Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1908)
- Date
- 1908-06-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Der izraelttkcd-imgamtde Citeraturoerein (IM I. XL*) Von Robb PH. Fischer in D6vavfci»ja. Eine große und verantwortungsschwere Ausgabe lastet heutzutage auf der jüdischen Presse. Sic hat für viele Zehntausende, an deren Ohr das noch so beredte Wort der mündlichen Belehrung und Mahnung nicht reicht, Lehr- und Mahnwort zu ersetzen. Eine wahrhaft jüdische Kresse (wir begreifen hier unter der Bezeichnung Presse nicht bloß Zeitschriften, sondern die Gesamtheit der Druckerzeugnisse), die auf der Höhe ihrer jüdisch-idealen Ausgabe steht, hat die hehre Mission, dem tiefen befruchtenden Eindringen des Gotteswortes überall dort vorzuarbeiten, wo es auf harten Grund stößt; ihrer ist die hehre Pflicht, wärmespendender Sonnenschein und wachstumfördernder Regen zu sein überall dort, wo die göttlichen Keime des sinaitischen Gotteswortes bereits Wurzel gefaßt, vor dem eisigen Hauch des modernen Skeptizismus und Materialismus aber noch geschützt werden müssen: ihrer harrt die erhabene Pflicht, Schild und Panier zu sein überall dort, wo einseitige Kulturstrvmungen oder materielle Bestrebungen, die bereits prangenden und leuchtenden Blüten und Früchte des auf dem gottgeweihten Boden göttlichen Thorawortes heransprossenden Lebens mit kaltem Eiseshauche anwehen und zu ertöten drohen. Wehe aber denjenigen, die die ihnen verliehenen geistigen Gaben und Fähigkeiten dazu mißbrauchen, um den dem väterlichen Heiligtume feindlichen Anschauungen, Lebensprinzipien, auch jüdische Werkzeuge und Vorkämpfer zu liefern, ja sogar dazu, um den unjüdischen, antijüdischen Lebensanschauungen und Prinzipien eine jüdisch-wissenschaftliche Folie zu verleihen, um dieselben mit der gangbaren Vignette „jüdische Literatur", „jüdische Belletristik", „jüdische Wissenschaft" versehend, als etwas wirklich Jüdisches in das Lager Israels hineinzuschmuggeln rcSnr tfyv mira ms GW ms p Sy mntDöi. Dieser Gedankengang drängte sich uns auf, als wir die literarischen Leistungen des im Jahre 1895 begründeten „Israelitisch-Ungarischen Literaturvereines", einer gutsubventionierten Schöpfung der ungarischen Neologie, einer genauen Prüfung unterzogen. Die Resultate dieser eingehenden Prüfung wollen wir nunmehr in vorligender Arbeit darlegen. Wir verfolgen hierbei — dies gestehen wir unumwunden — vor allem praktischpolitische Ziele. *) Abc. für Israelin Maigiar Irodalmi Tlarsasiay sr. Ung. Literatarverein). Wir wollen die in den literarischen Produkten dieses Vereines zum Ausdrucke gelangenden Anschauungen über Judentum, Bibel, Talmud, Tradition rc. festnageln und dieselben mit den diesbezüglichen Anschauungen und Prinzipien des überlieferten, historischen Judentums vergleichen. Wir werden hiermit einen tieferen Einblick in die religiöse Anschauungswelse der in diesem Vereine sich konzentrierenden geistigen Elite der ungarischen Neologie gewinnen, und an der Hand unwiderlegbarer Akten die Tatsache ihres Abfalles vom geschichtlichen Judentume konstatieren können. Auch schweben uns bei der Veröffentlichung dieser Arbeit noch andere praktische Zi?le vor Augen, deren Klarlegung wir jedoch für den Schluß dieser Arbeit aufzusparen für gut finden. Was aber die wissenschaftliche Behandlung der in folgender Arbeit zu erwähnenden Jrrtümer, Verdrehungen, tendenziösen Fälschungen rc. betrifts, so erklären wir von vornherein, auf eine eingehende Polemik verzichten zu wollen. Denn die intellektuellen Führer und Vertreter der ungarischen Neologie arbeiten leider — wie dies auch im Verfolge dieser Arbeit sich Herausstellen wird — sehr selten — und auch dieses Adverb ist noch sehr euphemistisch — mit Originellen Einfällen im doppelten Sinne dieses Wortes. Ihre „wissenschaftlichen" und religionsverbrecherischen Einfälle sind meistenteils räuberische Einfälle in das deutsche Ländergebiet, woher sie die verrosteten Waffen ihrer neologen Vorgänger und Mitgenossen mit großem Triumphgeschrei herbeiholen. So lohnt es nicht der Mühe, eine abermalige eingehende Polemik gegen längst widerlegte Hypothesen und neologe Tendenzmachereien zu liefern. Hiermit aber wollen wir keineswegs gesagt haben, daß wir den zu besprechenden Zitaten und den in denselben sich verratenden Tendenzen und Bestrebungen die wohlverdiente Abfertigung vorenthalten werden- „Jahrbuch. Herausgegeben von I. M. I. T- Redigiert von Dr. Wilhelm Bacher und Dr. Franz Merck. 1895. *)" So betitelt sich die erste Publikation des I. M. I. T., m deren Besprechung wir nunmehr schreiten wollen. Von S. 49. angefangen ist darin eine Erzählung mit dem Titel: „Lea" enthalten, d^rcn ganzes Gewebe sich um den wahrlich.hochinteressanten Mittelpunkte abspiclt, daß der „Stolz der Khille, der junge Reb Simon" es seinem heißblütigen Weibe wehrt, daß es ihn an Jomkippur Abend, nach der Rückkehr aus der Synagoge, mit glühenden Küssen und Umarmungen überfällt: ,,^!ea, was machst Du? Hast Du denn vergessen, daß am Jomkippur das Küssen verboten ist!?" (S. 54.) *) Wir werden die anzuführenden Titel, Namen, Zitate in wortgetreuer Uebersetzung geben. Demzufolge fühlt sie sich berechtigt, am anderen Tage, während ihr Gemahl sich in der Synagoge befindet, sein Haus gänzlich zu verlassen. Erst ein Jahr darauf am darauffolgenden Kvlnidre-Abend, kommt sie tvieder zurück, und da legt ihr nun die Verfasserin folgende hochtönende Tiraden in den Mund: „Ich aber bin ein einfaches unwissendes Weib, ich finde nicht mein Genüge an den Wonnen der Religion, ich kann nicht mein Herz unterordnen den tötenden Buchstaben des griesgrämigen Gesetzes**) ich will hier auf Erden glücklich sein, ich will leben, lieben und geliebt werden. Du hast bloß deswegen geheiratet, weil es dein Gott befiehlt, daß der fromme Jude einen Hausstand begründe, ich aber bin jung und will Liebe haben. Du weißt es nicht, was das heißt, mit durstenden Lippen vergebens' nach Küssen zu lechzen rc. rc.-Du weißt es nicht, daß die Verbote der alten Weisen nicht Maß setzen können den Gefühlen des Herzens, nicht vorschreiben können den Lippen, wann sie sich zum Kusse öffnen dürfen rc. — — — für dich ist dein Talmud alles, für mich die Liebe. — Schweig' Weib, du sündigest. — Nein, es kann keine Sünde sein, denn Gott hat es uns ins Herz gelegt. Es kann keine Sünde sein, denn Gott selber ist Liebe rc. rc." (S. 57.) Und das unwissende, einfache Weib" triumphiert über den großen Lamden, „den Stolz der Khille", derselbe fällt protz des Jomkippurs der heißblütigen Lea um den Hals und stammelt: „Lea, mein Weib, verlaß' mich nicht."- Ado.. i Du hast sie mir zurückgegeben an diesem Sabbath der Sabbathe; ach, rechne mir dieses große Glück nicht zur Sünde an an diesem Tage der sühnenden Kasteiung rc.-Und Ad... rechnet es nicht zur Sünde an!" (S. 62.) Nun, mit der geehrten Verfasserin dieser herrlichen Erzählung wollen wir nicht rechten. Ihr scheint die ganze Lebensaufgabe des Menschen in der Huldigung des Eros zu bestehen. So müssen sich naturgemäß auch die „Verbote der alten Weisen" vor der Majestät dieses Idols bücken und beugen. Die geschätzte Verfasserin scheint keine Ahnung davon zu haben, wie eben diese „Verbote der Weisen", oder richtiger, diese Verbote der Thora, den Beruf , haben, den bloß sinnlichen, m't den vernu.ftlosen Tieren gemeinsamen Fortpflanzungstrieb zu versittlichen. Tenn wenn schon das Entsagungsverbot dieses einen Jomkippur-Abends die Verfasserin so sehr in Harnisch zu bringen imstande ist, was würde sie erst zu den anderen Enthaltsamkeit fordernden Vorschriften sagen! Auch von der wahren rwnp **) Der Sperrdruck in den Zitaten rührt von uns her.