Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Emanuel Schwarzschild in seiner Schrift „Ein offenes Wort“ (Frankfurt a. M. 1877) berichtete Tatsache illustriert, daß unter den geborenen Frankfurtern der junge Schwarzschild der einzige von allen seinen Altersgenossen war, der noch legte. Auch in sozialer Beziehung, berichtet derselbe Autor, war die Stellung der Qesetzestreuen in der Gemeinde eine sehr ungünstige geworden. Man hielt jeden, der noch religiös lebte, für an alten Vorurteilen, an ererbtem Aberglauben hängend. Aelteren Personen konnte man dies noch „verzeihen“. Die Jüngeren aber, die ihre orthodoxe Richtung verrieten, hielt man entweder für beschränkt oder für unaufrichtig. „Man muß das mitdurchlebt haben, um den ganzen Stachel des höhnischen Blickes zu fühlen, der einem jeden Bekenntnisse, daß man sich nicht über die religionsgesetzlichen Vorschriften hinwegsetze, folgte. Eine solche Erklärung genügte, um als Paria, noch mehr, als einer, der sich selbst herabgewürdigt, betrachtet zu werden.“ Hirsch’s Wohnhaus an der Schönen Aussicht in Frankfurt a. Main. Da trat die Bewegung des Jahres 1848 ein, die mit eiserner Faust alle Fesseln zerschlug und auch an die Pforte der allein herrschenden Gemeindeautokratie pochte. Dem Vorstand wurde es etwas ängstlich zu Mute. Er fühlte, daß seine Herrschaft gewaltig gegen die zur Anerkennung gelangten Prinzipien der Gewissensfreiheit und der Toleranz verstoße. Er berief daher eine sogenannte Konstituante, eine Kommission von 18 Personen, worunter fünf Strenggläubige, zur Ausarbeitung eines neuen Gemeindestatuts, ln diesem Ausschüsse entschied aber die Majorität. Die Strenggläubigen waren die Minorität, es gelang ihnen daher nur sehr geringe Konzessionen zu erlangen wie z. B. Einsicht — nicht Aufsicht — in die Schechita, Ueberlassung der kleinen Synagoge für den alten „Ritus“ u.a.m. So ungenügend diese Konzessionen waren, so fanden sie doch nicht die Zustimmung der Gemeinde. Inzwischen hatten sich die Wogen der Bewegung etwas beruhigt, der Vorstand ließ es daher beim Alten. Aber die Orthodoxie war aus ihrer Lethargie erwacht. Elf Personen*) hatten sich zu einer Eingabe an den Senat vereinigt, in welcher auf die reformistische Richtung der Gemeinde und die Unzulänglichkeit, ja Unbrauchbarkeit der Gemeindeinstitutionen hingewiesen, die Absicht ausgesprochen wurde, die erforderlichen Institutionen selbständig herzustellen und zu dem Ende die Berechtigung erbeten ward, einen Rabbiner zu berufen. Der Senat, der bis dahin den Gemeindevorstand mit seiner vollen Machtbefugnis unterstützt hatte, war denn doch zu der Ueberzeugung gelangt, daß etwas faul im Staate Dänemark sei, und bewilligte das Gesuch unter der Bedingung, daß die neue Vereinigung nur eine Religionsgesellschaft, keine Gemeinde bilde und in den Verpflichtungen gegenüber Gemeinde dadurch nichts geändert werde. Nun fand die Wahl und Berufung des Rabbiners statt: die Religionsgesellschaft war gegründet. Den elf Gründern hatten sich bis 1850 noch etwa 60 angeschlossen. Bis zum August 1851, als Hirsch die Stelle antrat, waren es bereits zirka 100. Aber von irgend welchen Institutionen einer Gemeinde war nicht einmal eine Spur vorhanden. Einige Zimmer mußten gemietet und zu einem provisorischen Betsaal hergerichtet werden. Von hier weckte Hirsch’s zündendes Wort neues Leben in den Geistern und Gemütern seiner Hörer, hier erstand die von ihren eigenen Kindern totgesagte alte Frankfurter Kehillo zu neuem Leben. Es galt nun zuerst, eine Synagoge zu bauen, um in ihr einen Mittelpunkt zu besitzen, der die Mitglieder der Religions - Gesellschaft einen sollte. Durch die Opferfreudigkeit der Mitglieder und besonders durch die Freigiebigkeit des Rothschild’schen Hauses das sich mit 70000 Gulden bei dem Bau beteiligte, war das noch am leichtesten. Viel schwieriger war die Gründung der Schule und es waren dabei so viele Schwierigkeiten und Hindernisse nach allen Seiten hin zu überwinden, daß ein anderer wie Samson Raphael Hirsch sie niemals bewältigt hätte. Schon bei Einweihung der Synagoge hatte es Hirsch ausgesprochen, daß sie nur das Sammelhaus sei, welches seine Besucher äußerlich verbinde, aber die Schule müsse der Boden werden, der die Gesellschaft halte und trage und ihre Zukunft garantiere. Hirsch verstand es wie kein Zweiter, eine Wahrheit, einen Gedanken von dem er durchdrungen war, so oft, so lange und so von allen Seiten eindringlich und begeisternd seinen Hörern in die Seele zu reden, bis auch sie ihn sich angeeignet hatten. Auf diese Weise hat er seine Gemeinde tatsächlich für alles Wahre und Herrliche erzogen und gewonnen, wie es in seinem hellen Geiste und in seinem edlen Herzen lebte. Aber den Schwierigkeiten, auf welche die Gründung einer Schule stieß, wie sie ihm als Ideal vorschwebte, in welcher Thorakenntnis und allgemeine Bildung mit derselben Hingebung gepflegt werden sollte, einem solchen Unternehmen gegenüber schien selbst sein machtvoller Mut und seine anspornende Tat zu schwach. Die Geldmittel für diese Schule waren noch leichter zu beschaffen als die Kinder. Er sammelte die Beiträge, die probeweise — wie auch die für die Religionsgesellschaft — nur für fünf Jahre bewilligt werden sollten, indem er selber von Haus zu Haus ging. Aber auch die ersten Kinder für seine Schule mußte er geradezu erbetteln. Die wirklich Frommen, welche die verheerenden Folgen der modernen Bildung nur allzugut aus ihrer nächsten Umgebung kannten, fürchteten für das Judentum ihrer Kinder, wenn sie diese Schule besuchten. Diejenigen aber, die selber schon zu den Gebildeten zählten, fürchteten, daß die Schule ihre Kinder zu jüdischen „Fanatikern“ heran- *) Ihre Namen sind: Ph. Abr. Cohn, Moses Löb Mainz, Selig Schwarzschild, Seligmann Schwarzschild, M. M. Rapp, Lazar Posen, Salomon Posen, David Schwabacher, Adolph Dann» Michel Löb Mainz, Leopold Rapp. 12