Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der 3«zadb Nr. 35. Sette 5 18 Juki 1908. Mochenrun-schav. Die kehren fles Bialifloher Projeijes. Wieder schaut alle Welt nach dem gesegneten Rußland, wo sich die Gerichtshallen zum so und io vielten Male aufAetan, um einem der blutigen Dramen den Schlußakt zu liefern. Was bestialische Menschen angerichtet, wird die Justitia nicht wieder gut zu machen vermögen, am wenig sten da, wo ihre berufenen Diener, vom Staats anwalt bis zum Verteidiger, bemüht sind, die Binde um ihre Augen immer enger und fester zu schlingen. Welchen Ausgang der Prozeß auch immer nehmen wird, ab man die paar verrohten Mordgesellen, die als Sündenböcke für ein ganzes System, für eine ganze Klasse, auf der Anklagebank sitzen, verurteilt oder nicht, das vergossene Blut wird dadurch nicht gesühnt werden, den Waisen ihre Eltern, den Geschädigten ihr sauer erworbenes Hab und Gut nicht wieder ersetzt werden, der russischen und gesamten Judenheit für das ihr zugefügte Weh, die ihr angetane Schmach Genugtuung nicht geboten werden. Die Anklageschrift im Bialostoker Prozesse ist ein Dokument, das an Verlogenheit und innerer Haltlosigkeit wohl seines Gleiches in der Geschichte sucht. Schon die Aussagen der ersten Belastungszeugen haben die darin enthaltenen Behauptungen von der P r o v a k a t i o n durch die jüdischen Revolutionäre Wort für Wort widerlegt. Es kann indessen den Betroffenen kaum zum Tröste gereichen, sich plötzlich aus der Rolle der Ankläger in die der Angeklagten versetzt zu sehen und sich verteidigen zu müssen, da wo sie die Herzen und Gewissen der ganzen Kulturwelt erschütternde Anklage erheben sollten. Da es aber eine unwiderlegliche Wahrheit ist, daß man von seinen Feinden ungemein viel lernen kann, so dürfte auch der Bralistoker Prozeß, und speziell das Vorgehen der An- Üagebehörde eine Lehre enthalten, der sich alle Teile der urssischen Judenheit auf die Tauer nicht werden verschließen können. Der Staatsanwalt, dessen Pflicht es wäre, die Schuld der Raubmörder klarzustellen, hat den Spieß gegen die Juden umgedreht. Die Anklageschrift spricht von jüdischen Revolutionären, und davon, daß die Revolution, von den Juden geleitet, den Pogrom heraufbeschworen hätte. Das ist als absurde Verleumdung erwiesen. Wie aber kommt der Vertreter der öffentlichen Wiklage zu dieser u n geheuerlichen Beschuldigung? Wie darf er es wagen, eine solche bodenlose Anklage gegen diejenigen, welche seines Schutzes harren, zu erheben? Ganz einfach! Er weiß, daß im revolutionären Lager sich auch einige Jünglinge jü bischer Abstammung befinden, die für ihn die jüdische Rasse, das jüdische Volk, bilden. Die Millionen Juden, die in ihrem kümmerlichen, sonnenarmen Dasein tteu an ihrem Gesetze, das auch Vaterlandsliebe und .Königstreue befiehlt, halten^ kennt er nicht, kennen auch die tausenden anderen in den höheren Gesellschafts- und Regierungskreisen nicht, weil die friedlichen, ruhigen, jüdischen Massen bislang jeder Organisation, jedes in ihrem Namen auftretenden gesetzlich anerkannten Organes entbehrend, unbemerkt bleiben mußten oder von beit verantwortlichen Kreisen leicht ignoriert werden konnten. Wir gehen nicht soweit zu behaupten, daß eine gesetzestreue Organisation, wie sie jetzt mit dem Verbände nwD auf dem Plan erschienen, Pogrome gleich unmöglich machen könnte. Eins ist klar und sicher: Einer Anklageschrift, wie sie der Staatsanwalt zu Bialiftok fertig brachte, würde ein gesetzestreuer Verband, wie wir ihn uns denken, von vornherein allen Boden entzogen haben. Und wie leicht hätten es dann die Anwälte der Juden, wenn sie die grundlosen Ausfälle mit einem Hinweis auf die Millionen Juden umfassende „Organisation der Gesetzestreuen" — so viel müßte sie bei Vereinigung aller gutgesinnten Elemente wirklich zählen — beantworten könnten! Der Verband hat sich, wie hier seinerzeit mitgeteilt, bereits organisiert, ist jedoch mit seinem Arbeitsplan noch nicht recht an die Oeffentlichkeit getreten. Die Erscheinungen und Ereignisse drängen aber täglich zur frischen kräftigen Tat. Auch der Bialistoker Prozeß dürfte manchen interessanten Fingerzeig für das Arbeitsprogramm des VtOB'' nDU enthalten. Der Kampf «ms Lrav. Bon Dr. Arnold Klein-Würzburg. Das in jüngster Zeit ergangene Urteil des Oberverwaltungsgerichtcs, durch welches die Benützung des Hagener Krematoriums entsprechend dem Polizeiverbote untersagt wird, hat die Feuerbestattung wieder in den Vordergrund der Tagesragen gerückt. Betrieben die Krematorien schon ohnehin unablässig eine rührige, sehr geschickt (er erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre) als er mit seinen Freunden einen Spazierritt gemacht hatte. Beim Heimwege, unweit seiner Billa, bäumte sein Pferd und warf den Reiter zu Boden. Er wollte sich erheben, aber ein stechender Schmerz in seinem Fuße hinderte ihn daran. Ein junger, zufällig vorübergehender Llrzt eilt!.' herbei, und unter Lessen Leitung wurde er in seine Billa gebracht. Der Arzt untersuchte "das Bein, es war gebrochen. Fünf bis sechs Wochen mußte er ruhig liegen, durfte er nach Ausspruch des Arztes nicht daran denken in das Geschäft zu gehen. Der Arzt kam fast täglich. Sein feines, gewinnendes Benehmen, feine geistvolle Unterhaltung und nicht zuletzt seine tiefernste Frömmigkeit imponierten ihm immer mehr und gar bald waren sie innige Freunde geworden So waren die Wochen ziemlich rasch vergangen, und schon durfte er an die erste Ausfahrt denken. Wie ein Kind freute er sick aus die Stunde, da er seinen Arzt und Freund in seinem Heim besuchen durfte, um seine Mutter und Schwester, an denen er mit so inniger Liebe hing, kennen zu lernen. Und es tPren wirklich seltene Menschen, denen ec jetzt begegnete. Die Mutter, eine würdige Matrone mit einem unendlich gütigem Gesichte, die Schwester, das Ebenbild ihres Bruders, eine herzgewinnende Erscheinung. Sie empfingen ihn wie einen alten Bekannten, und schon nach einer kleinen Viertelstunde fühlte er sich heimisch bei disen guten, edlen Menschen. Bald ivar er ein häufiger Gast in ihrem Haufe, und mit Sehnsucht erwartete er oft den Abend, den er in diesem trauten Familienkreise verbringen konnte. Er war in seinem ganzen Wesen wie umgewandett, viel froher und heiterer als je zuvor. Bald fühlte er es, welcher Magnet ihn so mächtig dahinzog, es war Hulda, die reizende Tochter des Hauses. Mehr noch als ihre sanfte Schönheit entzückte ihn ihr lebhaft sprühender Geist, die unendliche Sorgfalt, mit der sie die treue Mutter umgab. Seine Liebe zu dem schönen Mädchen wurde imnier heftiger; doch noch wußte er nicht, ob er auf Gegenliebe hoffen durfte. Lange konnte er diese quälende Ungewißheit nicht ertragen, und an einem Sabbatnachmittage, als er sie allein zu Hause antras, sagte er ihr kurz entschlossen, daß er sie liebe, über alles liebe, und daß sie ihn zum Glücklichsten der Sterblichen machen würde, wenn sie einwillige, sein Weib zu werden. Wie in Purpur getaucht, saß das junge Mädchen da, sie vermochte nicht zu antworten. „Liebste, teuerste Hulda," flehte er, „o, sagen Sie mir nur ein Wort, sagen Sie mir nur. daß Sie mir ein wenig gut sind, daß ich hsscn darf." „Es kann nicht sein," hauchte sie endlich kaum hörbar. ,,Es kann nicht sein," wiederholte er mechanisch ihre Worte, während er fühlte, wie alles Blut aus seinem Antlitz wich, „ist es Ihnen wirklich unmöglich, mich zu lieben, oder" fragte er mit immer steigender Angst, „ist Ihr Herz nicht mehr frei?" Ihre wundervollen, blauen Augen füllten sich mrt Tränen. „Ich liebe zum erstenmale in meinem Leben," erwidert: sie, „ich uebe Sie, Bernhard, mit der ganzen Glut meines Herzens, aber trotzdem —" Er ließ sie nicht ausreden. „Du liebst mich, teures, geliebtes Mädchen?" rief er in überquellender Seligkeit aus, „dann ist alles gut, dann fehlt nichts zu unserem Glücke." t „Hören Sie mich zu Ende," bat sie, „trotzdem rch Sie wahr und innig lieb:, kann ich nicht die Ihre inszenierte Agitatton, so werden sie jetzt, da zur Zulassung der Feuerbestattung im größten Bundesstaate eine Aktion der Gesetzgebung erforderlich ist, eine noch intensivere Propaganda entsalten, um die konservative Mehrheit des preußischen Landtages durch die öffentliche Meinung zu beeinfluffen. Anzeichen dafür sind jetzt schon in der politischen Tagesprcffe vorhanden. Eine solche Agitation, die durch die Zeitungen in die breitesten Schichten des Volkes getragen wird, Pflegt in hohem Mase verwirrend auf die Gemüter zu wirken. Denn die Freunde der Feuerbestattung sprechen nicht — wie es eigentlich recht und billig wäre — klar und deutlich aus, daß fie sich um religiöse Bedenken bei der Entscheidung solcher Fragen überhaupt »licht kümmern, sondern sie suchen auch zu beweisen, daß die von ihnen gewünschte Bestattungsart religionsgesetzlich überhaupt nicht anfechtbar ist. Geschickt vorgeiragene Argumente über die angeblichen Nachteile der Beerdigung und die ebenso angeblichen Vorteile der Leichenverbrennung machen das große Publikum, dem die zur Bildung eines selbständigen Urteils nöttgen Voraussetzungen meistens abgehen, leichtschwanknd und in konkreten Fällen, wenn die Frage in den Gemeinden akut wird, wcrden dann die Verfechter der alten pietätvollen, religionsgesetzlich geheiligten Bestattungsart nicht mit dem erforderlichen, der Heiligkeit der Sache entsprechenden Nachdruck unterstützt. Demgegenüber ist es angebracht vorzubauen, daß d:e Scheinargumente für die Feuerbestattung nicht Wurzel fassen. ES ist das eine doppelt begründete Pflicht. Erstens fordert die Heiligkeit des in Frage stehenden Gebots schon an und für sich ein energisches Eintretenzweitens aber dient man mit einer solchen aufklärenden Arbeit auch dem Frieden in den Gemeinden. Hat sich doch leider die Feuerbestattungsfrage schon in mehreren Gemeinden als Keil erwiesen, der die friedliche Einheit zu zersprengen droht. Da gilt es also, in wette Kreise die Erkenntnis zu tragen, daß es heilige Pflicht eines jeden Jehudi ist, für die alte Bestattungsart unentwegt einzutreten. Die Erdbestattung ist nämlich ein biblisches Gebot, eine mwiki ntry rviXD und nicht, — wie man manchmal sagen hört — ein durch sein Alter geweihter Brauch. Die Anordnung der Thora im V. Buch Moses, Kap. 31,22 bezieht sich nach der allein maßgebenden Lehre unserer Weifen auf die sterbliche Hülle eines jeden Dahingegangenen. (Vergl. Sandhedrim 46b und Jore deah . 62) Die Auffassung anderer Konfessionen ist für den jüdischen Standpunkt in keiner Weise richtunggebend. Man kann darüber vielleicht den Kopf schütteln, daß eine solche Binsenwahrheit, eine solche auf der flachen Hand liegende werden, denn die Verschiedenheit unserer religiösen Anschauungen läßt dies nicht' zu. Sie haben schon oft in unserem Hause Gelegenheit gehabt, zu sehen, daß wir strenge nach dm Gesetzen leben, daß mein Bruder in seinem Berus: sich so manche Entbehrung auserlegt, um keines unserer Gesetze zu übertreten. Sie, Herr Heimberg, (vorhin in der Erregung hatte sie ihn Bernhard genannt) entweihen den Sabbat, Sie übertreten tägttch die Gesetze, die uns Gott geboten. Sehen Sie es nicht selbst ein, daß unsere Erziehung ein: so verschiedene ist, daß wir nicht zusammenpassen?" Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. „ES ist nicht meine Schuld", entgegnete er, „daß ich eine solche Erziehung genossen; auch in meinem Elternhause herrschte wahre, tief2 Frömmigkeit, und hatte nicht ein herbes Geschick mir die Teuren so früh entrissen, so wäre manches anders geworden. Doch noch ist nicht alles verloren, noch ist es Zeit zur Umkehr. Von heute an will ich ein Anderer werden. Bon Deinem Bruder werde ich. mir die nötige,l Anordnungen geben lassen über alles, was ich tun und lassen muß. Mein Geschäft wird am Sabbat künftig geschlossen sein, darf ich dann hoffen, geliebtes Mädchen?" Hulda schwieg und verwies ihn endlich an die Mutter. Die edl: Frau, die nur für das Wohl ihrer Kinder lebte, die sie ganz nach dem Vorbilde ihres seligen Gatten erzogen hatte, hegte dieselben Bedenken wie ihre Tochter. Trotz aller Schwüre und Versicherungen gab sie ihm keine feste Zusage. Ein Jahr lang, ein volles Jahr solle er sich prüfen, solle er so leben, wie er es getobt, und dann, dann wiederkommen und sein geklebtes Bräutchen heitnführen. Es war keine harte Probe, und er hat sie glänzend bestanden. Sein Geschäft war am Sabbat und au .