Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Samson Rapliael Hirsch wurde am 25. Siwan im Jahre 5568 zu Hamburg geboren und ist als Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., 81 Jahre alt, am 27. Teweth des Jahres 5049 gestorben. Welches wunderbare Walten der göttlichen Vorsehung knüpft sich für den über dieses Jahrhundert schweifenden Blick nur an die beiden Städtenamen, welche es begrenzen. Als in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, unter dem Eindruck der jungen französischen Revolution und ihrer politischen Umwälzungen, alles Alte, Bestehende. Ueberkommene in Frage gestellt und in Trümmer geworfen wurde, damals glaubten viele durch die neu auf sie eingedrungene europäische Kultur Geblendete, daß ihr altes Judentum dem Zuge der Zeit folgen und zu Gunsten einer verwässerten christlichprotestantischen Kirchenreligion abdanken müsse. Viele gingen offen zur herrschenden Religion durch die Taufe über, andere glaubten Wunder wie klug zu handeln, wenn sie statt der Juden das Judentum tauften oder ihm doch einen christlichen Anstrich gaben. Sie tauften ihre alten Synagogen in moderne Tempel um, ersetzten die jüdische Tefillo durch deutsche Gebete, die alte Droscho durch gehaltlose Predigten, sie führten christliche Chöre, Kirchenglocken und Kirchenorgeln ein, verdrängten das Feuerwort der Thora durch wässerige Katechismen, zerschnitten das Band, das sie mit der Vergangenheit verband und leugneten die Zukunft Israels, um als echte Weltkinder ganz der Gegenwart, der Zeit, dem Zeitgeist, wie man beschönigend meinte, sich hingeben zu können. Und dieses Attentat nannte man nicht Verrat, Abfall, Treubruch oder Revolution, sondern Reform des Judentums. Ihren Anfang hat diese Revolte gegen das überlieferte, historische Judentum in Berlin und Leipzig genommen. Sie konnte sich aber dort zunächst nicht lange behaupten, ln Hamburg gelang es den Neuerern, sich zu einem dauerndenVerband zu vereinigen, der noch heute unter dem Namen „Tempel- Verband“ besteht. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die ganze europäische Judenheit als das Hamburger Rabbinats- Kollegium im Jahre 1819 von den dortigen Vorgängen Mitteilung machte und in einer besonderen Schrift das Verdikt der berühmtesten rabbinischen Autoritäten über dieses unerhörte Unterfangen veröffentlichte. Unser zeitgenössisches Geschlecht kann sich nur schwer einen rechten Begriff von der Bekümmernis und der Wehmut machen, mit welchen damals und noch lange Jahrzehnte nachher dieser von Hamburg ausgehende weitschichtige Abfall die Geister und Gemüter der Treugebliebenen Israels erfüllte. Sie konnten nicht wissen, was heute vor unserem Blick offen daliegt, daß Gott die Heilung schon vorbereitet hatte, bevor die Wunde geschlagen war, daß schon elf Jahre vorher, derjenige geboren war, der die Reform so nachdrücklich und so siegreich bekämpfte, daß sie heute sich und ihren Namen verleugnet. Von der Reform spricht niemand mehr gerne, und als Reform- Jude möchte keiner gelten. Man nennt sich liberal, fortgeschritten, freisinnig und wie all' die Feigenblätter heißen, mit welchen die Fahnenflucht in erfinderischer Not ihre Blößen zu verdecken sucht, nur nicht Reform! Das ist das unbestrittene Verdienst Samson Raphael Hirsch’s und derjenigen, die er zu Mitkämpfern für diesen Gotteskampf begeistert hat. Er hat es selber oft erzählt, daß es tatsächlich der Abfall vom Judentum in seiner Vaterstadt war, der ihn frühzeitig auf den Lebensweg drängte, auf dem er das angegriffene Väterheiligtum von Sieg zu Sieg führte. Als elf- und zwölfjähriger Knabe war er Zeuge der Zusammenkünfte im elterlichen Hause, in welchem die Treugebliebenen die Tagesereignisse besprachen und die Schritte berieten, mit denen dem kecken Uebermute der Neuerer zu begegnen sei. Das ratlose, verzweifelte Weh, das aus den Worten und den bloßen Mienen dieser wackeren Männer sprach, war dem Knaben so nahe gegangen, daß er sich damals gelobte, sein Leben dem von seinen eigenen Kindern preisgegebenen jüdischen Heiligtum zu weihen. Aber dieses elterliche Haus war auch wie wenig andere dazu geeignet, einen Mann von der geistigen und sittlichen Größe Samson Raphael Hirschs zu erzeugen und zu erziehen. Als vor 19 Jahren sein irdisches Teil der Erde zurückgegeben wurde, suchten an seiner Bahre und noch Tage und Wochen lang nachher zahlreiche Trauerredner seine vielseitigen Vorzüge und Tugenden zu schildern. Bei allen diesen Anlässen wurde ein großes Verdienst übergangen oder von wenigen kaum gestreift: das große Verdienst seiner Ahnen, das ungewöhnliche rra« rvct, das ihm zur Seite stand. Es ist begreiflich und verzeihlich, wenn das tränenumflorte Auge, geblendet von dieser im Glanze eigener Verdienste leuchtenden Lichtgestalt leicht geneigt ist, angesichts der unsterblichen Verdienste des Enkels die der Ahnen zu unterschätzen. Diese Gefahr liegt bei der Schilderung einer genialen, originellen Persönlichkeit vom Schlage Samson Raphael Hirsch’s ganz besonders nahe. Bei seiner Eigenart des Denkens, Redens, Schreibens und Handelns glaubt jeder unwillkürlich vor einem abgeschlossenen Charakter zu stehen, der alles aus sich selbst und nichts von seiner Umgebung hat. Und dennoch wurzelt Hirsch mit seiner ganzen mäch- Rabbi Mendel Frankfurter, Samson Raphael Hirsch’s Großvater. tigen Persönlichkeit in der Vergangenheit, in dem Leben und Wirken seiner großen Ahnen, zu welchen er Zeit seines ganzen Hierseins als zu den Idealgestalten für die Lösung seiner Lebensaufgabe emporblickte. Es wäre ihm, besonders in den ersten Jahren seiner Wirksamkeit, viel Verkennung und Verdächtigung erspart geblieben, wenn die große Welt, wenn vor allem seine nächsten Gesinnungsgenossen davon unterrichtet gewesen wären. Hirsch war, nach seinem Lehrer, dem Chacham Bernays, einer der ersten Rabbiner, die gründliche Kenntnis der Thora mit ebenso gründlicher allgemeiner Bildung verbanden. Sein modernes logisches Denken, sein vielseitiges profanes Wissen, vor allem aber seine Meisterschaft in der Handhabung der deutschen Sprache, waren es, womit er vor mehr als sechzig Jahren die Welt überraschte. Das alles trug dazu bei, dass man in ihm nicht so sehr den Rabbiner, als den deutschen, den modern gebildeten Rabbiner anstaunte. Die grosse Mehrzahl junger Rabbiner, die sich damals ebenfalls weltliche Bildung aneigneten, verloren auf dem Wege zur Aneignung dieser Bildung ihr Judentum und wurden dessen gefährlichsten Feinde. Dieser Umstand verschuldete es, daß man mißtrauisch gegen die modern gebildeten Rabbiner wurde, und daß auch Hirsch unter diesem Mißtrauen in den ersten Jahren seines öffentlichen Auftretens 6