Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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keine Kenntnis, er hat sie erst nach dem Austrittsgesetz erfahren und war überglücklich darüber, daß eine solche Autorität ihm damit zuvorgekommen war. (Hirsch konnte sich in wahrhaft kindlicher Weise freuen, wenn er nachträglich erfuhr, daß einer seiner Gedanken schon von einem unserer großen Altvordern ausgesprochen war. ln seinen Psalmen-Kommtar erklärt er, daß der Psalm 44 an die Zeit der Marannen in Spanien erinnere. Als man ihn später darauf aufmerksam machte, daß der Psalm-Kommentar von R. Moscheh Alschich dieselbe Bemerkung enthalte, konnte er nicht genug Worte des Dankes für diese Mitteilung finden. So spricht und handelt keiner, der das Streben hat partout als originell 'zu gelten.) Daß vor bereits ca. 90 Jahren R. Moscheh Sofer nawn /> p*?n -isid cnn) den Austritt aus einer Reformgemeinde als religionsgesetzlich gebotene Pflicht erklärt hat, erwähnt Hirsch selber in einer seiner den Austritt aus der Gemeinde behandelnden Schriften. Bekannt ist, daß Hirsch’s früherer Jugendfreund und späterer religiöser Antipode Abraham Geiger in seinen gesammelten Briefen sich schon im Jahr 1837 für die Trennung ausgesprochen hat und zwar in einem von Wiesbaden datierten Brief an Frensdorff vom 21. November 1837 und auch in Briefen an Stern aus den Jahren 1839 und 1843. Bei ihm handelte es sich allerdings um Trennung der Reformer von den Talmudjuden. Es ist hochinteressant, diese Briefe nachzulesen. Der Ton in dem darin dem Schisma das Wort geredet wird, und der tiefe sittliche Ernst mit dem Hirsch für den Austritt aus der Gemeinde eintritt, zeigen die ganze Kluft, die zwischen dem Denken und Fühlen dieser beiden Männer gähnte. Daß die .Freie Vereinigung“ an die alten nron und ihre Bedeutsamkeit anknüpft, die ihnen alle Zeit für die Erhaltung und Erstarkung des Judentums bei den jüdischen Zerstreuten innewohnte, hat Hirsch in der erstenAufforderung zur Gründung der Vereinigung so entschieden und eingehend ausgesprochen, daß es dafür keines weiteren Hinweises bedarf. Hier liegt daher die Originalität nicht in den Ideen, sondern an ihrer Ausführung und an der ganzen Art und Weise ihrer Ausführung. Wie er es verstanden hat, seine Gedanken in Taten umzusetzen, darin steht er in der Tat unübertroffen da. Seine Tatkraft, seine Ausdauer, seine restlose Tätigkeit für die Verwirklichung seiner Ideale, dieser Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit hat Wunder geschaffen. Aber das größte Wunder war doch er selber. Was dem sinnlichen Auge als schärfster Gegensatz erscheint, das hat seine abgeklärte Persönlichkeit zur vollendeten Harmonie versöhnt. Er war ein scharfer Vertreter des strengen Rechts, und wo er es verletzt glaubte, trat er dafür ein und hat es selbst gegen die nächsten Gesinnungsgenossen verteidigt, wenn er es für notwendig hielt. Er stellte immer und überall noK höher als mW, und dabei war er so friedlich und gut, hatte ein so kindlich weiches Herz in der Männerbrust schlagen, die sich allen Kämpfen aussetzte, daß man es selber erfahren haben muß, um daran zu glauben. Sein Kampf, den er ein ganzes Leben lang für den now kämpfte, galt nur der Erringung des oiW. Ein hervorragender Rabbiner hatte einmal in einer öffentlichen jüdischen Angelegenheit ein vertrauliches Schreiben an seine Amtsgenossen gerichtet und sie darin zu Maßnahmen aufgefordert, die Hirsch für höchst bedenklich und schädlich hielt. Er hatte dem von ihm hochverehrten Rabbiner seine Bedenken in sehr entschiedener Weise brieflich nahe gelegt und in der Tat bewirkt, daß jenes Rundschreiben zurückgezogen wurde. Es hat damals nicht an Stimmen gefehlt, die Hirsch’s Vorgehen in dieser Sache nicht billigten und es zu agressiv fanden. Aber keiner von allen diesen wußte, daß Hirsch, als er jenes Rundschreiben erhalten und gelesen hatte, sich niedersetzte und bitter darüber weinte, daß ein so bedeutender Mann in einem solchem Irrtum befangen sein konnte. Aber als er seine Tränen getrocknet hatte, schrieb er seine Entgegnung, er schrieb sie mit solcher Innigkeit, durchglüht von dem Weh, das ihm im Busen wühlte, daß sie sofort den erwünschten Erfolg hatte. Auch wo er für Trennung und Austritte aus der Gemeinde plaidierte, leitete ihn die Rücksicht auf den Gemeindefrieden, den er nur nicht in dem staatlichen Hörigkeitszwang erblickte, der die disparatesten Gegensätze gewaltsam zusammenpferchte, sondern in der freien Entfaltung jeder religiösen Richtung, mochte sie orthodox oder neolog sein. Die Großen, die vor ihm denselben Gedanken ausgesprochen hatten, beschränkten sich auf diese Aussprache, ihn aber hat er zuj Tat gedrängt, er hat ihn verwirklicht; darin liegt seine großzügige Eigenart. Kurz vor seinem Tode wurde im Hinblick auf die erst kürzlich gegründeten Kolonien im heiligen Lande die Frage angeregt, ob sie verpflichtet seien, im Schmittajahr, das damals zum erstenmal seit ihrem Bestände an sie herantrat, den Boden brach liegen zu lassen, oder ob sie berechtigt seien, durch einen zeitweiligen Verkauf, dieses schwere Opfer, das für sie eine Existenzfrage war, zu umgehen. Große rabbinische Autoritäten sprachen sich in erleichterndem Sinne aus, Hirsch trat mit aller Entschiedenheit für die strikte Erfüllung der Schmittagesetze auch unter diesen schwierigen Verhältnissen ein. Aber nachdem er seinen iiO'k ausgesprochen hatte, trat er sofort mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit, in dem er zu Sammlungen für die Kolonisten aufforderte, die durch diese gewissenhafte Erfüllung des Gottesgesetzes ihre ganze Existenz erschwert sahen. Dieser Aufruf war die letzte schriftliche Kundgebung, mit der er vor die Oeffentlichkeit trat. Die Beschwerden des Alters machten sich bei ihm in recht empfindlicher Weise fühlbar. .Meine Gesundheit ist geschwächt, meine Kräfte reichen nicht aus, ich habe an dieser Schrift nur mit Anstrengung und wiederholten Erholungspausen schreiben können. Ich muß daher mit dem bischen Kraft, das Gott mir noch verleihen möge, haushalten und sie für das Nötige ersparen,“ schreibt er in einer 1877 erschienenen polemischen Schrift, also 12 Jahre vor seinem Tode. Dieser Schrift selbst merkt man von der Anstrengung, mit der sie geschrieben, nichts an. Seine unbeugsame Willensstärke und seine eiserne Selbstbeherrschung ließ ihn alle großen und kleinen Unbilden des Lebens mit einem Heroismus ertragen, der selbst seine nächste Umgebung über sein Leiden täuschen konnte. Eine seiner trefflichsten Arbeiten, seine .Vorläufige Abrechnung“ mit Frankel hat er unter heftigen körperlichen Schmerzen, während einer öffentlichen Prüfung seiner Unterrichts-Anstalt geschrieben, die er sobald er abkömmlich war, verließ, um in einem Nebenzimmer seine Arbeit fortzusetzen. In den letzten Jahren seines Lebens hat er an großer Schwerhörigkeit gelitten, die er wunderbarer Weise wenige Tage vor seinem Tode so vollständig verlor, daß er das leiseste Wort verstehen konnte. Sein Auge dagegen war nie getrübt, es strahlte, so lange es offen stand, die ganze Glut seiner Menschenliebe und Geistestiefe in so ungewöhnlicher Weise aus, daß er auch ganz fremde Menschen anzog. Sein letzter Augenaufschlag galt einem aus weiter Ferne an das Sterbebett des Vaters herbeigeeilten Kinde, dann schlossen sich die treuen Augen, diese wahren myn 'ry, für immer; es war am 27. Tewet 5648, am 31. Dezember 1888. Auch dieses Datum seines Todestages ist, wie jeder Zug seines Lebens, ungemein charakteristisch. Schon Jahre vorher hatte er unter anderen letztwilligen Verfügungen bestimmt, daß, da er sein Gehalt pränumerando bezog, der ihm etwa zu viel bezahlte Betrag vom Todestage an gerechnet, wieder zurückgegeben werden solle. Da er jedoch am letzten Tage des Quartals und Kalenderjahres verschied, so hat seine Todesstunde dieser Forderung seiner strengen Rechtlichkeit gleichsam Rechnung getragen. 16