. Der Prinz verlangte nun zunächst volle Offenheit über die Gewährsmänner der Rabbiner, unter der Zusicherung vollständiger Diskretion. Ein persönlicher Einblick in die von dem Kownoer Rabbiner an Hirsch gerichteten Briefe, welche das Ignatiev direkt belastende Material enthielten, war für den Prinzen unmöglich. Sie waren in hebräischer Sprache geschrieben, aber sie waren selbst für einen Kenner dieser Sprache unverständlich, wenn er nicht in die Verhältnisse 32

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