Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
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Beziehung des Gemeindelebens wird der Jude in dem allgemeinen Oe. meindeverband aufgehen; unsere besonderen religiösen Angelegenheiten, die Pflege unserer Gottesdienst-, Unterrichts-, Wohltätigkeitsanstalten, Stiftungen, Fonds, die Sorge für die Stellung und Wirksamkeit unserer Rabbiner und Lehrer, werden fortan jedoch noch immer unser besonderes religiöses Gemeindeleben bilden; hier Gott, dort das Vaterland, werden die Pulse dieses zweifachen Gemeindelebens sein, beide gleich stark, beide gleich belebt, beide einem Herzen entsprungen, einem Herzen zuführend, in ungestörter Harmonie, für Gott und Vaterland unser ganzes Leben einigend. Dieses neue Leben fordert neue Regel, neue Ordnung, und diese müssen mit weiser Ueberlegung geschaffen werden. Eine neue Blüte unseres geistig religiösen Lebens ist anzustreben. Die Hindernisse sind gefallen, die die Gründung und den Aufschwung unserer Schulen, dieser Pflanzstätten unseres geistigen Seins, alle Rabbiner, Vorstände und Lehrer der Gemeinden zu einer großen Versammlung, die der Landesrabbiner nach Nikolsburg berief, um seine weitausschauenden Ideen durchzuberaten, Pläne zu entwerfen und alle zu großer Tat zu entflammen. Vor allem wollte Hirsch eine Synagogenverfassung für alle Gemeinden schaffen. Am 13. April 1849 erschienen alle Delegierten, um eine „Verfassung der Bekenner jüdischen Glaubens in Mähren“ fertigzustellen. Die Ausarbeitungen wurden einem Komitee übergeben und im November wurde eine zweite Versammlung nach Nikolsburg berufen. Die Beteiligung war eine große und allgemeine. Man stand unter dem Eindrücke einer großen, noch Rabbonimplatz auf dem Friedhof zu Nicolsburg. hemmten; es fehlen uns Anstalten zur Bildung unserer Lehrer; es fehlen uns Anstalten zur Bildung unserer Rabbiner; es fehlen uns wissenschaftliche Anstalten zur Pflege unserer Religionswissenschaft im Allgemeinen und im Einzelnen. Die Schulen für die Jugend in den einzelnen Gemeinden bedürfen sehr teils ganz neuer Ordnung, teils frischer geistiger Umbildung und Pflege. — Einheit tut vor Allem Not!“ Diese ebenso weisen als herzbewegenden Worte richtete Hirsch von Nikolsburg aus am 13. März 1849 an alle Gemeinden Mährens. Die bewunderswerte Großzügigkeit der Pläne, die ihrer Zeit um viele Jahrzehnte voraus eilten, die Begeisterung für die ideale Sache erregten das Staunen aller. Diese Worte bildeten das Begleitschreiben einer Einladung an nicht dagewesenen Kundgebung. In feierlicher Versammlung kündigte der begeisterte Prediger der Gemeinde sein Vorhaben an. Aber — der große Moment fand ein kleines Geschlecht. Es war nur eine Wirkung des Augenblicks. Die Zukunft lehrte, daß die Juden Mährens sich nicht reif genug erwiesen, die großartigen Pläne Hirschs zu begreifen noch zu verwirklichen. Kein Widerhall der mächtigen Stimme des Führers ward in Mähren oder Oesterreich vernommen. Auch die Regierung verhielt sich passiv. Der Verfassungs-Entwurf wurde wohl der Regierung unterbreitet, aber von ihr nicht erledigt. Ebenso erspricht weiter, als sei nichts vorgefallen. Zu Bause gabs für mich Prügel und für meine Eltern einen verstörten rciP; aber auch ohne das hätte ich von selbst mich nie wieder bei der Predigt an einer Bauerei beteiligt. Umso herzlicher jedoch bewahrten wir dem Herrn Rabbiner unsere Freundschaft, bis sie allmählich in Ehrfurcht sich wandelte in dem Maße, in dem aus dem Gassenjungen sein Schüler wurde, auf dessen Berzenstafeln er, der Gewaltige, und sein herrlicher Sohn, nm:^ DyroT. tiefer und tiefer die Mahnung grub: nrIR 'Q VI'■ Schulerinnerungen. Von Moritz A. Loeb, Frankfurt a. M. I. Quarta. I.) der Quarta herrscht große Aufregung. Ursache: Die Eisbahn auf dem Röderspies ist eröffnet, ein Ereignis, auf das alle Quartanerherzen in diesem unverantwortlich milden Winter seit Monaten bisher vergeblich warteten. „Und heute ist erst Dienstag; bis zum Sonntag, wo wir zum erstenmal einen freien Nachmittag haben, kann schon wieder Tauwetter sein,* meint unser Primus. „Ja warum hast Du denn Berrn Dr. Boffmann *) das nicht gesagt, daß wir den ganzen Winter noch nicht zum Schlittschuhlaufen gekommen sind?“ bemerkt vorwurfsvoll ein anderer. *) Damals Klassenlehrer in der Quarta, jetzt Rektor des Rabbiner- Seminars in Berlin. „Sei doch nicht so dumm! Natürlich habe ich ihm das gesagt, aber er meinte, das ginge ihn nichts an!" Tiefbetrübt hören wir alle diese Kunde, lacht doch der helle Sonnenschein gar so verführerisch zum Fenster herein und zaubert uns das Bild der Eisbahn mit allen ihren Reizen vor Augen. „Wißt Ihr was,“ ruft da ein Dritter, „wir gehen zum Direktor und bitten ihn um einen freien Nachmittag!“ „Jawohl, jawohl, wir gehen zum Direktor!“ schallt es von allen Seiten. Als die stürmische Begeisterung, die dieser treffliche Vorschlag hervorgerufen, sich gelegt hat, erhebt sich natürlich die Frage, wer der Bote sein soll. Neue Verlegenheit, unser Primus lehnt entschieden ab; seinem Beispiele folgen eine ganze Reihe anderer. Es wird mein Name genannt. Ich will ebenfalls ablehnen, aber da erhebt sich allseitiger Widerspruch, die vox populi entscheidet einstimmig, daß ich zu senden sei. Da die Pause gleich zu Ende sein muß, schieben mich 20 Bände sanft zum Klassenzimmer hinaus und bald stehe ich vor der Türe des Direktorzimmers. Ich lausche, kein Ton läßt sich hören. Es dämmert die Hoffnung in mir auf, daß der Direktor vielleicht abwesend und so meine Mission schnell zu Ende sein könne. Ich fasse mir also ein Herz und klopfe kräftig an und — ein ebenso kräftiges „Herein!“ ertönt als Antwort! Jetzt ist der Rubikon überschritten; es gibt kein Zurück mehr! Befangen bleibe ich an der Türe stehen. Die kleine gebeugte Gestalt des großen Mannes an dem niederen Schreibtische richtet sich empor, die glänzenden Augen wenden sich za mir und mit gewinnendem Lächeln ertönt es: „Nun, Loeb, was bringst Du uns Gutes?“ 24