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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ft*. 25 Handeln auch der Umstand, daß ohne eine solche Norm jede andere sich als unzuverlässig erweist mtb nicht imstande ist, das tiefe Sehnen unserer Brust nach „Zufriedenheit" wirklich zu stillen. „Glück"-StrÄen ist nur ein Kollektivbegriff für die größten Gegensätze. Wenn uns also einerseits der Vergleich mit der Natur veranlaßt, auch ftir den Menschen eine bestimmte Richtschnur, seines Handelns anzunehmen, finden wir aber andererseits im eigenen Innern höchstens das allaemeine (auch der Natur abgelauschte) Prinzip des gegenseitigen Stützens und Forderns, welches, wenn es mit Bewußtsein und Absicht ousgeübt wird, die Eigenschaft der Gerechtigkeit und deren Potenzierung, die Liebe, dem Nicht-Ich gegenüber vorausgesetzt. Wie aber diese Gerechtigkeit und Liebe betätigen? Gar der außermenschkichen Welt gegenüber, wo alle Analogien von eigenen! Lust- und Unlustgefühl versagen? Und wie Gerechtigkeit und Liebe üben „dem vertrautesten Stück des Nicht-Ich, unserem Körper" gegenüber? Ist doch eigentlich nur unser fragender Geist das „Ich". Auf seine Fragen, wie er zu handeln hat, wie er denselben Gesetzen folgen kann, wie die außermenschliche Welt, kann ihm nur Antwort geben eine Offenbarung dessen, welcher als Schöpfer der Dinge auch weiß, wie ihnen gegenüber Gerechtigkeit und Liebe zu beweisen. Diese Offenbarung (deren Nachhall Hirsch in den na '22 MXQ jntP findet), wurde der Gesamtmenschheit zu teil, aber nicht gezwungen sollte sie deren Geboten nachzukommen, sondern die Wahl haben, zwischen der direkten Annahme oder der indirekten, was heißt: erst alle selbstgeschaffenen Lebensregeln und Strebensideale geistig überwinden, sie in ihrer Unzulänglichkeit durcherproben, und also wieder den Weg zum „Gan Eden", in dem Gott das „Gut" und „Bös" bezeichnet, zurücksinden. Die Menschheit wählte diesen zweiten indirekten Weg und da schuf die Vorsehung nunmehr eine Veranstaltung als Völkerbeispiel — Warnung und Erziehung: Ein Volk, dem noch einrnal verjüngt jene Menschheitsoffenbarung gegeben wurde, damit es sie als lebendiges Denkmal so lange im eigenen Kreis hüte, bis seine Wahrheit wiederum allgemeine Wahrheit weroe. Sein ganzes Geschick hängt innig mit dieser seiner Aufgabe zusammen. Seine Offenbarung erhielt dieses Volk — das Jüdische — am Sinai. Der Grnndcharakter dieser Offenbarung ist wiederum nichts anderes, als Betätigung der Gerechtigkeit und Liebe allen Mitwesen gegenüber. Auch dafür, daß diese Idee selber sich im Tatenleben ausspreche, ist in einem Teil der Offenbarung Veranstaltung getroffen. Der Inhalt dieser Offen¬ Der J-raeltt. __ barung läßt sich nunmehr in folgende Grupepn naturgemäß einteilen. „rrrnin: Die geschichtlich offenbarten Ideen über Gott, Welt, Mensch und Jsroeltum mit ihren Folgen, nicht als Glaubens- oder Wiffeusätze, sondern als anzuerkennende und mit Geist und Herz aufzunehmende Prinzipien des Lebens. II. D'DStPD: Aussprüche der Gerechtigkeit gegen gleichgeordnete Wesen aus dem Grundsatz dieser Gleichheit, also der Gerechtigkeit gegen Menschen. III. ü'pin: Aussprüche der Gerechtigkeit gegen untergeordnete Wesen aus dem Gruildsatz der Gotteshörigkeit, also Gerechtigkeit gegen Erde, Pflanze, Tier Und alle drei schon in die Persönlichkeit übergegangenen, gegen Besitz, gegen Körper, Gemüt und Geist. IV. nviD: Gebote der Liebe gegen alle Wesen, ohne Anspruch derselben, rein aus Gottes Auftrag und dem Begriffe der Mensch- Jsroel-Bestimmung. V. rvny; Denkmale für Mensch- und Jsroeltum begründende Wahrheiten durch Darstellungen in Wort- und Tatsymbol für den Einzelnen, für Jsroel und über Jsroel hinaus. VI. rin2j;: Erhebung und Weihe des inneren Lebens für die Berufserfüllung im äußeren Leben durch Urteilsläuterung in Symbolhandlung und Wort." "Der Nachweis, in welche der genannten Rubriken die einzelnen, aucb in der Zerstreuung angängigen Pflichten einzureihen .sind, bildet den Inhalt des „Ehoreb", immer ausgehend von den Grundbegriffen und den bedeutendsten Einzelheiten der KnnyDV. Naturgemäß ist bereits hier — eben durch diese Ableitung von MinjJBtP — der Anfang zu einer jüdisch wissenschaftlichen Begründung der Gesamtanschauung gemacht. Der eigentlichen Beweisführung und Zurückführung auf die Quellen dient aber vor allem der Pentatenchkommentar und einige Abhandlungen im „Jeschurum" (vor allen! „Grundlinien einer jüdischen Symbolik"). Auch hier müssen wir uns, wie bei dem bisherigen begnügen, nur ein Gerippe des Systems zu geben, ohne auf die Fülle des Einzelmaterials einzugehen. Zwei Aufgaben sind es vor allem, die im Pentateuchs kommentar zu lösen sind und gelöst werden. Zunächst ist der Nachweis zu erbringen, was als „Quelle der jüdischen Lebensänschauuug" zu bezeichnen ist. und dann außerdem, wieso aus jener Quelle die von Hirsch gezeichnete jüdische Weltanschauung hervorgeht. Die Antwort aus die erste Frage ist bte8), daß die mündliche und schriftliche Lehre überhaupt nicht als zwei 8) Berpl. Kommentar zu Anfang von O'vOVv- «rite 3. 18 Juni U«. Quellen zu betrachten ^ind, vielmehr in Wechselbeziehung zu einander stehen. Die zwei Lehren verhalten sich zueinander, wie das kurze Drktat zur vollständig vorgetragenen Disziplin, Hirsch weist nach, wie das Wort der Schrift erst Sinn und Bedeutung durch den Geist der Halacha erhält, die schriftliche Lehre ist eine Art menemnotechnisches Hilfsmittel für die mündliche. Aus beiden zusammen ergibt.sich das von Hirsch gezeichnete Totalbild des Judentums. Den Unterbau der Beweisführung Hirsch's bildet eine umfassende philosophische Untersuchung, die versucht, den im Text aufbewahrten Wortschatz aus sich selbst zu erklären. Die Grundlage dieser Erklärungsmethode, das Prinzip der Lautverwandtschaft ist wiederum nicht etwa eine neue, von Hirsch ausgestellte Sprachregel, sie ist vielmehr in der ganzen von Hirsch gebrauchten Ausdehnung eine dem hebräischen Grammatiker bekannte Tatsache. Wir lassen hier einen Auszug aus einem der bestbekanntesten hebräischen Grammatiken der Jetztzeit pw? -ne?n isd von Ben-Sew folgen. .'n 'K 1DKD (' ntpon pt? ns2 nureie pon pb v" nman -pnno p"2'a p-uno yn"nK pi Nö2on '^2 D'nswno rp vi2 cratrno pa^no na//l?t3"i mimp par inn N2ivv pv rrrniKm . . . 1f lKUI M32D2 p oa nisVino p KV2Q2 M02 u nnon 28nc miön l'l Dlöp) '2128 2W1Ü □'ycc „ <rt"> 8*0) OTIDB 15C „ '.1*0 v'tznrv '2 120' 001N <8*s o’Snri t*oin vivipiy *3? nnsi ins 12T ino ins .. in? pnr pns s]r; .. nr: nee .. rmc rtiT - 81? ipy 118 3>21p .. 3?2b ms 100 12'. ine jnn Tie Lautverwandtjchaft der einzelnen, mit demselben Sprachorgan.hervorgebrachten Buchstaben resp. Wörter läßt selbstredend, rvas unbestritten ist, von jedem Grammatiker auf eine Sinnverwandtschaft schließen, aber nicht überall liegt diese Sinnverwandtsckast so auffällig zutage, wie bei T*?y und öder bei pn» und pN2, andererseits liegt kein Grund vor/ anzunehmen, jenes Gesetz der Laut- resp. Sinnverwandtschaft gehe nur bei gehen", hebt einer an. „Unsere Füße standen einst in deinen Toren, o Jerusalem," so der andere. Allmählich kommt man so der Gottesstadt näher. Schon schaut man ihre Zinnen von der Ferne. Allgemeine Freude Herrscht bei den Fruchtträgeru, das Gefühl froher Erwartung beseelt einen jeDcu. Sie treffen rasch ihre Vorbereitungen zum Einzug in Jerusalems Tore. Boten .werden abgesandt, um die Ankunft zu melden. Inzwischen werden die Körbe geschmückt. Dje schönsten Früchte legt nran obenauf. Auch Taubenpaare befinden sich den Körben zur Seite; sie sollen zum Opfer dienen. Und nun setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Aus Jerusalem kommen Verwalter und Amtsvorsteher entgegen, je nach der Anzahl der Kommenden tvar die Zahl der Empfangenden. „Brüder aus dem und tem Orte, Dii{pp 22812, euer Eintritt sei zum Frieden!" lautet der Willkommensgruß. Was bei andern Gelegenheiten untersagt gewesen, rvar den Handwerkern aus der Straße diesmal gestattet: sie durften ihre Pflichtarbeiten unterbrechen und den Einziehenden ihre Grüße entbieten. — Der Zug bewegt sich weiter zum Tempelberg hinauf, unuatLrbrochen begleitet vom Spiele der Flöten. Bor der Tempelhalle wird Halt gemacht. Jeder — selbst der König — hatte hier den Korb persönlich zu tragen und auf der Schulter ihn einzusühren in die Tempelräume. Dabei stimmte der Levitenchor das Psalmlieb 30 an: Ich danke dir, o Herr, Daß du mich arm gemacht u. s. f. Stehend hörten die Fruchtträger das Lied an, um dann selbst ein großes Lob- und Dankbekenntnis Gott auszusprechen. In großen Zügen rekapitulierte inan die Geschichte der Patriarchen, der egyptischen Sklaverei, warf einen Blick auf die lcidvolle Vergangenheit unseres Stammes, um dann desto froher und freudiger dankend zu bekennen: Dipon *>81282'1 "pai Mb P'l ntn Jetz! wer besitze ich ein schönes Land fließend von Milch und Honig. Und nun brachte ich die erstgereiste Frucht dieses Bodens, den du, o Herr, mir gegeben, ich lege sie hier nieder in deinem HeMgtume." Friedensuno Freudenopser erhöhten die Feier. Man blieb über Nacht in der Gottesstadt, um hierauf froh und wohlgemut, beglückt und heiter heimzukehren zur altgewohnten Arbeit, zu Feld und Weinberg, zu üppigen Fluren und grünenden Wiesen.- Wir ließen an dem geistigen Auge des Lesers eine schöne Idylle vorüb erziehen, wie sie das heilige Land bot nach Ablauf des niZt12V-Festes. Gerade jetzt, wo Tausende unserer Brüder in die Badeplätze und Sommerfrischen eilen, um Körper und Geist zu stärken und zu stählen, gerade jetzt dürften wir uns eines idealen, am Körper und Geist gesunden Bauernvolkes erinnern; es waren unsere Ahnen im gelobten Lande. Wir klauben, daß kein Staatcngebilde des Altertums — auch» Griechenland nicht ausgenommen — und feine moderne Kulturnation ein solch glückliches Land und Volk gesehen. „Ueppiger Glanz der Städte auf der einen, bäuerliche Verdummung und geistige Bevormundung der Dorfbewohner auf der anderen Seite war hier gleichmäßig auseschlossen." (Husch's Pentatenchkommentar, 3. B. M. 25.) Diesen Eindruck mußte jeder gewinnen, der nach Miaus des „Festes per Erstlinge" den Boden des heiligen Landes betrat. Die Zeit nach DWütP L"gte Volk und Land in seinem eigensten, in seinem schönsten Lichte! UliedcrgefUMdeti. Erzählung von I. B. In der Billa des Backier Heimberg herrsDe tiefe Stille. Die Jalousien der ersten Etage waren tief herabgelassen, damit kein Sonnenstrahl hineindringe; die Diener schlichen aus den Fußspitzen umher, jeder Laut, der die Ruhe der Leidenden stören konnte, wurde ängstlich vermieden, denn die Herrin des Hauses lag schwer krank darnieder. Eine heftige Lungenentzündung hatte die junge, blühende Gattin des Bankiers auf das Krankenlager geworfen. Mit ängstlicher Sorgfalt lvachte der Gatte an dem Lager seines treuen, heißgeliebten Weibes, horchte auf ihre kurzen, s cbweren Atemzüge, hielt ihre fieberheißen Hand in der seinen. 4wr selten gab er den» Drängen des Arztes, den Bitten der Wärterin nach und gönnte sich einige Stunden Ruhe. Es war um die dritte Nachmittagsstunde. Seit dem frühen Morgen sag die Kranke in unruhigem Halbschlummer da, der nur zuweilen von wirrrn Fieberphantasien unterbrochen lvurdc. Bor einer halben Stunde war der Arzt dagewelen; er hatte auf die ängstlichen Fragen des Bankers miit einem , bedenklicher Kopisclütteln geantwortet. Wenn das Fieber Nachlassen und die Kranke in einen ruhiycu Schlummer verfallen würde, dann könnte vielleicht noch alles gut werden. Mit einem schweren Seufzer hatte der Bankier, als der Arzt weggegangen ivar, seinen Platz an iTir',

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