Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449324--64606-2507204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Weit gepriesenen und geliebten Kaisers von Oesterreich, Franz Josef I., in dem 60 Jahre seit seiner Thronbesteigung vollendet sein werden, von hoher Bedeutung und lebendigstem Interesse, dieser großen Zeiten zu gedenken, die seinem Regierungsantritt vor angingen und im ersten seiner Regierungs jahre ihre Fortsetzung fanden, um erst im Laufe der Jahre die reifen Früchte zu zeitigen. Der erste, große weltgeschichtliche Erfolg der Freiheitsbewegung war die Einberufung des ersten konstitutionellen Reichstages nach Kremsier. Am 22. November wurde er im Palais 1848 forderte er die Gemeinden auf, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren, treu bei der väterlichen Religion und ihren Heiligtümern auszuharren. Kurz vor der Abstimmung über den entscheidenden § 16, der die Emanzipation der Juden verheißen sollte, versammelte er im Hause des gelehrten und reichen Kremsierer Vorstehers Raphael Kohn die gewählten Vertreter der Provinzen Oesterreichs, um über die Mittel zu beraten, durch die das erwünschte, heißersehnte Ziel erreicht werden könnte. Dem Reichsrate legte er eine Denkschrift vor, die jedem Mitgliede übergeben wurde und der als Motto die Worte behagen. .'Cif Inari*- Die „Bruch" mit „Neuschul" in Nicolsburg. des Erzbischofs Maximilian Joseph eröffnet. Drei Rabbiner; waren als Abgeordnete zugegen: Isaak Noa Mannheimer, Baer j Meiseis und der Oberlandesrabbiner von Mähren j und Schlesien, Samson Raphael Hirsch. Er war; hochgeachtet und geschätzt, wo immer er auftrat. An einem I Sabbate predigte er in der Synagoge anknüpfend an Micha 5, 13 j über Moses als Vertreter des Gesetzes, Aron als den des j Gottesdienstes und Mirjam als Repräsentantin der Wohltätig-! keit. Auch hier zündeten seine Worte und erregten die Bewun- 1 derung der Hörer. In einem Aufrufe vom 2. Mai und 8. Oktober j „Weise dieses Blatt nicht zurück, es wird vom jüdischen Bruderherzen Dir gereicht!" In der Denkschrift ward das ganze schwere Unrecht in markigen, großen Zügen dargestellt, das den Juden Oesterreichs bisher zugefügt worden war. Die Mitglieder des Reichsrates hatten aber bekanntlich keine Gelegenheit mehr, die Denkschrift zu behandeln. Am 6. März 1849 um 9 Uhr abends wurde im Reichsrate über das Verhältnis des Staates zu den Religionsgesellschaften verhandelt. Wenige Stunden später kam Minister Stadion aus Olmütz mit dem Befehle, den Reichsrat „dessen Mitglieder, aus den Wirren 2U. Feindschaft und Selbst ache, Kampf Aller gegen Alle, das ist, von aller Phrase entkleidet, unerbittlich das Grundprinzip, dem jede Gesellschaft verfallen muß, aus deren Geda kenkreise es gelingen wurde, den Namen Gott zu streichen. Für den Verlust vermag Menschenklugheit keinen Ersatz zu finden. Vor dreißig Jahren. Von Gottfried Goldschmidt in Halberstadt. Vor dreißig Jahren war ich ein zehnjähriges Individuum, das man damals (und mit Recht) einen „Lausbub“ nannte, d. h. so sagt man in Frankfurt, im Norden des Reiches nennt man’s einen Strick. Deren gabs zu meiner Zeit in Frankfurt einige ... zigtausend; doch sechs davon und ich bildeten einen geschlossenen Kreis. Die Hauptgebiete unserer Tätigkeit waren außer dem Schulhof der Röderwald und der Bach Metzgerbruch, der sich in den Main ergießdas Wirthsche Schwimmbad und die Goetheruh, der Feldberg im Taunus, die Rechneigrabenstraße, in der die Schlachten zwischen den Philantropin-Schüiern und uns Religionsgesellschaftern aus der Schützenstraße Nr. 14 tobten, und so oft als möglich die Großschul'; natürlich die in der Schützenstraße, eine andere kannten wir von innen nicht In Großschul gabs drei Männer, ohne die wir sie uns nicht hätten vorstellen können: den Herr M., den Herr Fr.und den Herr Rabbiner. Diese drei und der Raum, das zusammen war uns Großschul. Daß zum Gottesdienst noch weitere sieben Herren erforderlich waren, erschien uns nicht wesenhaft; allenfalls hätten wir es begriffen, daß wir sieben Buben dazu gehörten. Doch alles andere war überflüssig und störend. Den Herrn M.fürchteten wir. Er jagte uns hundertzwanzig Mal aus dem kleinen dunklen Rückzimmereben, in dem die Barette für die Vorbetenaen lagen und das Hawdolokzeug, die Almemordecken und ändere Gegenstände unsres heißen Interesses; er jagte uns vom Duchan hinunter, wenn wir in den Freistunden da oben Ein- und Ausheben spielten oder mit unseren Röcken auf den Köpfen „duchenten“; er jagte uns aus der Kanzel, wenn wir predigten, vom Almemor, wenn wir lei nten, aus Frauenschul, wenn wir den Inhalt aufgestöberter Riechfläschchen in den Männerraum hinunterspritzten. Und kamen wir zum hunderteinzwanzigsten Male, in der friedlichen Absicht, gleich fing er schon wieder an uns zu vertreiben, sodaß wir immer schneller ZU einer andern Tür hinein^chlüpfen mußten. Bei alledem halfen wir ihm doch so gern bei seinen Vorbereitungen. Einer von uns, zum Beispiel, brauchte nur zu erfahren, wer abends Jahrzeit und vorzubeten habe, so wußte er sofort die Kopfveite des Baretts, das auf den betreffenden Synagogenplatz zu legen war. Beim Umkleiden der Sforim, beim Aufwickeln der Wimpeln prügelten wir uns um den Vorrang. Um Samstags nach Schul das Haftora-Sefer zu stellen, zu wickeln und zu kleiden, batten wir einen Haftora-Stell-Verein gegründet, den Turnus für die einzelnen Ehrenfu;>ktionen durch Statut festgelegt und uns verpflichtet, in Streitfällen (unter Aus chluß des Faustkampfes und der ordentlichen Gerichte) den Herrn Synagogenvorsteher M. Fr. als Schiedsrichter anzuerkennen. Das ging alles glatt und gut. Wenn aber am Erew Jomkipur die schönen Programme verteilt wurden, dann wurden wir schroff zurückgewiesen; und unserem vereinten Angriff gegenüber barg der Herr M.das kostbare Gut ängstlich in den Falten seines Tatars und schützte es wider uns durch Ellenbogenpüffe und mit dem ungestümen Ruf: „Kriegst keins!“ Schließlich kriegten wir dennoch allmählich je sechs Stück und manches Jahr noch mehr, aber mit welchem Aufgebot von Energie und Ausdauer! — Wir wußten ja damals nicht die wunderbare Pflichttreue zu schätzen, die den wackeren schlichten Mann n"31 bis ins hohe Greisenalter zu der eifrigen Hut des Heiligtums beseelte. Der zweite der großen drei Männer in der Großschul, und für uns fraglos der Größte in der Schützenstraße, war Herr Fr.Wenn wir ihn kopierten, gesebahs aus dem heiligen Ehrgeiz, ihm ähnlich zu werden. Er war unser Heros, und beneidet wurde der Kamerad, der ihm „gut nach- 22

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.