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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 30)
Language
German
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bilden werde. Einige von denen, welche sich dem Banne der Hirsch’schen Anregung nicht entziehen konnten, suchten unter ihren Kindern die am wenigsten Begabten aus; mit ihnen glaubten sie das Unternehmen riskieren zu dürfen. Mit solchem Schülermaterial mußte die Schule eröffnet, und die schwere Verantwortung für ihr Gelingen übernommen werden! Am 1. April 1853 ward die Schule eröffnet. Nun zeigte sich erst, mit welchen Augen die Reformgemeinde und ihre leitenden Elemente auf diese junge eigenartige Schöpfung blickten. Der Direktor des Philantropins erließ ein anonymes Pamphlet gegen die Schule und ihren Schöpfer im Frankfurter Journal, das sich aber nicht auf die Schule beschränkte, sondern das überlieferte Judentum und seine fundamentalen Satzungen dem öffentlichen Gespött preisgab. Dieser ohnmächtige Wutausbruch hat das große Verdienst eine Entgegnung Hirsch’s veranlaßt zu haben, die unter dem Titel: „Das rabbinische Judentum und die soziale Bildung“ in Nr. 83 des „Frankfurter Intelligenzblattes“ am 8. April erschien. — Diese Entgegnung erregte ungeheures Aufsehen und stellte die Jämmerlichkeit des Pamphletisten und seines Machwerkes so schonungslos an den Pranger, daß alle mit Fingern auf ihn deuteten und dieser aus der Not eine Tugend machen und sich zu einer Entgegnung mit seinem vollen Namen bequemen mußte. Der zweite Schmähartikel erschien am 19. April im „Frankfurter Intelligenzblatt“ unter dem Titel: „Das pharisäische Judentum und das soziale Leben“. Darauf folgte drei Tage später in demselben Blatt am 22. April von Rabbiner Hirsch eine Abfertigung, die dem Direktor des Philantropins, Herrn Dr. Heß, jede Freude an dieser literarischen Polemik benommen zu haben scheint; er hat sich nach diesem Schlage nicht mehr zu rehabilitieren versucht. Die Entgegnung ist betitelt: „Das rabbinische Judentum und der Herr Dr. Heß“ und zählt unter die Perlen der polemischen Literatur aller Zeiten. So vollständig der frivole Angriff auch zurückgeschlagen wurde, so siegreich auch die Orthodoxie und ihr Vertreter aus diesem Kampfe hervorgingen, der damalige Frankfurter Gemeinderabbiner glaubte durch eine Broschüre der lahm gelegten Neologie die verlorenen Lorbeern wieder zurückerobern zu können. Er veröffentlichte im Jahre 1854 eine Broschüre mit maßloßen Angriffen und Ausfällen gegen die Mitglieder der Religions - Gesellschaft, in welcher er die Religion im Bunde mit dem Fortschritt als Devise der Neologie bezeichnet. Darauf folgte Hirsch’s Entgegnung; Die Religion im Bunde mit dem Fortschritte, von einem Schwarzen, die zu dem Trefflichsten gehört, das seiner Feder entstammt. Sie ist im dritten Bande der Gesammelten Schriften von S. R. Hirsch abgedruckt. Durch das bisherige sollten die Kämpfe veranschaulicht werden, welche sich an jeden Schritt knüpften, den das junge Gemeinwesen zu seiner Konsolidierung vorwärts tat. Wie hier so trat auch auf allen anderen Gebieten die Eigentümlichkeit zu Tage: Gerade was die Gegner zur Discreditierung und Untergrabung der Religions-Gesellschaft in Szene setzten, gerade das trug am meisten zu ihrer Förderung und Erstarkung bei. Man hat heute keine Vorstellung mehr davon, welche Schwierigkeiten einer zuverlässigen Schechita und der Errichtung aller Kaschrus-Anstalten bereitet wurden, und wie diese Hemmnisse alle nicht nur überwunden, sondern in ihr volles Gegenteil umgewandelt wurden. Aber noch weniger hat die große Welt eine Ahnung davon, mit welcher Weisheit, mit welcher Herzensgüte, mit welchem Gottvertrauen, mit welcher Hingebung seiner ganzen Persönlichkeit, mit welcher rastlosen Tätigkeit und nie ermüdender Pflichttreue, mit welchem nie zu brechenden Lebens- und Schaffensmut und nie zu trübender Heiterkeit Hirsch alle Kämpfe aufnahm und sie zu Siegen gestaltete. Die Entfaltung dieser seiner Religionsgesellschaft ist die beste Folie für eine Beschreibung seines Lebens und Wirkens. Denn er hat sein Leben für sie eingesetzt. An jedem Stein ihres Aufbaues, an jedem Schritt ihrer Entwickelung hängt ein Stück seines Lebens, ein Teil seines Geistes, ein Tropfen seines Herzbluts. Wer ihn in seiner öffentlichen Wirksamkeit in Frankfurt sah als Rabbiner, als Redner, als Lehrer, als Organisator, Berater und Führer des ganzen Gemeinwesens, der konnte leicht glauben, daß darin seine ganze Tätigkeit aufgehe. In Wirklichkeit aber gehörte er nicht seiner Gemeinde, sondern der ganzen Welt, die sich brieflich und persönlich bei ihm einfand, um seinen Rat für alle Fälle des wechselreichen Lebens einzuholen. Die Selbstlosigkeit, mit welcher er diesen Rat erteilte, die tiefe Weisheit, die reiche Lebenserfahrung aus welcher er floß, die Leichtigkeit, mit welcher er die schwierigsten Lagen überblickte, verliehen diesem Rat oft die Bedeutung eines prophetischen Blickes in die Zukunft und bestätigten die Wahrheit, daß ein Weiser mehr als ein Prophet ist. Ein junger Rabbiner, in dessen Amtsbezirk die Schulkinder genötigt wurden, den Sabbat durch Schreiben zu entweihen, fragte ihn um seinen Rat, wie diesem Uebelstande abzuhelfen sei, da alle Behörden sich ablehnend verhalten und das Gros der Bevölkerung selbst mit der herrschenden Religion auf gespanntem Fuße stehe, man also für Berücksichtigung jüdisch-religiöser Ansichten gewiß keine Aussicht habe. „Ich weiß nur einen Weg“ lautete sein Rat „aber der wird sicher zum Ziele führen. Sie müssen dafür sorgen, daß entweder Sie oder Ihre Frau, oder beide ins Gefängnis kommen, wegen Ihrer Auflehnung gegen die Verkümmerung der Religionsfreiheit. Sobald Sie das erreicht haben, müssen Sie es sich angelegen sein lassen, daß die Zeitungen von dieser Verhaftung Notiz nehmen und es alle Welt erfährt, wie es in Ihrem Kreis, der sich als Hort der Freiheit geriert, mit der Gewissens- und Religionsfreiheit bestellt ist, daß man Jemanden einsperrt, weil er seiner Religion treu bleiben möchte. Das wird helfen, auf anderem Wege ist nichts zu machen.“ Der Rabbiner wollte diesen Rat befolgen, es gelang ihm jedoch nicht. Aber ein Schüler wurde wegen seiner fortgesetzten Weigerung, am Sabbat zu schreiben, eingesperrt und die Aufregung, die dieses Vorkommnis zur Folge hatte, brach in der Tat den Widerstand der Schulpotentaten In ihrem leuchtendsten Glanze aber zeigte sich seine Weisheit, wenn sie sich auf ihrem eigensten Gebiete, im Bereiche der Thora bewegte. Wol spricht diese Weisheit aus jeder Zeile seiner zahlreichen Schriften, aber wie er sein immenses Wissen beherrschte, wie er die Früchte seiner erstaunlichen Belesenheit immer zur Hand hatte, und in der Tat zu den großen, echten v-nm alten Schlags zählte, das muß man im persönlichen Verkehr selber erlebt haben, um es glaublich zu finden. In seiner Gegenwart war einmal von einer Bemängelung die Rede, welche die Schächtgegner darin fanden, daß beim Schächten der Kopf nur teilweise und nicht vollständig vom Körper getrennt wird, weil mit der vollständigen Trennung des Kopfes das Leben doch sofort aufhören müsse. Ein anwesender Arzt bestritt dies und behauptete, physiologische Untersuchungen hätten ergeben, daß der Kopf bei Hingerichteten auch nach der Trennung vom Rumpfe noch lebe und auf Zuruf noch eine gewisse Zeit reagiere. Diese Behauptung wurde von einem Anwesenden bezweifelt. Um seine Ansicht befragt, holte Hirsch seine «"»Da und schlug, ohne zu suchen, Seite 45 b in hdid 'dö auf, wo er zeigte, daß das Leben des Kopfes auch nach der Trennung vom Rumpfe dort deutlich ausgesprochen ist. 13

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