Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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der Revolution hervorgegangen, ohne Rücksicht aut die Festigung und Stärkung der Majestät des Thrones eine Stellung einnahmen, die mit der dem Kaiserlichen Hofe gebürenden Treue wenig' vereinbar sei" für aufgelöst zu erklären. Wie ein Donnerschlag an sonnenklarem Tage wirkte diese Kunde. Aber das sehnsuchtsvolle Hoffen der vaterlandstreuen Juden in Oesterreich wurde nicht enttäuscht. Was der Reichsrat nicht gewähren konnte, gewährte der Monarch. Die volle Glaubensfreiheit, den Genuß bürgerlicher und politischer Rechte, die Gleichheit vor dem Gesetze, Zutritt zu den öffentlichen Aemtern und zum Staatsdienste. Der 2 Dezember des Jahres 1848 war ein Jubeltag für Nicolsburg: Judengasse mit Rabbinerhaus. Gesamt-Oesterreich geworden, der Tag des Regierungsantrittes des Kaisers Franz Josef I. An der Spitze einer Deputation der mährischen Gemeinden erschien Hirsch am 28. März 1849 in Olmütz, um den Kaiser feierlichst zu begrüßen. Er tat es in herrlichen, männlichen Worten. Er sagte: „Als die gütige Vorsehung Eurer Majestät das Szepter über Oesterreichs Völker verliehen, boten Allerhöchst dieselben sogleich beim Antritte Ihrer glorreichen Regierung die Verheißung gleicher Rechte und gleicher Pflichten als Heil und Segen verkündenden Gruß allen Ihren Völkern. . . . Mit welch' freudigen Gefühlen müssen aber die jüdischen Söhne des Vaterlandes dieses heilverkündende Wort vernehmen. War dieses Wort ihnen doch Bürge für die endliche Erfüllung ihrer Hoffnungen, für die endliche Sühne tränenreicher Vergangenheit, für das endliche Aufhören ihrer jahrhundertlangen Leiden.“ — — — „Geruhen E. M. den Ausdruck des von allen jüdischen Herzen geteilten Dankes aus dem Munde der Vertreter der jüdischen Mährer huldreichst entgegen zu nehmen.Möge die gütige Vorsehung das begonnene Werk der Wiedergeburt des Vaterlandes recht bald mit dem Segen des Heils und des Friedens krönen und E. M. in einer langen gesegneten Regierung das süßeste und lohnendste Bewußtsein genießen lassen, der Beglücker Ihrer Völker, der Vater des Vaterlandes zu sein!“ Wiie tief ergreifen uns heute diese Worte, wo sich die Völker Oesterreichs zusammenfinden, um den unendlich geliebten, greisen Kaiser im sechzigsten Jahre seiner ruhmreichen Regierung zu feiern und deutsche Fürsten unter Führung des deutschen Kaisers ihre Huldigung in einer noch nicht dagewesenen Form dargebracht haben. Der junge Kaiser dankte tief bewegt und gab die gütigsten Zusicherungen für alle Zukunft. Mit der ganzen Macht seines Einflusses und der unwiderstehlichen Ueberzeugungskraft seines Wortes hatte Hirsch in dem bewegten Jahre zu Zurückhaltung und Mäßigung aufgefordert, Kaisertreue und Regierungstreue geboten ln keinem Augenblicke ließ er seine große Aufgabe aus dem Auge. Mit prophetischem Blicke erkannte er die Gefahren der jungen Freiheit und in wahrhaft ergreifenden Worten wendet j er sich an seine ihm treuen Brüder. Der große Organisator ist | in jedem Schritte, jeder Zeile zu erkennen. Der glühende, begeisterte Jude offenbart sich in jedem Worte, jeder Tat. Vor Allem lag ihm die Erhaltung der Religion und ihrer Heiligtümer am Herzen, für die er zitterte, bangte und bebte. Wie er die Juden zu tiefster Vaterlandsliebe aufrief und weckte, ihnen Respekt vor den Obrigkeiten eindringlich einprägte, unbedingte Bürgertreue mit ehernen Worten predigte; ebenso ernst und groß ist seine Sorge um die von ihm so ängstlich gehüteten Güter des altüberlieferten Judentums. „Die Aufgabe ist groß, ist um so größer, je hemmender und zerrüttender unsere bisherigen Zustände in unser ganzes Einzel-, Familien-, Gemeinde- und Bürgerleben eingegriffen. Aber je größer diese Aufgabe ist, umso mehr wollen wir sie mit dem ganzen Aufgebot unserer Kräfte, mit aller Umsicht, mit aller Einsicht, mit aller Aufopferung, mit allem entschiedenen heiligen Willen, vor allem mit allem ernsten brüderlichen Zusammenwirken erfassen, und Gott wird auch die Lösung dieser Aufgabe mit dem Segen des Gelingens segnen. Neue Bahnen des Erwerbslebens, der gemeinnützigen Tätigkeit sind uns eröffnet, alte Bahnen eines von der Not uns aufgedrungenen Erwerbes sind zu verlassen, sind wenigstens auf die Jugend nicht zu vererben. Anstalten wollen geschaffen werden, in denen unsere Jugend zum Ackerbau, zur Arbeit, zum Handr werk, zu jeder nützlichen, von uns bis jetzt nicht gepflegten Tätigkeit herangebildet, Anstalten, durch welche unsere Brüder zur segenreichen Betretung der neu eröffneten Erwerbsbahnen angeleitet und unterstützt, Anstalten wodurch ein besonnener und vernünftiger Gebrauch der uns gewordenen Freiheit im Erwerbsleben angebahnt werden könne. Eine Umgestaltung unseres Gemeindelebens ist unabweislich geworden; die Mauern des Judenghettos sind gefallen, ein neues Gemeindegesetz wird das Gemeindewesen im Allgemeinen regeln und in jeder bürgerlichen machen" konnte. Fehlten uns auch seine blinkenden Schuhe, sein schön ) frisierter Scheitel und seine fürstliche Gestalt, so mimten vir ihn wenigstens vom Talliswun bis zur Verbeugung bei baui chaloh, vom Wechseltritt am Slmchas Tauroh bis zu den drei Positionen beim Kaur’im-Fallen, vom königlichen Heben des Kidusch-Be chers bis zum Lulow-Zittern und Chanucka-Lichtbenschen; und ebenso in Wort und Ton von der eleganten Wochentags- Sch’maune eßre bis zur bebenden Awaudoh, vom Asloh Geresch (auf imp3 Tm) am Nachmittag des Taanis Esther bis zum graziösen Mazzomehl- Angebot an den Schwath-Freitag-Abenden, von der Eicho-Elegie bis zum Jahrkadisch. Unbewußt empfanden wirs, daß d t jeder Zoll ein König und jeder Laut ein Genuß für sich war, und beim Salamanderfang am Metzgerbruch und beim Schwimmen im Main, auf dem Feldberg und im Schulhof übten vir Chasonus, lernten wir oren. Und der dritte der drei, der Herr Rabbiner, war unser Fr eund, mit ihm verkehrten wir so vertraut und kameradschaftlich, daß in späteren Jahren, als wir seine überwältigende Größe spürten, mir mein damaliges Verhältnis zu ihm als ein Frevel erschien. Damals aber zog er vor uns Rangen tief den Hut, wenn wir auf der Straße schon von weitem die Mützen abrissen; er drückte uns kräftig die Hand nach dem Benschen am Freitag-Abend; er belachte laut und herzlich unsere kecken Bemerkungen, wenn wir uns zum Minjan in sein Zimmer mit hineindrängten; er unterhielt sich mit uns in unserer Sprache, interessierte sich für jeden Schmiß, den uns ein Philantropinschüler versetzt hatte, bestätigte uns, daß unsere eingetauschten Briefmarken echt waren und nicht gefälscht, beklagte mit uns, daß der Herr M..... . zu streng sei, prüfte genau unsere Fußbälle, Kampfriemen, Salamander und nie unsere Schulkenntnisse — kurz, er war halt unser Freund und dabei doch sonst ein sehr angesehener Mann. Dafür brachten wir ihm auch Blumen mit \om Röderberg und besuchten ihn meist, wenn wir vom Schvimmen an seinem Hause in der Schönen Aussicht vorbei kamen. Wir wollten wohl gern länger verweilen, weil es gemütlich bei i m war; aber ich weiß nicht, wie es kam, nach einer Minute waren wir stets wieder draußen. Waren wir in Großschul jederzeit heimisch, so fühlten wir uns ganz besonders zu Hause, wenn wir bei der Predigt auf dem großen Platz standen zwischen der Kanzel und den vordersten Sitzreihen; dieser Platz erschien uns damals von unendlicher Ausdehnung, und da wir aus Furcht vor dem Herrn M.immer nur schrittveise Vordringen konnten, so dauerte es gewöhnlich die ganze Predigtstunde, bis wir von einem Ende der Länge nach zum anderen gelangten. Eigentlich wollte der Herr M.. daß wir während der Predigt still standen, und manche handgreifliche Mahnung vies uns leise zurecht, wenn wir zu lebhaft vorgingen. Immerhin war angesichts unseres Freundes auf der Kanzel unsere Furcht vor dem Herrn M. während der Predigt erheblich geringer als sonst, und da wir sieben den Platz mit vielleicht zwanzig oder dreißig anderen Rangen teilen mußten, so waren Reibereien schver zu umgehen; meist war es darum ein bißchen unruhig in unseren Reihen, besonders wenn auf der vordersten Bank Barmizvo - Jungen saßen, in deren unmittelbarer Nähe jeder von uns sein wollte, um zu sehen, ob sie pünktlich aufstehen, wenn am Schluß der Predigt der Herr Rabbiner das Wort an sie richtete: außerdem hatten wir die Barmizvo-Jungen überhaupt gern, weil diese das Leben in Großschul noch sensationeller machten als es uns ohnehin schon war. Als wir einmal heftig miteinander rangen, und der Herr M.nach erfolglosen Rippenstößen uns vom lieben Tummelplatz weg in die hinteren Regionen jagen wollte, da sahen wir mit unseren eigenen entzückten Augen, daß der Herr Rabbiner von der Kanzel herunter mitten im Reden ihn mit einer bittenden Handbeve ung bedeutete, er solle uns doch da lassen. Hei, hat uns das gefreut! Und in unserer Genugtuung über den Sieg und die Hilfe unseres Freundes blieben wir sogar beinahe ganz ruhig stehen bis zum letzten Wort. Der Herr M.hat sich das aber gemerkt, und als bei einer der nächsten Predigten „Stöcker fünf Barmizvo-Jungen“ dasaßen, ließ er uns raufen und stand unbeweglich unter uns, als sähe er nichts. Schon fingen die Leute hinter uns an zu zischen, was uns aber einerlei war und Herrn M. auch. Da half sich der Herr Rabbiner selber; er hatte gerade die Worte gebraucht: .ein Heiligtum“ und wiederholte mit scharfem Blick auf uns herunter und mit erhobener Stimme, die uns wie Donner vorkam: . im Heiligtum, in dem auch der kleine Jude wissen soll, vor Wem er steht!. Verdonnert und verdutzt schauen wir auf, da winkt er uns leise zu und 23