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Der Israelit · 1908-06-11 · Heft 24 (11.6.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 24 (11.6.1908)
Date
1908-06-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Der JSraelit 11. Juni 1908. Sütel Rr. 24 ob es besser ist, diese unsere auf völlige Beseitigung des Talmud gerichtete Absicht offen auszusprechen oder sie zu verheimlichen, so dürften wir diese völlige Aufhebung des Talmud gerade durch Gründung jüdischer Schulen besser als durch Verheimlichung erreichen. Deshalb empfiehlt es sich, zum Schein das Studium einiger Talmudtraktate in den Lehrplan dieser Schulen anfzunehmen. — Das ist die Zusammenfassung der Auslassungen des verstorbenen Ministers Uwarow. Ausführliches darüber bringt der russische Meaffef von Landau, Petersburg 1871. 2. Ich entsinne mich, daß der Inspektor der Rabbinerschule, au der ich noch heute tätig bin, dieselbe inspizierte, es war der Minister Abraham Norow, sich speziell an die jüdischen Lehrer wandte und ihnen sagte: „Euch liegt die heilge Pflicht ob, die Albernheiten des Talmud aus den Herzen der Schüler zu reißen, und Euch kann diese Aufgabe nicht schwer fallen." 3. Einer der höchsten Würdenträger der Regierung, der dem Minister für Volksbildung besonders nahe stand, Herr Pasteles frug mich schriftlich und später noch mündlich, ob das Talmudstudium in den Schulen irgend welchen Wert und Nutzen habe, sei dies nicht der Fall, so sei er aus den Chedarim gänzlich zu verbannen." Was heute auf Grund der Denkschrift des Ministers Uwarow an die Oeffentlichkeit gelangte, wußte damals die gesamte jüdische Bevölkerung durch die Regierungsakte, die alle darauf hinzielten durch Verächtlichmachung unserer heiligen Urkunden die jüdische Bevölkerung für die Taufe zu ködern und zu foltern. Am besten aber wußten es jene ersten Ausklärungsfanatiker aus unseren eigenen Reihen. Und diese gingen mit solchen Maßregeln einer solchen Regierung Hand Hand, denn in Wirklichkeit wollten beide eines und dasselbe. Und das alles zu einer Zeit, in welcher der politische und soziale Druck so schwer auf der russischen Judenheit lastete wie nie zuvor und wo jeder Tag so harte neue Beschränkungen und Erschwerungen brachte, daß es nötig ist einige derselben hier zu erzählen, um den ganzen Ernst der damaligen Lage richtig würdigen zu können. Den schweren Kampf ums Dasein, den damals die russische Judenheit. infolge der von Tag zu Tag sich verschärfenden Regierungsmatzregeln zu kämpfen hatte, wird man am besten zu würdigen wissen, wenn wir einige dieser Maßregeln hier folgen lassen. Fünfzig Werst von der Grenze entfernt durfte kein Jude mehr wohnen, dieser Ukas vertrieb ein Viertel der gesamten Judenheit von seinen Wohnsitzen. Eine Anordnung aus dem Jahre 1851 teilte die ganze Judenheit in drei Teile: 1. Kaufleute, 2. Grundbesitzer, 3. Handwerker. Diejenigen, welche keiner dieser Kategorien angehörten, galten der Regierung als unprodukttve Müßiggänger, die das Land aussaugen,- aus ihnen mußten die Militärpflichtigen rekrutiert werden. Daß die Militärpflicht damals schlimmer als eine Verschickung nach Sibirien war, wurde bereits bemerkt. Zu dieser Kategorie zählten nun die Rabbiner, die Gelehrten und die kleinen Handelsleute, die, weil sie keinen offenen Laden führten,, der Negierung nicht als Kaufleute galten. Dazu kam eine furchtbare Hungersnot, die damals Jahre lang anhielt. Auf diese Weise erreichten es die Verführer, die auf diesen Notstand spekulierten,. daß sich damals viele taufen ließen ftir Geld, dÄ., sie vom Hungertode rettete und für die regierungsseitige Erlaubnis nicht von Haus und Hof vertrieben zu werden. — Diesen Jammer mit seinen furchtbaren Folgen hat eine Eingabe in ergreifender Weise geschildert, welche die Spitzen der Wilnaer Gemeinde an Moses Montefiore im Jahre 1846 richteten (abgedruckt im miKn 1848) und in einem zweiten ebenfalls an Montefiore gerichteten Schreiben zur Zeit seines Aufenthalts in Warschau (auch dort abgedruckt). Infolge des Kriegs mit Ungarn im Jahre 1849 kam noch zu alledem eine empfindliche Verschärfung der jüdischen Militärpflicht, so daß die Lage geradezu nnerträglich war. — Die wahrhaft großen Männer unseres Volkes, die ihre Größe in dieser schweren Zeit glänzend bewährten, veranstalteten in aller Stille Zusammenkünfte, um über die Schritte zu beraten, wie diesen schweren Verhängnissen zu begegnen sei. Man schickte geeignete Männer nach Petersburg, um eine Milderung in der Ausführung dieser harten Maßregeln zu erwirken. An Kaiser Nikolaus I. wurde eine Deputatton nach Warschau gesandt, wo er sich anläßlich der Hochzeit eines nahen Verwandten gerade aufhielt. Man ordnete allgemeines Fasten und Gebete an und die bangen Hoffnungen der ganzen russischen Judenheit begleiteten die edlen Großen, welche diese Deputation bildeten. Sie überbrachten ihre Bitte dem Kaiser und erhielten den Bescheid, die Antwort darauf werde ihnen durch den General-Gouverneur von Wilna zugehen. Die Antwort lautete hart und scharf: „Ich tue Euch kund und zu wissen, daß ich die Redlichen liebe und die Unredlichen hasse." - Trotz dieser schroffen Abweisung hatte die Deputation doch einen gewissen Erfolg. Sie erreichte eine viel mildere Ausführung der drakonischen Maßregel, welche in der Dreiteilung der ganzen Judenheit, in der Degradierung der Majorität zu unproduktiven Existenzen bestand. Mit dem Beginn des Krimmkrieges kam dann die ganze Anordnung in Vergessenheit und gelangte gar nicht mehr zur Ausführung. — Auch die Härten betreffs der Rekrutterung milderte der Kaiser vor seinem Tode und hob sie dann ganz auf. Die bereits auf Grund dieser gehässigen Maßregel eingezogenen Rekruten wurden wieder freigegeben) ihre Heimkehr wurde in jeder Stadt mit Gesang, Musik und Festlichkeiten aller Art gefeiert. Was haben nun unsere „Gebildeten" in jener trüben Zeit getan? Sie haben den Abfall und Leichtsinn und ihre Hinneigung zum Taufbecken in der unter ihren Auspicien zu Wilna gegründeten Rabbinerschule verewigt! Wie diese ganze Anstalt nur ins Leben gerufen wurde für den einzigen Zweck, das Judentum zu untergraben, das geht aus einigen Briefen hervor, die jeden Zweifel darüber ausschließen. Sie sind in der Zeitschrift d*OT von Atlas 1888 veröffentlicht und mögen hier im Auszug als Exkurs folgen, da sie nur in mittelbarem Zusammenhang mit unserem Gegenstand stehen. — Mit dieser Darlegung schließt die Schilderung dieser trüben früheren Periode, die bis zum Krimkrieg reicht. Es folgt dann die Darstellung der neuen Zeit, die für Rußland mit dem Krimkriege einleitet. (Fortsetzung folgt.) K-chamm-schait. Die preufjildien Lan9(aasmahlen. Das Gesamt-Wahlergebnis vom 3. Juni liegt nunmehr abgeschlossen vor. Zum Verständnis muß erwähnt werden, daß die Zahl der Abgeordneten sich von 433 auf 443 vermehrt hat. Am Schluß der ersten Session waren drei Mandate erledigt, von denen .wei zum Besitzstand der Freikonservativen, eines zu dem der Konservativen gehörten. Diese drei erledigten Mandate sind bei den nachstehend in der zweiten Spalte angegebenen bisherigen Besitzzahlen mitgerechnet. Es ergibt sich danach unter Zugrundelegung der amtlichen Angaben folgendes Bild. Es sind gewählt: 1908 1903 Konservative .... 140 gegen 144 Freikonserrative ... 58 „ 144 Nationalliberale . . 65 „ 76 Uebertrag 263 „ 364 De» immer dringender «nd zahlreicher an «ns gelangenden Wünsche« a«S «nserem Leserkreise folgend, deadfichtige« wir künftig in möglichst regelmäßiger Folge an dieser Stelle kurze Betrachtungen zum laufende« Wochenavfchnitte z« veröffentliche« «nd hoffen, damit eine Lücke auszufallen, die von vielen treuen Lesern des „JSraelit" wie von «»S selbst feit langem empfunden wurde. Sollte bei der vorliegenden Fülle aktuellen politische« oder literarische« Stoffes die Rubrik einmal ansfalle« müffe», so bitte» wir von Vornhinei« nm Nachsicht Die Redaktion des „Israelit". üoIKszäbiung u. Lagerowniiug. Nicht allein in den äußeren und übernatürlichen Erscheinungen z igt sich die Allmacht und Allgüte Gottes. Nicht nur durch Zeichen und Wunder vollführt der liebende Vater fein Erziehungswerk an seinem Kinde, sondern durch tägliche Belehrung, durch beständige Unterweisung bei jeder fich darbtetenden Gelegenheit. Und so waren es nicht allein die auf dem lohnenden Sinai verkündeten Worte, die das sinai-jüdische Leben für alle Zeiten regelten. Auch die scheinbar kleinsten und unbedeutendsten Vorschriften und Anordnungen reihen sich würdig der glänzenden Perlenkette der Gebote und Verbote an, die alle zerstreuten Teile Israels, und dieses mit seinem Gotte so eng und unzertrennlich für alle Zeiten verbindet ain in rm"pn- Bolkszählung und Lagerordnung, Vorschriften, die d. s Leben Israels in der Wüste betreffen, sinds, die die ersten beiden Abschnitte von ausfüllen. A klein, welche ewig wahre Lehren entfalten doch auch diese Anordnungen für daS ny, für das I srael aller Zeiten und aller Länder! Lichtmomente, die heute noch in das tiefe Dunkel der Golusnacht Hineinschimmern und als weitsichtbare Sammelpunkte auch in der Wüstenwanderung des Exiles den zerstreuten wegweisend voranleuchten. Nicht blos nach Häuptern wurde das jüdische Volk gezählt, sondern nach Familien und Geschlechtern □niDH TOtH DnnDBto!?. Der tiefe Familiensinn war von jeher das Kriterium für seinen Bestand, für jein nationales Glück »Die jüdischen Frauen und Mütter haben Anteil an der Erlösung", sagen unsere Weisen. An jeder Erlösung dürfen wir htnzufügen, auch zu der Erhaltung des Judentums in der Zerstreuung haben sie, die bescheidenen Müiter, die Liebe pflanzten und Treue hiueten im trauten Familienkreise ihr Bestes beigetragen. Nicht die KopfzahI, sondern in erster Reihe die Seelenzahl, das den jüdischen Häusern innewohnende Ausmaß von Seelengröße und Geistesstärke ist es, was für unfern nationalen Bestand, unsere Letstungs- und Wtderstandsfä igkeit den Ausschlag giebt. Danach zählen wlr, schätzen wir unsere Kraft ein und treffen unsere Lageroronung. Die Zählung unserer Häupter muffen wir aber wohl oder übel anderen überlassen. Man zählt und rechnet, und die Zahl will nirgends stimmen, man zählt nserc Soldaten, zählt unsere Hoch- und Mittelschüler und man berechnet ihre Kopfzahl. Man zählt unsere Aerzte, Anwälte Journalisten und Börsenmänner. Man zählt selbst die Unzähligen, unsere Armen und Heimatlosen, um ihnen die Einwanderungshäfen zu verschließen. Es sind aber Zahlen, die wie tausend andere Waffen, mit denen gegen uns gekämpft wird, uns mit kaltem Schauer erfüllen. Unsere Statistik ist eine andere und vollzieht stch nach anderen Normen, wir zählen die Seelen und die Familien in Israel. Bon der kalten, feindlichen Welt flüchtet sich unser Blick nach dem warmen Herd der jüdischen Familie, nach der reinen und unversiegbaren Urquelle jüdischer Kraft und jüdischer Größe. Und stehe. Noch ist es so schlimm nicht bestellt um die Zahlengröße Israels! — Und auch die Lagerordnung .war von Gott bis ins kleinste Detail bestimmt, so bestimmt und getroffen, daß fie auch für die heutige Weltstellung Israels nach außen und seine organische Einteilung nach innen manche charakteristische Gesichtspunkte eröffnet. Sie gehen auseinander, die verschiedenen Teile des Volkes. Im Osten lagert Jehuda, im Süden Reuben, den westlichen Flügel nimmt Ephrajim ein und im Norden erhebt stch die Fahne Dans. Die anderen Stämme werden diesen voranziehend n Truppen einzeln zugeteilt. So lagern sie und so ziehen sie p un* TOM3* Von emanier getrennt und doch ein Ganzes bildend, lösgelöst und doch mit einander eng verbunden. Denn ist es doch ein Mittelpunkt, um den fie stch alle grup-

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