Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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tarier dafür zu gewinnen, bis der Erfolg ihm winkte. Im Jahre 1882 erschien die „Uebersetzung und Erklärung der Psalmen“ und 1884 die klassische Schrift „Ueber die Beziehungen des Talmuds zum Judentum“, deren Bedeutsamkeit und Wirksamkeit an anderer Stelle dieser Festschrift eingehend behandelt wird. Hirsch hatte auch noch die Befriedigung in den letzten Jahren seines Lebens eine zweite Ausgabe der „Neunzehn Briefe“ und des „Choreb“ zu veranstalten, doch erlebte er das Erscheinen der letzteren nicht mehr. Diese Schriften sind die geistige Hinterlassenschaft, die der große Verfasser seiner verwaisten Zeit zurückgelassen hat. Er erscheint durch sie als einer der großen führenden Geister, welche die Vorsehung dem Judentum wiederholt an dem Wendepunkt großer Zeiten erstehen ließ, Es hat nicht an Stimmen gefehlt welche Hirsch’s literarische Wirksamkeit dadurch zu diskreditieren suchten, daß man sie „unwissenj schaftlich“ nannte. Für diese Anschauung ist die Leugnung ] der Göttlichkeit der Thora die erste Vorbedingung für die! Zulassung zur Zunft der „Wissenschaftlichen“. Sie sprechen j einer Forschung, die sich auf dem Boden der Ueberzeugung von D'Dtrn min erhebt, den Charakter der Wissenschaft ab, weil sie nicht voraussetzungslos ist. Sie vergessen aber dabei, daß ihre Leugnung der Thora, mit der sie an deren Schriften herantreten, ihre eigene Wissenschaft zu einer j nicht weniger voraussetzungsreichen macht, daß durch diese j Leugnung die Probleme des Gottesworts und der Erhaltung j Israels, seines Trägers, trotz aller Negation und Willkür, trotz aller Thesen und Hypothesen, nicht nur nicht erklärt.; sondern durch dieses ganze Unterfangen nur noch dunkler j und rätselhafter werden. Wie hoch auch der Cothurn sein! mag, auf dem diese angebliche Wissenschaft der Leugnung j einher stolziert und mit überlegenem Lächeln auf Hirsch's j Forschungen herabsieht, die Zukunft gehört der wahren j Wissenschaft, der wissenschaftlichen Wahrheit, wie sie aus Hirsch’s Schriften zu uns spricht. Die Wahrheit ist ihr eigener Zeuge, sie wird ihren Weg allein gehen. Deshalb darf diese Darstellung von einer Skizzierung und Würdigung der Hirsch’schen Forschungsresultate absehen, sowie von einer Charakteristik seiner Schriften. Sie gilt in erster Reihe seiner Persönlichkeit, und sie wird auch hier die Fülle des Edlen und Wahren nicht einigermaßen erschöpfend darzustellen vermögen. So groß sein Wissen, seine Weisheit und | Schöpfungskraft auch war, seine Bescheidenheit war noch j größer. Als fast ein halbes Jahrhundert nach dem ersten j Erscheinen der „Neunzehn Briefe“ die Auflage längst verj griffen war, und das Bedürfnis nach einer neuen Ausgabe j von allen Seiten lebhaft empfunden wurde, wurde der Ver-! fasser von befreundeter Seite einmal auf dieses Bedürfnis j aufmerksam gemacht und daran die Frage geknüpft, warum j eigentlich eine zweite Auflage so lange auf sich warten lasse? In seiner wahrhaft kindlichen Bescheidenheit meinte der Verfasser, daß es sehr fraglich sei, ob die Kosten der Herstellung durch die Nachfrage gedeckt würden. Auf das ungläubige Lächeln des Fragers, sagte Hirsch: „Glauben Sie wirklich, daß man eine neue Auflage ohne pekuniäres Risiko wagen könne?“ und meinte dann, als die Frage unbedingt bejaht wurde: „Nun, dann will ich’s Ihnen übertragen, Sie dürfen die zweite Auflage besorgen und allen Vorteil daraus ziehen, wenn Sie die Herstellungskosten wagen wollen.“ Um diese Naivität des erfahrenen, weltklugen Mannes zu begreifen, muß daran erinnert werden, daß er niemals einen pekuniären Vorteil bei seiner gesamten schriftstellerischen Tätigkeit gesucht und gefunden hat. „Von dem Ertrag meiner Schriften könnte ich mir kein Paar Handschuhe kaufen“ sagte er oft scherzend, aber es entsprach vollkommen der Wirklichkeit. Er schrieb nur um der heiligen Sache willen, in deren Dienst seine Feder stand, und er war reichlich zufrieden, wenn er dabei auf seine Auslagen kam. In dieser vollendeten Selbstlosigkeit liegt auch eine der Ursachen seiner großen Erfolge. Je geringer der materielle Vorteil war, desto reicher war der ideelle. Ein anderes Moment, das den tiefen Eindruck und die außergewöhnliche Verbreitung seiner Schriften erklärt, liegt in dem bereits angedeuteten Umstand, daß seine Schriften ein Abbild seines Lebens und sein Leben eine Verkörperung der in seinen Schriften niedergelegten Wahrheiten war. Wenn man von den geradezu phänomenalen Entdeckungen auf dem Gebiete der Sprachforschung und der biblischen Exegese, wenn man von seiner grandiosen Total auffassung des Judentums und dem von ihm zum erstenmale wissenschaftlich nachgewiesenen inneren Zusammenhang seiner einzelnen Bestimmungen absieht, vielmehr die Aufmerksamkeit denjenigen Seiten zuwendet, die ihrer Natur nach unmittelbar ins Leben eingreifen und es ausgestaltend beeinflussen, so sind es hauptsächlich folgende drei Momente, welchen seine Lebensarbeit galt, in welchen er als Pfadfinder für neue Bahnen seiner Zeit voranging: I. Die Verbindung von Thora und allgemeiner Bildung als sich gegenseitig fördernde und in einheitlicher Durchdringung zu pflegende Gebiete, wie er sie in seinen Unterrichtsanstalten verwirklichte; II. Die Rettung der selbständigen organischen Entfaltung des überlieferten Judentums als Träger jüdischer Gemeinschaft, durch den Austritt aus den der Reform huldigenden Gemeinden und die Konstituirung der Ausgetretenen zu einem eigenen Gemeinwesen, wie es seine Religionsgesellschaft darstellte, und III. Die Vereinigung sämtlicher, überall verteilt lebender orthodoxen Juden zu einer einheitlichen Organisation, wie er sie in der 1880 von ihm gegründeten „Freien Vereinigung Tür die Interessen des orthodoxen Judentums“ angebahnt hat. Durch diese mächtig in den Lauf der religiös-politischen Entwicklung eingreifenden Leistungen lebt Hirsch’s Name auf aller Lippen auch bei denjenigen, die dem hohen Geistesflug seiner wissenschaftlichen Forschungen nicht zu folgen vermochten. Seine nach tausenden zählenden Schüler und Schülerinnen trugen den Namen ihres Lehrers und die Verehrung für ihn in alle Richtungen der Windrose. Seine Schule hat Schule gemacht und wurde in verschiedenen Gemeinden nach seinem Beispiel nachgebildet. Ebenso ist seine Religionsgesellschaft die Mustergemeinde geworden, nach welcher sich die im Laufe der Zeit erstandenen selbständigen gesetzestreuen Gemeinden konstituierten. Und auch die vereinzelten Bekenner des überlieferten Judentums, die zu minderzählig waren, um ein Gemeinwesen zu bilden, wie diejenigen, bei welchen ein Bedürfnis dazu nicht vorlag, vereinigte seine -Freie Vereinigung” zu einem geschlossenen, einheitlichen Ganzen. Das waren alles tief in die bestehenden Verhältnisse eingreifende Maßnahmen, die der großen Masse Hirsch als einen kühnen Neuerer und einen originellen Schöpfer von bis dahin ungeahnten Neubildungen erscheinen ließ. Und dennoch war Hirsch gerade in diesen Punkten in Wirklichkeit nicht originell und wollte am wenigsten selber dafür gelten. Er war im Gegenteil angelegentlich darauf bedacht, es fort und fort zu betonen, daß er in Wirklichkeit nichts Neues geschaffen, sondern nur an Altes, längst Bestehendes seine Schöpfungen angelehnt habe. Seine Verbrüderung von Thora und allgemeiner Bildung führte er unablässig auf das Wort der großen Weisen zurück: “pn oy nun ne^n ns\ Ebensowenig war er der erste, der den Gedanken eines Austritts aus der Gemeinde wegen religiöser Bedenken ausgesprochen hat. Die Priorität dieses Gedankens gehört dem '28 D2n, der ihn in seiner '□ n"w ausgesprochen und eingehend motiviert hat. Von dieser Entscheidung hatte Hirsch 15