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Der Israelit · 1908-06-04 · Heft 23 (4.6.1908) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 23 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
– (sequence 19)
Language
German
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4. Juni 1908 Der Israelit. Seite 19. No. 23. frommen Beter schaute zum klaren, wolkenlosen Himmel hinauf und sagte: „Die Angst, glaube ich, war übertrieben. Wir sind schwache Menschen, und die Furcht macht uns kleinmütig. Wir hätten uns die Festesfreude in der Synagoge nicht so verderben sollen." „Und ich," antwortete der Nachbar, „hatte schon während des Gottesdienstes alle Furcht verloren. Nach dem Hoschiohnoh wußte ich, daß Gott helfen muß und bei Akdomuth war es mir so wohl und leicht ums Herz und ich sang aus voller Brust." „Ja," bestätigte der andere, „so schön und kräfttg ist bei uns „Akdomuth" noch nie gesungen worden. Es war ein Siegesgesang, ein Gesang voll Hoffnung und Dankbarkeit." Uno sie gingen auseinander. Lin N2NO 0« gemeinüe -Inrb-ch. Wir führen hier unseren Lesern die Abbildung eines Erzeugniffes der alten Goldstickerkunst vor, das 175 Jahre alt istein Alter, das allein genügt, um die Solidität dieser kunstvollen Arbeit darzutun. Der rcns zeigt die drei Kronen, die Krone der Thora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums, ferner die Gesetzestafeln, den Tisch mit oen Schaubroden, den Leuchter auch den Opferaltar, aus welchem der Kopf eines Opsertieres vom Feuer verzehrt wird, und das Wasserbecken mit der: Wasserstrahlen. Das Paroches wie der Kapores besteht aus zweierlei Sammt (blau und gelbbraun) und zeigt Spreng- und Anlegearbeit in künstlerischer Ausführung. Grüne Trauben, welche die Seiten des Paroches zieren, sind in Lyoner Gold gefertigt. Das Paroches ist 25 Jahre älter als die 150 Jahre alte Ansbacher Gemeindesynagoge. Es zeugt für die bescheidene Opferfreudigkeit jener Zeit, daß der Spender nicht darauf genannt ist und heute auch nicht mit Sicherheit ermittelt werden kann. Das Paroches soll nach dem Muster eines der Gemeinde Jchen hausen gehörigen gefertigt sein, als dessen Spender eine Familie Höchstetter festgestellt ist. Die Stickerei und die Aechtheit des dazu verwendeten Goldes hat den 175 Jahren, die darüber hinwegegangen sind, erfolgreich Widerstand geleistet. Sie ist bis aus einige Stellen so gut wie neu. Nicht so der Sammt. Ihm hat der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, daß der die Stickerei tragende Stoff brüchig wurde und so das Kunstwerk Gefahr lief, ebenfalls zu verfallen. Man hat nun versucht die kostbare Stickerei von dem verfallenden Sammte abzunehmen und sie unversehrt und unverändert auf neuem Sammt anzubringen. — Die Art wie diese Uebertragung gelungen ist, bildet ein Kunstwerk für sich, das aus der Goldstckerei des Frl. Ahrona Wertheimer in München Kanalstraße 19 a hervorgegangen ist. Dieselbe Goldstickerin hat auch das Paroches für die Einweihung der neuen Synagoge in Frankfurt a. M. hergestellt und ist seitdem mit der Lieferung von zwei anderen Paroches für die Frankfurter Religionsgesellschaft betraut worden. Es wäre von Interesse zu ersahr.en, ob das rcns zu Jchenhausen, das dem hier abgebildeten als Muster gedient haben soll und also noch älter sein muß, ebenfalls noch erhalten ist. — Jedenfalls dürfte es wenige Erzeugnisse der alten Goldstickekunst geben, die sich so lange und so gut erhalten haben. euilleton Der €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Plötzlich übersiel ihn eine namenlose Angst. Gleich nach seiner damaligen Unterredung mit seiner Tochter, hatte er se.n Testament gemacht und in demselben den weitaus größten Teil seines Vermögens seinem Enkel vermacht. Außerdem hatte er die Klausel hinzugefügt, falls seine Tochter je zu einem andern Glaubensbekenntnisse übertreten würde, so solle auch das ihr Bestimmte bis auf den vom Gesetz bestimmten Pflichtteil ihrem Sohne zufallen. Wie? wenn Malwine auf irgend einer Weise Kenntnis erlangt hätte von diesen Bestimmungen und sich dafür rächen wollte an ihrem unschuldigen Kinde, das ihm das Teuerste auf Erden war. — Herr Gott im Himmel! und er hatte Gotthold zurückgehalten, sich an die Behörde zu wenden! — Siedend heiß überlief es ihn und dann war es ihm wieder, als ob alles in ihm zu Eis erstarren wolle. — Hastig griff er nach seinem Hute und rannte davon. Kopfschüttelnd blickten ihm seine Leute nach, so hatten sie deti alten Herrn noch nie gesehen. Endlich hatte er Gottholds Wohnung erreicht und eilte die Stiege aufwärts. Vollständig außer Atem und in Schweiß wie gebadet, klopfte er an die Tür des Wohnzimmers und trat gleichzeitig ein. Aber er brachte keinen LarA hervor, er nahm nur den Hut ab und die großen Schweißtropfen an seiner Stirne wurden sichtbar. „Um des Himmelswillen, Herr Schröder, wie sehen Sie aus!", rief Frau Gotthold. „Sie haben Nachricht von Edwin?" net ihr Gatte hastig ein. Er erwiderte nichts, legte nur mit seiner zitternden Hand die empfangene Depesche auf den Tisch, dann sank er kraftlos in einen Sessel. Götthold hatte das Blatt entfaltet und gelesen, seine Frau war an seine Seite getreten und hatte mit ihm gelesen und tiefe Bläffe überzog das Angesicht Beider. „Haben Sie eine Ahnung, wohin sie sich gewandt haben könntefragte Gotthold endlich. „Wie sollte ich?" entgegnete Schröder achselzuckend, „daß sie sich mit dem Kinde, ihrem Galan auf seiner Reise um die Welt angeschloffen haben sollte, das ist doch nicht denkbar." „Wer weiß?" meinte Irma. „Wissen kann man überhaupt nicht, was meine Tochter getan hat oder tun möchte, sie war von jeher unberechenbar. Aber ich kann mir nicht denken, daß die Gegenwart des Knaben dem Baron für die Dauer angenehm gewesen wäre — und darum fürchte ich —" „Was fürchten Sie" drängte Gotthold, als der andere stockte. Aber was er fürchtete, das brachte der tief erschütterte Mann doch nicht über seine Lippen. Endlich sagte Irma gepreßt: „Sie gehen zu weit, Herr Schröder, ganz gewiß, Sie sehen zu schwarz. Eine Mutter, und wäre sie noch so tief gesunken, kann mit Bewußtsein nichts in Wirklichkeit Schlimmes gegen ihr eigenes Kind planen. Von ihrem Standpunkt aus hält sie es für Edwin nicht nachteilig, bei ihr zu sein, daß Sie und mein Mann anders darüber denken, zieht sie nicht in Betracht." „Wollte Gott, Sie hätten Recht", erwidette Schröder, schwer aufatmend, „aber Sie vergessen, daß eine unlautere Leidenschaft selbst das heiligste Gefühl zu ersticken vermag. —^ Was beabsichtigen Sie zu tun?" wandte er sich an Gotthold. „Was kann ich tun?" entgegnete dieser achselzuckend, „morgen, so bald als möglich werde ich zur Behörde gehen, die Entführung meines Mündels zur Anzeige zu bringen und mit dem erforderlichen Nachdruck verlangen, daß _ alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, den Aufenthaltsott des Kindes zu entdecken und dasselbe zu uns zurück zu bringen. — Was glauben Sie, daß sich sonst noch tun ließe?" Schröder fuhr sich mit der Hand über die Sttrn. „Ich weiß es nicht", sagte er seufzend, „durch meine Schuld haben wir drei Wochen ungenützt vorüber gehen kaffen —." „Ob wir heute weiter wären, wenn ich mich vor drei Wochen an die Behörde gewandt hätte, das ist auch noch die Frage." „Mit Bestimmtheit läßt sich das freilich nicht behaupten — aber, ich habe gehört, daß die englischen Detektivs im allgemeinen tüchtiger sein sollen als die deutschen, ich werde daher einem Geschäftsfreund in Landen eingehend darüber schreiben und ihn ersuchen, die Angelegenheit dem Tüchtigsten der dottigen Detektivs zu über- 'geben." „Tun Sie das", stimmte Gotthold bei, „vielleicht dürfte es das Richtigste sein, den Betreffenden zu veranlassen, zunächst hierher zu kommen, damit er persönlich mit uns sprechen könnte — vielleicht könnte er auch hier manches über den Baron Brandow in Erfahrung bringen — ich vermute noch immer, daß er dahinter steckt." „Sie mögen Recht haben," sagte Schröder, „vielleicht wäre es da doch richtiger, Sie warteten mit Ihrer Anzeige bis Sie von mir Nachricht erhalten. Einer meiner Bediensteten ist nämlich ein Vetter des Reitknechtes des Baron Alfred Brandow, der mit seinem Vetter, dem Baron Alex Brandow im regen Verkehr steht. Auf diesen! Wege habe ich damals in Erfahrung gebracht, daß Baron Brandow eine für mehrere Jahre geplante Reise angetteten hat, daß meine Tochter ihn auf derselben begleiten würde, würde ich nicht für unwahrscheinlich halten, daß sie aber Edwin mit herumschleppen sollten, das will mir nicht in den Kopf." „Sie werden Edwin irgendwo untergebracht haben," meinte Irma. „Das sollte man glauben. — Aber zu welchem Zweck?" „Vielleicht zu keinem anderen Zweck, als um Sie und uns zu ärgern." „Das wäre allerdings auch denkbar. — Trotzdem — ich fürchte — ich fürchte. — Also nicht wahr, Herr Gotthold, Sie warten mit der Anzeige, bis Sie von mir Nachttcht erhalten?" „Wenn Sie besonderen Wert darauf legen, will ich eventuell bis Mittag warten, länger möchte ich die Anzeige jedoch nicht verzögern, man kann ja doch nicht wissen —" „Länger brauchen Sie keinesfalls zu warten, ich denke bis 10 Uhr werden wir erfahren, was wir überhaupt hier erfahren können." Er hatte richtig kombiniert, schon vor 10 Uhr wußten sie, daß von dem Baron Brandow seit seiner Abreise keinerlei Nachttcht eingetroffen war, der Reitknecht hatte hinzugefügt, daß seiner Ansicht nach auch keine Nachttcht von demselben erwattet werde. Die Entführung des jugendlichen Besitzers von Althof und, wie man nach den umlaufenden Gerüchten bereits annahm, mutmaßlichen Erben des vielfachen Millionärs durch die eigene Mutter erregte in allen Kreisen die denkbar größte Aufregung. Man erging sich in den abenteuerlichsten Mutmaßungen, von denen jedoch nur die eine der Wahrheit nahe kam, daß der alte Schröder seinen Enkel zum Universalerben ernannt hatte. Denn daß seine Tochter ihm das hatte tun

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