Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Er hat das was ihm „seine Johanna“ war, in seiner ganzen Innigkeit und Anschaulichkeit in den Worten ausgesprochen, mit welchen er vor 26 Jahren an der Bahre der Hingeschiedenen ihr Lebensbild mit solcher Frische zeichnete, daß es noch heute im Gedächtnis aller derjenigen, die dieses Leben vor sich zu sehen und seine Schilderung zu hören das Glück hatten, ungetrübt fortlebt. Ein Beispiel mag die intensive, rastlose Tätigkeit illustrieren, mit welcher der Oldenburgische Landrabbiner die Kenntnis der Thora in seinem Kreis zu verbreiten suchte. Er übersetzte die Mischna und verschickte die Uebersetzung bogenweise an die Lehrer seiner Bezirksgemeinden, zu einer Zeit, in der es noch keine Hektographen und sonstigen Vervielfältigungsapparate gab, er besorgte selber die Abschrift seiner Liebersetzung in der erforderlichen Anzahl Exemplare, damit Lehrern und Schülern auf diesem Wege die mündlich überlieferte Thora zugänglich würde! Dabei schrieb er seinen Choreb, d. h. er war schon geschrieben als im Jahre 1836 die „Neunzehn Briefe über Judentum von Ben Usiel“ erschienen. Der „Choreb“, sein klassisches, grundlegendes Meisterwerk ist merkwürdigerweise auch sein Erstlingswerk. Der Verleger hatte aber Bedenken, die beträchtlichen Herstellungskosten des umfangreichen Werkes zu riskieren und riet dem Verfasser, zunächst mit einer kleineren Schrift vor die Oeffentlichkeit zu treten. Darauf schrieb Hirsch seine „Neunzehn Briefe“, deren ungewöhnlicher Erfolg den Verleger ermutigte, zwei Jahre später den Choreb folgen zu lassen. Der Eindruck den diese Schriften, „dieses hohe Lied des überwundenen Zweifels“ auf die jüdischen Geister und Gemüter damals übten, war überwältigend und geradezu beispiellos. Sie sind in den 70 Jahren, die seit ihrem ersten Erscheinen verflossen sind, Gemeingut aller gebildeten jüdischen Kreise geworden und werden es von Tag zu Tag immer mehr, sodaß eine Charakterisierung dieser Schriften in einer Darstellung unterbleiben kann, die wie bereits bemerkt, weniger diese geistige Saat als ihren Säemann schildern möchte. — Es seien daher nur noch zwei literarische Veröffentlichungen Hirschs erwähnt, die in die Zeit seines Aufenthalts in Oldenburg fallen: Die 1839 erschienenen „Ersten Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel“ und „Jüdische Anmerkungen zu den Bemerkungen eines Protestanten über die Konfession der 22 Bremischen Pastoren“ aus dem Jahre 1841. Beide Schriften sind wahre Kabinetsstücke musterhafter, klassischer Polemik, deren Schärfe, Schlagfertigkeit und Treffsicherheit nicht einmal von Lessings „Anti-Götze“ übertroffen wird. Die erste Schrift rechnet mit den jüdischen Neuerern ab, zeigt die Unhaltbarkeit und Unmöglichkeit ihrer neuen Religion, die sie fälschlicher Weise noch als Judentum bezeichnen und giebt zum Schlusße praktische Anleitung zur Wiederbelebung und Erweckung jüdischen Lebens und Wirkens. Die andere Schrift richtet sich gegen ein Pamphlet, in dem ein christlicher Anonymus die Kundgebung einer bremischen Pastorenversammlung benützte, um gegen die Bibel in geringschätziger, herabwürdigender Weise sich zu äußern. Der Anonymus war der bekannte Literarhistoriker Adolf Stahr, damals Direktor des Gymnasium > zu Oldenburg. hirsch s Ehrenrettung der Bibel wurde besonders von der gebildeten christlichen Bevölkerung mit wahrem Jubel begrüßt, und noch in späteren Jahren pflegte Hirsch zu erzählen, daß ihm keine seiner Schriften so viele persönliche Befriedigung und Anerkennung eingebracht habe ais diese. Sie ist auch anonym erschienen, aber sofort als der Verfasser bekannt wurde, schickte der Großherzog von Oldenburg seinen Adjutanten zu Hirsch, um ihn zu dieser Abwehr zu beglückwünschen und ihm für die Ehrenrettung der Juden und Christen gleich heiligen Bibel zu danken. Es war an einem Freitag, als Hirsch s Autorschaft dieser Schrift in Oldenburg bekannt wurde. Die christlichen Gratulanten fanden sich in solcher Masse ein und dehnten ihren Besuch sc* lange aus, daß die wackere Rabbinerin, die treue Genossin seiner Kämpfe und Triumphe, wie sie noch als Greisin lächelnd erzählte, alle Mittel an wenden mußte, diesen Besuchssturm zurückzudämmen, um noch rechtzeitig ihre Schabbos- Lichter anzünden zu können. Bei dieser allseitigen Anerkennung braucht es nicht erst gesagt zu werden, wie es Juden und Christen schmerzlich bedauerten, als er nach elfjähriger amtlicher Wirksamkeit am 18. Mai 1841 einstimmig zum Landrabbiner der hannoverschen Landrosteibezirke Aurich und Osnabrück gewählt wurde und infolgedessen Oldenburg verließ, um nach Emden überzusiedeln. Dieser neue Wirkungskreis bot dem Schaffensdrang Hirsch s ein grösseres Gebiet, aber keine dieser gesteigerten Wirksamkeit entspechend bessere materielle Stellung. Die Gemeinde Emden war arm Diese Armut, die anderen die Tätigkeit gelähmt hätte, hat die seinige erhöht und in andere Bahnen gelenkt. Er gründete dort aus bescheidenen, kleinen Anfängen eine Vorschußkasse, wol die erste in Deutschland, zu der er persönlich das erste Kapital durch freiwillige Beiträge sammelte. Die Kasse sollte den wirtschaftlich Schwachen zinsfreie Vorschüsse gewähren, von welchen allwöchentlich an jedem Thaler ein Groschen zurückzuzahlen war. Sein selbstloser Rechtlichkeitssinn ging auf seine Gemeinde über; keiner hat das Vertrauen mißbraucht, das er in jeden setzte. Die Kasse hatte damals keine Verluste zu verzeichnen, weil die ehrbaren Armen ihren Stolz darin suchten, das Vertrauen zu rechtfertigen, das ihr Rabbiner in sie setzte. Während sonst die hausbackene Krämerregel lautet, man müsse die Menschen nicht nehmen wie sie sein sollen, sondern wie sie sind, nahm seine auf reicher Lebenserfahrung und tiefer Menschenkenntnis beruhende Erziehungsweisheit, die Menschen wie sie sein sollen und nicht wie sie sind, und er hat diese scheinbar paradoxe Maxime in glänzenderWeise in seinen pädagogischen Schriften begründet. Aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit fallen in die Zeit seines Emdener Aufenthalts die „Zweiten Mitteilungen aus einem Briefwechsel über die jüdische Literatur“ (1844), welche sich besonders gegen Holdheim und einige andere Stürmer wendet, deren ratlose Schülerhaftigkeit sie mit ätzender Schärfe schonunglos bloßlegte. Sonst waren die fünf Jahre seines Aufenthalts in Emden wol die für seine literarische Tätigkeit am wenigsten ergiebigen. Seine Feder ruhte auch da nicht, aber sie war in den Dienst seiner staatlichen Stellung gezwungen, die ungemein viele kleinliche Schreibereien, Berichte, amtliche Protokolle und hundert andere Sächelchen verlangte, die der große Mann alle selbst erledigen mußte und seine teuere Zeit derart in Anspruch nahm, daß seine eigentlich gemeinnützige Wirksamkeit notwendig darunter leiden mußte. Trotz der innigen Hingebung, mit der er an seinem Wirkungskreis und trotz der liebenden Verehrung, mit der jeder einzelne dieses Kreises an seinem väterlichen Führer hing, folgte er einem Rufe, der ihn am 30. Dezember 1846 nach Nikolsburg, dem Sitz des berühmten mährischen Landrabbinats berief. Am 30. Juni 1847 wurde Hirsch als Landrabbiner von Mähren und Schlesien installiert. Die Hoffnungen, mit welchen er erwartet, der Jubel, mit dem er empfangen wurde, flössen aus der sicheren Erwartung, daß es ihm gelingen werde, die Mißstände zu beseitigen, unter welchen die mährische Judenheit litt. Die Bekenner des überlieferten Judentums und die Verfechter der Reform erblickten in Hirsch den Mann, den beide Richtungen für sich zu reklamieren oder doch mit der Zeit gewinnen zu können hofften. Die Heißsporne der sich io