Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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S. R. Hirsch und die österreichische Revolution. Ein Sendschreiben aus dem Jahre 1848. An die Ehrsamen Israelitischen Gemeinden in der Provinz Mähren. Geliebte Brüder! •iwm nmi rowa Nur in Zurückhaltung und Ruhe kann Euch geholfen werden! Mit keinen treffenderen, als diesen Prophetenworten kann ich die Bitte, die ernste dringende Bitte, eröffnen, die diese meine wohlgemeinten Zeilen an Euch, meine geliebten Brüder, um Euer, um unser Aller Heil in dieser freudig ernst bewegten Zeit zu richten wünschen. Die wichtigen Ereignisse, die Gott der Herr in den jüngsten Wochen im theuem Vaterlande herbeigeführt, sind Euch gewiß nicht fremd geblieben. Ihr habet vernommen, mit welcher Vaterhuld unser erhabener Kaiser den allgemeinen Wünschen seiner Unterthanen hat Erhörung zu Theil werden lassen, und welche unschätzbare Güter seine Gnade den Bitten seiner Völker gewährt. Ihr habet gewiß bei solcher Kunde anbetend zu Gott dem Herrn aufgeblickt, der die Gänge der Zeiten leitet und in dessen Vaterhänden die Herzen der Fürsten ruhen. Ihr habet gewiß in Eurem Herzen unserem gnädigen Kaiser frohen Dank gezollt und die Freude und der Jubel, der alle Gemüther erfüllt, sie sind gewiß nicht minder mächtig in Eurem Herzen laut geworden. Und wohl wollen wir uns freuen, meine Brüder, wollen uns freuen mit den Brüdern, wollen uns freuen, wenn dem theuem Vaterlande im Ganzen des Segens reichste Früchte, des Heiles vollste Fülle aus den mit Hoffnungsjubel begrüßten Fürstengaben erblühen werden; wollen uns deß freuen, wie unser Gotteswort uns lehrt, und würden daraus auch für uns nicht besondere Früchte reifen, DD^ nVP 'D denn im Heile des Ganzen sollen auch wir das eigene finden. Gewiß aber auch — und dieses ist die nächste Veranlassung dieser wohlgemeinten Zeilen — gewiß aber auch habet Ihr, geliebte Brüder — und wer nicht mit Euch! — gewiß habet Ihr bei dem Dank und Hoffnungsjubel der Gesamtbevölkerung, auch unserer jahrelangen heißen Wünsche, auch unserer jahrelang endlicher Erfüllung harrender Hoffnungen gedacht, und in den heilverkündenden Ereignissen auch die Bürgschaft der nun baldigen eigenen Erhörung begrüßt. Und Euere Hoffnungen werden gewiß nicht zu Schanden werden. Unser vielgeliebter Kaiser wird gewiß nicht so viele Tausende seiner treuen, mit gleicher Liebe, mit gleicher Hingebung an ihm hangenden Unterthanen aus dem allgemeinen Dankesjubel ausschließen wollen, nachdem er so viele Millionen mit seiner Vaterhuld beglückt! Er wird gewiß nicht so vielen Tausenden sein gnädig Ohr verschließen wollen, nachdem er so vieler Millionen Bitten erhört; wird unser Loos nicht ferner Schmerz und Trauer sein lassen wollen, nachdem er Allen die Freude und den Jubel gespendet. Und gewiß, Euere christlichen Brüder selbst werden mit Euch vereint Euere Bitten vor den erhabenen Thron Eures gemeinsamen Landesvaters bringen; werden ihr Gefühl für Recht, und ihre erleuchtete Menschenliebe gerne dadurch bethätigen, daß sie die gleichberechtigten Brüder im gemeinsamen Vaterlande, in Euch erkennen wollen, gerne das Heil mit Euch theilen wollen, das der Eine Vater im Himmel für Alle spendet; sie werden der eigener. Freude nicht froh sein können, so sie einen Menschenbruder noch im Jammer wissen. Vv Sehet, das hoffe ich mit Euch zu Gott, hoffe ich von dem gerechten gnädigen Herzen unseres erhabenen Kaisers, hoffe ich von dem Rechts- und Liebessinn unserer Landesbrüder und was nur zur Erreicnung dieses Zieles geschehen kann, geschehen muß, es wird sicherlich von Allen geschehen, die durch Stellung und Einsicht zu solchem Werk berufen sind; es wird nichts versäumt werden; mit Kraft Und Eifer, aber auch mit Besonnenheit und Emst werden sie ihre Pflicht erfüllen, und auch was meine geringen Kräfte vermögen, werde ich diesem heiligen Ziele weihen. Aber nur pywin N21V2, aber nur durch Bescheidenheit und Ruhe kann uns geholfen werden! Nur die durch Stellung und Einsicht Berufenen wollet Ihr Euer Wort, da wo es Noth thut, und Früchte fragen kann, führen lassen; und sie werden es thun mit aller Kraft, die die Wahrheit, und aller Entschiedenheit, die das Recht und mit aller Begeisterung, die das Ziel verleihet. Aber auch nur sie lasset Euere Sache führen, und erwartet den Ausgang mit Zurückhaltung und Geduld, ln Gottes Händen liegt unser Geschick, harren wir, wie es Juden ziemt, ruhig seiner Entscheidung. Das haben sich gewiß die Besonnenen unter Euch — und das sind gewiß die Mehrzahl — das haben sich die Besonnenen unter Euch gewiß schon selbst gesagt, und die bedürfen meines Wortes nicht. Aber es könnte auch sein, daß Unbedachtsamere, Unbesonnenere, Unbeständigere, daß vor Allem die leicht die Besonnenheit verlierende Jugend, durch die allgemeine Aufregung hingerissen, sich zu Worten und Handlungen verleiten ließen, die an sich zu tadeln und in ihren Folgen höchst verderblich wären. Sie könnten durch vorwitzige, unverständige Ae ßerungen, durch unbescheidenes, vorlautes Benehmen, den Unwillen ihrer Landesbrüder reizen; sie könnten durch Veranlassung von Ordnungswidrigke'ten und Ungebühr das Mißfallen der hohen Behörden auf sich ziehen — und Ihr wisset ja, wie von jeher die Tadelswürdigkeit des einen Juden so leicht auf alle übertragen worden und das Mißfallen, das einer verdiente, alle büßen mußten. Sehet, da könnten Vorwitz, Unbesonnenheit, Unverstand alles verderben, und dem anzustrebenden Werke unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen. Darum beschwöre ich Euch, geliebte Brüder, beschwöre Euch bei Eurem und unser Aller Heil, wachet über Euch und Eure Angehörigen! Nur ein bescheidenes Entgegenkommen wird das Wohlwollen Eurer Landesbrüder Euch gewinnen; nur bescheidene Aeußerungen über Eure jetzigen und künftigen Verhältnisse im Vaterlande werden Euere Verständigkeit bekunden; nur bescheidene Ehrerbietung und unverbrüchlicher, unverkürzter Gehorsam gegen alle Eure Vorgesetzten und Obrigkeiten Euer Pflichtgefühl und Euern Ordnungsinn bezeugen und nur auf solche Weise wollet der Zukunft getrost entgegen harren. Hoffen wir zu Gott, daß Seine Boten, die Erkenntniß der Wahrheit und des Rechtes und der Liebe in der Brust der Menschen, auch unserem Heile die Bahn ebnen werden. Nur sie sind Waffen, die dem Juden ziemen. Nur Gott ist sein Panier! So es Sein Wille ist, wird Er das Herz der Fürsten und Völker lenken, und unsere Vorstellungen und Bitten mit Erhörungen gekrönt werden lassen. Und hat Se n heiliger Wille es anders beschlossen, so wollen wir auch dann geduldig ausharren, bis Seine Wallung auch uns zu Freude und Jubel ruft. Nur lasset uns nicht durch eigenen Unverstand unsere Zukunft verscherzen! pyann nnjl rcusc durch zurückhaltende Bescheidenheit und Ruhe allein kann uns geholfen werden. Nikolsburg, 23. März 1848. Der Oberlandes-Rabbiner Hirsch. plastischer Deutlichkeit vor meinem geistigen Auge. Stuhl und Katheder verschmähend, stand Hirsch, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, vor uns; seine leuchtenden Augen schienen auf jeden von uns gerichtet; seine Stimme, voll sonoren Wohllautes, tönte klar und vernehmlich durch den großen Raum, der die drei Klassen aufnahm: ",-jjtpn ’BHnb osb xin ptwn cenn twn 03*7 ntn trinn» »Diese Mondeserneuung sei euch Anfang von Neumonden; er sei euch der erste unter den Monaten des Jahres.“ Mit diesem Verse wurde die Stunde eingeleitet. Um uns in das Verständnis dieses und der folgenden Verse einzuführen, entrollte Hirsch uns zunächst ein grandioses Bild des geistigen Tiefstandes, den Israel in Aegypten — dank 400jähriger Knechtschaft — eingenommen hatte. Was wir damals nicht wissen konnten, inzwischen haben wir es erfahren, daß dies Gemälde kein Pbantasieprodukt war, sondern eine geniale Zusammenfassung alles dessen, was im jüdischen Schrifttum die Tradition uns aus dem Leben des jüdischen Volkes in Aegypten aufbewahrt hat. Auf der to gewonnenen Grundlage weiterbauend, suchte Hirsch uns die überragende Bedeutung des Auszuges aus Aegypten für die historische und geistige Entwicklung des Judentums klar zu legen. Die Bestimmungen für die Festsetzung des Neumondes durch die Gesamtrepräsentanz des jüdischen Volkes gaben ihm Gelegenheit, uns zu zeigen, wie die jüdischen Festtage keine Verherrlichung alljährlich wiederkehrender Naturvorgänge seien, die an irgend welche Erscheinungen des Sternenhimmels sklavisch gebunden sind, sondern, wie schon in der Art der Festsetzung von Neumond und Festtag das freie Verhältnis zwischen Gott und dem Volke Israel zum Ausdruck komme. Die Bedeutung des Ghomezverbotes für Pesach führte zunächst zu einer ausgiebigen Erörterung der Begriffe Freiheit und Knechtschaft. Noch tönt bei der Erinnerung in meinen Ohren jene feurige Dithyrambe auf die Freiheit, die wir damals zu hören bekamen und die uns heute verständlicher ist als damals, weil wir wissen, daß Hirsch das Sturmjatr 1848 als praktischer Politiker milerlebte. In wie lichtvoller Weise wußte er uns klarzumachen, daß ein Merkmal vor allem zwischen Herrn und Knecht unterscheide: die freie Verfügung über die Zeit; wie der gleiche Unterschied zwischen Chomez und Mazzoh walte, um uns für alle Zeiten einzuprägen, daß Israel aus der ägyptischen Knechtschaft nur erlöst worden sei, um ganz in den Dienst seines Schöpfers zu treten. In dem ganzen Winter, in dem wir das Glück des persönlichen Unterrichtes durch den großen Meister genossen, sind wir über dieses zwölfte Kapitel des zweiten Buches nicht hinausgekommen; aber es handelte sich ja hier auch nicht um eine bloße Texterklärung. Der Text war nur die Basis, auf der Hirsch vor unseren Augen das Gebäude des Judentums erstehen ließ, uns dabei Ein- und Ausblicke nach allen Seiten eröffnend. Wohl war das Ganze kein Unterricht wie er sonst diesen Altersklassen erteilt wird; aber ich darf uns das Zeugnis ausstellen, daß wir alles taün, um diesen Unterschied auszugleichen. Die gespannteste Aufmerksamkeit herrschte >on Beginn bis zum Schlüsse der Stunde; eine Störung durch irgend eine disziplinwidrige Handlung wäre gänzlich undenkbar gewesen. Dazu kam die krystallne Klarheit des Vortrages, wie sie diesem Meister der Rede bei seiner souveränen Beherrschung des Stoffes eigen war. So war es ein wirklicher Schmerz für uns, als Altersbeschwerden und Krankheit Samson Raphael Hirsch zwangen, seinen Unterricht an der Schule einzustellen. Wir verloren ihn als Lehrer, aber wir haben ihn seitdem wiedergefunden als — Lehrer für ganz Israel. 26