Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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Er hat das Zeitliche wirklich gesegnet, und ist als der Zaddik dahingegangen, ganz wie er ihn selber schildert. „Der der seine Pflicht, und nur seine Pflicht kennt, der seiner Pflicht und nur seiner Pflicht lebt, der nur daran denkt, Gott und seiner Welt, wie ja sein Charakter lautet, „gerecht4* zu werden, ihnen alles das zu leisten, was in seinen Kräften steht, je bescheidener seine Glücksstellung ist, je weniger er an Gütern und Freuden aus der Welt empfangen und empfängt, umsomehr bleibt ihm die Welt schuldig und als anspruchsreichster Weltgläubiger scheidet er einst aus der Welt.“ (Comm. zu Ps. 37,21.) Indem seine Schüler und Verehrer die Wiederkehr des Tages feiern, an dem dieser große Weltgläubiger vor hundert Jahren der Erde geschenkt wurde, möchten sie auf die Schuld hinweisen, zu deren Abtragung er seine Hinterbliebenen verpflichtet hat. Sie kann nur durch ein Leben und Wirken im Geiste ihres hohen Vorbildes abgetragen werden. Deshalb hat diese Darstellung die mannigfachen kleinen Züge aus dem großen Lebensbild des Heimgegangenen zusammengestellt: An ihnen mögen diejenigen, die in der Brust den Funken glimmen fühlen, den sein Feuergeist in sie gesenkt, sich wie der Epheu an der stämmigen Eiche zur gleichen Höhe, zur Höhe, jüdischer Pflichterfüllung emporzuranken versuchen. 5. R. Hirsch’s erste Rabbinerstelle. Nach den Akten des Großherzogi. Ministeriums dargestellt von Landrabbiner Dr. Mannheimer in Oldenburg. Als im Frühjahr 1830 der damalige Oldenburgische Landrabbiner Dr. Nathan Adler eine Berufung als Landrabbiner nach Hannover erhalten hatte, wurde er vor seinem Weggange von der Qroßherzoglichen Regierung beauftragt, ihr Vorschläge zur Besetzung der vakanten Stelle zu machen. Am 24. März 1830 richtete Adler folgendes Schreiben an die Regierung: „Um einer hohen Aufgabe, vom 6. d. Mts., die Wiederbesetzung der hiesigen Landrabbinerstelle betreffend, auf eine dem wichtigen Zwecke entsprechende Weise Genüge zu leisten, hat der Landrabbiner solche zum Gegenstände seiner sorgfältigen Prüfung gemacht. Als deren Resultat hat er zu berichten die Ehre, daß ihm unter allen den Kandidaten, welche sich um diese Stelle beworben haben, der am geeignetsten zu sein scheint, welcher ihm von dem Herrn Gumprecht, Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. in Vorschlag gebracht und auf das Ausgezeichnetste empfohlen wurde. Derselbe nennt sich Samson Raphael Hirsch, ist aus Hamburg gebürtig, 23 Jahre alt und Kandidat der Philologie. Er hat in seiner Vaterstadt einen wissenschaftlichen Unterricht empfangen, eine jüdische theologische Anstalt zu Mannheim l1/* Jahre lang besucht und befindet sich gegenwärtig auf der Universität zu B >nn, worüber aus den Zeugnissen (Anlagen sub. 1 bis 5) das Nähere erhellt. Der Landrabbiner hat über diesen jungen Mann von vielen Seiten Erkundigungen eingezogen Diesen zufolge soll derselbe guten moralischen Charakters sein, ausgezeichnete Sprachkenntnisse besitzen, und überhaupt den Forderungen, welche man an den jüdischen Geistlichen zu machen berechtigt ist, bestens genügen können. Als kleine Probe seiner homiletischen Fähigketen wird diesem Berichte eine von ihm selbst gehaltene und geschriebene Rede gehorsamst angefügt. Der Landrabbiner beehrt sich das Weitere in hoher Entscheidung Großherzo-U. Regierung mit der ergebensten Bitte anheimzustellen, dieselbe wolle ihm die Resolution mitteilen lassen. Großherzogi. Oldenburg. Landrabbiner. Dr. Adler.“ Die Oldenburgische Regierung wandte sich nun um Auskunft an ihren Bevollmächtigten in Hamburg, an den Konsul Schmidt. Dieser schrieb am 27. Juni folgende Antwort: „Auf das Reskript der Großherzogi. Regierung vom 14. d. Mts. hat Unterzeichneter die Ehre zu erwidern, daß alle von verschiedenen Personen eingezogenen Erkundigungen für den fraglichen Samson Raphael Hirsch günstig lauten. Derselbe ist aus einer rechtlichen Familie, die streng dem alten System anhängt. Doch gibt man ihm . einstimmig hinsichtlich seiner Moralität, seines Charakter*-, seine Fleißes und seiner Kenntnisse das beste Zeugnis, und erwartet, da er in Bonn zu dem Studium zugelassen worden, daß er die dort herrschenden gelinden Ansichten mit den orthodoxen, worin er hier erzogen, zu vereinigen wissen wird, und Juden von beiden Systemen legen eine warme wohlwollende Teilnahme für den jungen Mann an den Tag. Schmidt.“ Hierauf schrieb die Regierung am 28. Juni an Dr. Adler: „Ueber den von Landrabbiner Dr. Adler zu seinem Nachfolger vorgeschlagenen Samson Raphael Hirsch aus Hamburg hat die Regierung so günstige Nachrichten eingezogen, daß sie wünschen muß, ihn persönlich kennen zu lernen, um über seine ferneren Qualifikationen die nötige Ueberzeugung zu erlangen. Würde derselbe daher hierherkommen nnd sich der verordnungsmäßigen Prüfung unterziehen, auch in derselben genügende Proben seiner Kenntnisse an den Tag legen, so würde die Regierung ihn bei Sr.'Königl. Hoheit zum Landrabbiner in Vorschlag zu bringen kein Bedenken tragen. Der Landrabbiner Dr. Adler wird daher ermächtigt, die Ueberkunft des 8. R. Hirsch baldigst zu bewerkstelligen u. s. w.“ Die Prüfung Hirsch’s fand am 28. Juli 1830 vormittags 10 Uhr im Sitzungszimmer der Regierung in Gegenwart des Kammerherrn Regierungsrat von Lützow, des Generalsuperintendenten Dr. Hollmann sowie des Landrabbiners Dr. Adler statt Als Prüfungskommissare richteten sowohl Dr. Hollmann wie Dr. Adler viele Fragen aus allgemeiner und jüdischer Religionslehre und Religionsphilosophie an Hirsch und dieselben Fragen hätten ebensogut einem evangelischen oder katholischen Kandidaten vorgelegt werden können. Spezifisch jüdische Fragen waren sehr wenige darunter. Das Protokoll mit allen Fragen liegt noch im Ministerium zu Oldenburg. Von einer Probepredigt war natürlich keine Rede. Am 3. August schickte der Großherzog an seine Regierung folgende Urkunde: „Unserer Regierung wird auf ihren Bericht vom 30. v. Mts. wegen Anstellung eines Landrabbiners hierdurch eröffnet, daß an Stelle des abgehenden Landrabbiners- Dr. Adler der in Vorschlag gebrachte Samson Raphael Hirsch aus Hamburg zu diesem Posten zu berufen sein wird. Die Regierung hat deshalb das Erforderliche zu besorgen und zu verfügen. Auf dem Schlosse zu Oldenburg, den 3. August 1830. August Die Vereidigung des neuangestellten Landrabbiners fand am 21. September vormittags 11 Uhr statt. Das Gehalt betrug 500Thaler und lOOThaler Wohnungszuschuß. Ueber Hirsch’s Wirksamkeit in Oldenburg ist an anderer Stelle dieser Festschrift berichtet. Der Parallelismiis der Satzglieder. Aus einem Briefe S. R. Hirsch’s an Moses Mendelsohn in Hamburg.*) Oldenburg, den 22. Jury 1836. Mein lieber Onkel! Ihr ungezogener Neffe wagt es, sich trotz seiner Ungezogenheit bey Ihnen einzustellen, um — sich Prügel zu holen; die hat er den Schein allerdings zu verdienen; gleichwohl nur den Schein. Doch will er sich lieber die Prügel gefallen lassen, als diesen Brief mit Auseinandersetzungen ausfüllen, wie so seine Schuld nur Schein sei. Mit lebhaftem Dank habe ich lieber Onkel. Alles gelesen, was Sie mir sowohl in Betreff der von mir erschienenen Broschüre, als der noch vielleicht zu erscheinenden Versuche mitzuteilen so gütig waren. Ersteres weil Sie die mich ehrende Ueberzeugung aussprechen, daß mir gegründeter Tadel lieber sei, als alle Lobhudeley, letztere«: weil es Ihre Theilnahme an mein Vorhaben; und Beides, weil aus allem wie Belehrung, so nicht minder die Beweise Ihrer geneigten Freundschaft mir geworden. Aber lieber Onkel, darf ich es Ihnen gestehen, daß ich Ihnen auf 2 Minuten — denn in der dritten hatte ich es schon mit Ihrer Freundschaft entschuldigt und mwn n*?p^pD D3DN — also auf 2 Minuten recht herzlich böse war? Ums Himmels Willen, lieber Onkel, wie konnten S:e solch übertriebenes, mit Bewußtseyn, übertriebenes, in jeder Zeile unwahres Zeug von Lobhymnen auf den B. U.**) in die Nachrichten rücken! Wären Sie mein, nein B. U’s ä gster Feind, so hätten Sie ja nicht größere Satyre schreiben können! Glauben Sie, lieber Onkel, Uebertreibungen, und nun gar solche Uebertreibungen, und nun gar Lobesübertreibungen, und nun gar in einer Sache, die keineswegs nur Freunde hat, schaden ungemein, und hindern fast alles für die Zukunft. Uebertriebener Tadel, je übertriebener je besser; denn dann bricht die Uebertreibung den Tadel selbst. Uebertriebenes > ob — ist ebenso in sich selbst gebrochen und läßt nur gerechten Tadel über, Das wissen Sie zehnmal besser, als ich es zu sagen vermöchte und nicht deshalb komme ich auf dies längstvergangene zurück, sondern nur, um daran für die Zukunft die herzliche Bitte zu knüpfen, wenn ich je wieder mich in Dr. Faust’s Zauberschwärze ans Publikum wagen sollte, Ihre Liebe zu mir aus Liebe zu mir vor derley Uebertreibung zu schützen. — Ebenso entschuldigen Sie mich gewiß gerne, wenn ich von Ihrem gütigen Anerbieten, die etwa noch zu erscheinenden'Versuche mit einer poetischen Zugabe zu zieren, für diesesmal nicht Gebrauch machen kann? Meine Versuche sind so plan nnd mild und ruhig prosaisch wie es dem ernsten Gegenstand derselben — Pflichten — nur ziemt, daß eine poetische Zugabe Manchem vielleicht nur zeigen würde, was sie seiner Ansich nacu >ein sollten nnd nun einmal nicht sind. Zudem haben mir nie solche poetische Kunststücke von Freunden des Verfassers zugesagt, sie kommen mir immer vor, wie Guckkastenmann mit seinem: „Hier we den Sie sehen, meine Herren“ und das — 'j op ttb — iy 'd — hat ja bei uns kein Ende genommen und so vor allen das: 'nvpV iy, als ob mit jeder Schrift ein *j Moses Mendeisohn, ein Sohn von Hirschs Großvaters, Menachem Mendl Frankfurter war ein vielseitiger Schriftsteller und hebräischer Dichter, er übersetzte in seiner Jugend Campes Entdeckung Amerikas ins Hebräische und verfaßte die Werke AHS? und ter 'CE **) Ben Usiei, unter diesem Namen erschienen die „Neunzehn Briefe“. 17