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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«tfel. 25 Der JSraelit Srnndgedaniren nnd Methode 5amzov llapdsel fiir$cb$. Der Umstand, daß S. R. Hirsch nicht nur ein eindringenden Studien hingegebener Denker war, sondern auch als Kämpfer auf dem Marktplatz des Tages mit erfolgreicher Tatkraft seine - Ideale in die Wirklichkeit umzusetzen verstand, läßt es erklärlich erscheinen, warum es heute so viele Hirsch-Verehrer, aber nicht ebensoviele HirschK e n n e r gibt; die jüngste Vergangenheit und auch die Gegenwart der gesetzestreuen Judenheitinsbesondere in Deutschland — tragen so unverkennbar den Stempel der kraftvollen Persönlichkeit Hirschs, daß der Zeitgenosse nicht erst die Werke von Hirsch zu lesen nötig hat, um zu erkennen, daß die von dem großen Verteidiger unserer alten Heiligtümer geschmiedeten Waffen gar blank und treMcher sind. Und doch glauben wir, daß mit solcher Anerkennung als Größe unserer Zeit man Hirsch nicht gerecht wird. Wie alles Große ist auch geistige Größe erst in richtiger Distanz zu würdigen. Hirschs Auffassung des Judentums und seine Erklärung zu unseren heiligen Schriften bilden eine schöpferische Tat unabhängig von dem Jahrhundert, in dem sie geschrieben und Hirschs Größe wurzelt daher keineswegs Ln seiner Zeit. Diese von den parteipolitischen Käurpfen des vergangenen Jahrhunderts unbeeinflußten Werke Hirschs in ihren Grundgedanken darzustellen, hauptsächlich um zum eingehenden Studium derselben zu veranlassen, ist der Zweck der folgenden Ausführungen. Es ist charakteristisch für die Wesensart Hirschschen Denkens, daß der moderne jüdische Literarhistoriker im Zweifel ist, in welche „Rubrik" Hirsch einzureihen ist. Nur einseitiger Parteistandpunkt ist es, der tendenziös Hirsch als „geistreichen Homiletiker" gelten lassen möchte Der Kommentar zur min ist wahrlich größtenteils nicht das, was man unter Homilie zu verstehen pflegt. Wer auch „Wissenschaftlichkeit" im Sinne jener „Wissenschaft des Judentums" die vor allem das äußere literarische Beiwerk des Judentums zum Gegenstand hat, werden wir Lei Hirsch vergebens suchen*). Auch als „Religivnsphilosoph" im Sinne jener Religionsphilosophie, wie sie im vorigen Jahrhundert auf der „Rechten" Hegels vertreten war, Hirsch zu bezeichnen, verrät die Unkenntnis des diametralen Gegensatzes seiner Anschauung mit der der „ori) Ueber den Grund spricht er sich selbst deutlich aus „Jeschurun", Bd. VIII, S. 73/91. Kleines Feuilleton. Vach Sem Test der „Erstlinge". Versetzen wir uns in Gedanken zurück in die Zeit des Tempels, in das Land unserer Väter. Vorüber ist der Jaum Habikurim, das Schowuanssest, an welchem man im Gottesheiligtum zwei Weizenbrote darbrachte, die Dank und Huldigungsgabe des TUpn 2N, des jü Ä Erntefestes. Verrauscht ist der Festjubel der . hrer, die nach kaum sechswöchentlicher Pause sich wiederum in einfanden, 'n nmr6/ offiziell uüd laut die nationale Gotteshuldigung barzuiun, mijf/ ein markantes Wahrzeichen der Glaubenstreue Ges am t israels. Nun pilgern sie wieder den friedlichen Hütten zu, kehren heim zu thodoxen Hegelianer", ivelche Philosophie als einen Weg betrachteten, der den entwickelteren; Geist zu demselben Ziel führe, wohin der noch unentwickelte Geist durch Religion gebraut werde, mW deren Philosophie nur insofern eine Religionsphilosophie war. Nicht so bei Hirsch. Was er wollte, hat er selbst mit den lapidaren Worten gekennzeichnet:2) . nehmen die Quellen des Judentums ttn-iio, D"tP, daraus Judentums Ansicht geschöpft über Gott, Welt, Menschheit, Israel nach Geschick und Lehre, und das Judentum sich anserkannt, aus sich begriffen, aus sich zu eiuer Wissenschaft der Lebenswexheit erhoben." — Nicht eine Phsiosophie, , welche die Wahrheit der Religion erweist, ist diese Art der Religionsphilosophie, sondern vielmehr eine Philosophie, die sich aus der Religion ergabt — die Philosophie des Judentums Zwei Arten der Kritiken, die man am Gedankengebäude Hirsch's zu machen pflegt, dürften durch diese Definition als haltlos sich zeigen. Zunächst meinte man seiner Forschung mit Recht entgegenhalten zu können, daß sie nicht voraussetzungslos sei, vielmehr die Tatsache der Offenbarung als ein über jeden Zweifel erhabenes historisches Faktum voranssetzte. Diese Art der Kritik übersieht aber, daß Hirsch ja nichts anderes will als zeigen, wie das Judentum selbst ausgefaßt sein will, . . . „was werden Menschen sein, die den Inhalt dieses Buches als ihnen von Gott geoffenbarten Lebensboden und Regel erkennen".») . . . Gälte es Hirsch in erster Linie darum die Wahrheit des Judentums zu beweisen, dann freilich wäre dieser Beweis auch auf die Offenbarung zu erstrecken, aber dagegen hat sich Hirsch mit aller Entschiedenheit verwahrt.4) Die Verpslichtungs kraft dieser geoffenbarten Gebote vielmehr voranssetzend, fragt er, welche Gedanken und Gefühle wollen diese Gebote bei dem sie ausübenden Juden auslösen. Deshalb begründet er die Tatsache der jüdischen Offenbarung nicht. (Wie sich historische Fakta ja wohl schwerlich anders als eben historisch begründen lassen). Wie er die Notwendigkeit einer Offenbarung überhaupt von seiten Gottes an die Menschheit indirekt za begründen versucht, werden wir im Zusammenhang noch zu erörtern haben. Auch der andere Vorwurf, der Hirsch gegenüber ungemein beliebt ist, daß er nämlich selber nicht auf dem Standpunkt der „Altorthodoxie" gestanden, sondern der alten Form einen esseitiell. neuen Inhalt, gegeben, dürfte durch die 2) Neunzehn Briefe, Bd. XVIII. , 3) tbid. Brief II. 4) JnSbesondere.in der Torrede zum Choreb. Weiü und Kind, bis die Sukkausfeier im Herbste sie abermals mahnt, die Reise nach der Gottesstadt anzutreten. — Und doch ist die Zwischenzeit auch eine Periode dss Manderns! Gleich nach -egcmnen jene frohen Wanderzüge, die in ihrer Art einzig dastehen. Zeigen sie doch in dem altjüdischen Staatengebilde das idyllische Heim eines au Körper und Geist gesunden Volksstammes, dem moderne Kultnrnationm manches ablaunschen dürften. Während des ganzen Sommers bis tief in den Winter hinein trug marr in Körben die edelsten Landesfrüchte hinaus zum Tempelheiligtum, hinauf nach Jerusalem. Es waren die sogenannten „Erstlingsfrüchte", □''TDUwas ter Sonnenstrahl zuerst ereist in Feld und Weinberg. Den Reigen dieser Gaben erössneten die beiden Weizenbrote, welche am Schowuausfeste dargebracht wurden, und nun entwickelte sich auf den Landstraßen Palästinas jenes beschauliche Treiben, das wir an unserm Geistcsauge oorüberziehen lassen wollen. Mit siebenerlei Früchten hatte Gott der Väter Land einst gesegnet, es gepriesen als Land des Weizens, der Gerste, der Weintraube, des Granatapfels, der Feige, der Olive, und der Datteln. (5. Bch. M.) Hatte «in Jsraelite von diesen Früchten aus feinem Acker, so mußte er die „Erstlingsgabe" davon abschneiden für Gott. Der Priester sollte sie genießen. Es muß aber die tatsächlich er st gereifte Frucht sein. Darum geht der jüdische Bauer öfters zu seinen Oliven- und Feigenbäumen, zu seinem Weinberge and Fruchtacker hin; er durchsucht die Halme, betrachtet mit forschendem Blick die Rebstöcke, prüft die Baninfrüchte, um die frühest gereiften Erträgnisse zu entdecken. Schon vorher aber hat er mehrere Bastfäden mitgenommen, und findet er reife Früchte, dann ___18» Juni 1908. obige Betrachtung von Hirsches Leitmotiv leicht zu entkräften sein. Wie er selber mit meisterhafter Klarheit») präzisiert, ist die Art und Weise seiner Forschung und der Gegenstand derselben, die Philosophie des Juöentums, seit jeher die Methode jüdischen Denkens gewesen. Das unverrückbare Objekt, welches Gegenstand der Forschung war, ist das jüdische Gesetz — Knnyötf — dieses, der Inbegriff der uns von Gott gegebenen Gesetze, ist feststehend, wie das Naturgesetz feststehend ist; was der Zweck dieses Gesetzes ist, welche Bedeutung es für seine Ausübec habe, darüber spricht es sich selbst nicht aus, das zu erforschen ist Sache der KriTtte, die vergleichbar den Hypothesen der Naturwissenschaft immer nur einen höchsten Grad von Wahrscheinlichkeit haben kann, und die wohl je nach dem mehr oder minder tiefen Blick des Beschauers selber sich als mehr oder minder tief darstellt.6) Das Feststehende, Unveränderbare war somit für die „Altorthodoxie" ebenso wie für Hirsch die KnnyötP. Für beide aber war der Kreis der KrmK ein völlig freier7, im Zentrum dieses Kreises' steht freilich «nnyöw; diese als Mittelpunkt gedacht, lassen sich die verschiedenen Auffassungen vom Geist derselben als konzentrische Kreise betrachten. Fassen wir, bei diesem Bilde bleibend, den Gesamteindruck der Hirich'schen **rn:»K zusammen, so dürfte das Charakteristikum derselben der Umstand sein, daß die Radien seines timw Kreises — mit ttP>PPvrr> als Zentrum — sehr große sind, daß dieser Kreis ein so umfassender ist, daß die viel mißbrauchte Redewendung, „jüdische Weltanschauung", hier mit Fug und Recht angewendet werden kann. Tie Betrachtung des Weltganzen auch ist es, mit der Hirsch leine „Neunzehn Briefe über Judentum" einleitet. Nur in knappster Kürze können wir hier eine Skizzierung versuchen. Zwei Gründe sind es, die den Schluß gestatten, daß bestimmte Normen und Pflichten des Menschen Tun und Lassen zu regeln haben. Zunächst die Analogie mit der außermenschlichen Welt, die nach sichtlich geordnetem Plane sich in ihren einzelnen Teilen stützt und bis zur Vorausbestimmbarkeit genau im Einzelnen also wirkt, daß das Ganze besteht. Außerdem aber spricht für eine Norm auch für des Menschen °) tbid. ' 6) Bergl. Neunzehn Briefe Bd. XVIII Anmerkung. 7) Bergl. feiet su besonde s: isrn -rtc'inn «tsts «Sir p» nw bv mo^ro xs'tr m *>5 «in «nsm “rt min bv nbw hö so« hsdo nioy* “p pto xnin wn n niste nw nixe pss» nsSn rnn ie”ptp ne bzv fiynb eni »njnn vbv rpein*? p« n-iiasn ’bö ‘rsetp n"y isa-i ntpe 'bd «ine» fernst? ne’Ba nn» bs c'eiroa ne bzx uoe yrob «V ib'ttn entnien p nsnn bv nbv'w ne ’B? wjhs n«ntr> nei i? .enchr peeie p« ^^Nni^Omu^nei^ umwickelt er dieselben mit den Worten vir) DVTOy'/ diese feien zu Erstlingsfrüchten besiimmt. Besitzt er nun derlei Früchte in genügender Zahl so gilt's sie nach dem Heiligtum zu tragen. Zn diesem Zweck vereinigen sich viele zu einer Karawane. Das heilige Land war in Ständebezirke eingeteilt. Alle zu einem solchen Bezirk gehörigen Städte kommen in der Bezirksstadt zusammen, gemeinsam, d. h. in Gesellschaft ihre Früchte nach Jerusalem in den Tempel zu tragen. „Es ist die Zeit nach Schowuaus. Ein azurblauer Himmel wölbt sich über wogende Saatenfelder, gründende Rebhügel und rauschende Olivenhaine. Munter plätschern die Bächlein zum Jordan und dorr den Höben grüßt die stolze Palme, die mächtige Zeder. Auf brr Landstraße gewahren wir einen Zug froher Menschen. Sie tragen geflochtene Weidenkörbe, in welchen herrliche Früchte ruhen, jene Arten, die den Ruhm Palästinas bilden. Reiche Leute brachten sie gar in silb:rnen und golonen Schalen . Auf dem freien Marktplatze des Städtchens macht die Karawane Rast. Hier verbringt sie auch die Nacht im Freien. Der Himmel ist wolkenlos, die Lüste so nrild. Eine herrliche Sommernacht! Endlich bricht der Morgen an .Der Führer erhebt sich mit dem Rufe: „Auf, laßt uns hinauf nach Zion, dem Hause unseres Gottes ziehen!" Willig folgen die anderen, der Zug setzt sich in Bewegung. Voran geht ein Stier, den nran als Friedensopfer bringen will. Seine Hörner find vergoldet und mit, einem Oelzweig bekränzt. Flötenbläser schreiten da-' her und spielen fromme Weisen. Die Mitzichenden ermuntern.sich gegenseitig durch die nunsterfelichen Lieder des königlichen Sängers. „Ich freue mi& so man zu mir spricht: Lasset uns ins Haus des Ewigen

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