Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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WW «PP Sette 22. Nr. 23.__ er andern Sinnes werden könnte." Den Forderungen Gottes des Menschen Leben unterordnen oder Gott in einen nichtssagenden Begriff verflüchttgen, der so viel gilt, als der antike polytheistische Wahn, es könnte der Mensch sich seinen Gott selber schaffen: nur dieses Entweder — Oder gibt es. Und auf der Schärfe eines Messers liegt Anerkennung und Leugnung hart nebeneinander. Schnell ist aus dem *inK ein iNK gebildet. Es gibt kein' Judentum ohne Gott. Es gibt kein Judentum ohne Gottes Gesetz. Es gibt kein Judentum mit wandelbaren Satzungen. Es gibt keinen gemeinsamen Boden für die Anerkennung und Leugnung d eser Wahrheiten. Nur eine Einigung gibt es für Israel, nur eine einheitliche Zusammenfassung ist möglich. Da Israel des Auszuges den Berg der Gesetzgebung vor Augen hatte, damals „dort" war Israel einig. Und die innere Einmütiqkeit ließ die äußere Verfassung von selbst ergeöen. Vergeblich baut ihr Pläne und Gesetze auf, Israel unter ein „kaudinisches Joch"-der Neologie der Gottesleugnung und des Abfalles vom Gesetz zu zwingen, vergeblich arbeitet ihr an „einheitlichen" Zusammenfassungen, wenn „Gott nicht als Wächter" eures Gesamtheitsgebildes eingesetzt wird. Wir werden sein ein einheitliches Reich und ein einiges Volk, wenn wir „ein Reich von Priestern und ein heilig Volk" geworden sind. „Das find die Worte, die ihr reden solltet zu den Kindern Israel." * vaaesakon. Das Reisen beginnt. Die Witterung ist ihm Künftig. Mit ihm das Suchen nach rituell geführten Restaurationen — — und das Spe i - sen in solchen, deren Kaschruth nach dem Urteil der eingeweihten Persönlichkeiten nicht einwandssrei ist Was tut es? ,,Wer reist, ist erholungsbedürftig und fann es leichter nehmen." Einer benutzt den andern als Aushängeschild. „Wo dieser und jener ißt, da kann ich auch essen." Andere tun gewissenhafter und ,Merzeugen" sich von der rituellen Führung der Küche. Wie sie das'machen, verraten sie wohlweislich nicht. Ansprüche stellen und Vorwürfe machen und zur Selbstverteidigung Personen und Verhältnissen die Schuld am eigenen Unrecht zuweisen, ist leicht. Und doch kann ein jeder so leicht helfen, eine Besserung dieser im Argen liegenden Verhältnisse herbeizuführen. Das Recht, Ansprüche zu stellen, hat jeder Kurgast, die Pflicht, jeden Gast zufrieden zu stellen, hat jeder Wirt, und zumal derjenige jü- _Der Israelit._ difche Wirt, der sich bewußt ist, durch sein Geschäft gleichzeittg der Sache des Judentums zu dienen. Aber wir müssen gerecht fein und müssen uns nur einmal bei einer Tafel in beobachtender Ferne halten und zusehen, wem manchmal die größere Schuld beizumessen ist, dem Wirt oder dem Gast. Der Wirt, der ein rituelles Speisehaus führt, hat zumeist kein Kapital zur Verfügung; häufig genug ist er auch kein Fachmann und ist auf sein Personal angewiesen, und sehr oft steht er infolge seiner eigenen ärmlichen Verhältnisse den berechtigten Anforderungen der in ganz anderer Lage an andern Komfort gewöhnten Gästen verständnislos gegenüber. Aber wie begegnet ihm der Gast? Zunächst nimmt er naturgemäß irgendwo anders Wohnung, wo Räumlichkeiten, Ausstattung, Lage und Bedienung ihm mehr Zusagen. Es bleibt also für den jüdischen Wirt nur das Essen, an dem er verdienen soll, aber nicht verdienen kann. Denn das Einzige, was dem Wirt Nutzen bringen kann, nimmt er nicht: Wein. Mag sein, daß er ihn nicht trinken darf, nehmen darf er ihn aber doch jedenfalls. „Den Wirt verdienen lassen" ist ein direktes Gebot der Weisen. Schon da fehlt die Rücksicht. Kann man es doch erleben, daß der Gast grundlos über gesalzene Speisen klagt, um dann ein — Glas Wasser bestellen zu können. Derselbe Gast nimmt sich heraus, seinen Verzicht auf Getränke damit zu entschuldigen, daß er nachher noch im — Cafe ein Glas Bier trinken „muß". Dinge, die keiner irgendwo anders wagt: akkordieren und raisonnieren, ist dem Wirt der jüdischen Restauration gegenüber erlaubt. Dabei kann kein Wirt etwas leisten. Und es ist Tatsache, daß den religiösen jüdischen Wirt alles bedeutend mehr kostet, ohne daß die Preise, die er nehmen darf, eine Steigerung vertragen. Auch das Umgekehrte gibt es, daß der Wirr, besonders, wenn er keine Konkurrenz am Platze hat, die Notlage der Gäste ausbeutet. Wir wollen aber die Fehler aus beiden Seiten nicht verschweigen. Aber kein Benehmen des Wirtes gibt uns das Recht, uns an — uns selbst zu rächen. Wir schaden an erster Stelle doch wohl uns und durch unser Beispiel der Sache des Judentums, wenn wir leichtfertig aus Aerger über Diesen oder Jenen essen, wo wir nicht essen dürfen. Welche Gefahren bezüglich des Rituals aber wir dabei laufen können, das mögen folgende Proben veranschaulichen: Wir können uns nicht dabei beruhigen, daß der Schochet an dem Platz' vop einem orthodoxen Rabbiner autorisiert ist. Kann er auch die Blut- und Fettadern entfernen? Und wenn er es kann, läßt jeder Wirt pvrschen? Ist alles Fleisch, das der Wirt uns vorsetzt, wirklich pon dieser Schichtung? Ist auch das ___4. Juni 1908. Fett, das zur Verwendung gelangt, koscher? Wird an dem Ort, an dem wir sind, soviel geschachtet, daß so viel koschere Zungen vorhanden sein können, als bei einer Tafel mrr gebraucht werden? An vielen Orten ist es üblich, das Kalb^ damit sein Fleisch zarter wird, mehrere Wochen in der Haut (!) — also nicht koscher gemacht — auf Eis liegen zu lassen. Woher stammt also der „ausgezeichnete" Kalbsbraten, den wir soeben vorgesetzt bekamen? Woher stammt das Geflügel, das in der notwendigen Anzahl fast stets von auswärts kommt? Wir wollen es mit diesen Beispielen, deren Sammlung aui langjähriger Erfahrung beruht, genug sein lassen. Die vielen kleinen und großen anderen Vorkommnisse in Küche und Keller lassen wir dabei ganz aus dem Auge und denken Fälle berührt zu haben, die auch für den eine Warnung sein können, der es auch nicht „so genau nimmt", wenn anders er überhaupt iroch Anspruch, darauf erhebt, ein religiöser Jude, wenn auch nicht zu sein,' so doch genannt zu werden. Aich hier liegt die Remedur nur in der Hand des Volkes. Nur dort zu essen, wo für das Kaschruß von zuverlässiger Seite garantiert wird, ist auch die Pflicht des Kurgaftes und gewiß seiner gesunden Begleitung. israelitische gönigzgercdlcdte II. Jerobeam strebte naturgemäß danach, die gewonnenen Stärmne an sich zu fesseln, sie dauernd von Davids Hause zu trennen. Noch aber gab es ein Moment, das die Blicke aller Männer Israels immer wieder nach Jerusalem lenkte, den Tempel Gottes. Nach dem Thoragesetze war ja jeder Sohn Israels verpflichtet, alljährlich dreimal das Heiligtum aufzusuchen. Lag es nicht nahe, daß die Stämme des Nordreiches, wenn sie in Jerusalem den religiösen Mittelpunkt erblickten, hier allmählich auch wieder das staatliche Oberhaupt suchten? Dieses wußte -verhindert werden. Nicht in religiöser Verirrung, nein, in kühler, diplomattscher Ueberlegung sündigte Jerobeam ben Nebat und verführte Israel zur Sünde. In teuflischer Meisterschaft verstand er es, an jenes alte Vergehen Israels anzuknüpfen. Jene furchtbare Sünde des goldenen Kalbes sollte den Nachkommen nur als Vorbild dienen. Der Mann, der es wagte, sich König in Israel zu nennen, er stellte im Norden und Süden feines Reiches goldene Kälber zur Verehrung auf. junge Sonne umstrahlte alles mit ihrem hellen aber noch nicht sengendem Licht. „Was kann an einem solch herrlichen Morgen noch zum Glück fehlen?" rief meine jüngste Cousine pathetisch Wir zu. Bist du nicht wunschlos glücklich?" „Nun, etwas blieb mir doch noch zu wünschen übrig", erwiderte ich scherzend. Mein Begleiter schaute erstaunt auf. „Ein Käskuchen nämlich," für ich fort, „gehört in Frankfurt unbedingt zu Schewouth. Eure sonst so wohlgefüllte Speisekammer kennt ihn nicht." „Es gibt halt nichts .Vollkommenes auf Erden," rief meine Cousine lachend zurück. Als wir uns mittags nach Tische eben ein bißchen zurückgezogen hatten, um die versäumte Nachtruhe nachzuholen, schellt es an der elektrischen Glocke. Erstaunt laufen wir heraus. Wer mag am Jomtauw das. fein? An der Mt steht ein Könditorjunge mit einem pracht- Mlen Käskuchen für mich. Die dabei liegende Karte trägt den Namen meines Freundes. Ich Kaue meinest Augen nicht; öfter schon ruft meme Dyrsttttz: „Der ist ja vom christlichen Konditor!" W muß eine Verwechslung sein, wir wollen dön Kuchen zurückschicken." „Nein, nein, es Pt," sagte der Junge, „der Herr hat vordie Adresse selHmtfgeschrieben." M sind der Tat die uns bekannten Schriftzüge. „Cs 4ft Ach lassen Sie best Kuchen stehen." — Du kannst Dir denken, liebe Dinah, daß unser Mittagsschlaf erledigt war. Aufgeregt besprechen wir das Vorkommnis. Der Sohn streng religiöser Eltern, der uns auch als streng religiös' bekannt, schickt uns am Jomtauw einen Kuchen vom christlichen Konditor. Es könnte ja eine Neckerei sein, aber die Karte, die mit dem heutigen Datum versehen, von seiner Hand geschrieben, dabei Lag! „Ich frage ihn selbst," beschloß ich endlich. Er kam gegen Abend noch zu uns und war nickt weiter überrascht durch meine ernste Miene. „Sie .haben sich wohl gewundert über den Käskuchen vom christlichen Konditor. Aber beruhigen Sie sich, er ist streng koscher. Da hier keine koscheren Backwaren fertig zu haben sind, hat die Kochfrau Cahn mit diesem Konditor verabredet, daß er in ihrem Beisein mit ihren koscheren Zutaten in ihren koscheren Gefäßen für ihre Kundschaft bäckt, die Backröhre wird jedesmal ausgeglüht, kurz, wie es der Rabbiner verlangt, macht sie es." Wir atmeten auf, Mau Cahn war zuverlässig und mit einem Scherzwort wurde der Kuchen angeMlitten. Da siel mein Blick auf die Karte. „Aber, wie ist das müglich?") wies ich hin. Da erblaßt?, er. „Verdammt" Kuschte er Mischen den Zähnen, „darstn hafte ich .mM Mstcht." «A9as haften Sie vKaessest? Daß JvMkauw ist?" Ich stand vom Äsche auf und winkte ihm, mir nt£ Neftewi zimmer zu folgen. Das Herz krampfte sich in mir zusammen. Ich hatte den Mann so lieb, so ehrlich lieb, daß mich der Gedanke an die gemeinschaftliche Zukunft Mt heißem Glücksgefühl erfüllt hatte. Jetzt fielen mir plötzlich mehrere Vorkommnisse ein, die mich von einem so frommen Menschen, Me ich es von ihm dachte, verwundert hatten. Doch das war nur immer ein Augenblick, ich kannte ihn döch zu gut, um etwas Unrechtes zu denken. Mer jetzt schoß es mir blitzschnell durch den Kopf; ich fühlte mtt der instinkttven Sicherheit, die uns in schweren Augenblicken überkommt, daß ich furchtbar getäuscht war. „Nun, wohl, ich habe die Karte heute geschrieben," sagte er, als Mr allein waren- „Aus Versehen hatten Sie den JvMauw vergessen?" „Ja, insofern aus Versehen, als ich nicht daran gedacht hatte, daß Sie das Schreiben am - Jomtauw als ein Verbrechen ansehen würden," lautete die trotzige Antwort. „Also Lmn ich daraus schließen, daß Sie es nicht für ein solches halten?" Er lachte hell auf. „Nein, über solche KLydereien bin ich erhaben."' Ich Mrß wohl sehr blaß und erschrocken ausge* sehen haAn, ftenn ex. sprang schwell mf ^nucht zu, um mich güm SoM. zu Wien. DWfMmannte sch mich-. «M M Zur. gich ftäß bufft Aüfall Ihre wüftre Gessnmmg rschtzeittg ent- WM. Ww komäen Sie so LschM!" fV&r.-.as.UjÄi« ,-v - '.V.