Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449324--64603-2507201
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Judenthum nicht auch in staubigem Gewände liebet, wirds auch im Zierkleide nicht lieben. Nicht daher um seiner Schwachen willen, sondern um Euch Starken willen, die ihr es liebt, oder vielmehr, und so meine ich es eigentlich, weder um der einen, noch der andern willen, um keiner willen, sondern um des Judenthums selbst willen, sollte jeder, der es liebt, jederzeit wünschen, daß Alles in ihm, also auch der Gottesdienst, so würdig als möglich sey, und nicht nur wünschen, sondern nach Kräften in seinem kleinen oder größeren Kreise beitragen, daß es werde. Und gerade auf diesem Gebiete des Gottesdienstes ist es eine gar nicht schwere Aufgabe, bey nur einigermaßen richtigem Takt und selbst mit den geringsten Hülfsmitteln mehr Leben und Würde zu schaff;n. Ich weiß dies aus eigener Erfahrung, der ich hier seit mehreren Monaten, selbst mit dem Minimum von Mitteln, die hier zu Gebote stehen, den Versuch gemacht. Aber wir kranken an Einem, und das ist nicht die Schwäche des Schwachen, die hat das Judenthum bereits in früheren Perioden überwunden, sondern das ist die strafwürdige, feige, gleichgültige Schlafsucht der Andern. Was wollen wir von Männern erwarten, die sichs von einem Rabbiner, sage von einem Rabbiner, ins Gesicht drucken lassen, der ganze Talmud sei Spitzbüberei und Unsittlichkeit — ohne auch nur eine Miene, eine Miene von eher Miene zu verziehen. Sie schlafen — und Du verlangst Wirksamkeit von ihnen. Warte bis sie wach sind. Bis dahin muß jeder nur in seinem Kreise und mit seiner Kraft gerüstet stehn und darf nicht auf Genossen warten. Ach, Du klagst über euer Alleinstehen im Leben. Siehe mich, der ich noch isolierter, der ich im ganz buchstäblichsten Sinne allein stehe im Worte. Aber darum sey doch heiter und umsichtig. Jeder stehe auf se’ner Stelle, wohin ihn Gott gestellt, und thue da, mit Postentreue, was er vermag, seine Genossen seyen viel oder wenig. Das Eigentliche wird doch nicht von Menschenhand geschehen, sondern von Gott, der die Sonne aufgehen lassen wird, früher, später, der wir mit taggewordenen Herzen und mit wachgewordenen Augen, selbst in Mond- und Sternen-leerer Nacht rüstig und heiter entgegengeharrt und harren. irxID "liUBO- So denke ich, Lieber, im allgemeinen über die von Dir in Deinem jüngsten lieben Briefe angeregten Gegenstände. Ich wollte auch noch auf das Einzelne eingehen, muß aber noch mit andern guten Freunden plaudern (über bemerke ich nur noch in Parenthese. Sind Deine Freunde nicht d'H'VD wie Du sagst, und auch nach dem ganzen Wurf der Zeiten Dyn. nun so berührt sie ja das Gebet nicht.) Adieu, mein lieber Simon, ich küsse Dich mit Freundeskuß, Gott sey in Dir und mit Dir auf allen Deinen Wegen und halte Dich heiter und stark und gesegnet Adieu, Erfreue recht oft, Deinen Samson. SonneU an Samson Rßphael Hirsch VWST- Als mir in Nichtigkeit entgegentrat Was einst Idol gewesen meinem Streben — Dein Wort: „des Wissens Blüte sei das Leben . . ." Bewies allein sich da als Weisheitssaat. Wie mich, weckst Du Dein ganzes Volk zur Tat, An Deinem Geist wird es sich neu erheben; Für Juda kann's nur eine Losung geben: Die Thora hoch — sie leuchte unsrem Pfad! Noch sind sie Deinem edlen Sinnen fern Und jagen nur nach Tand, die großen Scharen, Doch ich vertrau’, wie Du, auf ihren Kern. Der Weg, den ich gegangen, bringt auch sie Zurück zur Lehre, der allew’gen wahren — Und dann trägt Frucht und Segen Dein Genie, F. Bollag. Samson Raphael Hirsch als Oberlandesrabbiner von Mähren. Von Rabbiner Dr. David Feuchtwang in Wien. Am sechsten Juni des Jahres 1842 starb der hochberühmte Landesrabbiner von Mähren und Oberrabbiner in Nikolsburg Rabbi Nachurn Trebitsch, der Verfasser des □*?env in Prag auf der Reise nach Karlsbad. Er war kaum sechzig Jahre alt geworden. Der vielumworbene Rabbinatsitz, dessen Geschichte bis in das dreizehnte Jahrhundert zurückreicht und der durch Namen geziert ist, die den Ruhm der Träger weit hinaus in alle Kreise der jüdischen Welt künden, blieb durch fünf Jahre verwaist. Es war eine Zeit der Umwälzungen und der Krisen. Das „große Jahr" bereitete sich vor. Auch innerhalb der Ghettomauern, der friedlichen Judengemeinden Mährens, regte es sich. Mancher grelle Lichtstrahl fiel in das romantische Halbdunkel der guten, alten Judenhäuser. In der Residenzstadt des österreichischen Kaiserstaates war die alte Ueberlieferung durch Mannheimers zwar gemäßigteres, aber immerhin zerstörendes Reformwerk längst durchbrochen, ohne daß ernster Widerspruch sich erhoben hätte. „Aufgeklärte Absolutsten" wenn man so sagen darf, gab es schon dazumal in Wien nicht. Die Konservativen waren von den Neologen durch eine so tiefe Kluft geschieden, daß sich die einen um die anderen nicht kümmerten. Zwei Welten ohne verbindenden Gedanken. Moderngebildete und dennoch Traditionstreue gab es so gut wie gar nicht. Der Anschluß der alten Ghettozeit an die damalige Moderne durch versöhnende und ausgleichende, gründliche Erziehung war in ganz Oesterreich versäumt und verträumt worden. Und ist es bis heute geblieben. In dieser kritischen Zeit war der Name Samson Raphael Hirsch's bereits wohlbekannt und auch bis zu den Führern der Gemeinde Nikolsburg gedrungen. Sein „Choreb" hatte ihn nächst den „Neunzehn Briefen" berühmt gemacht und als den Sendboten einer neuen Aera für Israel ahnen lassen. Mähren (und Schlesien), seit undenklichen Zeiten eine Heimstätte großer und vom Ruhme großer Talmudisten und Rabbiner umstrahlter Judengemeinden, sehnte Sich scheinbar nach einem modernen, aber strenggläubigen geistlichen Führer, der die unveräußerlichen Güter ältester Tradition mit den Werten der deutschen Kultur zu vereinigen verstände. Die Wahl konnte damals geradezu auf keinen anderen fallen, denn als auf Hirsch. — Die höchsten Erwartungen knüpften sich an seinen Amtsantritt. Die Tagesblätter begrüßten die Wahl als die glücklichste. „Wir werden ihn mit offenen Armen empfangen („Orient" vom 30. Dezember 1846). Noch nie ward ein Rabbiner mit so freudiger Hoffnung erwartet." „Der rechte Mann ist erkoren" sagt ein anderes Blatt; überzeugt von seiner ungeheuchelten Frömmigkeit wollen wir ihn gerne als Oberhaupt anerkennen. Das ganze Land sieht ihm mit Liebe entgegen." Aus Ostfriesland, aus Emden, seinem bisherigen Wirkungskreise, kamen herzbewegende Klagen über sein Scheiden aus dem Kreise, der ihn unendlich verehrte. In Poesie und Prosa wurde der achtunddreißigjährige Rabbi verherrlicht. Am Sabbat, dem 29. Jjjar 5607 (15. Mai 1847) hielt Hirsch seine Abschiedsrede in Emden „Morgen ist Neumond; morgen ist hier mein Platz leer." Prediger und Hörer waren tief gerührt und bewegt. — „Ein bräutlich festlich geschmückter Tag war der 23. Juni 1817 für die Israelitische Gemeinde Nikolsburg“, erzählt der von dem Vorstandsmitglied Hermann Bing verfaßte Empfangsgruß, „an welchem ihr Religions- Oberhaupt Sr. Ehrwürden Herr Samson Raphael Hirsch als Ober-Landes- Rabbiner von Mähren und Schlesien seinen feierlichen Einzug in Nikolsburg hielt.“ Schon einige Tage früher waren zwei Vorsteher, Herr Hirsch Kolisch (der Begründer des ersten österreichischen Israelitischen Taubstummen!nstituts in Nikolsburg) und Herr Josef Franke mit dem Rabbinatssubstituten Herrn Hirsch Teltscher dem Landesrabbiner bis Prag entgegengeeilt. Am 22. Juni trat dieser mit seiner Familie die Reise in das Land seines hohen Berufes an. „Auf allen Stationen waren von den betreffenden Israelitischen Gemeinden die Vorsteher sowohl, als auch die Rabbiner herbeigeeilt, um den verehrten Gast feierlichst zu bewillkommen.“ „Manche Gemeinden, darunter vorzüglich die Prereuer und Lundenburger, machten es sich zur angenehmen Pflicht, durch besondere Aufwartungen ihre Ehrenbezeugung an den Tag zu legen.“ In Prereu übernachtete der Landesrabbiner mit seiner Familie. Die Israelitische Jugend, die ledigen und verheirateten Männer, alle in festlicher Kleidung und brennende Fackeln in den Händen tragend, machten von dem Stationsplatze bis zu dem für Se. Ehrwürden zum Nachtquartier bestimmten und bereit gehaltenen Wohngebäude zwei imr posante Spaliere. Durch diese fuhr der geehrte Gast in einem sehr eleganten Wagen in Begleitung des Prereuer Gemeindevorstandes, des Lokal-Rabbiners und aller anwesenden fremden Honoratioren unter dem lauten Jubelgruße: mtoy ’C’Hy 15'23-r NT’- Am frühen Morgen des 23. Juni wurde die Reise bis Lundenburg fortgesetzt „allwo der hohe Angekommene von dem Nikolsburger Gemeindevorstande (an dessen Spitze der hochverdiente Herr Franz Koritschoner stand, der eigentlich auf Hirsch hingewiesen und seine Berufung erwirkt hatte), den Rabbinats-Administratoren und mehreren Gemeindemitgliedern ehrfurchtsvoll empfangen wurde.“ Der Lundenburger Rabbiner Mühlrad begrüßte den Angekommenen mit den Worten: "WD3 "py *m und hielt eine kurze Ansprache an ihn, welche von Se. Ehrwürden mit dankerfülltem Herzen geist- und sinnreich erwidert wurde. Um 12 Uhr Mittags langte der Landesrabbiner mit dem großen Ehrengeleite in Nikolsburg an.“ Hier harrten alle Mitglieder der Gemeinde, Groß und Klein, Jung und Alt, Männer und Frauen in festlichem Schmucke des Kommenden. Die erlesensten „Familiensöhne“ mit herrlich geschmückten Fahnen flankierten die beiden Seiten der „Großen Ga$se“ bis zum Wohnhause des Landesrabbiners. Unter dem Jubel- - 19

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.