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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 25 des „Israelit". euilleton. Oer Enkel. Erzählung von Friedrich Roll. (Fortsetzung) Also zuerst sind wir von der Nordsee durch den Äsermelkanal in das altantische Meer und von da durch die Straße von Gibraltar in das Mittclmeer, vorbei an alle den interessanten Inseln, bis wir endlich nach. Alexandrien gekommen sind. — Was ich alles auf dieser und überhaupt auf der ganzen Reise gesehen, das kann ich. jetzt nicht. mitteilen, sonst müßte ich viele Wochen ununterbrochen schreiben, das werde ich Euch lieber erzählen, wenn ich wieder bei Euch sein werde. Also als ich in Alexandrien kein Telegramm erhalten habe, habe ich .geglaubt, oder vielmehr, habe ich mir einreden lassen, daß Du, lieber Großpapa, mit meiner Weiterreise auf dem Ruttland einverstanden bist. Wir sind daher nach zwei Tagen weiter gefahren, zunächst nach Suez, wo der neue Kanal ist, und durch den in das Rote Meer. Pater Anastasius hat mir die Stelle gezeigt, wo die Kinder Israels trockenen Fußes durch das gespaltene Meer gegangen sind. Und wie die Wellen da so hoch gegangen sind, Pater Anastasius hat gesagt, dort türmten sie sich fast immer so. Und dann sind wir in das Arabische Meer gekommen usw. usw. um Südasien herum bis in den großen. Ozean. Dann ging es nordwärts bis nach Peking. Dort sollte der Ruttland mehrere Tage rasten, dann immer nach Osten, um die Südspitze von Amerika herum, in's Atlantische Meer usw. Mer die Mama hatte zu dieser Route gar keine Luft und da es ihr in Peking sehr gut gefiel, beschloß sie. etwas länger dort zu bleiben und der Baron und Pater Anastasius erklärten, so lange wir dort blieben, würden sie auch nicht weiter fahren. So ließen wir denn den Ruttland ohne uns abdampfen, blieben noch einige Zeit in China, sahen viele Merkwürdigkeiten, unter anderem die berühmte chinesische Mauer. Dann fuhren wir wieder zurück nach Peking und von hier mit einem englischen Dampfer nach Japan, wo uns auch vieles interessierte und von ha sind wir direkt hierher gefahren, zu der sog. Löwenstadt. Ich habe aber keine Löwen hier gesehen. Morgen oder übermorgen werden wir aus einem holländischen Dampfer abreisen nach Australien. Wir werbeit uns dort an verschiedenen Orten aufhalten, mit Bestimmtheit weiß ich aber nur, daß wir iu Sidney einige Zeit bleiben werden, vielleicht auch in Johannisburg. Auf dem Rückweg werden wir uns in Kapstadt aufhalten. Mama möchte auch nach St. Helena und auch nach Madeira - inzwischen aber noch nach vielen anderen Orten, und Landschaften. Aber ich möchte nun Euch, liebe, teure Großeltern, lieber teurer Großpapa, und liebes kleines Tantchen, sehr, sehr bitten, schreibt mir an alle eben genannten Orte und adressiert die Briese Poste restante, damit ich doch endlich Nachricht von Euch erhalle. Und nun Adieu, Ihr Lieben, Lieben, Teuren Alle! Lebet recht recht wohl und vergnügt und behaltet lieb Euren Euch innigst liebenden Edwin. Inliegendes Briefchen bitte Herrn Dr. Haseilfeld zukommen lasseir zu wollen. Nochmals Adieu! Als Gotthold den Brief zu Ende gelesell hatte, atmete erO tief aus und ließ die Hand, in der er die Blätter hielt, unwillkürlich jinfen. „Ach bitte, Papa!" rief Clementine, „gib Acht, daß kein Blatt davon verloren geht. Edwin hat so schön geschrieben, es wäre schade — bitte, Papa, lasse mich den Brief nochmals lesen." „Das geht nicht, liebes Kind, ich muß mit dem Brief sofort zu Schröder, du weißt, wie sehr er sich nach Nachricht von Edwin sehnt." „Mer," wandte Irma sich an den Gatten, der eben im Begriffe war ,den Pelzrock, den er vorhin abgelegt hatte, wieder anzuziehen, „ich weiß in der Tat nicht, ob ich dir raten sollte, dem kranken alten Manne heute Abend noch den Brief zu überbringen. Er wird sich übermäßig aufregen und vielleicht die Nacht schlaflos verbringen." Gotthold zuckte die Achseln. „Das ist allerdings nicht unwahrscheinlich, aber ich halte nckch nicht berechtigt, den auch an ihn gerichteten Brief ihm auch nur eine Stunde lang vorzuenthalten." „Mer du wirst doch nicht gehen bei diesem Wetter?" „Ich habe Jean schon vorhin beauftragt, eine Droschke zu besorgen, sie wird vermutlich schon vor dem Hause warten. Guten Mend." Er grüßte die Zurückbleibenden und entfernte sich. Der alte Schröder war in den verflossenen dreiviertel Jahren unglaublich gealtert. Nicht daß sein Aussehen sich verschlechtert hätte, sein Gesicht war schon ehedem so vertrocknet getvesen mit zahllosen Falten und Fältchen, aber seine Haltung war stramm, sein Gang geradezu auffallend elastisch gewesen. Nun aber hatte er schon seit Monaten das Zimmer nicht verlassen, vertauschte das Bett mit der Chaiselogue, allenfalls mit dem Lehnsessel. Am Sabbat Nachmittag hatten mehrere Freunde ihn besucht, unter ihnen Gotthold. Am Abend war er jedoch allein mit seinem Pfleger, der sich aber bescheiden im anstoßenden Zimmer hielt. In dem reich und behaglich eingerichteten Wohnzimmer saß der vereinsamte Millionär im Fauteuil am Tische, über dem eine prachtvolle Hängelampe ein helles und doch mildes Licht verbreitete, die Tagesblätter und verschiedene andere Zeitschriften lagen vor ihm, aber er las sie nicht. Sein Kopf war tief auf seine Brust gesunken, der hin und wieder schwere Seufzer sich entrangen. Da wurden draußen Stimmen laut, ein leichtes Klopfen an die Tür und gleich daraus trat Gotthold grüßend in das Zimmer. Schröder fuhr zusammen, als er die Stimme des Freundes erkannte und richtete sich hastig auf, ihm beide Hände entgegenstreckend. „Gotthold, lieber Freund, bringen Sie mir Nachricht von unserm Edwin?" „Wie kommen Sie auf diese Vermutung?" fragte Gotthold näher tretend. „Weil Sie mir noch nie pn einem Tage zweimal das Vergnügen gemacht haben — und dann auch, weil Sie mich Jo eigentümlich ansehen — Gotthold, lieber Freund, spannen Sie mich alten Kerl nicht länger aus die Folter." „Nun denn. Sie haben es erraten, Edwin ist munter und gesund und ich bringe Ihnen einen großen Brief von ihm." Als der alte Mann die Handschrift seines Lieblings erkannte, entstürzte ein Strom von Tränen seinen Augen und es währte eine geraume Zeit, bevor er die so heiß ersehnten Zeilen zu entziffern vermochte, die wieder und wieder sich hervordrängenden Tränen verdunkelten seinen Blick. „Wenn Sie wollen, lese ich Ihnen vor," sagte Gotthold. Der Andere nickte ihm dankend zu und reichte ihm die Blätter und zum zweiten Mal las er die Zuschrift des ihnen beiden so teuren Knaben. In atemlojcr Spannung lauschte Schröder seinen Worten, doch schon.nach den ersten Seiten verdüsterte sich der Ausdruck seiner Züge und gleich darauf überzog dunkle Röte fein sonst so fahles Gesicht. „Himmelkreuzdonnerwetter!" schrie er, indem er mit seiner knochigen Faust auf den Tisch schlug, „verstehen Sie, was das ist?" „ES ist eine große Gefahr für unfern Liebling", versetzte Gotthold gepreßt, „eine schwere, schwere Prüfung, Gott stehe ihm bei!" „Jawohl, Gott stehe ihm bei!" wiederholte Schröder ächzend. „Aber wissen Sie, was das Ganze ist? — Rache ist's, weil ich mit Enterbung gedroht habe, wenn sie sich taufen läßt. Darum will sie ihn zur Taufe bringen, meinen Liebling, mein Herzblatt! -- Aber, das wird ihr nicht gelingen, Gott wird es nicht zugeben, sein herrlicher Pater wird für ihn beten, dann wird Gott ihnr beistehen." Gotthold erwiderte nichts, aber seine Stimme war stark belegt, als er die Blätter bis zum Ende las. „Und er ist dennoch brav, noch hat er sie nicht durchschaut, er ist ja doch ein argloses Kind und nimmt alle die schönen Worte für bare Münze. Mer wenn wir ihn nur erst wieder hier haben und ihm klar machen werden, daß die ganze Geschichte ein abgekartetes Spie! gewesen ist, da werden ihm die Augen aufgehen." „Das gebe der Himmel," sagte Gotthold, „aber nun lassen Sie uns überlegen, was wir tun können, oder vielmehr tun müssen." „Por allem müssen wir tun, um was das Kind uns gebeten hat. überall hin müssen wir ihnr schreiben und die Briefe..Poste restante adressieren. Und ich glaube, wir müsseü ihm auch mitteilen, daß das Ganze kein Irrtum gewesen ist, sondern nur darauf angelegt, ihn zu fangen." Gotthold war nicht der Ansicht, daß es geraten wäre, dieses dem Knaben schriftlich mitzuteiten, er fürchtete, in seiner begreiflichen Erregung könne er dem Geistlichen davon Mitteilung machen und dieser von ihm so hochverehrt, könne den beabsichtigten Zweck der Mitteilung vereiteln. Aber er hielt sich verpflichtet, die Behörde von dem Stand der Angelegenheit in Kenntnis zu setzen und zu verlangen, daß die Behörden der in dem Briefe genannten Orte aufgefordcrt würden, sobald Edwin oder seine Mutter dort gesehen würden, dafür zu sorgen, daß Erfterer unter geeigneter Begleitung aus dem kürzesten Wege Heimreise. Der alte Schröder zuckte die Achseln. „Wmn Sie sich zu der Mitteilung an die Behörde verpflichtet fühlen, will ich Sie nicht davon zurückhalten. Aber ich habe kein besonderes Zutrauen zu der Tätigkeit der Behörden in derartigen Angelegenheiten, und werde deshalb Mseren englischen Detektiv auch in Kenntnis setzen lassen. Aber mir fällt noch etwas ein, die 'Postämter von all den Orten, wohin wir unsere Briefe schicken, müßten aufgefordert werden, den jungen Mann, der als Adressat unserer Briese dieselben einsordern würde, auszufordern, seine Mutter oder deren Freunde zu veranlassen, aus das Postamt zu kommen und dort müßte denselben teilt werden, daß der alte Schröder in M. erstorben ist, und daß die Behörden seine Tochter ersuchen lassen, schleunigst heimzukehren, wegen der Erbschaft. Und warten Sie, mir fällt noch etwas ein. In Capstadt habe ich einen Neffen, Chef eines bedeutenden Bankhauses. Meine Doch-

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