Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
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Gott, und hierin liegt die ganze Größe des A\enschen, seine Freiheit, seine Unsterblichkeit. Beim Tiere haftet die lebendige Individualität an dem irdischen Stoffe, der nicht anders der Erde entstammt, als die Tierseele. Beim Menschen dagegen ist nicht nur der Geist, sondern auch die Lebenskraft etwas höheres als beim Tier, ln dem Geist haftet seine Seele, scheidet der Geist, so wird das Lebendige nicht miteingesargt, denn es haftet an dem unsterblichen Geist. Was das Tier tötet, tötet nicht immer auch den Menschen, denn seine Gesundheit ist nicht vom Leibe allein abhängig, vr ü'ik Vrn will sagen, es gibt im Menschen etwas, was sich aller Berechnung entzieht, er kann auch durch den Geist lebendig bleiben, denn der Geist trägt ebenfalls das Leben. Von den zwei im Menschen vereinigten Elementen, p noi«n und o"n notM, gehört jenes dem Gebiete der Unfreiheit und des physischen Zwanges an, während dieses ihn über alle zwingende Notwendigkeit hinweghebt, ihn frei macht und auch den Leib in den Bereich der Freiheit emporträgt. Wie nämlich Gott frei über seine Welt gebietet, so hat er auch dem Menschen einen Funken seines freien Willens eingehaucht und ihm die Freiheit über seine kleine Welt, über seinen Leib und dessen Kräfte verliehen. Bei allen seinen Mängeln hat der Mensch doch die Fähigkeit, in höchster sittlicher Vollkommenheit den ihm vom Schöpfer vorgesteckten Ideale zu entsprechen, wobei die Möglichkeit des Fehlens mit zur sittlichen Vollendung gehört, da sie die Grundbedingung aller sittlichen Freiheit ist. Dieser Gedanke ist die Grundlage aller jüdischen Ueberzeugung, die auch durch das weite Gebiet der vielverzweigten nKoiD-Gesetze ihren Ausdruck findet. Es würde zu weit führen, so verlockend es auch ist, dieses hier durch eine Analyse der betreffenden Vorschriften im einzelnen nachzuweisen, wir müssen uns auf die Bemerkung beschränken, daß die onviv-Gesetze das Bewußtsein von dem persönlich freien Gotte und dem sittlich freien Menschen ungetrübt zu erhalten bestimmt sind. In gleicher Richtung sollen auch die Bestimmungen über die rvTODK wirken, die als "§ipV die freie Energie zu sittlich freier Selbstbestimmung in uns lähmen könnten. Der Mensch soll mitten in einer Welt gebundener Kräfte und Mächte kraft der ihm verliehenen Freiheit über sie alle emporragen und sie beherrschen. In jedem pip und 'vm, in jeder Selbstverurteilung soll die Erkenntnis an den Tag gelegt werden, daß wir anders hätten handeln sollen und können, also die Anerkennung der sittlichen Freiheit. Auch die normaler Weise eintretenden nikviv sollen das Bewußtsein wecken, daß trotz der physiologischen Gebundenheit die sittliche Freiheit uns von Gott gewährleistet ist. Aber persönliche Freiheit ohne Gesetz ist nichtig, sie schlägt zuletzt in unheilvolle Willkür um. Es gehört schon die ganze Mannesarbeit an sich selbst dazu, um die Fesseln der Begierden und Leidenschaften zu brechen, die den Menschen zum Sklaven der Sinnlichkeit machen. Erst wenn der Mensch in seinem sittlichen Wollen keinen Kampf mehr zu bestehen hat, dann hat er die Stufe der Heiligkeit erklommen, den höchsten Grad sittlicher Freiheit, der im eigentlichsten Sinne allerdings nur Gott eignet. Wie wir von ihm, der durch keine Sinne wahrnehmbar ist, die unmittelbare Gewißheit in uns tragen, so sind wir uns auch der individuellen Realität der Seele ohne sinnliche Wahrnehmung unmittelbar gewiß. Sie ist die innere Ursache der Bewegung, sie macht als rcsa, Wille, den Menschen zur Persönlichkeit Vom Stoffe durchaus getrennt, ist sie das jedem Lebendigen innewohnende Unfaßbare, das Bleibende im Wechsel des Stoffes und nicht etwa, wie der Materialismus behauptet, ein bloßes Accidens des Stoffes, denn dann müßte ja mit dem Stoffwechsel die Identität des Individuums und der Persönlichkeit schwinden. Das Beharren der Eindrücke beweist vielmehr das Vorhandensein eines Bleibenden, das die Eindrücke festhält, worin sich eben die Kontinuität des Individuums vollzieht. Sinnlicher Repräsentant der Seele ist das Blut, durch das die Seele den Leib beherrscht, und deshalb tritt es im Opfer als Symbol der Menschenseele auf, wie es von ihm (fcnpn 17,11) heißt isd’ crs-aa ton Din ’D „denn das Blut bedeutet: mit der Seele erwirkt man Sühne“. Der Satz (onm 12, 23) trsan nm Din 'D will auch nur sagen: Das Blut ist die körperliche Vergegenwärtigung der Seele. Das Blut ist aber nicht die* Seele selbst, denn getrennt vom Blute lebt die Seele im Körper. Beim Tiere steht das Blut mit der Seele in organischer Verbindung, beim Menschen aber ist es der Seele untertan, die mittels seiner als empfindende, erkennende oder wollende Seele Nerven und Muskeln regiert, Um diese Herrschaft nach dem göttlichen Willen zu üben, muß die Seele ihrerseits sich dem göttlichen Gesetze unterordnen, wodurch das menschliche Leben sich im Dienste Gottes vollzieht, so daß es nur der Wille Gottes ist, den der Wille des Menschen in sittlich freier Energie verwirklicht. Aber auch unsere Erkenntnis der Dinge wurzelt in Gott. Das wahre Wesen der Dinge können wir mit den uns zugemessenen Seelenkräften nie vollständig erfassen. Das, was wir ein Objekt nennen, ist nur die Erscheinung des Gegenstandes vom Standpunkte des Subjektes, auf das eine Wirkung von jenem ausgegangen ist, nicht aber das Ding an sich. Nur die Wirkungen sind die Vermittler der Erkenntnis. Ihr sind daher nur zwei große Forschungsgebiete zugänglich: Geschichte seit Erschaffung der Welt und die geschaffenen Dinge. Alles, was vor der Schöpfung oder jenseits des Irdischen liegt oms1? no no no -nrW? ne ist ihr versagt. Innerhalb dieser Grenzen aber ist die Erkenntnis von Geschichte und Natur nicht nur gestattet, sondern sogar wünschenswert, weil dann die jüdische Weltanschauung in ihrer vollen Harmonie erst recht klar hervortritt, so daß „Gott“ und „göttliches Walten“ nicht bloß geglaubt, sondern gewußt werden. Wesen und Bestimmung der Dinge sind etwas Gegebenes, nicht erst vom Menschen Geschaffenes, denn seine ganze Weisheit besteht im Grunde darin, daß er den Dingen Namen geben, also ihren Begriff bilden und aussprechen kann. Wer nun die Erkenntnis entnimmt von Demjenigen, der den Dingen Wesen und Bestimmung erteilt hat, der ist m Wahrheit orn, und darum ist mmn ncrn die höchste Einsicht. Sein und Wirken im ganzen Weltall ist nur Gottes Gedanke und Botschaft. Alle Wissenschaft sucht nur diese Gottesgedanken abzulauschen. Die .geistigen Bestrebungen des Erkennens und Wollens, die sich auf die sinnliche Welt beziehen, müssen ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel finden in dem zu Gott emporstrebenden Geist des Erkennens und Wollens, wie dies symbolisch durch die miao im Heiligtum zum Ausdruck kam. Der dort gepflegte Geist der Gotteserkenntnis ist durchaus kein rein abstrakter, sondern er findet seine volle Betätigung in der auf die Erkenntnis der Welt gerichteten Bestrebungen. Wenn wir trotzdem theoretische Erkenntnis und praktischen Willen unterscheiden, so ist dies bloß unsere eigenste Abstraktion, denn alle Erkenntnis hat nur Wert, wenn sie auf das Vollbringen des Guten hinzielt, das wiederum seinen Wert nur aus der Erkenntnis des Wahren schöpft. Gemeinsame Wurzel beider ist 'n ntn* die zugleich höchste Erkenntnis und höchste Sittlicjhkeit bringt. Dieser höchste Grad der sittlichen Freiheit ist Heiligkeit, nämlich jene Stufe des sittlichen Wollens, auf der kein Kampf mehr zu bestehen ist, weil unter Aufhebung aller Subjektivität der menschliche Wille vollständig in den ausgesprochenen göttlichen Willen aufgeht, und das ist zugleich das höchste Ideal. Der Menschengeist kann auf Erden als höchstes Ziel nur das erreichen, die Erde und alles Irdische vom göttlichen Standpunkte aus zu schauen, 30