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Der Israelit · 1908-06-04 · Heft 23 (4.6.1908) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 23 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
– (sequence 17)
Language
German
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wmm!rT5^p?*p^Pil Atfs\X/eff uni £*et>en Olluslrierfe Beilaje zum^Osradif flkdomutl) Eine Schewuoth-Geschichte von S. Lchachnowitz. Der weite Raum der Synagoge war gefüllt. Eine schwüle und dumpfe Atmosphäre herrschte im Innern, eine gedrückte angstvolle Stimmung. Es lag etwas in der Luft, etwas Schweres und Drohendes, das sich jeden Augenblick entladen konnte, um dem Festgottesdienst ein jähes Ende zu bereiten und die gezwungene Festesfreude in Tod und Schrecken zu verwandeln. Keiner sprach es aus, das grausige Wort, aber jeder wußte es, jeder empfand es bis in die tiefste Seele. — Eine Pogrompanik. . . . Etwas verspätet, wie alles was neu in die Mode kommt, gelangte das Wort „Pogrom" zu den littauischen Bauern in und um Punewitz. Sechs Wochen lang sprachen die gedrückten halbverwilderten Menschen von der „großen Abrechnung" im Innern und Süden des Reiches. Sechs Wochen berieten und verhandelten sie auf den Märkten, vor der Kirche und in der Schenke darüber, wie sie auch ihrerseits dem Zeitgeiste durch ein echt russisches Festchen Rechnung tragen sollten und nun beschlossen sie, am ersten Pfinasttage das nachzuholen, was sie am Osterfeste versäumt hatten. Die Juden erfuhren es und trafen alle Vorbereitungen, um dem Unheil zu begegnen. Auch Militär wurde ihnen zum Schutze versprochen. Doch als sie heute nach durchwachter Nacht die blutgefärbte Sonne aufgehen sahen, ohne daß sie nur einen Uniformknopf beleuchtet hätte, ohne selbst den einzigen Hüter der öffentlichen Ordnung im Städtchen, den Pristav, auf seinem Posten anzutreffen, da war es klar, daß auch hier wie überall Militär und Polizei erst später eintreten würden, später, nachdem das blutige Spiel seine Opfer gefordert haben werde, war es den Juden Punewitzs klar, daß sie mit ihrer schwachen Kraft nur bei ihrem Gotte Schutz und Beistand suchen und finden könnten. Und nun waren sie zum Festgottesdienfte versammelt und beteten, beteten und zitterten. Oft drang durch diesen Nebel auch ein Ton der Festesfreude und die Gesichter, vom Talis fast bedeckt, heiterten sich für einen Augenblick auf. Oft schaute jemand mitten im Gebete nach oben, nach der leeren Frauengallerie, nach der Stelle, von wo ihm sonst die Frau munter herunterwinkte, die aber heute bei den Kindern bleiben mußte, und seufzte schwer. „Gelobt, Du Ewiger, unser Gott, der Du uns auserwählt von allen Völkern . . ." rezitirte der Borbeter mit zitternder Stimme. „Omen"! seufzte die Gemeinde im Chore. „Gelobt, der dem Hahn Einsicht giebt — der mich nicht als Nichtjuden geschaffen, der Israel mit Heldenmut umgürtet" — singt der Vorbeter weiter und zittert .... „Omen! Omen! Omen! Omen!" „Gelobt, der den Schlaf von meinen Augen abwendet." So ist es! — Alle haben sie die Nacht in Angst und Sorgen durchwacht, länger gewacht und mehr gebetet, als sonst in der Schewuos- DNchebl-nasa, der mutmaßliche Berg Sinai. nacht üblich. „Aber, wir sind dein Volk, Kinder Deines Bundes", — tönt es plötzlich mutig im Chore, — „Die Söhne Abrahams, dem Du auf Moriah Liebe geschworen, die Nachkommen Isaaks, der auf dem Altäre gelegen .... Heil uns, wie gut ist unser Anteil, wie schön, unser Los! Heil uns, die wir morgens und abenbesagen und bekennen: Schma Jisroel, der Ewige unser Gott, er ist einzig! ..." Die Lobespsalmen verklangen in üblicher Weise.NOft schauten die Betenden besorgt zur Türe und lauschten an den Fenstern. Ein Geschrei oder ein lautes Pfeifendas Geknarre eines Wagens oder nur die schweren Tritte eines e r Vorübergehenden brachten für einen >lick die ganze Gemeinde zum Schweigen. Dann begann das Seufzen, das Singen und Beten von neuem. Und plötzlich zieht ein munteres Gemurmel durch den Raum. Die Gesichter erheitern sich wieder. Hallet kommt, jene wunderbare Auswahl von Liedern, voll Trost und Verheißung, der ergreifende Gesang des harmonischen Gotteswaltens, der die gedrückten Herzen aufrichtet und sie auf göttlichen Schwingen emporzieht. „Lobet Gott, alle Völker, rühmet ihn, alle Nationen!" erschallt die Stimme des Vorbeters. Tun sie es auch heute? Sind es Stimmen, die Gotteslob und Nächstenliebe verkünden, die Glockentöne draußen? Warum müssen wir denn zittern? Menschen vor Menschen? Aber: „Aus der Bedrängnis rufe ich Gott an. Er ist mit mir, ich fürchte nichts — was kann mir da ein Mensch tun? Befferaus Gott vertrauen, als'auf Menschen, als auf die Edlen . . Sie umringten mich, umgaben mich wie ein Bienenschwarm, sie brannten wie Dornenfeuer,' — im Namen des Ewigen komme ich ihnen bei." So ging es in den vorgeschriebenen Psalmgebeten immer weiter. Als aber die Gemeinde an den Schlußsatz anlangte, der mit „Onoh" beginnt und göttliche Hilfe ersteht, da erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt, und ein Strom von Tränen brach sich Bahn. „Hauschioh no!" schrieen und flehten sie, einmal, zweimal, dreimal, und viermal, den folgenden Satz: „H a z l i ch o h" ganz vergessend. „Hilfe, o Gott! nur Hilfe! Glück und Gelingen für ein anderes Mal. Für heute nur Hilfe für unser bedrohtes Leben, für" das unserer unschuldigen Kinder." — Jetzt wurde die Thorarolle aus der heiligen Lade gehoben. Sie hatte, wie an Festen üblich, den Silberschmuck um. Muntet| und hell läuteten die Glöcklein der silbernen Krone: „Mut! Mut!" „Gadlu, benedeiet den Ewigen mit mir! ruft die Tora von oben herunter — „wir erheben seinen Namen zusammen!" Und neuer Mut ergoß sich in die Herzen der Betenden. Helle breite Sonnenstreifen bewegten sich leuchtend und schimmernd auf dem Pulte, auf dem nun die Thora aufgerollt lag, hin und her. Nur einen Satz las der Vorbeter aus der Thora mit erhobener Stimme vor ■i&aiiätffiiiiridi

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