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Der Israelit · 1908-06-11 · Heft 24 (11.6.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 24 (11.6.1908)
Date
1908-06-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Wenn Herr Dr. Appel endlich sogar ganz im allgemeinen behauptet, daß „gegen Kinder von Mitgliedern der orthodoxen Gemeinde auch bisher keinerlei Zwang geübt worden ist" — so ist das wiederum ein wenig würdiges Spiel mit Worten. . Freilich: ein kleiner Kreis von Männern hat vor Jahrzehnten den Mut gefunden, der badischen Landessynagoge und dem in ihr in rechtlichen Formen legalisierten Gewissenszwang völlig Valet zu sagen — als Aktiengesellschaft mußte sich, um nicht ganz rechtlos zu sein, dieser Kreis konstituieren, der doch vor Gott und der Geschichte recht eigentlich das überlieferte, das einzige legale Judentum verkörpert. Daß die Kinder dieser Männer, die im Sinne des Gesetzes gar keine „badischen Juden" sind, nicht zum zwangsweisen Religionsunterricht herangezogen werden können, das ist doch wahrlich selbstverständlich, und es ist ein starkes Stück, wenn Herr Dr. Appel das als ein Zeichen besonderer Toleranz anzusehen scheint. Hier aber handelt es sich ausschließlich um solche Mit glieder der orthodoxen Gemeinde, bie der badischen Landessynagoge noch angehören, und die jetzt endlich, nachdem Parlament und Presse ihre Schuldigkeit getan und wohl auch die Synodalwahlen nicht ohne Einfluß geblieben sind, die Genugtuung erleben, den orthodoxen Religionsunterricht ihrer Gemeinde wenigstens als vollwertigen Ersatz für den „offiziellen" neologen Unterricht anerkannt zu sehen. Im übrigen möchten wir bemerken, daß Herr Dr. Appel gar keine Veranlassung hat, sich so vehement gegen einen Vorwurf zu verteidigen, der nicht seine Person trifft, sondern lediglich das religiöse Zwangssystem, ohne das unsre „Liberalen" nun einmal nicht auskommen zu können glauben, und in das nur durch konsequent politische Arbeit Bresche gelegt werden kann. Detesiertenfag öer öeufidien 5toni(ien. Breslau, 9. Juni. Der 11. Delegiertentag der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" wurde am Montag, 18. Juni von dem Präsidenten der Organisation, Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer, Köln, eröffnet. Das Aktionskomitee war durch Professor Dr. Marburg, Berlin, vertreten. Der Verlauf der Versammlung brachte in Referaten und Diskussion recht interessante Anregungen, deren Wiedergabe den Rahmen dieses Berichtes übersteigen würde. Es sei besonders auf die Referate von Kollentscher-Posen über „Jüdische Gemeindepolitik", Warburg-Berlin über „die wissenschaftliche Tätigkeit in Palästina", Dr. Schemarja Lewin - Charlottenburg über „Kulturausgaben in Palästina" hingewiesen. In Sachen der sattsam bekannten Kölner Sabbathangelegenheit brachte Hermann Struck-Berlin die folgende Interpellation ein : I. Ist es den deutschen Mitgliedern des A. C. bekannt, daß in den offiziellen zionistischen Bureaus zu Köln am Sabbatb gearbeitet worden ist, und was gedenken sie zu unternehmen, um die Möglichkeit der Wiederholung solcher Vorkommnisse ausznfchließen? II. Sind die deutschen Mitglieder des A. C. bereit, darauf hinzuwirken, daß dem Organisationsstatut ein Zusatz betgefügt werde, im Wortlaut des aus dem 2. Kongresse gefaßten Beschlusses: Der Zionismus unternimmt nichts, was gegen das Religionsgesetz des Judentums verstößt."? HI. Sind die deutschen Mitglieder des A. C. bereit, darauf hinzuwirken, daß die offizielle zionistische Presse sich von der Erörterung religiöser Fragen fern halte? Zur Begründung äußert Herr Struck sol gendes: Ich glaube, daß die schärfste Mißbilligung der er wähnten Vorkommnisse im deutschen zionistischen Lager eine allgemeine ist. Doch ganz besonders entrüstet sind wir Misrachisten über die laxe Art und Weise mit der die Angelegenheit in Köln behandelt wurde Zahlreich einlausende Proteste der zionistischen Orts gruppen — nicht etwa nur der Misrachisten — wur den nicht allein gar iricht publiziert, sandern mit Briefen beantwortet, in d en en man sich z um mind esten im Ton recht häufig vergriff. Ganz und gar verkehrt finden wir auch die ironische Art und Weise, in der Herr Sokolow die Angelegenheit in unserem offiziellen Blatt der „Welt", behandelt. Indem er mit religionsgesetzlichen Begriffen, die für ihn höchstens noch ein historisches Kuriositätsinteresse haben, uns aber heilig sind, in spitzfin dig ironischer Weise operierte, wagte er es, unsere Proteste als unberechtigt, uns selbst aber als Spione und Ketzerriecher hinzustellen. Das hebräische offizielle Parteiblatt „Haolam" aber, das fortgesetzt unsere Em psindungen durch seine Artikel verletzt, schoß den Vogel ab. Wie sehr nämlich diese Kreise ihr Unrecht empfinden, ersieht man daraus, daß der „Haolam" durch die Hand seines Redakteurs Hermoni die - bedauerlichen Vorkommnisse einfach ableugnet! — Eine außerordentliche Beruhigung gewährt uns die formelle Zusicherung unseres verehrten Präsidenten Wolfssohn. daß derartige Vorkommnisse sich nicht wiederholen würden. Bei allem Respekt und aller Verehrung, die wir unserem Führer entgegenbringen, müssen wir jedoch im Hinblick auf den demokratischen Charakter unserer Bewegung darnach streben, daß dauernde Garantien für die Integrität des jüdischen Gesetzes gegeben werden. Ich hosse darum, daß meine Interpellation, die nur der Form wegen an die deutschen Mitglieder des A. C., in Wirklichkeit aber an Sie alle gerichtet ist, in zustimmendem Sinne beantwortet werden wird. Im Schlüsse wiederhole ich: Wir sind wahrlich keine Äetzerriecher - - wir treiben aber auch keine Vogel Straußpolitik; für uns strenggläubige Zionisten, die wir unerschütterlich fest auf dem Boden dos altübor lieferten Gesetzes stehen, sind diese Fragen Lebensfragen, mit denen wir stehen und fallen. Auf diese Interpellation erwiderte Dr Friedemann -Berlin im eigenen und dem Namen zweier deutscher Mitglieder des Aktions- Komitees, daß es außerordentlich bedauerlich sei, daß entgegen früher abgegebenen Versicherungen in den Kölner Bureaus am Sabbath gearbeitet worden sei. Man sei sich ganz einig darüber, daß es sich hier um durchaus nicht leicht zu nehmende Vorkommnisse handle. Das jüdische Gesetz bilde die vornehmste Grundlage des jüdischen Volkstums, und es dürfe von den offiziellen Stellen auf keinen Fall übeickreten werden. Der Redner und seine zwei ollegen erklärten sich bereit, im Sinne der Interpellation Struck im Plenum des Aktions- Komitees vorstellig zu werden. H a n t k e - Berlin als viertes anwesendes Mitglied des Aktions-Komitees ist im Prinzip der gleichen Ansicht, daß eine Arbeit am Sabbath innerhalb des Bureaus durchaus unstatthaft sei, will sich jedoch nicht verpflichten, für die Aufnahme eines entsprechenden Passus in das Organisationsstatut einzutreten, da eine besondere Formulierung einer an und für sich selbstverständlichen Forderung, wie es die Sabbathruhe sei, geradezu grotesk und der zionistischen Bewegung unwürdig wirken müsse. Auch Bodenheimer-Köln äußert sich im gleichen Sinne, nachdem auch er seinem lebhaften Bedauern über die Kölner Vorkommnisse Ausdruck gegeben. Im weiteren Verlaus de Verhandlungen wird die folgende Resolution Struck-Friedemann zur Diskussion und Abstimmung gebracht: 1. Der deutsche Delegiertentag bedauert aufs lebhafteste, daß in den offiziellen zionistischen Bureaus zu Köln am Sabbath gearbeitet wurde, und begrüßt mit Genugtuung die Erklärung des Präsidenten, daß Vorsorge getroffen worden ist, die Wiederholung solcher Vorkommnisse auszuschließen. 2. Der deutsche Delegiertentag steht auf dem Boden der Erklärung Herzls: „Der Zionismus unternimmt nichts, was gegen das Religionsgesetz des Judentums verstößt." 3. Der deutsche Delegiertentag ersucht die deutschen Mitglieder des Aktionskomitees, darauf hinzuwirken, daß die offizielle zionistische Presse sich religiösen Fragen gegenüber neutral verhält. Die beiden ersten Absätze dieser Resolution wurden einstimmig angenommen. Ueber den dritten Absatz wurde nicht abge - stimmt, da der Präsident Dr. Bodenheimer, zugleich namens der anderen deutschen Mitglieder des Aktionskomitees die Erklärung abgab, daß es für selbstverständlich gehalten würde, in der von der Resolution gewünschten Richtung zu wirken. Den zionistischen Mitgliedern der badischen Synode glaubte der Delegiertentag den Vorwurf nicht ersparen zu können, daß sie mit dem Kompromiß, in welchem sie den Ausländern das Wahlrecht kürzen ließen, nicht im Sinne des Zionismus gehandelt hätten. — Die Kollentschen Thesen betonen die Gleichberechtigung, aller Juden innerhalb der Kultusgemeinde, sie fordern allgemeines, gleiches Wahlrecht für Alle ohne jeden Zensus, verwerfen eine jede Reform des Kultus, weil sie in ihrer überwiegenden Mehrheit nur der Assimilation Vorschub leiste, fordern gebührenfteie Benutzung der Ritualien u. a. m. Eine ständige Kommission hat die weitere Bearbeitung der gemeindepolitischen Fragen übernommen. Den Schluß der Tagung bildeten die Neuwahl für das Zentral-Comitö, als dessen Vorsitzender Dr. Bodenheimer-Cöln wieder gewählt wurde. Posen, 4. Juni. Die elfte ordentliche Hauptversammlung des „Verbandes der Synagogenaemeinden des Regieruagsbezirkes Posen" fand hier statt. Vertreten waren die Gemeinden Buk, Dobrzyce, Grätz, Krotoschin, Lissa i. P. Pinne, Pleschen, Posen, Rawiffch, Schwersenz Wreschen und Zerkow. Der Verbandsvorstehe Goldschmidt trug den Geschäftsbericht für 190 vor. Die Gesamteinnahme betrug 2029 Mk. nach Abzug der Ausgaben blieb ein Bestand von 41 Mk. Der Deutschisraelitische Gemeindebund hat, wie im vergangenen Jahre, auch für das laufende Rechnungsjahr einen Beitrag von 300 Mk. zn den Aufwendungen für Bezirksrabbinate bewilligt. Für den Fall der Auflösung von Gemeinden sollen die Bezirks-Rabbiner veranlaßt werden, Schritte dahin zu tun, daß etwa vorhandene Legate, die bestimmungsgemäß nicht niehr verwendet werden können, für andere Zwecke umgewandelt, und daß wertvolle Gegenstände der Synagoge, Gemeindeakten uiw. "entweder der Synagogengemeinde Poseu oder dem Gemeindearchiv der deutschen Juden in Berlin überwiesen werden. Als Verbandsvorsteher wurde I. Goldschmidt-Posen, als dessen Stellvertreter Justizrat Salz-Posen und als Kassenführer Silberberg-Posen gewählt. München, 11. Juni. In seiner gestrigen Sitzung hat der bayrische Landtag die Petition des Kuratoriums des Würzburger jüdischen Lehrerseminars um Gewährung eines Staatszuschuffes von Mk. 4000 pro Jahr der Regierung einstimmig zur Würdigung hinübergeben. Dieses erfreuliche Ergebnis ist hauptsächlich auf die warme Befürwortung zurückzuführen, welche der Referent, Abgeordneter Dr. Schaedter, sowie Abgeordneter Professor Dr. Günther der Petition zu Teil werden ließen. Straßburg, 8. Juni. Durch Beschluß der Konsistorial-Kommission ist die Neuwahl von echs weltlichen Mitgliedern des Konsistoriums des Unter-Elsaß aus Sonntag den 14. Juni 1906 anberaumt. Drei der Mitglieder werden auf vier, die drei anderen auf acht Jahre gewählt. Die bis jetzt einzige Kandidatenliste enthält olgende Namen: Kommerzienrat Kaufmann, Jules Klein, Dr. Schmoll, Lucien Reishofer, Gustav Stein und Alfred Cers. Wie aber verautet, ist inzwischen an die Stelle des letzteren Kaufmann Heimburger aus Straßburg getreten. Wenn dem so wäre, so dürfte sich ein großer Viederspruch geltend machen, weil dann die Landievölkerung mit nur einem einzigen Mitgliede im Konsistorium entschieden zu schwach vertreten wäre. Vielleicht ändert sich vis zum Wahltermi »MM U&SMU

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