Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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viel zu leiden hatte. Ja, wenn modernes Wissen und die korrekte Handhabung der deutschen Sprache ein solches Mißtrauen rechtfertigte, so hatte Hirsch durch die Universalität seiner weltlichen Bildung und durch die Klassicität seines Styls viel mehr Anspruch darauf als viele andere. Er war ein großer Deutscher, das sah, das wußte die jüdische Welt. Was sie aber nicht wußte, war, daß er ein noch viel größerer Jude als Deutscher, ein viel tiefgründigerer Kenner der Thora als der modernen Wissenschaften war, daß er mit jeder Fiber und Faser, in dem Judentum, in dem vorbildlichen Leben und Wirken seiner Eltern und Großeltern wurzelte, und daß er daraus die Kraft zog für all das Große und Herrliche, das ihm zu schaffen vergönnt war. Deßhalb ist zu einer richtigen Würdigung Samson R. Hirsch’s ein kurzer Hinweis auf seine Abstammung unerläßlich. Der erste Blick darauf zeigt, daß Hirschs Familie aus Frankfurt a. M. stammt, und daß die Thora ihr altes Heim angeeignet und nahm, mit reichen Kenntnissen ausgestattet, eine Lehrerstelle in Stuttgart an. Von da ging er nach Frankfurt a. M. und heiratete dort die Tochter Zippora des Rabbi Löb Salomon in Altona. Nach seiner Hochzeit ließ er sich als Lehrer in Berlin nieder und gab dort das «"Denn4? rran mm 'o heraus, kehrte später wieder nach Hamburg zurück und lebte dort von seiner Hände Arbeit, ohne jedoch sein emsiges Thorastudium und den Unterricht thorabeflissener Schüler aufzugeben. Im Jahre 5639 wurde er zum Verwalter und Aufseher der Talmud Thora-Schule in Altona erwählt Die blühende heutige Talmud Thora-Schule in Mamburg verdankt ihm ihre Gründung. Noch bei Lebzeiten des Gründers schilderte die hebräische Zeitschrift *)DKcn, wie ihm der geistige Notstand der armen Kinder zu Herzen ging, wie erdie Reichen in Hamburg dafür interessierte und die Mittel zur Gründung einer jüdischen Schule zusammen- Raphael und Gella Hirsch die Eltern Samson Raphael Hirsch’s. wieder aufgesucht hat, indem Gottes Vorsehung es fügte, daß der größte Teil seines Lebens und Wirkens sich an diese Stadt knüpft und dort auch den zeitlichen Abschluß fand. — Der Großvater S. R. Hirsch’s war Rabbi Mendel Frankfurter, dessen gleichnamiger Großvater im Jahre 1690 von Frankfurt nach Hamburg übersiedelte. — Hirsch’s Großvater, Rabbi Mendel Frankfurter (geb. 1742, starb wie sein Enkel 81 Jahre alt, 1833) war ein Schüler seines Vaters des Dajan R. Schelomo Frankfurter und besuchte später die Jeschiba des Rabbi Jonatan Eibeschütz *). Er hatte sich bereits außerjüdisches Wissen und moderne Bildung *) Eine interessante Notiz über diesen seinen Lehrer sowie eine Fülle sonstiger Daten aus dem Leben und Wirken R. Mendel Frankfurters bringt das kürzlich erschienene Werk IVIv!) von Klausrabbiner Duckesz in Altona; auch die hier folgenden Angaben sind diesem trefflichen Werk entnommen. bettelte, in welcher Thora und allgemeines, bürgerliches Wissen Hand in Hand ihre ebenbürtige Pflege finden sollten und in welcher den armen Kindern außer dieser geistigen Nahrung auch noch alle körperlichen Bedürfnisse bestritten wurden. Wie diese Schöpfung von allen Seiten gefeiert wurde, wie die Gemeinde Altona die seltene Thorakunde R. Mendel Frankfurters dadurch feierte, daß sie ihn zu ihrem Rosch Bes din und More Zedek im Jahre 5572 ernannte, das sei hier nur nebenbei erwähnt. Uns interessiert hier in erster Reihe, die Beziehung zwischen Großvater und Enkel. Wenn unter den Großtaten des Letzteren, sein erfolgreiches Streben für eine harmonische Vereinigung von Thora und Derech-Erez vielleicht den ersten Platz einnimmt, so sehen wir, wie ihm auch hierin das großväterliche Beispiel vorgeschwebt hat. 7