Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449322--64546-2507142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4* Jahrgang M 5. üdiscber Volhsfreund Moaatr-Veilaae zun „Israelit Verantwortliche Redaktion r Rabbttiei* Df. ß. ®lolf te Köln Die Einkeit der deutsche* ÜHdettbeit. Schneller als man es hätte ahnen können, wurde durch die Tatsachen jene große objektive Unwahrheit von der natürlichen „Einheit des religiösen Bekenntnisses" der Juden in Preußen zu Schanden. Zwei große Verbände traten kurz nacheinander an die Oeffentlichkeit, die die preußische und deutsche Judenheit in einer religiösen Spaltung erscheinen lassen, die man höchstens darum nicht als zwei grundverschiedene Konfessionen bezeichnen kann, weil die Mitglieder der einen dieser beiden Körperschaften nicht recht wissen, wozu sie sich bekennen und was sie als Inhalt ihrer Konfession angeben sollen. Und schon munkelt man von einer dritten Bereinigung, die dazu berufen wäre, das Kunststück, 5as im Kleinen manchmal eine Zeit lang gelingt, im Großen dauernd auszuführen: eine Brücke von Ja zu Nein zu schlagenvorausgesetzt, daß auf dieser Brücke im Sinne der bekannten Fabel keine Steine liegen. Die Einheit löste sich demnach in eine Dreiheit auf. Damit wir aber im Streben nach Parität nicht im Hintertreffen bleiben, soll es auch eine jüdische Drei-Einigkeit geben, und zu diesem Zweck eine „Organisation der Organisationen" geschaffen werden. Wer lacht da? Wohl könnten manche Geschichtsperioden unsere Zeit um unsere Organisationstalente beneiden, aber sie auch wegen der Sisyphusarbeit der vergeudeten Kraft bemitleiden. Wenn man zuerst dem Faß den Boden ausschlägt, dann kann man den kostbarsten Wein hineingießen: es bleibt kein Rest darin. Eine Organisation muß eine Grundlage haben, wie jedes Haus ein Fundament. Nur Karten-Gebäude haben keins. Wenn man Juden organisieren will, darf man ihnen nicht erzählen: hört auf, euer Judentum in Ehren zu halten. Die Verneinung aber des Judentums unter Juden einheitlich zusammenzufassen, bleibt ein Widerspruch in sich. Gegen diesen logischen Grundfehler blind sein wollen, bildet das „die beständige Gefahr für die Neologie, daß sie an sich selbst zu Grunde geht." Die Wiederkehr des Tages unserer Gesetzgebung lehrt durch die Erinnerung an die erste Begründung unserer Organisation als Volk, wie alle seine Reorganisationen in Zeiten des Verfalles zustande kommen können, und auf welcher Grundlage allein jede einheitliche Zusammenfaffung möglich ist. Schon auf dem allerersten Geschichtsgange unseres Volkes gab es Kreise, die „stritten und Gott versuchten", indem sie zweifelten, „ob Gott in unserer Mitte sei oder nicht." Kleinmütige gab es gerade zu den Zeiten, da „noch Wunder geschahen auf Erden". Ohne im wirtschaftlichen Leben inmitten fremder Völker zu stehen und an chren Einrichtungen teilnehmen zu „müssen"-allein und in weiter Wüste lebend, haben Vertrauensschwache schon in den ersten Wochen genießender Freiheit auf dem Auszug aus Aegypten den Schabbos entweiht. Auch damals war es die natürliche Folge des dreimaligen Verbrechens, daß Amalek, der kriegsgerüstete Feind, erschien. Sie hatten vom täglichen Mannah nichts übrig lassen sollen, um ihrem Vertrauen Ausdruck zu verleihen, daß jeder Tag das Nötige bringt, sie hatten am sechsten Tage doppelt und am siebenten gar nicht sammeln sollen, um das größte Gottvertrauen zu erweisen, dessen der Mensch fähig ist. In beiden Fällen fanden sich schon damals Irrende. Da ward ihnen gezeigt, daß die Bedürfnisse ihres täglichen Lebens von ihnen durch Gehorsam errungen werden müssen. Sieblieben eine Zeit ohne Wasser. Aber wie später jder König Achab die Rollen verwechselt und nicht sich, sondern den Propheten Eliahu den „Betrüber Israels" nennt, so gab das Israel des Auszuges Moses die Schuld an seinem Ungemach. Da ließ Gott sie schauen, daß das harte Gestein ihnen Wasser spenden kann auf Gottes Befthl, und Er allein ist es, der spendet und versagt. Er läßt sie schauen, was sie nicht bedacht. Nur darum waren sie auf ihrem Zuge unbehelligt geblieben, weil Gott den Feind zurückgehalten, der gern und immer auf ihre Schwäche fahndet. Er läßt ihn erscheinen, wenn Israels „Hände schwach" geworden, wenn es „müde geworden in zu betätigendem Gottvertrauen, sich zwecklos müht, derweil es Gottesfurcht nicht kennt." Und naht der Schrecken, dann entsteht der Zwist im Innern, wie dem Feinde zu begegnen sei. Scheidungen und Spaltungen, Uneinigkeit und Zerfall enttsteht, wenn die Forderung Gottes nicht die Grundlage für das Volksleben mehr bildet. Das kleine Häuflein Israel bildet dann, keine Einheit mehr, sondern Vielheiten, bei denen die Einen verneinen, was die Andern bejahen. Die Einen entweihen den Schabbos, den Andern bildet er des Lebens Inhalt und Segen. Die einen wollen „die jüdische Religion in Erscheinungsformen kleiden, die den Zeiten jeweils angepatzt" sind, den andern ist Gott als das ewig lebende unveränderliche Wesen, das „kein Mensch ist, daß Fett il 1* t tt. Der HdskHcben. „Tantchen,, den besten Käskuchen in ganz Schmiedethal gibt es unweigerlich bei dir, Ich könnte mir keinen Schowuothnachmittag denken, ohne Kaffee und Käskuchen bei dir. Du gestattest doch?" Mit diesen einleitenden Worten legte das junge Mädchen aus ihren Teller ein Stück des eben gelobten Kuchens, das ihrem jugendlichen Appetit alle Ehre machte. Die ältere Dame lachte. „Guten Appetit, Dina. Als ich in deinem Alter war,. den gesegneten Magen der 18 jährigen hatte, gabs für mich auch keinen köstlicheren Leckerbissen als Käskuchen..." „Und aus Pietät an diese jugendliche Schwärmerei backst du noch immer die Delikatesse, obgleich dein schwacher Magen nichts davon kosten darf, du gute Tante", fiel das junge Mädchen ihr lachend ins Wort. „Na, ihr sorgt dafür, daß er nicht verkommt", scherzte die Tante, eine sympathische Dame von etwa 50 Jahren. Gleich wurde ihr GesW aber ernst. „Wer abgesehen von dem jngendlichen Genuß bin ich. dem Käskuchen für noch Dtd wertvolleres Dank schuldig". ,TaMe,demW^chenMretwaswertvolleres dankbar?" fragte Dina und schlug die schwarten Augen erstaunt zur Tante auf. „Erzähl einmal, was das für eme Bewandtnis hat." „Ja, das ist in der Tat eine ganz eigene Geschichte. Ein Käskuchen hat mich davor geschützt, für mein ganzes Leben unglücklich zu werden." „Nun bin ich aber neugierig, liebe Tante, bitte, bitte, erzähle doch", bettelte Dina. „Warum nicht; die Sache liegt um 30 Jahre zurück. Du bist ja heute auch kein Kind mehr, es ist eine lehrreiche Geschichte." Das junge Mädchen schob sich einen niedrigen Sessel neben den Lehnstuhl der Tante. „So, nun leg los." Andachtsvoll schaute sie hoch. Die Tante begann: „Als junges Mädchen war ich einmal über Schowuoth bei meinem Onkel in Schmiedethal zu Besuch. Es war dort ein lebhaftes munteres Haus. Mehrere erwachsene Cousins und Cousinen, die einen großen Freundeskreis besäßen. Schmiedethal ist anmutig gelegen und bietet herrliche Spaziergänge. In der Schowu- -othnacht wurde bei meinem Onkel aufgeblieben, und wenn wir Mädchen auch' nicht dabei waren, wollten wir doch in einem der Nebenzimmer wachbleiben, um wÄhrend der Pausen für Erfrischungen zu sorgen, auch hatte mir meine Cousine schon von dem schönen Spaziergang erzählt, den wir noch dem beendeten Schacharis-Gevet uni dem Vater machen würden. Es war prachtvolles Wetter, als wir morgens gegen 4 Uhr von H ause ausbrachen. Unser Ziel war ein naher Berg, von dem man eine schöne Aussicht über das mo^genfrische Land haben sollte. Wir hatten uns reichlich mit Kuchen verproviantiert, um uns auch an etwas materiellem zu laben. Einige nähere Bekannte schlossen sich Uns an. Unter diesen war auch ein junger Mann, der in früheren Jahren in Frankfurt geweilt hatte und dort in meinem Elternhause viel verkehrte. Ich hatte schon als Backfisch eine Schwärmerei für ihn, aus der sich jetzt bei erneuter Bekanntschaft tiefere Gefühle entwickelten. Ich schien dem jungen Mann ebenfalls nicht gleichgültig zu sein, und da seine AußenverhÄtnifse in jeder Weise günstig waren, trat auch mein Onkel einem häufigeren Verkehr zwischen uns nicht hindernd in den Weg. Je mehr wir zusammenkamen, um so größer wurde die gegenseittge Zuneigung, und es war eme stillschweigende Verabredung, daß der junge Mann nur meine baldige Heimkehr nach Frankfurt abwarten wollle, um meine Eltern offiziell um meine Hand zu bitten. Unter diesen Verhältnissen ergab es sich leicht, daß. manche Neckerei mich trog, die ich gern aufnahm. Es war ein ganz herrlicher Hmziergang, die Lust köstlich frisch, der Himmel klar und rem, und die