Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449324--64595-2507193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
scharf befehdenden Richtungen hatten sich auf beiden Seiten getauscht. Indem er die berechtigten Forderungen der Zeit, die mit den Pflichten des Judentums nicht kollidierten, zu den seinigen machte, stieß sich die übertriebene und kurzsichtige Aengstlichkeit auf der rechten Seite an seinen Maßnahmen, und indem er kein Titelchen des überlieferten Judentums, wie es in Talmud und Schulchan-Aruch niedergelegt ist, preisgab, fühlten sich die Eiferer auf der linken Seite durch sein Vorgehen verletzt. Auf die Kunst, es allen recht zu machen, hatte er sich nie verlegt, sie war ihm in der Seele zuwider. Und doch gab es ein Gebiet, auf dem alle ihm die Führerschaft vertrauensvoll zuerkannten, das war in dem Kampf um die Erringung der politischen Rechte der österreichischen Judenheit. Vielleicht in keinem europäischen Staat waren diese Rechte der Juden so verkümmert als gerade in dem Wirkungskreis von Hirsch. Als daher in den Jahren 1848 und 49 der Sturm der neu erwachten Freiheit und Gleichheit auch dort an den alten Fesseln und Vorurteilen rüttelte, organisierte Hirsch die Judenheit der österreichischen Länder, um auch ihre Menschenrechte geltend zu machen. Er wurde ihr Wortführer und als solcher in den zu Kremsier tagenden mährischen Landtag gewählt. Die fieberhafte Tätigkeit, die er dabei entwickelte, die Organisation, die er schuf, die Proteste, die er erhob, die Rundschreibtn, die er erließ, seine zündende Begeisterung und flammende Sprache haben so Wunderbares geschaffen, daß eine Würdigung seiner Wirksamkeit in Mähren eine gesonderte Darstellung beansprucht, die diese Festschrift ja auch an anderer Stelle bringen wird. Von den geschichtlichen Wundern, die damals zu erleben ihm selber vergönnt waren, findet sich zehn Jahre später in seinem Jeschurun eines mitgeteilt, das auch der grössten Verblendung das Bekenntnis vom Eingreifen Gottes in die Geschichtsgänge abringt. (Jahrg. V. Villa-Franca und Kremsier S. 606 ff.) Dabei lag der Schwerpunkt seiner rastlosen Wirksamkeit nicht in dieser seiner Tätigkeit für die Judenheit, sondern in der Weckung, Erhaltung, Förderung und Organisierung des Judentums innerhalb seiner Landrabbinats. Er stand einer aus aller Herren Länder frequentierten Jeschiba vor, schaffte Ordnung in den Synagogen, gründete Schulen, organisierte die Wohltätigkeitspflege, lauter Aufgaben, von welchen jede einzelne den ganzen Mann und seine Tatkraft erforderte. Ein einzelner Mann war dieser Riesenaufgabe, wie er sie sich selber gestellt, auf die Dauer nicht gewachsen. Daß Hirsch nach vier Jahren Nickolsburg verließ, erscheint nach alledem weniger auffallend, als daß er die Bürde dieser Würde so lang und so mannhaft getragen hat, ohne ihr zu erliegen. Er hätte sein teuere, noch für Höheres zu erhaltende und zu entfaltende Kraft auf die Dauer hier doch zersplittern müssen. So folgte er denn im Jahre 1851 einem Rufe als geistiger Führer der Religionsgesellschaft in Frankfurt a M Man hat in der bloßen Annahme dieses Rufes mit Recht den ganzen Geistesadel, das Pflichtbewußtsein und die ideale Auffassung seines Lebensberufes verkörpert erblickt. Daß Hirsch eine geachtete, materiell gesicherte staatliche Stellung mit einem Wirkungskreis zu vertauschen sich entschloß, der mit so kleinen, unscheinbaren Anfängen erst eben in die Wirklichkeit getreten war, das zeigt die Weite seiner Auffassung, seine Hingebung an das Ziel seines Lebens, wie kaum eine andere Handlung. Dieses hohe Verdienst wird nicht geschmälert, sondern noch gesteigert, wenn man hinzufügt, daß das, was der großen Welt als ein seltener Akt hingebungsvoller Selbstverleugnung erscheint, für ihn selber nur eine selbstverständliche Konsequenz seiner ganzen, eigenartigen Denk- und Handlungsweise war. Er hatte etwas ittp rnött, einen Zug der Göttlichkeit, die in ihm lebte und glühte, für die er kämpfte und siegte, jener Göttlichkeit, die ihre Schöpfungen am liebsten und vollendetsten pxo tr' ohne alle Voraussetzung, ohne vorher vorhandenen Anhaltspunkt ins Dasein ruft- Wenn es statthaft wäre, das Gebilde mit dem Bildner, Menschliches mit Göttlichem zu vergleichen, so gäbe es für diese Eigenart keine bessere Illustration als die Worte seines Pentateuch - Kommentars zu Anfang der Thora, welche die Weltschöpfung aus dem Nichts durch die Notwendigkeit begründet: „War dem Weltbildner der Stoff gegeben, so konnte er aus dem gegebenen Stoffe nicht die absolut gute, sondern nur die relativ beste Welt gestalten.“ Hirsch konnte in Frankfurt seine ganze geniale Größe entfalten, weil sie an nichts Bestehendes anknüpfte, und also keine vorhandenen Mängel der Anlage und Organisation mit in den Kauf zu nehmen brauchte, weil er eine Institution schaffen konnte, ganz nach dem Ideal, wie es seinem erleuchteten Geiste und seiner reichen Erfahrung vorschwebte. Das konnte er in seinen bisherigen Stellungen nicht. Dort mußte er oft Veraltetes, Schadhaftes erst beseitigen und auf ihren Trümmern seinen Neubau aufführen. Er mag es oft erfahren haben, besonders in seiner Nikolsburger Stellung, wo er eine bis in alle Einzelheiten geregelte Organisation vorfand, wie schwer es ist, alte, liebgewordene Mißstände zu beseitigen, welche Kraft und Zeit sie erfordert und wie ungenügend diese Beseitigung trotz des besten Willens gelingt! Die kränkende Mißachtung, die sein Vorgehen nach dieser Seite selbst bei gesinnungsgenössischen Rabbinern fand, weil sie seinem hohen Geistesflug nicht zu folgen vermochten, mag auch nicht ohne Einfluß für seinen Entschluß gewesen sein, Nikolsburg zu verlassen und dem Rufe zu folgen. Es findet sich eine Andeutung dafür in den n"2 '-d 2"n ipk '-»vx n"iff deren berühmter Verfasser R. Maier Eisenstadt in Bezug auf Hirsch schreibt: *?ipn 111222 pMto nne.i '221 nxpow ^soi x1? ix «in nex dk 'nyi' xVi i^xn nx ditjt '2 yow:. Daß dies nur vereinzelte Ausnahmen waren, daß wirkliche rabbinische, durch Gottesfurcht und Thorakunde hervorragende Autoritäten seiner dortigen Umgebung ihm ihre rückhaltlose Anerkennung und Hochachtung entgegen brachten, braucht nicht erst gesagt zn werden. Nur ein einziger Beleg dafür mag hier folgen. R. Jehuda Aßöd (st. 1866 als Oberrabbiner von D. Szerdahely), als Talmudist und Kabbalist gleich hervorragend und berühmt, bringt in seinen nVjr .111.1' 'wn in t"ö i"v '*d y".ix einige von Hirsch in einer Aguna - Angelegenheit aufgenommene Protokolle (Aßöd amtierte damals nicht weit von Hirsch in Szenicz) und antwortet dem Gaou R. David Deutsch V'xr in B. Gyärmath auf das Ersuchen, Hirsch in Nikolsburg um weiteres in der Sache anzugehen, daß er das nicht könne, obwohl er bei Hirsch sehr angesehen sei, weil er zur Zeit mit seiner Abreise in Anspruch genommen sei und noch aus anderen Gründen vry2 '2x ywnv qx -»trsx x nt cpnw wQpv nyi ,pw2 orco injTDi2 tpö xin nj>2 ixo. Wie hoch muß Hirsch im Ansehen bei den wahrhaft Großen Israels seiner Zeit gestanden sein, wenn ein Rabbi Jehuda Aßöd die Geltung konstatiert, die er in Hirschs Augen genießt! Hirschs Wirksamkeit in Frankfurt, für Frankfurt und damit für die Bekenner des gesetzestreuen Judentums auf weitem Erdenrund, wo nur jüdische Seelen atmen, wo nur jüdische Herzen schlagen, ist zunächst in seiner Gemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft“ und ihren zahlreichen, mustergiltigen Institutionen, in allem was diese Gemeinde an min, an nxv und ifix -pi ihr eigen nennt, in so imponierender Weise verwirklicht, daß es nur eines Hinweises darauf bedarf, um einer Schilderung dessen, was vor aller Augen offen daliegt, enthoben zu sein. Was aber dem zeitgenössischen Bewußtsein vielfach entschwunden ist, die trostlosen Zustände, die der Gründung der Israelitischen Religionsgesellschaft vorangingen, sie werden am besten durch die von 11