Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Nr. 25. Der Israeli!. 18. Jam 1908. L r> »orrespondenzen QJ und Nachrichten Deutsches Ketctz. Frankfurt a. M., 15. Juni. Zu dem Berichte unfers Jerusalemer Korrespondenten in der letzten Nummer des „Israelit" erhalten wir vom Geschäftsführer des Hilfsvereins der deutschen Juden in Berlin, Herrn Dr. Paul Nathan, eine Zuschrift, in der er uns berichtigend mitteilt,- daß er nicht die Absicht gehabt, den Grundstein für ein Polytechnikum in Palästina zu legen- und daher mit einer Bitte um eine entsprechende Erlaubnis an die türkische Negierung auch nicht herangetreten sei. t Seine Reise hatte den Zweck, die Verhältnisse an Ort und Stelle Nochmals zu prüfen, damit auf Grund des gewonnenen Materials, das Kuratorium der Wiffotzky-Stiftung seine Wahl treffen und ent- Wachende Beschlüsse faffen konnte. Auch die Absicht, eine Agrikulturschule in Jerusalem ins ' Wtn zu rufen, hat der Hilfsverein der deutschen rden niemals gehabt, so daß die Behauptung ft Eröffnung dieser Schule sei bis auf weiteres Mus geschoben worden", nicht den Tatsachen Wspricht — Im übrigen sei Herr Dr. Nathan von den im Orient gewonnenen Eindrücken .. vollauf befriedigt. Straßburg, 15. Juni. Bei der gestrigen Neuwahl von 6 weltlichen Konsistorialmitgliedern haben bloß 4 die erforderliche absolute Stimmenmehrheit erreicht. Es sind dies die Herren: Jul. Klein aus Bischheim, bisheriges Mitglied, Kaufmann Aron Durlach, Kaufmann Isidor Hambourger und Rechtsanwalt Dr. Schmoll. Die drei letzteren aus Straßburg. In einer Stichwahl am 28. ds. Mt. werden demnach noch 2 Mitglieder zu wählen fein. Bremen, II. Juni. Das Bremer Komitee des Hülfsvereins der deutschen Juden hat jetzt seinen Jahresbericht erstattet. Mit Recht hebt der Verfasser des Berichts in der Einleitung hervor, daß die Auswanderung der Juden gleichsam das Barometer ist für die Lagc der Juden im Osten Europas. Die traurige wirtschaftliche Lage in Galizien, die anhaltenden Drangsalierungen der Juden in Rußland und Rumänien zwingen die Juden znr überseeischen Auswanderung. Ein großer, beträchtlicher Teil dieser Unglücklichen, von der heimatlichen Scholle Vertriebenen sucht eine neue Heimat in Amerika über Bremen. Die meisten dieser Unglücklichen wendet! sich in ihrer Hilflosigkeit und Unerfahrenheit um Beistand und Rat an das Bremer Komitee. Warmes Jntereffe wird den Armen dort entgegengebracht. Bon den 23104 jüdischen Emigranten, die Bremen im Laufe des Jahres 190? berührten, wurden 1815 für Rechnung des Hülfsvereins befördert. 14600 Mahlzeiten wurden unentgeltlich verabfolgt. 160 Auswanderer wurden auf Kosten des Hilfsvereins ärztlich behandelt. Da die ärmeren Auswanderer zumeist ganz verwahrlost hier ankommen, mußten 1050 bekleidet und mit Schuhzeug versehen werden. Für Ozeanreisen, d.h. für die freie Beförderung der 1815 Emigranten allein wurden 165 979,03 Mk. verausgabt. Die Bekleidung der Emigranten erforderte eine Ausgabe von 1756,72 Mk. Für Logis und Beköstigung der Auswanderer mußte der Verein 3639,30 Mk. zahlen. Aerztliches Honorar für die Behandlung der mittellosen Auswander betrug 4358,50 Mk. Krankenhaus und Apotheke erforderten eine Ausgabe von 2130,44 Mk. " (Stuttgart, 14. Juni. Der vergangene Sabbat Kttfj 's gestaltete sich zu einem besonders festlichen Tage. 30 Jahre waren feit der Gründung der Religionsgesellschaft verflossen, die dem Beispiele der Genieinden Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Karlsruhe usw. folgend, als jüngste unter der Leitung einiger auf dem Boden des gesetzestreuen Judentum stehenden Herren im Jahre 1878 gegründet wurde. Wenn sich auch unsere Gesellschaft nicht mit dem statu» der Schwesterngemeinden messen kann, so ist die Tatsache umso erfreulicher, daß es der Energie und Opferfreudigkeit der Herren gelungen ist, die sich entgegen stellenden Hindernisse zu beseitigen. Herr Lehrer Sulzbacher betonte dies in warmen beredten Worten, darauf hinweisend, daß wir das rYDT haben, einige Herren, die sich um die Gründung der Religionsgesellschaft sehr verdient gemacht haben, in unserer Mitte zu sehen. Noch rühmend hervorzuheben ist die rege Tätigkeit unserer Vorstandsmitglieder, die weder Zeit noch Mühe scheuen, für das Gedeihen unlerer Gesellschaft in dem Maße zu wirken, daß wir seit einiger! Jahren einen erfreulichen Zuwachs der Mitgliederzahl konstatieren können, An Sabbat und Festtagen ist unser Betsaal bis auf den letzten Platz gefüllt. OesterneiLh. Lemberg 10. Juni. Zur Notiz über Georg Brandes in Helsingfors in Rr. 23 des Israelit erhalten wir von Herrn Dr. Jsak Kohn, Landes¬ und GerichtSadvokat in Sereth nachstehende Bemerkung: Es geschieht nicht zum ersten Male, daß sich Juden an den großen Kritiker und weltberühmten Schriftsteller Georg Brandes wenden, um ihn an sein Judentum zu erinnern und ebensowenig ist es das erste Mal, daß sich dieser hervorragende Glaubensgenosse der Annäherung gegegenüber durchaus ablehnend verhält. Bekanntlich ist Brandes ein großer Polenfreund. Bor etwa zehn Jahren besuchte er Galizien; hierbei wurden ihm in der Landeshauptstadt Lemberg von den maßgebenden politischen und literarischen Persönlichkeiten große Ovationen bereitet. Daß sich nun die offizielle Repräsentanz der Judenschaft Lembergs des illustren „Glaubensgenoffen" erinnerte und ihm ihre Aufwartung machte, ist selbstverständlich. Keineswegs selbstverständlich aber ist es, daß der Gefeierte diese Begrüßung kühl bis ans Herz hinan aufnahm und ausdrücklich erklärte, seine Beziehungen zum Judentume seien sehr lose. Diese Antwort hat Brandes tatsächlich der Deputation der Lemberger Judengemeinde erteilt. Die Bitternis des Judeseins wurde dennoch auch diesem kühlen Juden gerade von seinen besten Freunden, den Polen, zu Gemüte geführt. Denn als höchste Auszeichnung war für Brandes ein Ball im Landhause geplant. Als die Polen durch den Besuch der Kultusvorsteher erführe;-, daß Brandes Jude sei, wurde der Ball rasch abgesagt. — Die Absage erfolgte allerdings unter irgend einem nichtigen Vorwände. — Aber es war offenes Geheimnis, daß es den Allgewaltigen im offiziellen Galizien gegen den Strich ging einem Juden so hohe Auszeichnungen zu erweisen. — Die Lehre, daß sich jeder Jude seines Judentums niemals entschlagen kann, scheint Brandes, wie seiu Verhalten in Helstngfors dartut, nicht gezogen zu haben. r Ungar« Der unentgeltliche Volhsfdiulunferridit und die jüdifdien Schulen (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 12. Juni. Kultusminister Graf Apponyi, der das Ansehen und den kulturellen Aufschwung des ungarischen Staates zu heben bemüht ist, der stets bereit ist, Einrichtungen, die sich in anderen europäischen Staaten bewährt haben, auch für Ungarn ins Leben zu rufen, ist nun auch der Frage des unentgeltlichen VolksschulunterrichtS näher getreten. Er hat zu diesem Behufe dem Äbgeordnetenhause einen Gesetzentwurf unterbreitet, deffen Verhandlung bereits m Gange ist. Beurteilen wir die Gesetzesvor^ flage vom allgemeinen kulturellen Gesichtspunkte, so kann dieselbe nur sreudigst begrüßt werden, denn die Bestimmungen eines Gesetzes, welches die Unentgeltlichkeit des Volksschulunterrichtes ausspricht, können einem Lande nur zum Segen gereichen. Faffen wie jedoch die speziellen Bestimmungen der Vorlage, welche die Schadloshaltung der Konfessione n für den Ausfall der Schultaxen bezwecken, ins Auge, so müssen wir konstatieren, daß dieselben für die jüdischen Gemeinden ungeheure Nachteile enthalten, ja die Existenz sehr vieler jüdischer Schulen geradezu gefährden. Die Entschädigung ist nämlich so gedacht, daß die Gemeinde die den Ersatz für den Ausfall der Schulgelder nicht decken kann — vorausgesetzt, daß die Gemeinde eine durch das Gesetz vom Jahre 1868 bewilligte 5% Schulsteuer auf die einzelnen Gemeindemitglieder ausgeworfen hat — und darum beim Staate einkommt, einen Entschädigungsbetrag aus Staatsmitteln erhält, der dem Schulgelde von 15 Kronen und der Aufnahmegebühr von je einer Krone entspricht. Derjenige, der die innern Verhältnisse der Gemeinden kennt, weiß aber, daß dem Gros der Gemeinden nur durch die Einnahmen von Schulgeldern die Erhaltung der Schulen möglich war. In erster Reihe variieren im Durchschnitte die Schulgelder für jeden zahlungsfähigen Zögling zwischen 35—45 Kronen Pro Jahres würde demgemäß im besten Falle für die Gemeinden ein effektiver Ausfall von zirka 23 Kronen pro Schüler sich ergeben. In zweiter Reihe giebt es zahlreiche Gemeinden, die eine direkte 5% Schulsteuer aus berechtigten Gründen nicht ausgeworfen haben, solche Gemeinden haben nach den Bestimmungen der Vorlage überhaupt keinen Anspruch auf Entschädigung. Sollte während der Verhandlung-n nicht noch ein nach dieser Richtung günstigerer Modus gefunden werden, so entstehen für die jüdischen Schulen Situationen, mit denen man ernst zu rechnen haben wird. R>rH!and. Der Bialiftoher Pogromproretz. Bialistok, 1.0. Juni. Am 8. Juni begann vor dem hiesigen Schwurgericht der Prozeß gegen die Beteiilgten an dem im Juni 1906 hier ftattgefundenen Pogrome. Daß das Gericht volle 2 Jahre mit der Ahndung der unbeschreiblichen Greultaten gewartet hat, wird damit begründet, daß man durch die Zeit, die alle Wunden heilt, auch eine Beruhigung der Gemüter erst abwarten wollte. Ein starkes Beruhigungsmittel stellt auch die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft vor, ein Beruhigungsmittel für die Herren des Russischen Verbandes, die wohl um ihre lieben Genossen, die ihre Ausgabe so gründlich gelöst haben, besorgt gewesen sein mochten. Die Anklageschrift enthält so viele Anklagen und Beschuldigungen gegen die Juden, daß nian sie eher als eine Verteidigungsschrift für die Holigans halten könnte. Me Schrift beginnt mit der Schilderung der revolutionären Strömungen, die zur damaligen Zeit auch in Bialistok sich geltend machten und die Einführung des Kriegszustandes nötig machten. Selbstredend ivexden alle Gewalttaten gegen die Polizei den Juden in die Schuhe geschoben, aus deren Mitte sich Gruppen bildeten, die geheime Versammlungen abhietten, und selbst Schießübungen veranstalteten. (Gemeint ist die Selbstwehr, die sich damals unter den Juden, die alles Vertrauen aus die Polizei verloren hatten, zum Schutz gegen Pogrome' gebildet hat.) Die Aufregung der christlichen Bevölkerung gegen die Juden steigerte sich mit jedem Tage, zu der noch ökonomische Mfferenzen zwischen den Arbeitern beider Konfessionen hinzukamen. Auch die Bialistoker Garnison war gegen die Juden, deren Schutz eine Erschwerung ihres Dienstes forderte, sehr aufgebracht. (?) Es verbreitete sich oas Gerücht, die Juden beabsichtigten am Osterfest einen Ueberfall auf die Kirche. Die unruhige Stimmung der Bevölkerung erreichte ihren Höhepunkt, als am 28. Mai der Polizeimeister Herkatschew ermordet wurde. Die Juden, welche eine Deputation mit einem Kranz zur Beteiligung an seiner Beerdigung entsenden wollten, wurden abgewiesen, was man auf beiden Seiten als sicheres Symptom für den baldigen Ausbruch einer Juden-Metzelei annahm. Diese war nicht mehr zu vermeiden, als am 1. Juni sich 1>ie orthodoxe und katholische Bevölkerung der ganzen Umgegend in