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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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igL&imMW. Bialiswk zu einer Prozession versammelte. Während der Prozession scheute oas Pferd eines Droschkenkutschers und stürzte' sich auf die Menge, wodurch das Gerücht entstand, es sei von jüdischer Seite eine Bombe geworfen worden. Es entstand eine unbeschreibliche Panik, in Verlaus derer mehrere Schüsse ertönten, (von Provokatoren.) Selbstredend sind Zeugen da, die gesehen und gehört haben wollen, daß Juden die Schüsse abgaben. Die Prozession löste sich auf, und nun begann das Morden, Sengen und Plündern. Schon in den ersten Stunden wurden lO Per- {crnen, ermordet, darunter auch ein Christ, den man ür einen Juden hielt, 14 verwundet und mehr als SO jüdische Wohnungen und Läden ausgeplündcrt. Am Abend rückte das Militär zur Herstellung der Ordnung fern. Die Soldaten, heißt es in der Anklageschrift, wehrten den Angriff der Juden tapfer ab, indem sie von der Waffe Gebrauch machten, und die jüdischen jungen Leute des „Selbstschutzes" fast vollständig zusammenschossenwas dann am 2. und 3. Tage vor sich ging, spottet aller Beschreibung. In den Hauptstraßen, wo Militär aufgestellt war, wurde das Geschäft des Mordens und Plünderns von den Soldaten selber besorgt. Die Borstädte und kleinen Straßen, wo die ärmsten der armen Juden wohnen und ihr kümmerliches Dasein fristen, wurden dem Pöbel überlassen. Am 2. Tage allein wurden nach der Anklageschrift 89 Wohnungen und Läden geplündert. Im ganzen forderte der Pogrom 84 Opfer. 105 Personen wurden mehr oder weniger schwer verwundet, ausgcraubt wurden 352 Wohnungen und Geschäfte, darunter auch 11 christliche. Der Schaden wird von den Verunglückten auf mehr als 400 000 Rubel geschätzt. Von den vielen Hunderten an den Metzeleien und Plünderungen Beteiligten konnte man nur 36 Angeklagte ermitteln, von denen aber nunmehr nur. 29 vor Gericht stehen, darunter auch 5 Frauen, die wacker mitgearbeitet hatten. Die Rechtsanwälte in Biälistok, die Augenzeugen -er Greueltaten waren, haben es samt und sonders abgelehnt, die Verteidigung der Angeklagten zu übernehmen. So wurde von Gerichts Wegen ein Verteidiger aus Grodno ernannt. Bon den vielen Klagen der Juden auf Schadenersatz wurden nur 5 anerkannt. Ms deren Vertreter fungieren vor Gericht die Anwälte: Skariakin, Ehometowski, Hillerson, Weißmann und Abeleson. Es werden zuerst als Zeugen vernommen: der Gehülfe des Generalgouverneurs Tua schelnikow, die Polizeimeister Bubowski und Fedossow. Sie zeigen sich in ihren Aussagen betreffs der Bomben und Schüsse seitens der Juden sehr zuriickhaltend. Bubowski gibt an, keine jüdischen Bomben-Werfer gesehen zu haben. Er sah die allgemeine Verwirrung und wurde selbst von derselben hingerissen. Tuaschelnikow erklärt, daß der Pogrom weder aus ökonomischen noch politischen Gründen entstehen tonnte, auch die christlichen Arbeiter beteiligten sich nicht weniger als die jüdischen an der revolutionären Bewegung. Er selber mußte mehrere christliche Arbeiter wegen Gewaltakten gegen die Polizei verhaften. Die Vertreter der Geschädigten verlangen das Verhalten des Militärs bei den Greueltaten klarzustellen, wogegen der Vertreter der Anklage entschieden protestiert. Das Gericht beschließt, die Verhandlung nur innerhalb der Grenzen der erhobenen Klage zu führen, ohne die Tätigkeit der Militär- und Zivilbehörde zu berühren. (!) Die Zeugeneinvernahme wurde am 9. Juni fortgesetzt. Außer den beteiligten Personen und etwa 10 Korrespondenten von verschiedenen Zeitungen hat keiner Zutritt zu den Verhandlungen, Von den 29 Angeklagten sind nur 4' mit polizeilicher Begleitung aus der Anklagebank erschienen. Alle anderen befanden sich während der ganzen Untersuchung und befinden sich noch jetzt während der Verhandlung auf freiem Fuße. Der Kaufmann Lipschitz entwirft ein ergreifendes Bild von den Vorgängen, die er miterlebte. Der ermordete Polizeimeister Herkatschew nahm die Juden bei jeder Gelegenheit in Schutz, und die letzteren hätten wohl Grund und Recht gehabt, sich an seiner Beerdigung dankbar zu beteiligen. Die Zurückwsifung hätte das Signal zu den Verfolgungen gegeben. Auch die Eisrnbahnbeamten bezeugen im Gegensatz zu der Anklageschrift, daß die Mitglieder der jüdischen Der Avräem. „Selbstwehr" erst nach dem Pogrom in Biälistok ihre Versammlungen abhielten. Der Fabrikinspektor Prikus hat der Prozession zugeschaut, hat aber nichts von einer Bombenwerfung gesehen. Heigorotski und Jserson, zwei der angesehensten Gemeindemitglieder aus Biälistok sagen aus, daß der Gouverneur, bei dem sie vor dem Pogram vorstellig wurden, ihnen zur Antwort gab, daß er nicht für Aufrechterhaltung der Ruhe garantieren, wenn aus die Prozession geschossen wurden sollte. In der Tat hat der Pogrom nach Abgabe eines Schusses seinen Anfang genommen. Der Schuß rührt aber, wie bewiesen wird, von einem uniformierten Beamten her. Herr Heigorotski schildert traurige Einzelheiten der begangenen Greueltaten. Eue Reihe von Zeugen stellt den Bombenwurf vollständig in Abrede. Der Lehrer Kottonowitsch war Augenzeuge eines grauenhaften Mordes, der an einem Juden vor den Augen der Soldaten begangen wurde. Nach Eröffnung der Sitzung am 10. Juni wird zuerst über das Gesuch des Herrn Newiaski verhandelt, der die Vorladung neuer Zeugen beantragt. Dem Gesuch wird trotz dem Eintreten des Verteidigers Hillerson nicht stattgegeben. Sodann werden weitere Zengen vernommen. Ein besonderes Interesse erregen die Anssagen der russisch-orthodoxen und katholischen Priester, die seiner Zeit die Prozession geleitet haben. Keiner von ihnen hat etwas von jüdischen Bombenwerfern gesehen. Der alte Priester Salioski behauptet mit aller Sicherheit, daß aus den Häusern kein Schuß gefallen sei. Das Verhältnis zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung war nach Aussagen der Priester bis züm Eingreifen der gewissenlosen Agitatoren ein durchaus günstiges. Der Priester Schwarz bemerkte auch fremde und wenig vertrauenerweckende Gestalten bei der Prozession, von denen er nichts Gutes erwartete. Ein Priester gibt an, einen betrunkenen Polizisten gesehen zu haben, der sich am Radau des Pöbels beteiligte. Nurein russischorthodoxer Geistlicher, namens Beressin, einer der Führer des Russischen Verbandes, weiß einiges von jüdischen Revolvern und Bomben zu erzählen, ob er auch deren Getöse durch den Choralgesang der Ziehenden nicht hören konnte. Er benutzt des Weiteren seine Zeugenaussage zu einem haßerfüllten Ausfall gegen die Juden und erhebt eine Rerhe von Anschuldigungen, von denen er nicht eine einzige durch Taten beweisen kann. Ein Volksschullehrcr war Augenzeuge der grauenhaftesten Ausschreitungen, und unter dem Eindruck derselben har er auch seiner Zeit eine detaillierte Anklage an die Untersuchungsbehörde gerichtet. Er hält seine Aussagen auch heute aufrecht, obzwar er sehr bemüht ist, ihnen eine mildere Form zu geben. Einen gewaltigen Eindruck hinterläßt seine Schilderung von der Ermordung der 3 Söhne Lapida's, die sich in der schauerlichsten Weise vor den Augen der dabei stehenden Soldaten abgespielt hat. Die Verhandlungen werden auf Dirnstag verta gt. Odessa, 30. Mai. Bezeichnend für den antisemitischen Geist, der in den hiesigen Bürgerkreisen herrscht, ist die Tatsache, daß der berüchtigte frühere Stadtgouverneur Neuthardt, der die Hauptschuld an den Judenmetzeleien im Oktober 1906 trug, und die Judenhetze seiner Zeit so weit trieb, daß er doch endlich seines Amtes enthoben werden mußte, in der letzten Sitzung der.hiesigen Stadt-Duma zum Ehrenbürger der Stadt Odessa einstimmig gewählt wurde und zwar, wie der Antragsteller begründete, als Anerkennung für seine der Stadt geleisteten Dienste und als Genugtuung für die ihm von der Oberverwaltung widerfahrene Unbill. Daß wir uns hier in Bezug aus die Juden im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten befinden, beweist wiederum folgende Tatsache, die inan leicht als Anekdote auffassen könnte, rvenn sie nicht einen ziemlich bitteren Nachgeschmack Sette 9. No. 25 enthielte: In einem Rundschreiben an die jüdischen Metzger und Fleischhauer der Stadl findet es der jetzige Generalgouverneur Tolmatzow für nötig, dieselben eindringlich zu warnen, die rituellen Borschnften in Bezug auf de» "»BO Fleischhandel nicht im geringsten zu übertreten. Es werden sogar Geld- und Freiheitsstrafen angedroht für diejenigen, die es an religiöser Gewissenhaftigkeit fehlen lassen sollten. Die schwarze Verbandspresse verzeichnet den Fall mit Staunen und verhaltenem Groll. Die Juden aber wissen, daß eine solche Verwarnung nicht ganz überflüssig sei, ob auch, die Seite, von der sie ausgeht, doch auch sie mit einiger Verwunderung erfüllt. Dieser neue Generalgouverneur hat auch schon bei anderer Gelegenheit Loyalität urck sogar Verständnis für die jüdische Religio» gezeigt. So erzählt man sich einen Fall, in dem er zwei streitende Parteien aus der jüdischen Gemeinde, die vor ihm erschienen und ihn um Schlichtung der Differenz baten, an den Rabbiner verwiesen hatte, mit. der Bemerkung^ er, der Generalgouverneur, habe nicht den richtigen Einblick in die internen Verhältnisse der Juden, um sie nach dem Rechten zu beurteilen. fänrkeL Konstantinopel, 11. Juni. Wie aus Smyrna gemeldet wird, vernichtete in der Nachbarstadt Äidin ein Feuer den größten Teil be$ Ortes. Der Basar und das ganze Judenquartier wurden ein Raub der Flammen. Von hier wurden Pumpen und Rettungsmittel, Zelte und Lebensmittel sowie Soldaten zur Sicherung der Ordnung hingeschickr. Der Materialschaden beträgt drei Millionen Francs. x. Amerika. Jüdifdrs beben in Jbneriiia. (Bon unserem Korrespondenten.) Newyork, 4. Juni. Die jüdische Sabbat-Association fährt fort. Tüchtiges für die Sache des Sabbat zu leisten. Die beiin jüngsten Jahreskonvent in den Vorstand neugewählten Mitglieder sind anscheinend von wirklichem Eifer für die heilige Sache erfüllt und streben zielbewußt und energisch, das. Ziel, das sie sich gesetzt haben, die allgemeine Beobachtung des Sabbat innerhalb der jüdischen Distrikte und, so weit möglich außerhalb derselben, zu erreichen. Auch die Zweigvereine, der Frauen- und Jünglingsverein, entwickeln eine rege Tätigkeit in derselben Richtung. Eine planmäßige Agitation in großem Stile wie sie Newyork zu gunsten einer jüdischen Bewegung noch nicht gesehen hat, wird schon seit Monaten entwickelt. Massenversammlungen werden unaufhörlich gehalten (im Monat Mai nicht weniger wie sieben) und auch in der Presse und aus privatem Wege wird tapfer gearbeitet. Die Folge» dieser regen Tätigkeit lassen sich auch schon deutlich wahrnehmen. Man hört beständig von neuen Geschäften, die am Sabbat schließen, und auch diejenigen Ladenbesitzer, die noch am heilige» Tage ihre Geschäfte offen halten, fangen an, mit der Frage des Schließens sich ernstlich zu befasse». Dies ist den Bemühungen der Association, das jüdische Publikum zu beeinflussen, am Sabbat nicht zu kaufen, zu verda»ken. Der Besitzer eines der größten Kleidergeschäfte im jüdischen Distrikt bekannte unlängst einem Vertreter der Sabbat-Affociation gegenüber, daß seitdem die Agitatton der letzteren begonnen habe, das Samstag-Geschäft stark zurückgegangen sei. Die Hoffnung ist also nicht unberechtigt, daß wenn die Agitation der Sabbat-Affociation in derselben energischen Weise wie bisher fortgesetzt wird, wir s. G. w binnen einiger Jahre eine wesentliche Besserung der gegenwärtigen Verhältnisse bezüglich der Sabbat-Ruhe in den jüdischen Distrikten erleben werden. N'M 'v! Zwei Begebenheiten, die gegenwärtig die Aufmerksamkeit des jüdischen Publikums in A»-

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