Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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—7^ Rr. 23 «eite 20. Der JSraeltt. 4 Juni 1908. können, glaubte er ihr nimmer verzeihen zu können und hatte deshalb sein früheres Testament umgestoßen und in dem neuen sein ganzes Besitztum bis auf das seiner Tochter zukommende Pflichtteil seinem Enkel vermacht. Inzwischen entwickelten die Behörden die lebhafteste Tätigkeit, den Aufenthaltsort des Entführten zu erforschen, und auch der englische Detektiv setzte alles Mögliche in Bewegung, den ihm als Tüchtigsten vorangegangenen Ruf zu bewahren. Umsonst! alles umsonst. — Woche um Woche verging und aus den Wochen wurden Monate — und Monat reihte sich Monat — von Edwin keine Kunde. Der alte Schröder verfiel zusehends, von Tag zu Tag. Er hatte bereits seinen längst gehegten Plan, seine Firma in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, zur Ausführung gebracht, er konnte sich nicht mehr um das Geschäft kümmern, war sehr bald nicht mehr imstande, das Bett zu verkästen. Seine Freunde, allen voran die Familie Gotthold, bezeugten ihm die wärmste Teilnahme. Stundenlang saßen sie an dem Bette des Kranken und überlegten mit ihm, ein Mittel ausfindigzu machen, den ihnen allen so teueren Knaben aufzufinden. Doch was sie auch ersannen, alles schlug fehl. Neuu Monate waren bereits vergangen, seit Edwin die Heimat verkästen. könnten ihn jetzt doch nicht lesen. — Du wirst Es war an einem Sabbath, der Tag neigte sich zu Ende. Gotthold hatte bereits das Buch, in dem er gelesen hatte, geschlosten und forderte feine Frau auf, ein Gleiches zu tun, denn das draußen herrschende Schneegestöber hatte die Dämmerung heute früher als sonst Hereinbrechen lasten. Clementine stand am Fenster und blickte hinaus auf die in dichten Masten herniederfallenden Schneeflocken, die der Wirbelwind in wildem Reigen, vor sich her trieb, ihr selber unbewußt entrang sich ein Seufzer ihrer Brust. „I7n soupir vient (Tun souvenir," sagte ihre Mutter lächelnd, „an was hast du jetzt gedacht, Clemens?" doch bei diesem Wetter nicht in die Synagoge gehen?" wandte sie sich an ihren Mann, der eben seine Hauskappe mit dem Hute vertauschte. „Es ist nicht weit, in drei Minuten bin ich dort und in fünf Minuten kann Jean Licht anzünden." „Und dann können wir gleich Edwins Brief lesen?" fragte Clementine, „nicht wahr, Papa?" Der Vater nickte ihr lächelnd zu und mit freundlichem guten Sabbathwunsch verließ er das Zimmer. Clementine reichte der Mutter ein Gebetbuch, nahm selbst eines und beide verrichteten das Abendgebet. Noch bevor sie es beendet hatten, trat Gotthold mit dem üblichen gute Wochegruß in das Zimmer. „Und die Lina ist auch schon da!" Nachdem er die flammende Kerze durch einige Tropfen Wein gelöscht hatte, duldete es sein Töchterchen nicht länger, hastig griff sie nach dem Briefe und riß das Couvert auseinander. „Euer Edwin!" jubelte sie, „da steht es, ich habe ja gewußt, daß es von ihm ist." „Gib," sagte Gotthold, indem er den Brief, den sie ihm reichte, nahm und sich neben seine Frau setzte. „Ach bitte, lieber Papa, lies den Brief vor, sonst muß ich so lange warten, es sind ja so viele Bogen." (Fortsetzung folgt.) £5 tj-a „An Edwin," erwiderte die Kleine halblaut, mit einem scheuen Blick auf den Vater, der im auf und nieder wandelte und ihre Antwort nicht zu hören brauchte. „Was wird Edwin gegessen haben während dieser ganzen Zeit? Dreiviertel Jahre nichts Gekochtes esten! — Wie hat er das nur aushalten können? Wer weiß, ob —" Sie wurde unterbrochen, die Hausglocke ertönte und gleich darauf trat der alte Jean mit einigen Briefen in der Hand in das Zimmer. „Soll ich sie aufmachen?" fragte er. Gotthold schüttelte verneinend den Kopf, „(ä ist schon zu dunkel zum Lesen." Der Alte legte die Briefe auf den Tisch und entfernte sich. Im vorigen Jahr ist um diese Zeit immer von Edwin ein Brief gekommen," sagte Clemeninderecke. Aas 6roBmiMercl)en erzählt. Bon Salo Flörsheim in Oldenburg. tine, indem sie zu dem Tische trat und die Adresten der Briefe betrachtete. Ein ungewöhnlich großer und auffallend dicker Brief zog ihre besondere Aufmerksamkeit auf sich, sie nahm denselben und trat damit zum Fenster. Plötzlich schrie sie laut aus. „Von Edwin! — Papa! Mama! Der Brief ist von Edwin! Ich weiß es bestimmt!" „Bon Edwin?" riefen beide Eltern wie aus einem Munde, indem sie zu dem Fenster eilten. Gotthold war bis auf die Lippen erblaßt. „Gib", flüsterte er und nahm den Brief aus der Hand seiner Tochter. Irma trat an seine Seite und betrachtetes gleichzeitig mit ihm die Adresse. „Das scheint in der Tat Edwins Handschrift zu sein, woher kommt denn der Brief? Was sind das für Marken?" „Das weiß ich nicht," erwiderte Gotthold gepreßt, „es ist schon zu dunkel." „Soll Jean nicht doch den Brief aufmachen?" fragte Clementine. „Es ist zu dunkel," wiederholte Irma, „wir Es waren zwei hübsche, aufgeweckte Kinder, denen die Eltern nur allzu früh entrissen worden waren, und die nun unter der Obhut ihrer Großmutter aufwuchsen. Sie hatten soeben ihr einfaches, aber reichliches Abendmahl eingenommen und baten nun die Großmutter, wie das so. oft zu geschehen pflegte, um eine Geschichte. Gern willigte diese in den Wunsch ihrer Lieblinge. „Meine lieben Kinder," sagte sie, „weder ein Märchen noch eine Geschichte aus der Bibel will ich euch erzählen, vielmehr soll die Erzählung einer Begebenheit meiner Jugend euch heute den Abend verkürzen. Setzt euch nur noch näher zu mir heran und merkt recht gut auf!" Die Kinder ruckten nun ihre Schemel ganz nahe an die Großmutter und blickten ihr gespannt ins Antlitz. Diese räuseprte sich und begann: _ : „Es sind schon viele Jahre her, daß auch ich einmal jung gewesen bin.' Wir wohnten damals in einem Dorfe, wo mein Vater, seligen Angedenkens, ein kleines Geschäft betrieb. Das Geschäft nahm dank dem Fleiße meines Vaters zu, und bald konnte er' einen Gehilfen anstellen. Nach einiger Zeit machte mein Vater jedoch die Beobachtung, daß mehrfach Geldbestände fehlten. Der Verdacht fiel auf Führten, so hieß der Gehilfe, und dieser wurde so in die Enge getrieben, daß er die Tat nicht leugnen konnte. Mein Vater entließ ihn sofort, sah von einer Anzeige jedoch ab. — Kurze Zeit nachdem Fuhrken uns verlassen hatte, geschah es eines Tagest daß eine arme jüdische Frau mit einem 13jährigen.Sohne in das Dorf kam. Sie waren Heimat- und obdachlos. Aus Mitleid nahmen meine Eltern sie auf und gewährten ihnen Kst und Unterkommen. Die Frau wußte geschickt zu nähen und mein Vater beschloß, durch eine kleine Summe ihr und ihrem Sohne Michael die Niederlassung im Dorf zu ermöglichen. Die Leute im Dorfe lachten über meinen Vater und verhöhnten ihn, ja machten ihm Borwürfe, daß er Bettler herbeilocke. Doch mein guter Vater ließ sich nicht irre machen und sagte: Alle Juden, ob sie aus diesem oder jenem Lande stammen, sind Brüder und müssen einander beistehen. So war der Monat Siwan ins Land gekommen. Zwei Tage vor dem Schwuosfeste sollte ich in der nahen Stadt Einkäufe für das Fest machen. Der Weg dorthin führte durch einen Wald und war in der damaligen Zeit nicht ganz ungefährlich. Fröhlich verließ ich das Haus und erreichte bald den Wald. Schon hatte ich die Hälfte desselben durchschritten, als plötzlich ein höhnisches Gelächter mir enrgegenschallte und ein Mann aus dem Dickicht hervorstürzte. Trotz seiner zerlumpten Kleidung erkannte ich in ihm — Fuhrken. Ich wollte schreien — doch der Schreck hatte mir die Zunge gelähmt. Schon sah ich die drohend geballte Faust aus mich herabsausen, als plötzlich etwas Unerwartetes geschah. Michael, der plötzlich wie aus der Erde gewachsen kam, stürzte sich mit solcher Wut auf Fuhrken, daß dieser zusammenbrach. Jetzt war ich auch wieder zur Besinnung gekommen, und auf unser Schreien kamen Leute herbei, die in Fuhrken einen längst gesuchten Verbrecher fanden. Er entging seiner schweren Strafe nicht. Michael behauptete nachher, sich zufällig auf dem gleichen Wege befunden zu haben. Doch wußte ich ganz genau, daß er in der Stadt an diesem Tage nichts zu tun hatte. Er kannte die Gefährlichkeit des Weges und so ging er unbemerkt hinter mir her, um mich zu bewachen. — Doch nun ist es schon spät geworden und Zeit, daß Ihr zu Bette geht. Gute Nacht, meine Lieblinge!" wollte die Großmutter schließen. Doch die Kinder sahen unbefriedigt zur Großmutter hinauf. „Und Michael, und Michael?" riefen sie ungestüm. Was war aus ihm geworden?" Die Alte stutzte einen Augenblick. Dann sagte sie nachgebeno. „Michael verließ unser Haus nicht mehr. Mein Vater ließ ihn ausbilden. Seine Fähigkeiten und sein Lerneifer waren musterhaft. Er ist ein sehr tüchtiger und ehrenwerter Mann geworden. Ihr habt ihn leider nicht mehr gekannt, aber ich habe euch oft genug von ihm erzählt. Auch heute kann ich nur wiederholen. Werdet ihr so gut und so fromm wie es — euer Großvater, mein seliger Mickael war. Hebräifdies Budiftabenräffel. i. Von seinen Freunden er allein Ein ganzes Menschenalter zählt. Wie Geheimnis schwer und wie Wein Er uns auch leicht ins Auge fällt. II. An Wert und innerem Gehalt Er kleiner und geringer ist, Und in veränderter Gestalt Er oft genug auch Frieden schließt. III. Und hoch über diesen beiden An Zahlenwert der dritte steht, Ob auch gebückt und bescheiden Er nur auf einem Fuße geht.