Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18. str. 23. Der Israelit. 4. Juni 1908. „Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israel aus Mizrajim, an diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai." Und nun wird znltächst ein Lied zu Ehren des Tages angestimmt: Akdomus milin" —. Bevor das Wort über die Lippen kommt, düs den Vorgang am Sinai schildert, soll Lob erklingen, Huldigung erschallen, dem, der uns in Seinen Bund ausgenommen, uns zu Seinem Eigentume gemacht. Lob und Preis Ihm, für dessen heiligen Namen wir kämpften und bluteten und siegten und heute noch zittern.- Immer mächtiger und stürmischer wurde der Gesang. Lieblich und getragen stimmte der Borbeter an, worauf die Gemeinde bewegt und begeistert einfiel. Und von den steigenden Wellen des hundertstimmigen Gesanges wurden hinweggetragen Leid und Sorge, Kummer und Angst, und hoch, hoch aufwärts schwang sich der Geist empor, bis zu den reinen lichten Gottxshöhen, wo die Furcht flieht und die Sorge verweht, wo Sieaesruf erschallt und im harmonischen Engelchor Jubelklänge ertönen. . . . * * * Oben, wo die breite, steinige Fahrstraßeetwas steil und holperig sich durch die Felder schlängelt, zog in ungeordneten Reihen eine wilde Menge. Vor dem hölzernen, dornenbekränz'en Heiligenbilde am Scheidewege machten sie Halt, entblößten ihre Häupter und bekreuzten sich. Dann ließen sie ihre Stöcke, Sensen, Stemmeisen und Aexte, mit denen sie bewaffnet waren, auf den grünen Rasen fallen und setzten sich, um die neuen Massen, die jetzt von den Fußwegen, die hier von allen Seiten münden, zuströmten abzuwarten. Ein alter Mann wischte sich den Schweiß und sagte: „Die Saaten stehen gut, es gibt ein gutes Jahr!" Zwei Kirschenbäume am Wege waren ganz in Blütenweiß gehüllt. Ein junger Bursche riß einen Blütenzweig ab und heftete ihn an seine Brust. Der Alte aber sagte verweisend: „Weißt Du nicht, Schafskopf, daß es große Sünde ist, Blüten zu vernichten?" „Es sind noch Blüten genug am Baume," antwortete der Bursche. „Es ist ein Fest heute und ich will mich schmücken." „Das Fest in Ehren!" lachte der Alte, „ich bin ein alter Mann und ich mache es mit. Es wird lustig, es gibt Geld und Branntwein. Aber unschuldige Baumblüten läßt man unberührt, sie können nichts für die Juden-" „Auf!" erschallte der Kommandoruf des Dorfältesten. Und im wirren Durcheinander schreiend und johlend bewegte sich die schwarze Volksmasse auf der steigenden Straße dem Städtchen zu. Die Aexte und Sensen glitzerten im Sonnenschein. Oben angelangt, machten sie nochmals Halt und schauten ins Tal hinunter. Wie ausgestorben lag das Städtchen unten. Die grauen niederen Holzhäuser schienen wie verlosten. Auf den gelblichen Schindel- und Strohdächern breiteten sich silberne Sonnenstrahlen aus und zogen in weiten, breiten Linien immer weiter über die Wände und Mauern, über die Straßen und Gärten, beleuchteten die in hellem grün schimmernden wilden Kastanienbäume und spielten jetzt auf das Kuppeldach der alten Synagoge hinüber. „Wir gehen erst in die Kirche, und lasten uns eine Nieste lesen," sagte einer. „So haben es auch die Russen gemacht in Moskau und Kiew, in Bessarabien und überall," bestätigte der Schreiber des Bauernamtes, der einzige, der zuweilen Zeitungen las. „Wir sind keine Russen?" schrie einer, „und brauchen es auch nicht in allem diesen Hallunken, die ja noch schlimmer sind als die Juden, uachzumachen. Wir gehen in die Stadt hinunter und fangen gleich unsere Arbeit an." „Wir sind Litauer und wollen es bleibeu," bestätigte ein anderer. „Die Juden, die uns, wie es uns der Gursbesitzer Pawlosk so schön ausgelegt, schon seit Jahren betrügen, sollen heute schon daran glauben. Die Rüsten, die uns verfolgen, ausbeuten und aussaugen, kommen später an die Reihe." Die Burschen bewegten drohend ihre Stöcke und Sensen zum Zeichen der Zustimmung. „Wie aber, wenn Soldaten, Kosaken in der Stadt wären?" ließ sich einer hören. Ein Bauer lachte höhnisch: „Die große Garnisonstadt Punnewitz!" Und alle anderen lachten hell mit. „Höret Freunde," sagte der Schreiber, „ich mahne zur Vorsicht. Kowno ist nicht so gar weit von Punewitz. Und wenn der Trunkenbold Prochorow, der sich immer in den Schenken von Punewitz herumtreibt, nicht seinen Mund gehalten und unfern Plan verraten hat, so könnten die Juden durch Vermittlung des Gouverneurs leicht aus Kowno Militär erhalten Das Paroches von Ansbach. (Siehe Seite 19.) haben." „Der Gouverneur liebt -die Juden nicht!" sagte der Organist, der schon die ganze Zeit den steigenden Einfluß des Schreibers auf die Bauern »mit Argwohn verfolgte und nun froh war, die Argumente seines Rivalen durch eine bestehende Tatsache nmzustoßen. Aber der Schreiber behauptete sich als Held des Tages. „Der Gouverneur mag die Juden nicht," sagte er, „das stimmt. Aber er mag unsLitauer noch viel weniger und hätte gewiß nichts dagegen, wenn einige von uns durch Kosakenhände zur Strecke gebracht werden." „Auf, Brüder! Vorwärts ins Tal hinunter!" kommandierte der Dorfälteste. Der Streit, der wie bei jeder Versammlung auch jetzt zwischen den beiden Kulturträgern des Dorfes, dem Schreiber und Organisten auszubrechen drohte, schien ihm heute sehr ungelegen und er trieb daher zur Tat an. Nur einige Schritte gingen sie talwärts. Dann rief einer: „Ich höre singen, starke Männerstimmen. Was ist das?" Die anderen hielten still und lauschten. Getragen und weich wie Liebesflüstern kam eine Stimme herüber, dann antwortete es im Chore, mutig und mächtig wie Heldengeschrei, wie Siegesjubel. Was war das? Und nun wieder, immer wieder, immer mächtiger und rauschender. Die Bauern hielten den Atem an und horchten. Es schien vom Dickicht hinter der Synagoge zu kommen. „Soldatenlieder! Kosaken!" sagte jemand. Die Menge wurde unruhig und unschlüssig. Es sind aber vielleicht nur Juden, die in ihrer Kirche beten. Vielleicht haben auch sie heute Feiertag!" meinte der Organist als theologischer Fachmann. Prochorow, der unter den Juden bekannt war und auch im Winter zuweilen in der Synagoge zu Punewitz den Ofen heizte, sollte darüber als Sachverständiger sein Gutachten abgeben. Mit Kennermiene lauschte er und suchte auch die fremdartigen Laute nachzumurmeln, dann sagte er wichtig und gewiß: „Es ist kein „Hebräisch", was da gesungen wird. Hebräisch kenne ich, boruk ate. Aber solche Lieder Hab ich in der Judenkirche, wo ich doch den ganzen Winter heize, nie gehört." „Aber es sind doch zum T . . auch keine russischen Lieder", schrie der Organist, „soviel russisch verstehe ich doch auch." „Ein Mensch, der keine Zeitungen liest und noch nicht in der Welt war, versteht überhaupt, nichts," sagte der Schreiber verächtlich. „Die Kosaken sind keine Russen, es sind Tungunsen, Bucharen, Mongolen und sie singen L. ihre Heimatsweisen." „Sie singen immer lauter!" bemerkte einer. p„Sie kommen immer näher!" ein anderer. „Seht ihr, dort erhebt sich eine Staubwolke!" „Ich höre Pferdegetrappel!" „Und dort sehe ich einen Degen blitzen." „Schüsse werden folgen. Ich sehe schon etwas sich in der Luft kräuseln," konstatierte wieder einer. „Und ich laß mich nicht totschießen," sagte plötzlich einer, sich aus der Mitte losreißend. „Soviel sind mir die Juden nicht wert. Ich gehe heim zu Weib und Kind." „Und glaubst du, ich ließe mich hinschlachten. Ich habe überhaupt nichts mit den Juden vor," folgte ein anderer. „Ich stelle mich nicht ins Feuer!" „Wenn ihr nicht mitmacht, will ich auch nicht." „So gehe ich auch wieder heim!" „Und auch ich-" „Auch ich-" Und im Nu zerstreute sich die Menge. Von Angst und Schrecken gejagt, liefen sie quer feldein zurück. Am Kreuzweg vor dem Heiligenbilde blieben sie einen Augenblick stehen. Doch wagten sie es nicht, sich umzusehen und gingen schweigend und'eiligst auseinander. Die Mittagssonne lachte voll Glanz und Wärme über den grünlichen Schindeldächern, leuchtete in die schmalen Gäßchen.hinein und zeichnete breite schräge Schatten auf dem Rasenplatze vor der Synagoge. Langsam und unsicher kamen die Beter einzeln, ihre Kinder an der Hand führend, aus dem Gotteshause. Angstvoll spähten sie nach dem Hügel, der das Städtchen von der Landstraße trennte. Dort aber war alles still. Die grünen halbwüchsigen Kornstengel bewegten sich leise, durch die blühenden Aeste ging ein milder Luftzug. Einer der iütii