Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Lebensbild. Es kennt Gott die Tage sittlich ganzer Menschen, und ihr Erbe bleibt für die Ewigkeit. (Ps. 37, 18.) „Ganze“ Menschen, die ausnahmslos alle ihre Beziehungen Gott unterordnen, nur von einem Gedanken, dem Gedanken an ihre Pflicht erfüllt sind, wie bescheiden auch ihr Glück, ja wie bekümmert oft ihre Lebenslage, Gott ist jedem ihrer Tage nahe, jeder ihrer Tage steht unter seiner besonderen Obhut, und keiner ist bedeutungslos; allein ihre eigentliche Errungenschaft, das, was sie durch ihre ganze irdische Wallfahrt von Gott errungen, das läßt sich nicht nach der äußeren Erscheinung ihrer irdischen Tage ermessen, das reicht über die kurze Spanne ihres irdischen Hierseins weit hinüber, das gehört der Ewigkeit an, das geht mit ihnen in die Ewigkeit und von ihnen auf ihre Kinder über.“ Hirsch’s Commentar z. St. JfflKit diesen Worten hat, unbewußt, Samson Raphael Hirsch sich selbst so wahr und klar gezeichnet, daß einer Darstellung dieses eigenartigen Lebens und Wirkens damit die Grundlinien gegeben sind, deren Spuren sie nur zu folgen braucht. Sein Leben und sein Wirken! So harmonisch beide sich auch in dieser großzügig angelegten Persönlichkeit vereinigten, so gewiß sie durch ihr bloßes Leben wirkte und nur für dieses Wirken lebte, der Biograph muß das Leben und das Wirken getrennt schildern, um den ungewöhnlichen Erfolg dieser wunderbaren Verbindung ins rechte Licht zu setzen. Hirsch zählt unter die bedeutenden Männer, die schon bei Lebzeiten eine große Verehrung und eine ebenso erbitterte Gegnerschaft erfahren haben. Sein Wirken gehörte der großen Gesamtheit und vor dieser vollzog sich auch sein Leben. Jeder Markstein darin bot den Verehrern und Gegnern erwünschte Veranlassung, den Werdegang des Gefeierten und Bekämpften zu schildern, so daß wir eigentlich keinen Mangel an biographischem Material zur Würdigung Samson Raphael Hirsch’s haben. Und dennoch! Wie erscheint alles das, was die große Welt von Samson Raphael Hirsch weiß, so gering, so ungenügend und mangelhaft demjenigen, der das Glück hatte, dem großen Mann menschlich näher zu treten und einen Blick in dieses edle Herz, auf diesen hellen Geist zu werfen! Die Biographen geben ganz genau Bescheid über den Geburtstag, über Tag und Datum, an dem er einen Wirkungskreis verlassen und einen anderen betreten hat. Aber die einzelnen Tage selber, wie er sie als Mensch, als Gatte, als Vater, als Rabbiner, als Lehrer, als Schriftsteller verlebte, und was sonst die Ausstrahlungen seiner ungewöhnlichen Vielseitigkeit waren, die stille, schlichte Größe, welche alle Stunden und Minuten seines irdischen Wesens und dasjenige seiner Umgebung heiter verklärte, das hat noch keiner geschildert Gott allein kennt die Tage sittlich ganzer Menschen. Und ebenso das Wirken. Wol liegt ein großer Teil dieser Wirksamkeit in den Institutionen, die er geschaffen, in den Schriften, die er hinterlassen vor aller Welt da. Aber die ungezählten Tausende, auf die er gewirkt, die Art, wie sein Blick, sein Wort, seine Lebenstat dem Leichtsinn gesteuert, das Gute gefördert, das Wahre gefestigt, alles das vermag, keiner zu bewerten und abzuschätzen. Wie viel geknickte Existenzen, wie viel körperlich und sittlich Schwache, hat seine Herzensgüte, sein unversieglicher Glaube an den guten, in jedem Menschen schlummernden Kern, wieder aufgerichtet und mit neuer Lebenskraft und mit frischem Lebensmut ausgestattet, den die so neu Belebten und Aufgerichteten wieder auf ihre Umgebung, auf Kinder und Kindeskinder übertragen haben. Diese ganze in die fernste Zeitlichkeit reichende Wirksamkeit, Errungenschaften, die für die Ewigkeit bleiben, die ebenfalls nur Gott in ihrer vollen Tragweite kennt, wer vermöchte sie erschöpfend zu schildern? Auch die folgenden Zeilen vermögen es nicht. Aber wenn sie bei allem Streben und Ringen dem Gedächtnis des großen Mannes gerecht zu werden durch das Gepräge des Ungenügenden, Bruchstückartigen, das sie in jedem Zuge tragen, den großen Abstand zwischen dem zu Schildernden und der Schilderung zum Bewußtsein bringen, so mag auch auf diesem Wege das Gedenken des Gerechten den Lesern zum Segen werden. Den Einsichtigen unter ihnen braucht es ja nicht erst gesagt zu werden, wie schwer die Einschätzung der Verdienste großer Männer ist, die der Hauch der Unsterblichkeit umwittert, weil der Schwerpunkt ihrer Bedeutung nicht in der Gegenwart, sondern erst in der Zukunft liegt. In der Gegenwart haben die Gedanken, Empfindungen und Handlungen Samson Raphael Hirsch’s viel Gegnerschaft gefunden. Sie standen bei seinen Lebzeiten und stehen noch heute vielfach im Gegensatz zu den herrschenden, landläufigen. Aber die zahlreiche, bereits durch alle Teile der großen Jüdischen Diaspora verzweigte Hirsch- Gemeinde wächst von Tag zu Tag. Die werbende, zündende Kraft der in seine Schriften niedergelegten Gedanken führt ihr fort und fort neue Mitglieder zu. Diese Schriften sind bereits in mehrere Sprachen übersetzt. Wer sie liest, wer sich gar in sie vertieft, ist für ihre Anschauungen über Welt, Menschheit und Judentum gewonnen. Man empfindet den Hauch der Göttlichkeit, den sie atmen. Es ist die Kraft der Prophetensprache, die aus ihnen spricht, sie sind nicht wie andere Bücher, sie sind mit dem Herzblut des Autors geschrieben. Sie wecken nicht nur Gedanken und Gefühle, sie besitzen eine unmittelbare Wirkung auf den Willen der Menschen, die zum Handeln drängt, nicht nur zum Denken und Empfinden. Sie werden in immer steigendem Maße die Gegenwart beeinflussen, die Zukunft aber wird ihnen ganz zufallen. Diese treibende, zukunftgestaltende Kraft jener geistigen Saatkeime möchten die folgenden Zeilen durch das Bild des Säemannes fördern, der sie in den Schoß der Zeiten mit seiner gottgesegneten Hand gestreut hat.