Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449324--64609-2507207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ging es der von Hirsch entworfenen Synagogenordnung, seinem Plane und Vorschläge zur Gründung eines jüdischen Gymnasiums und eines Rabbinerseminars. Wenn man die Aufrufe und Hirtenbriefe Hirschs liest, dann gedenkt man mit tiefster Wehmut jener großen Zeit und mit Beschämung der Erscheinung, daß der gewaltige Organisator völlig unverstanden blieb. Noch tiefer aber wird der Schmerz bei dem Gedanken, daß Hirschs stattsmännische Pläne heute nicht nur ebensowenig erfüllt sind wie damals, sondern daß es vielleicht der letzte historische Moment war, indem sie in dieser Form überhaupt noch in jüdischem Geiste hätten verwirklicht werden können. Kein Wunder fürwahr, daß der große Mann sich in der kleindenkenden Umgebung unglücklich fühlte. Nichts, rein nichts von all' seinen großen Gedanken warder Erfüllung zugeführt worden. Im Gegenteil. Ungerechte Kritik, nörgelnde Stichelei verbitterten dem selbstlosen, edlen Manne das Leben. Oer stolze Titel „Oberlandesrabbiner von Mähren und Schlesien" erwies sich als ein wesenloser Schein. Als er bei der Regierung anfragte, worin sein dem hohen Titel entsprechender Beruf bestehe, erhielt er die Antwort: „Im fleißigen Beten, Predigen, Bewachen der Schule und der Gemeinde." Mit dem bescheidenen Wirkungskreise in Nikolsburg selbst konnte sich Hirsch nicht begnügen. In der Stammgemeinde selbst war er verehrt und geschätzt; aber auch hier wenig verstanden. Vier Jahre waren seit seinem glänzenden Amtsantritte verstrichen. Am 4. Mai 1851 'dankte er ab und gab seinem Entschluss dem Komitee für die mährisch-jüdischen Religionsangelegenheiten kund. Die Nachricht wirkte niederschmetternd. Vergeblich wurde eine Versammlung nach Brünn berufen, die sich an den Landesrabbiner in einer Vertrauenskundgebung mit der | Bitte wandte, seinen Entschluss zu ändern. Das Landesrabbinat j sollte nach Brünn verlegt, mit Hoheitsrechten ausgestattet und j vom Landesmassefonds mit 1500 fl. dotiert werden. Vergeblich wurden jetzt die schönsten Verheißungen gegeben, vergeblich kamen Deputationen aus allen Gemeinden des Landes. Hirsch war nicht der Mann, der nach seinen Erfahrungen sich durch Worte zur Aenderung seines Entschlusses bringen ließ. In Nikolsburg herrschte die tiefste Erregung. Man fühlte jetzt, was man an Hirsch besaß und verlor. Nur das Bewußtsein wirkte beruhigend, daß Hirsch das Scheitern seiner Pläne als Grund der Abdankung vorführte, die er als Zweck und Aufgabe des Landesrabbiners betrachtete. Die Gemeinde Nikolsburg hatte ihm und seiner Familie Liebe und Ehrfurcht entgegengebracht; wie er es vollauf verdiente. Von seinen zahlreichen Freunden wurde nichts unversucht gelassen, um ihn zurückzuhalten. Eine gutverbürgte Nachricht meldet, daß der Vorsteher Hirsch Kolisch für jedes der fünf Kinder Hirsch's zehntausend Gulden an legen wollte, um für die Zukunft zu sorgen Er war rastlos, unermüdlich. Auch seine edle Gattin j stellte sich in den Dienst der öffentlichen Wohltätigkeit als Obervorsteherin des Frauenvereins. — Innere Befriedigung aber konnte er in dem bescheidenen Kreise nicht finden. Frankfurt lockte ihn, wohin ihn die Stimmen einiger weniger edler Männer beriefen, die nicht gezählt, aber gewogen werden wollten. Er fühlte, sah im Geiste, daß dort, wo es galt, mit starker Hand Großes aus dem Nichts zu zaubern, eine und seine Zukunft liege. Am 31. Juli 1851 verabschiedete er sich in einem Rundschreiben von den Gemeinden, Vorständen und Rabbinern, das den Stempel seiner ganzen Persönlichkeit trägt. Eine große Episode seines Lebens, aber nur eine Episode war abgeschlossen. Mähren im Besonderen und Oesterreich dürfen es bis zur Stunde tief beklagen, daß Hirsch nicht der Ihrige geworden war. Keiner nach ihm hatte die Fähigkeit, das Judentum Oesterreichs gleich ihm zu einigen und zu organisieren; keiner wie er die Absicht, die alte Tradition mit den Kulturaufgaben der Gegenwart harmonisch zu vereinen. Das wahrhaft lebensfähige, alte, religiösvertiefte Judentum war in dem Momente dem Untergange geweiht, als eine tragfeste Brücke aus der vormärzlichen Zeit in die Aufklärung der Freiheitsperiode von den Juden Oesterreichs nicht geschlagen wurde. Der sichere Anschluß wurde versäumt, der Bruch erfolgte. Hirsch wollte diese Brücke in kühnem, weitgeschwungenem Bogen bauen. Ex ungue leonem. Aus seinen Entwürfen kann man ermessen, was er in Oesterreich und Mähren hätte erwirken können. Selbst ein Mannheimer kann nicht neben Hirsch bestehen, was kühne Konzeption, organisatorisches Talent und insbesondere Vereinigung traditionell-treuer, felsenfester jüdischer Ueberzeugung mit durch und durch moderner Kultur anlangt. Die jüdische Intelligenz, die höchste Bildung, die materiell Kraftvollsten in den heiligen Dienst der Religion zu stellen vermochte Hirsch in unglaublicher Weise. Dafür ist Frankfurt ein Beweis. Was die Folgen dort sind, wo dies nicht gelungen war, dafür sind Mähren und Oesterreich Beweise und Beispiele, wo hohe Bildung, gesellschaftliche Geltung, Reichtum und Ehren gleichbedeutend sind mit Religionslosigkeit, wenn nicht gar Religionsverachtung und Taufe. Mit dem Erlasse der Mährischen Statthalterei vom 23. Juli 1851 wurde der Konkurs für die provisorische Besetzung des Obeilandesrabbinates bis zum 15. September ausgeschrieben. In der Sitzung des Gemeindevorstandes in Nikolsburg am 24. August 1851 unter Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Bachrach wurde zu Protokoll gegeben: „Nachdem diese kurze Zeit kaum hin reicht, für eine würdige Besetzung dieser Stelle Sorge zu tragen, ein Provisorium aber für die spätere definitive Besetzung einen hemmenden, nachteiligen Einfluß üben könnte, wird beschlossen, an das Komitee das Ersuchen zu stellen, dasselbe wolle dahin wirken, daß dieses Provisorium durch ein Kollegium verwaltet werde und nicht einem Einzelnen überlassen bleibe. Die durch das Ausscheiden des Herrn Landesrabbiners erledigte Lokalrabbinerstelle wird vorläulig provisorisch dem Herrn Hirsch Teltscher überlassen." Hirsch Teltscher hatte Samson Raphael Hirsch seinerzeit im Namen des Rabbinats-Kollegiums begrüßt. Vorüber war die bedeutendste Periode des Mährischen Landesrabbinates. Endgiltig vorüber. Mit der politischen Reaktion legten sich auch auf Mährens Judengemeinden die alten, tiefen Schatten, Da ist der Bann gebrochen. In fliegender Hast berichte ich von diesem jammervollen Winter, der uns noch nicht ein einzigesmal zu den Freuden des Eislaufs kommen ließ. Jetzt sei die Eisbahn eröffnet, aber wer könne wissen, ob sie bis zum nächsten Sonntag, dem ersten schulfreien Nachmittag halten werde. Im Namen der ganzen Klasse bitte ich daher, uns einen Nachmittag für den Eislauf frei zu geben. Mit keinem Worte hat der Direktor meinen Redefluß unterbrochen; als ich geendet habe, schwebt noch das gleiche, gewinnende Lächeln um seine Lippen: „Weißt Du, mein Sohn, ich vermute, daß nicht nur die Quarta, daß auch die anderen Klassen gern an dem Eislauf teilnehmen werden. Da muß ich doch erst mit euren Lehrern Rücksprache nehmen. Aber ich denke es wird sich machen lassen! „Damit bin ich entlassen. Hoffnungsfroh kehre ich in die Klasse zurück, wo der Unterricht inzwischen schon begonnen hat. Doch, wenn ich auch über den Erfolg meiner Mission nichts berichten durfte, meine Mienen sagten genug. Die Hoffnung, die ich hegte, trog nicht: der nächste Nachmittag wurde uns freigegeben. Der schnelle Erfolg meines Bittganges ermutigte zu baldiger Nachahmung. Wie oft bin ich dann noch den gleichen Weg von unserem Klassenzimmer zum Direktor gepilgert; handelte es sich einmal um eine botanische Exkursion, so mußte ein andermal irgend eine nur vorübergehende Sehenswürdigkeit den Vorwand für einen schulfreien Nachmittag abgeben. Daß der große Mann die wahren Motive unseres brennenden Interesses für Botanik und für all die anderen schönen Dinge durchschaute, ist selbstverständlich; daß er es aber nie auch nur mit einer Andeutung versuchte, uns das fühlen zu lassen, läßt einen Schluß darauf zu, wie entwickelt sein Zartgefühl gewesen sein muß. Ebenso kann der Umstand, das alle diese zahlreichen Bitten stets schlanke Gewährung fanden, als Zeugnis dafür dienen, daß 8. R. Hirsch sich bei all dem tiefen Ernste der ihn beseelte, ein feines Verständnis für die kindliche Psyche und eine herzliche Liebe für seine Schüler bewahrt haben muß. II. Unter-Sekunda. Das Ziel so manchen sehnsüchtigen Wunsches war erreicht. Diese Sehhsucht, sie galt nicht nur dem Umstande, daß man hier mit „Sie“ angeredet wurde, nein, uns lockte noch ein Höheres: Unter- und Ober-Sekunda durften, mit der Prima vereinigt, dem Unterricht anwobnen, den Samson Raphael Hirsch persönlich erteilte und der dem „Geiste der jüdischen Gesetzeslehre“ galt. Wenn wir mit unseren 12 und 13 Jahren auch noch kein volles Verständnis haben konnten für die Bedeutung des Mannes, den das gesetzestreue Judentum Deutschlands als seinen Regenerator feiert, so war aus dem, was wir von unsren Eltern hörten, von dem, was wir aus seinen Predigten und Schulreden in uns aufnehmen konnten, doch eine Ahnung aufgedämmert, daß uns hier nicht nur ein mit immensem Wissen begabter Lehrer, ein gefeierter Schulmann, sondern eine historische Persönlichkeit gegenüvertreten sollte. So konnten wir es denn kaum erwarten bis der Stundenplan die erste Stunde bei S. R. Hirsch aufwies. Aber endlich kam sie doch. Pünktlich mit dem Glockenschlage taucht die uns so wohlvertraute Gestalt im Rahmen der Tbüre auf. Wir schnellen alle ehrfurchtsvoll in die Höhe, doch eine leichte Handbewegung läßt uns wieder Platz nehmen. Mehr als drei Dezennien sind seitdem vergangen und doch steht jene erste Stunde bei Samson Raphael Hirsch noch in allen Einzelheiten mit 25