Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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grüße: mODlin pbntP QtpDn "pTD fuhr dieser im Rabbinatsornate in seine Wohnung. Nach einstündiger Rast wurde in der „Alt sch ul“ das Abendgebet verrichtet. Diese war von dem jüdischen akademischen Maler L. Sommer aus Wien restauriert. Begleitet von den vornehmsten Mitgliedern der Gemeinde, unter Fahnenflattern und Musikklängen, zog der Rabbiner in die Synagoge ein. Am Abend wurden die Straßen illuminiert und Fackelzug mit Serenade währten bis gegen Mitternacht Sabbat am 26. Juni predigte Hirsch zum erstenmale (p|?2) über den Text: m- Alles war hingerissen und begeistert. Die eigentliche hochfeierliche Installation jedoch fand am 30. Juni statt. Die ganze Judenstadt war festlich geschmückt, Straßen und Häuser herrlich dekoriert. Der Tempel besonders prangte in Blumenpracht Die jüdische Schuljugend hatte von der Rabbinerwohnung bis zum Temr pel Aufstellung genommen. Als Repräsentanten der Regierung waren der Kreiskommissar und Kreissekretär angekommen. Gäste aus der Nähe und Ferne waren eingetroffen. Unter einem prachtvollen Baldachin, durch eine Doppelreihe geschmückter Fahnenträger schritt der ehrwürdige Landesrabbiner begleitet von den Wahlrabbinern und Gemeindevorständen in den wahrhaft herrlichen Tempel, woselbst die dichtgedrängte, festliche Menge in freudiger Erregung harrte. Mannheimer war zur Installationsrede berufen worden; Sülzer mit seinem Tempelchore erschienen. Die Predigt Mannheimers knüpfte an den Text: nit arvac^ wir Tom n”yn hy w'8 nirrrn /'*piu«e 'n ipc' ^31 Q7VXA Sie war von tiefster Wirkung. Darauf erfolgte auf dem A I ra em o r — einem herrlichen Bauwerk, das damals von vier prächtigen Säulen umgeben war und heute nur mehr als kümmerlicher, stylwidriger Rest sein Dasein fristet, da er aus der natürlichen Mitte nach vorwärts gerückt wurde — durch die Regierungsbeamten und zwei Wahlrabbiner die Installation und Beeidigung. Dann hielt Hirsch die Antrittsrede, anknüpfend an den Text: 'n "}.“nNDn uwb — — Der Eindruck war, wie die Chronik meldet, ein unbeschreiblicher. Selbst der glänzende Mannheimer war hingerissen und übertroffen. — Nach der Predigt wurde das I n s t a 11 a - tionsdekret durch den Kreiskommissär überreicht. Dann trug S ul /.er noch einige Psalmen vor und mit der Volks-Hymne schloß die weihevolle Feier. Ein festliches Diner vereinte Hunderte von Gästen. Alle Armen der Gemeinde erhielten an diesem Tage Fleisch und Brot und den Bedarf einer Woche. Man kann sich denken, mit welchen großen Hoffnungen im Herzen und mit welchen Plänen im Geiste Hirsch den Boden Mährens und die geweihte Stätte der Gemeinde Nikolsburg betreten hatte. Hier war ja klassisch-jüdischer Boden. Hier hatten seit mehr als fünf Jahrhunderten Größen Israels, Leuchten des Exils als Rabbiner gewirkt, Hunderte von Jüngern um sich geschart, noch leuchtete die Lichtspur jener Talmudgrößen, wenn auch in geschwächtem Glanze. In der geweihten Erde des Nikolsburger „Hauses der Ewigkeit" ruhen die sterblichen Reste eines Obadjah Eilenburg, Petachjats aus Worms, Menachem Mendl Krochmal, Mordechai Benets. Durch diese winkeligen Straßen der Judenstadt schritt einst der Fuß Liwa ben Bezaleis, David Oppenheimers, Samson Wertheimers. — Sabbatai Koben hat hier Tage verbracht und Samuel Keidenower Wochen. Moses Isserles stattete hier Besuche ab; Rabbi Schmuei Schmelke Hörwitz hat hier die berühmtesten Schüler des „Baal-Schem" und des Rabbi Baer Mizritsch empfangen und mit seiner Weisheit und tiefen Kenntnis der Kabbalah Hunderte nach Nikolsburg wallfahrender Chassidim begeistert. Welch’ eine glänzende, große Vergangenheit. — Aber auch die Epigonen waren noch immer würdige Nachfahren, ln den bedeutenderen Gemeinden Mährens saßen damals, als Hirsch Oberlandesrabbiner wurde, treffliche Gelehrte der alten Schule, gewiegte Talmudisten, von denen manche durch die schneidende Schärfe ihres Geistes und die beißende Lauge ihres Witzes berühmt und gefürchtet waren, viele durch souveräne Beherrschung der Talmud- und Midrasch-Literatur berühmte Namen hatten. In Nikolsburg selbst waren zahlreiche bekannte Gelehrte, in erster Reihe die Rabbinaisassessoren Rabbi Samuel Zilz, Hirsch Teltscher, Josef Knöpfmacher und Moses Lob Kohn. Mit der ganzen Macht seiner beherrschenden Persönlichkeit faßte Hirsch sein Amt als Landesrabbiner auf und griff mit fester Hand in die von strammer Ordnung und Organisation weit entfernten Verhältnisse der Judengemeinden Mährens ein. Er wollte Landesrabbiner sein, nicht scheinen und heißen. Nicht aus Herrschergelüste und Sucht nach Autorität, sondern lediglich aus heißer Begeisterung für das historische, überlieferte Judentum und dessen heilige Lehren. Er fühlte vorahnend deutlich, daß unerschütterliche Grundlagen gelegt, feste, dauernde, treue Stützen gestellt werden mußten. Er strebte mit heißem Bemühen ein gemeinsames Handeln mit den bedeutendsten Rabbinern des Landes an, eine Durchdringung des ganzen, öffentlichen jüdischen Lebens mit Thorageist und Thoraleben. Und dies im ästhetischen Gewände moderner Bildung. Organisation war sein Streben. Und dafür fand er in dem Kreise der Mährisch-Schlesischen Rabbiner weder Verständnis noch guten Willen. Zunächst richtete Hirsch natürlich sein Augenmerk auf die Stammgemeinde Nikolsburg. Ueberall wollte er eingreifen. Mit wenig Erfolg. Bis zum heutigen Tage aber erzählen hochbetagte Greise von seinem edlen, wahrhaft gottbegeisterten Streben. Unvergeßlich zumal sind seine glänzenden Predigten, die er an jedem Sabbate hielt; ein unermüdlicher Lehrer, Erzieher und Ermahner. Dr. Armin Schnitzer, der Oberrabbiner von Komorn, sagt von diesen Kanzelreden, die von den Besuchern der 12 Synagogen der Gemeinde stets gehört wurden und deren er manche gehört hat: „Wer den Mann mit seinem durchgeistigten Gesichte, mit seinen großen flammenden Augen auf der Kanzel sah, wer ihn hörte, wie sein mächtiges Wort bald dem dröhnenden Donner glich, bald wie ein wuchtiger Hammer der Felsen zerschmettert, bald sanft melodisch schmelzend klang, wie Harfenklang aus Himmelssphären; . . . wer da sah, wie seine Gestalt stolz sich hob, wenn er von der Geschichte Israels, seinen Propheten und Dichtern, Kämpfen und Siegen sprach; wie sein Antlitz sich verklärte wenn er mit gläubiger Scheu den endlichen Sieg des Rechtes und des einen reinen Gottesglaubens auf Erden verkündete; der mußte sich sagen: Wahrlich ein Zauber ruht auf den Lippen dieses Rednerfürsten;* der mußte anerkennen, daß er ein Gottbegnadeter sei . . . der von sich sagen konnte: „Der Geist Gottes ruht auf mir, weil Gott mich weihte, Heil zu künden." Bald kamen zahlreiche Schüler nach Nikolsburg, die zum Teil allerdings dort nicht die erwartete, gewohnte Lehrm e t h o d e fanden und vielleicht enttäuscht waren. Gar manche Jünger aber holten aus Hirsch's Lehrhaus die Grundsteine späteren großen Wissens und die Prinzipien ihres jüdischen Lebens. . Lichtstrahlen aus Samson Raphael Hirschs Schriften. (Aus den Psalmen.) 1. Sehr oft üben Spötter noch aus Gewohnheit oder Feigheit die Vorschriften des Gesetzes, machen sich aber über ihre eigene Lebensweise lustig und untergraben mit ihren Reden die Achtung des Sittlichen und Heiligen in der Brust ihrer Nebenmenschen. 2. Im Lebens verkehr auch mit theoretischen Feinden und Verächtern der sittlichen Gesetzlichkeit zusammenzukommen, kann kein Mensch vermeiden und der pflichtgetreue am wenigsten. Nur in der Gesellschaft lassen sich die Pflichten der Lebensaufgabe lösen. Den sozialen Kreis seiner Mitwelt kann keiner sich wählen. Allein über seine Mußestunden kann Jeder nach freier Wahl verfügen. In den Mußestunden gehört jeder sich selber und seinen Gesinnungsgenossen an. 3. Gott läßt lange die Menschen sich in Ausführung ihrer Pläne und in Erprobung ihrer von ihnen überschätzten Einsichten und Kräfte \ ersuchen. Seine Weltordnung ist für den endlichen Sieg des Sittlichen im Menschenkreise berechnet. Er kann die Menschen gehen lasen. Die letzte Summe ihrer Erfahrungen bereitet die endliche Erkenntnis vor, daß Unsittlichkeit und Unrecht nicht der Weg zum Gesamtheil ist. 4. Nicht das zitternde Sichgebrochenfühlen ist die Stimmung, in welcher der Gottesdienst unserer Lebens Wirksamkeit gelöst werden soll, gelöst werden kann. Nur in der heiteren Freudigkeit blüht der ganze Mensch auf und werden alle Kräfte frei, deren der Mensch zur Lösung seiner Aufgabe bedarf. 5. Fortschritt zum Heil gibt es für alle, für Menschen und Völker nur, wenn sie ihre Zuversicht allein in Gott und nicht in Bestrebungen setzen, für welche sie nicht auf Gottes Billigung, somit nicht auf Gottes Beistand rechnen können. 6. Wen Gott zu einem neuen Tag erwachen läßt, dem sichert Gott damit seinen Beistand, zu immer noch wiederzugewinnender Lebens-Reinheit und Lebensheiterkeit. 7. Ohne Erhebung zu Gott, ohne mit unserem ganzen irdischen Tun und Lassen die Nähe Gottes, die Erfüllung seines Willens, die Gewinnung seines Wohlgefallens und seines Beistandes anzustreben, ist unser ganzes Tun und Lassen wertlos und alle unsere Hoffnung eitel. 8. Gott hat noch immer den durch besondere Führung und Fürsorge gekennzeichnet, der sich ihm ganz hingegeben, An dem Lebensgang und Geschick eines solchen ist es immer erkennbar gewest n, daß die gänzliche Hingebung an Gott und das Vertrauen auf ihn kein leerer Wahn ist. 9. Scheingrößen, wie stolz und herrlich sie sich auch darstellen mögen, vor Gottes Augen haben sie keinen Bestand. Mögen Menschen gelungenen Gewaltstreichen zujubeln und sich mit ihnen befreunden, Gottes Haß ist ihnen überall, in hohen und niederen Schichten gewiß. 10. Betrug ist Gott wie Totschlag verhaßt. 11. Die Verachtung der sittlichen Pflichten ist ebenso Torheit wie die Verachtung der Weisheit. 20