Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1908)
- Date
- 1908-06-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 2\ des „Israelit . euilleton. ver knlrei. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Gotthold entsprach ihrem Verlangen und las laut: Singapore 1. Dezember 18—. „Liebe teure Großeltern! lieber teurer Großpapa und liebes kleines Tantchen! Was werdet Ihr Lieben von mir gedacht haben, daß ich so lange fort bin und Ihr noch keinen Brief von mir erhalten habt! Darum muß ich Euch vor allem mitteilen, daß ich Euch bereits fünfmal geschrieben habe, große, lange ausführliche Briefe, aber erst seit gestern weiß ich, daß meine Briefe gar nicht an Euch abgegangen sind, weil ein schlechter abscheulicher Mensch dieselben unterschlagen hat. Warum er das getan hat, weiß ich nicht, aber weil Ihr also gar nichts von mir wisset, muß ich von Anfang an alles nochmals erzählen. Bor allem die Versicherung, daß ich Gottlob gesund bin und daß mir diese ganze Zeit hindurch gar nichts gefehlt hat, und daß ich, wenn ich mich nicht häufig nach Euch sehnen würde und nur wüßte, daß Ihr auch gesund seid und Euch meinetwegen nicht ängstiget, daß ich dann auch ganz vergnügt wäre. Ich war auch fast immer ganz vergnügt, denn bis gestern habe ich doch geglaubt, daß Ihr meine Briefe erhalten hättet, und wenn ich alles in Betracht ziehe, wäre ich in Wirklichkeit undankbar, wenn ich mich beklagen wollte, obgleich ich anfangs oft geweint und mich sehr gegrämt habe. Doch nun will, ich ausführlich alles erzählen. Wie Ihr wisset hatte Mama die Absicht mit mir auf dem Dampfer Roland die Gesellschafsreise nach Norwegen zu machen. Als wir nach Bremerhafen kamen, sagte Mama zu einem Träger, er möchte unser Gepäck auf den Dampfer Roland bringen. Die Leute dort sprechen aber so komisch, der Mann sagte: ich weetz all, kommen st man mich nach. Wir mußten lachen, aber er ging voraus und wir gingen hinter ihm drein direkt nach dem Hafen, dort lagen viele große Schiffe, unser Träger ging auf das größte zu, d e Landungsbrücke hinauf und wir folgten ihm. Ich war sehr vergnügt und unterhielt mich mit Mama, auf einmal sah ich, daß auf der Planke, wo der Name des Schiffes steht, Ruttland stand. Ich machte Mama darauf aufmerksam, aber Mama sagte, das wäre ein holländisches Schiff, vermutlich heiße Roland auf holländisch Ruttland. Wir legten also darauf kein Gewicht und plauderten weiter. Auf einmal kam ein Herr zu uns, der zuerst Mama sehr höflich grüßte und dann auch mir die Hand reichte: Ah, Herr von Althof! freut mich außerordentlich, daß ich das Vergnügen habe — wie steht das werte Befinden? — Es war der Baron Brandow. Ich wäre am liebsten fortgegangen, denn ich habe diesen abscheulichen Menschen nie leiden können, über das Schiff fing an stärker zu schaukeln, ich fürchtete, ich würde fallen, wenn ich aufftehen würde, deshalb blieb ich fitzen und mußte nun noch länger das fade Gerede von dem Baron mit anhören. Mir aber wurde schlecht und schlechter, mir war, als ob mir die Brust und BOeiWMberHMm würde, Mama wurde ganz ängstlich, der Baron aber sagte: Fürchten Sie nichts, gnädige Frau, das hat nichts zu sagen, das ist nur der Anfang der Seekrankheit, ich werde einen Freund herbeiholen, der mit derartigen Patienten umzugehen weiß. Er entfernte sich und kam schon nach wenigen Minuten mit einem Herrn, den man auf den ersten Blick als einen katholischen Geistlichen erkannte, er Frug einen sehr langen Rock und als er beim Grüßen den Hut hob, sah man die Tonsur. Er stellte ihn Mama vor, als seinen Freund, den hochwürdigen Pater Anastasius aus Mölk. Zuerst habe ich mich auch darüber geärgert, denn ich hatte noch nie mit einem Geist lichen gesprochen und meinte — ich weiß selbst nicht mehr, was ich gemeint habe, aber als der hochwürdige Herr sich dann zu mir wandte, sich voll aufrichtiger Teilnahme nach meinem Befinden erkundigte und mich dann anderwärts hinführte, so ungefähr in die Mitte des Schiffs und dort seinen eigenen Plaid auf das Verdeck ausbreitete und mir behilflich war, mich darauf nieder zu legen und dann sagte: jetzt wird Ihnen sofort gut sein. Da war mir in Wirklichkeit sofort ganz behaglich. Und er war so froh, als ich ihm das sagte, ich war ihm doch damals noch ganz fremd, aber trotzdem — nein in meinem ganzen Leben habe ich keinen so lieben herrlichen Men schen gesehen, der sich mit einem wildfremden Menschen soviel Mühe gegeben hätte. Wenn ich ganz ruhig lag, war mir gut, aber so wie ich mich bewegte, wurde mir schlecht. Darum hat er sich zu mir gesetzt und hat darauf geachtet, daß ich niich nicht bewege. Als es aber dunkel geworden ist, konnte ich nicht auf dem Verdeck bleiben, dort war es zu kalt, da hat der hochwürdige Herr mich hinunter in die Cabine gebracht, da ist mir natürlich zuerst wieder sehr schlecht gewesen, aber er hat dafür gesorgt, daß mir bald wieder gut geworden ist, und die ganze Nacht ist er bei mir geblieben, hat meinetwegen die ganze Nacht nicht geschlafen, war das nicht großartig?" „Der arme Edwin!" sagte Clementine mitleidig. Die Eltern aber sahen einander sorgend an. „Gott schütze ihn!" sagte Irma gepreßt. Gotthold las weiter: „Als ich am andern Morgen erwachte, fühlte ich mich vollkommen wohl, doch so wie ich mich aufrichtete, wurde mir wieder schlecht, denn es hatte sich ein starker Sturm erhoben und das Schiff schaukelte fürchterlich, oft glaubte ich, es würde untergehen und wir alle würden ertrinken. Aber der hochwürdige Herr, der mich keine Minute allein ließ, wußte so schön zu sprechen, wußte mich so zu überzeugen, daß es ein Unsinn ist, sich zu fürchten, daß ich sehr bald gar keine Angst mehr hatte. Ach, Ihr solltet ihn hören, den hochwürdigen Herrn, ich weiß gewiß, Ihr würdet ihn auch lieb gewinnen. Am folgenden Tage war wunderschönes Wetter, ich wollte gleich, nachdem ich aufwachte, aufstehen, aber Pater Anastasius, der schon auf war, bat, ich möchte erst im Bette Thee und Zwieback nehmen, mir könnte sonst beim Aufsiehen schwindelig werden. Und ohne meine Zustimmung abzuwarten, ging er hinaus, das Erforderliche zu bestellen. Ich mußte nur immer staunen, daß ein Fremder so für einen ganz Fremden sorgen könne. Er aber behauptete immer, das wäre ganz selbstverständlich, das brächten seine Religion und sein Stand mit sich, ich hätte vermutlich noch nie mit einem katholischen Geistlichen verkehrt, sonst würde ich mich nicht über das Selbstverständliche wundern — Nun, das ist ja wahr, ich hatte bis dahin noch nie mit nichtjüdischen Geistlichen verkehrt, aber daß sie alle so sind, wie er, das kann ich mir doch nicht denken. Als wir zu der Mama kamen, die mit dem Baron auf dem Verdeck hin und her ging, da war sie ganz erschrocken über mein Aussehen, aber alle Leute sagten, das hätte gar nichts zu sagen, in zwei oder drei Tagen würde ich fttscher sein und noch besser aussehen als zuvor. Ich sagte der Mama dann, wie gut der hochwürdige Herr gegen mich gewesen ist und wie vielen Dank ich ihm schulde und die Mama dankte ihm auch, er aber wollte von Dank nichts wissen. Im Laufe des Gespräches fragte ich dann, wie lange es noch dauern würde bis wir nach Norwegen kommen. Nach Norwegen? wiederholte Pater Anastasius und dehnte das Wort ganz sonderbar und Mama und der Baron sahen einander an und machten ganz komische Gesichter. Die Mama sah auf den Baron, als ob sie ihn fragen wollte, was sie mir antworten solle. Der aber zuckte die Achseln und sagte: Gnädige Frau, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den jungen Herrn von dem unliebsamen Irrtum, der stattgefunden hat, in Kenntnis zu setzen. Er ist doch kein Kind mehr und wenn schon Sie als Dame sich mit gradezu bewunderungswürdigen Stoizismus dann gefunden haben, so wird er als junger Mann sich umso leichter fügen können. — Mir ward so angst, als ich ihn so sprechen hörte, und die Mama wurde auch bald blaß und bald rot, als sie mir dann alles mitteilte, daß der Träger, dem sie gesagt hatte, er solle unser Gepäck auf den Dampfer Roland tragen, sie falsch verstanden haben müsse, da er uns auf den Dampfer Ruttland geführt habe. Denn es wäre nicht so wie sie geglaubt habe, daß Roland auf holländisch Ruttland heiße, das wnen zwei verschiedene Schiffe, der Roland, mit dem wir fahren wollten, fahre nach Norwegen, usw., der Ruttland aber, mit dem wir fuhren, mache eine Tour um die ganze Welt. — Ich war außer mir, denn ich wußte doch, wie Ihr Euch meinetwegen ängstigen würdet. Und daß ich da ohne Eure Zustimmung und ohne. Euer Wissen auf dem Ozean herumfahre — ich konnte mir nicht helfen, Tränen stürzten mir aus den Augen. — Ich hatte erfahren, daß wir durch den Aermelkanal in den atlantischen Ozean gefahren waren und bis hinunter zur Straße von Gibraltar fahren würden und durch dieselbe in das Mittelländische Meer. Damals waren wir kaum fünf oder sechs Stunden von der französischen Küste entfernt. Ich bat deshalb Mama inständigst, sie möge den Kapitain ersuchen, selbstverständlich gegen gute Bezahlung, zu der französischen Küste zu fahren, um uns dort aussteigen zu lassen, damit wir dann mit der Eisenbahn nach Hause fahren könnten. Davon wollte Mama aber absolut nichts hören, sie sagte, die ganze Welt würde uns auslachen, wenn wir sobald und ohne Interessantes gesehen zu haben, nach Hause kommen würden. Ich bat dann, die Mama möge mich allein nach Hause reisen lassen, davon wollte sie aber erst recht nichts wissen, sie sagte, wenn sie mich allein unterwegs wüßte, würde sie vor Angst umkommen. Endlich machte der Pater Anastasius folgenden Vorschlag. Ich sollte Euch Lieben alles ganz genau und ausführlich schreiben und sollte Dich, lieber Großpapa als Vormund bitten, mir die weitere Reise auf dem Ruttland zu gestatten. Weil ich gesagt hatte, ich könnte doch nicht so lange ohne Unterricht bleiben, sollte ich dir irr seinem Namen auch mitteilen, daß er mich in allem unterrichten wolle, sogar auch im Hebräischen. Und die-Mama hat gesagt, ich sollte dir auch schreiben, daß die Konserven mit auf den Ruttland gekommen. wären und daß wir uns Alexandrien, wo wir uns mehrere Tage aufhalten würden, mit frischen Conserven versehen würden. Wenn Du aber die weitere Reise durchaus nicht zugeben wolltest, so möchtest Du uns dieses telegraphisch nach Alexandrien Hotel zum Suez Kanal mitteilen, dann würden wir sofort und direkt nach Hältst reisen. Dieser Brief soll:e