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Der Israelit · 1908-06-11 · Heft 24 (11.6.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 24 (11.6.1908)
Date
1908-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WLM«! >^^-^u».m ,^.l ... Jf 49. Jahrgang. 83 Sranhfurfa.ni., den Stom 5668. M 24 Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. «vmniements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. i^v vterteljrhrlich, HestauSgabe auf «unstdruchiapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für dir gewöhnliche Ausgabe: OeKerreich-Ungarn S Ar., RuKand 1 Lao« England S sh., Amerika 60 cts« Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Kostanstalten» Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HestauSgade nur direkt. Inserate: 30 Pfennig für die sech-gespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch inH aase »stein u. Bögler A^G. Lanta W der ft» ft» Postsparkasse ftien Sto. 79605« Frartkfurt a. M. und derm Filialen. Skonto bei der Sttgaer Skommerzdank in 8H|i Eonto det de« ft. Postspartassenamt Bndapest »o. 18694. und deren Mlialen in DwinSk, Libau. «ialystok, Reval und Lodz 0er Nachdruck Ser flrfifiel und Correfponden?en Ses ..Israeli!" iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um größere Ruffäfee hanOett, nur nach norheriger Genehmigung gestattet. Samson Raphael fiirsch- Jubttäuras-nummer. mir machen darauf aufmerhfam, daß der heutigen Nummer nochmals eine öesteiiharte bestiegt und daß der Subfhripfionspreis ausnahmslos — auch für Abonnenten — am 22 ds. Mts. erlischt. Verlag Äes Israelit, Q. m. b. K* Das russische Bil ftnngsprobl em. VI. Z wa ngs-Taufen. Kaiser Nikolaus I. hat über das Gros der russischen Juden anders gedacht als die Fanatiker der „Auflkärung". Er hat ihre hohe sittliche Qualifikation, ihre reiche Fülle von Tugenden nnd Vorzügen so hoch geschätzt, daß er sehnlichst ihren Uebertritt zum Christentum wünschte, um dann durch ihre Vermischung mit der russischen. Bevölkerung dieser neue Kräfte zuzuführen und sie so zu regenerieren. Um diesen Zweck zu erreichen, gewährte er durch besonderen Erlaß den Juden eine scheinbare Erleichterung ihrer Militärpflicht, indem er gestattete, Kinder an Stelle der Zwanzigjährigen als Soldaten anzunehmen. Diese Kinder sollten von der Regierung in besonderen Schulen erzogen und so für den Militärdienst ausgebildet werden, damit sie so vorbereitet infolge ihrer erlangten Ausblldung alle Chargen und militärischen Ehren erlangen könnten. Man nannte diese in besonderen Erziehungsanstalten zu Soldaten erzogenen Kinder „Kantonisten^, und man kann nicht leugnen, daß diese Modalität in der Tat eine wesentliche materielle Erleichterung bedeutete: Zwanzigjährige junge Männer waren in jener Zeit meistens schon Familienväter. Sie zu einem 20 jährigen Mili- ÄWMst. zn verurteilen, hieß sie für immer ihrer entziehen nnd diese ohne Ernährer der dxm MtzWkr zu überckÄyorkR. dienstes machte nicht nur die direkt davon Betroffenen unglücklich, sondern zog in der Regel auch den Ruin der ganzen Familie nach. Die Regierung hatte aber mit der ganzen Einrichtung nur den einen Zweck im Auge, die unmündigen Kinder ihrem Judentum zu entfremden und sie für die Taufe zu gewinnen. Die Leiter dieser Kantonisten - Anstalten hatten regierungsseitig den Auftrag, die jüdischen Zöglinge auf welche Weise auch immer für die Taufe zu gewinnen. Ging es nicht mit guten Worten, so wurden Folterqualen angewendet, wie sie selbst die spanische Inquisition nicht raffinierter aus- . gedacht hat, und als die Quellen ihren Höhepunkt erreicht hatten, suchten ihnen Geistliche das Versprechen abzulocken, sich zu taufen oder wenigstens. die Kruzifixe zu küffen und was die Torturen sonst noch waren, die man zur Bekehrung des Kindes anwendete. Hunderte, Tausende wurden durch diese Qualen zum Christentum hinübergefoltert; aber auch ungemein viele widerstanden der Versuchung und blieben trotz aller Martern ihrem Judentum treu; es finden sich noch heute im weiten russischen Reich vereinzelte von diesen Märtyrern am Leben. Die Geschichte dieses Martyriums ist noch nicht geschrieben. Durch die strenge russische Zensur hat sich noch kein Autor dafür finden können. Aber es wäre jammerschade wenn sie der Geschichte verloren gehen sollte. Eine ausführliche Schilderung dessen was uns davon bekannt ist, liegt außerhalb des Rahmens dieser Darstellung, zu der wir nach dieser Abschweifung wieder zurückkehren. Wir haben den Gegenstand hier nur gestreift, als Beweis für die Absicht der damaligen Regierung, die Juden ihrer Religion abwendig zu machen und sie auf jede Weise dem Christentum in die Arme zu treiben. Aber noch ein beweiskräftiges Zeugnis, in dem die Regierung durch ihre berufensten Vertreter, diese Absicht ganz unverhohlen ausspricht, verdanken wir dem Schriftsteller Zweifel in seinem Briefe Dlfo ty. Dieser Autor war Lehrer an der zweiten vom Staate gegründeten Rabbinerschule m Sitomir (die erste war in Wilna) und erzählt in diesem seinem Briefe. (III. Th. S. 55) folgendes: „Ich bin seit mehr als 20 Jahren als Talmudlehrer 'an der staatlichen Rabbinerschule in Sitoünr angestellt und habe mich redlich verpflichtet ihre hohen Intentionen mit redlicher, auMchttger Gesinnung zu «fülle». Run ist der!*•*«* »ach der «»- sicht der großen Mehrheit der jüdischen Diaspora^ an jedem einzelnen Ausspruch des Talmud festzuhalten und ihn durch die Tat zu erfüllet Der Wille unserer verehrungswürbtz^n Regierung stimmt nach ihren offen baliegenden, offiziellen Leistungen zwar scheinbar mit dieser Auffassung der jüdischen Gesamtheit überein, wer aber Gelegenheit hatte, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, wer die Geheimakten kennt, die der Gründung der jüdischen Schulen seitens des Staats zu Grunde liegen, der stößt dabei auf geheime, vertraulich gehaltene Bestimmungen, welche die offiziellen öffentlichen vollständig aufheben. Sie zeigen ganz zweifelsohne die Absicht der Regierung, die Autorität des Talmud nicht etwa nur abzuschwächen, sondern sie durch ihre Schulen ganz zu beseitigen. Sie rechnet dabei offenbar auf ihre „gebildeten" Lehrer, daß sie dieses Ziel durch täuschende Verhüllung ihrer wahren Absicht erreichen, es dabei aber doch nicht an Stichen und Ausfällen gegen den Talmud fehlen lassen, die von europäisch geschulten Zöglingen schon richtig verstanden und gewürdigt werden dürften. Für die tatsächliche Richtigkeit dieser Angabe habe ich drei zuverlässige Zeugen. 1. Den verstorbenen Minister Uwarow. Dieser schreibt in seiner an den Kaiser Nikolaus gerichteten Denkschrift über die Gründung jüdischer Schulen folgendes: Es giebt kein besseres Mittel den Talmud bei den Juden zu beseitigen, als die Pflege der heiligen Schaft und die grammatikalische Kenntnis der hebräischen Sprache als obligatorische Unterrichtsgegenstände unter den anderen Disziplinen der Schule. Der Talmud ist nichts als ein Sammelsurium von alten mündlichen Ueberlieferungen, welche den Sinn der Lehre Mosis in furchtbarer Weise entstellen und verdrehen. Als ursprüngliche Grundlage des Talmud gelte die heilige Schrift, deshalb hatten sie die Gepflogenheit, alles, was sie austüfteln auf Sätze der heiligen Schrift zurückzuführen, oft aber Dinge auszuhecken, die mit keinem Sterbenswörtchen in der heiligen Schrift erwähnt oder auch nur angedeutet sind. Durch gründliche Kenntnis der Bibel und der hebräischen Sprache und Grammatik, würden die Schüler über diese Täuschung aufgeklärt und den ganzen Talmud als eitlen Tand abwerfen, denn das rechte Verständnis des einfachen Schriftworts, müsse ihnen die talnmdischen Lehren als bloße Schlacken und haltlose Hirngespinste erscheinen lassen, wie er es auch sehr weiüäufig auseinandersetzt. Der Minist« schließt die Auseinandermst den Wmeten: Fragen wir uns nun.

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