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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 38

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 38)
Language
German
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Mancher in der Zukunft bedeutende Lehrer in Israel hat zu Hirsch's Füßen in Nikolsburg gesessen. Schon das erste Rundschreiben, das Hirsch in der Form eines Hirtenbriefes an die Rabbiner der Gemeinden sandte, erregte deren Unwillen. Sie konnten gar nicht begreifen, daß der Landesrabbiner Ratschläge geben könnte oder dürfte, die sich auf die rituellen Institutionen, Unterricht, Gottesdienst, Gemeindeleben, Krankenpflege, Wohltätigkeit, Armenwesen bezogen. Eine Synagogenordnung, die alles bis an das Kleinste regeln sollte, wirkte „wie ein Geßlerhut.“ Die Einrichtung der Trauungen in der Synagoge und nicht auf offener Straße, die Trauungsreden, wurden scharf bekrittelt. Völlig unfaßber erschien es, daß ein Landesrabbiner sich gar um die äußere Erscheinung der Rabbiner Die Altschul in Nicolsburg. bekümmerte. „Blau-Tuch ist jetzt modern“ meinte der sonst so weltkluge, diplomatische Rabbi Abraham Placzek in Boskowitz, den Hirsch selbst nach seinem Abgänge zum Nachfolger vorschlug. Und wenn der Landesrabbiner gar am Sabbat im Frack und weißer Binde erschien, dann konnten das die Herren nicht verstehen, zumal sechzehn Jahre vorher Rabbi Mordechai Benet in langem Seidenkaftan und hoher Pelzmütze durch die Gasse gewandelt war, wo alles dem verehrten Manne scheu auswich. Wenn im Lehrhause Psalmen methodisch übersetzt und erklärt wurden, Lexikon und Konkordanz als Rüstzeug benutzt wurden, dann seufzte einer der Dajjanim: „Vor Zeiten hat man Gemore gelernt und Thillim gesagt, jetzt sagt man Gemore und lernt Thillim.“ Solche Worte sind typisch und so unbedeutend sie scheinen, für die Schwierigkeit von Hirschs Stellung bezeichnend. Wie unrichtig Hirsch beurteilt wurde, beweist die Erscheinung, daß die Alt-Talmudisten in ihm einen Reformator, die Neuerer vom Schlage Fasseis einen „finsteren Orthodoxen“ erblickten. Sein reines, großes, wahres Streben wurde nicht erkannt, weil es nicht begriffen wurde. Trotzdem aber fand der rastlose Mann Gelegenheit, die Großzügigkeit seiner jüdischen Lebensauffassung und die Kraftentfaltung seines starken Geistes fühlen zu lassen. Die politischen Ereignisse drängten immer deutlicher mächtigen, folgenschweren Begebenheiten zu. In den Grundtiefen der Ghettomauern bebte es, gleichwie in den Gründen der beengenden Stadtmauern. Hirsch ruhte und rastete nicht, die Zeichen der Zeit erkennend, die Emanzipation der Juden in Wort und Schrift mit flammender, hinreißender, gewaltiger Rede zu fordern. Sogar an die „Christlichen Brüder“ richtete er liebevolle, ernste, von tiefer Gottesfurcht diktierte Worte der Ermahnung im Interesse seiner Glaubensbrüder. Sie blieben keineswegs unbeachtet. Sein Ansehen war doch in kurzer Zeit ein großes geworden. Die Persönlichkeit erzwang Respekt und Ehrfurcht. Darüber war kein Zweifel, daß hier ein harmonisch übereinstimmendes Denken und Handeln, getragen und geleitet von tiefster altjüdischer Religiosität, sich offenbarte. Die Kunde beginnender Völkerverbrüderung drang in die Judengasse. Die Februarrevolution von 1848 mit ihrem gewaltigen Wogen flutete nach Oesterreich hinein. Am 20. März richtete Hirsch „Ein Wort zur Zeit an unsere christlichen Brüder im gemeinsamen Vaterlande“ in welchem er sagt: „Es tagt an Oesterreichs Himmel, Schatten hundertjähriger Nacht beginnen zu fliehen, und ein Tag verkündendes Morgenrot zieht herauf. Eine neue Zeit ist eingetreten. — Schon haben deutsche Fürsten ihre Gerechtigkeit besiegelt, indem sie gleiches Recht auch den jüdischen Kindern ihres Reiches zugesprochen. Werden Oesterreichs edle Söhne die letzten sein? . . . Und wird dieser Bitte, von Oesterreichs edlen Söhnen vor des edelsten Fürsten Thron gebracht, die Erhörung fehlen? O nein, nein! Darum an Euch ihr christlichen Brüder im gemeinsamen Vaterlande, an Euch richten Eure jüdischen Brüder das Wort! Lasset uns nicht allein hintreten zum Throne des gemeinsamen Vaters; mit uns, für uns sprechet das Wort! Zeiget, daß das Recht in Eurer Brust eine Wahrheit geworden, zeiget daß Ihr die Schmach der Jahrhunderte tilgen wollt, nicht nur die Schmach, die Ihr gelitten, nein, auch die Schmach — verzeihet — die Ihr geübt! — —“ Am 14. März war Kaiser Ferdinand gezwungen worden, die Konstitution zu verleihen, Preßfreiheit zu verkünden, die Volksrechte zu besiegeln. Die Freiheitsglocken klangen durch ganz Europa. Hirsch stand an der Spitze der die Juden-Emanzipation fordernden Bewegung in Mähren. Es ist in diesem Jubeljahre des ehrwürdigen, von der ganzen 12. Gewiß muß der Mensch zur Erkenntnis des Rechten selbst das meiste tun. Um aus dem in der Thora uns geöffneten Born der göttlichen Wahrheit für jeden vorliegenden Fall, für jeden zu tuenden Schritt das Rechte zu schöpfen, bedarf es des Aufgebots der ganzen eigenen geistigen Anstrengung. 13. Israel ist der Bote der Erlösung an die Menschheit, der Verkünder und der geschichtliche Beweis zugleich, daß es eine Wiedererhebung aus aller Gesunkenheit, eine Erlösung aus allem leiblichen, geistigen, sittlichen und menschengesellschaftlichen Uebel, eine Auferstehung aus aller leiblichen und sittlichen Erstorbenheit gebe, und daß Gott es ist. der die Bande des Todes und der Schuld löst und mit seinem Weckruf und seiner Allmachtsgnade in jedem Augenblick bereit ist, ein neues Leben und eine neue Zukunft zu gewähren. 14. Das Sterben eines Menschen ist nur eine Folge der von Gott einmal gegebenen Naturordnung, offenbart somit zunächst nur diese Naturordnung, deren Macht kein Mensch sich entzieht. Aber das Leben, vor allem die Wiederbelebung, die Neuverjüngung eines bereits verlorenen Daseins, sie ist der Gott offenbarende Fingerzeig, sie zeigt Gott, wie Er über den von Ihm geordneten Naturgewaltert steht und ewig bereit ist, dem Menschen für sein künftig treues Schaffen, für seinen künftig pflichttreuen Gottesdienst auf Erden neue Kraft und neues Leben zu spenden. 15. Dem heidnischen Gedanken zeigt sich die höchste Gottesmacht indem Damiederwerfen der höchsten Menschenmacht und Größe, in der zu fürchtenden, tötenden Gewalt, welcher alles Lebendige erliegt. Denn seine Götter sind ja eben nichts als die Gewalten der von Gott geordneten Natur. Die jüdische Wahrheit aber spricht: So wahr ich lebe, spricht Gott, ich finde meinen Willen nicht an dem Streben des Bösen, sondern an der Rückkehr des Bösen von seinem Wandel, auf daß er neues Leben gewinne. 16. Was von dem Menschen im Grabe liegt, zollt nicht mehr den Lebensdienst, in welchem der Mensch auf Erden die sittlich freie Gotteshuldigung nach göttlichem Willen betätigen soll. Was von dem Menschen im Grabe liegt, folgt eben den Einflüssen der Naturgewalten, denen er verfallen ist. Der lebende Mensch hat durch die sittlichfreie Lösung seiner ihm von Gott angewiesenen Lebensaufgabe Gott zu huldigen. Nicht das vorzeitige Sterben, das ausdauernde Gott huldigende Leben ist sein Wille. 17. Gott stellt unser sittliches Wollen und unser sinnliches Begehren durch Leiden auf die Probe; Versuchungen, die ja selbst nur unsere Läuterung, unsere sittliche Kraft und Standhaftigkeit erhöhen, somit was sie an äußeren Annehmlichkeiten versagen, reichlich durch inneren Gewinnst aufwiegen. . 18. Nicht erst an jenem großen einstigen Gerichtstag, an welchem alles Böse vor dem hervortretenden göttlichen Unwillen in Vernichtung sinkt auch jetzt, in jeder Zeit läßt Gott den schlechten, pflichtvergessenden Menschen seinen Unwillen fühlen. Es kommt dem Schlechten jeden Tag fühlbar zum Bewußtsein, daß Gott ihm zürnt, daß er nicht auf dem rechten Weg ist, und wäre es auch nur durch die innere Unruhe, die Stimme des Gewissens, diese Gottesstimme im Menscheninnern, die ihn quält. 19. Bei der Verbreitung oder Nichtverbreitung der Gotteskenntnis handelt es sich nicht um die Gott nach Gebühr zu zollende oder zu versagende Huldigung; es handelt sich vielmehr um das gesamte soziale Wohl und Weh der Menschen, das in allererster Linie durch den lebendig wirksamen Einfluß bedingt ist, den der Gottesgedanke auf die Gesinnung und das Verhalten der Menschen gegeneinander übt. 21

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