Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der JSraeltt. 4. Juni 1908. heuttgen Tage noch nicht vollstreckt worden. Dessen ungeachtet gelangt das in diesem Gesetze nicoergelegte Prinzip insofern zur praktischen Geltung, als einzelne Konfessionen für Kirchen- und Schulzwecke im Rahmen der budgetarisch festgesetzten Summe Unter stützungen erhalten, ferner daß der Staat zur Ergänzung der Seelsorger- (Congrua) und Lehrergehälter Beiträge leistet. Seit Jahren ist nun eine Bewegung im Zuge, insoesonders von Seiten der Protestanten, «mfe das in Rede stehende Gesetz zur Durchführung gelange. Die Bemühungen der Protestanten sind auch von Erfolg begleitet, denn Kultusminister Graf Apponyi hat am 20. d.M. anläßlich der im Abgeordnetenhause abgehaltenen Verhandlung des Budgets für Kultus und Unterricht die Erklärung abgegeben, daß er demnächst dem Abgeordnetenhaus eine Gesetzesvorlage über die stufenweise Durchführung des Gesetz- Artikels XX vom Jahre 1848 unterbreiten wird. Der. Gesetzentwurf wird sich nicht nur darauf beschränken, daß er die Durchführung, des § 3 des Gesetzes um einen großen Schritt näher bringt, sondern er wird die vollständige und genaue Durchführung des § 2 aus der ganzen Linie sichern. In jüdischen Kreisen hat man den Erklärungen des Kultusministers mit großer Spannung entgegengesehen, da man eine Enunziation hinsichtlich der Dotation für jüdische Zwecke erwartete Die großangelegte Rede dcs Kultusministers hat jedoch große Enttäuschung verursacht. Der Minister erwähnte einige Mal die Frage der Datation, sprach aber kontinuierlich ausschließlich von den protestantischen Konfessionen, obwohl man auch an den Minister herangetreten war, daß er die Rechtsvorteile des 1848er Gesetzes auch auf die rezipierte Judenheit ausdehnen möge. Allgemein wird daher gefolgert, daß der angekündigte Gesetzentwurf sich nicht auf die jüdische Konfession erstrecken wird. Dieser Umstand hat in jüdischen Kreisen große Beunruhigung hervorgerufen und wird wahrscheinlich noch zu vielen Erörterungen Anlaß geben. Nachdem^ vom politischen Gesichtspunkte aus nicht angenommen werden kann, daß der Kultusminister die jüdische Konfession, die doch im Sinne des Rezeptionsgesetzes vom Jahre 1895 die Rechte der übrigen rezipierten Konfessionen in Anspruch nehmen kann — negieren will, so wäre es verfrüht, über den Gegenstand -eine Ansicht zu äußern, gegenwärtig, wo doch schließlich Wortlaut und Inhalt der angekündigten ‘ -Gesetzesvorlage noch nicht vorliegt. die Ephraim-Hügel eröffnet. Die Kolonisten, die bis vor kurzem noch für trenkg wirtschaftlich galten, haben fick in den letzten Jahren außerordentlich zu ihren «Gunsten geändert. Im ganzen zählt die Kolonie gegenwärtig 62 Kolonistenfamilien und 80 fremde Familien. Jeder Kolonist verfügt über etwa 200 Dunam Saatländ, 20 Dunam Weingärten und 20 Dunam Mandel- und Oliven-Pslanzungen. Die Viehzucht hat sich sehr erfreulich uno einträglich entwickelt. Jeder Kolonist bat 10—20 Stück Großvieh, 15—40 Zregen und 2 Pferde bezw. Kamele oder Esel. Biele Kolonisten beackern bereits den Boden mit Ochsen, die sie selbst gezüchtet haben, und mancheandere sind sogar bereits in der Lage, selbstgezüchtetes Vieh zum Verkauf zu bringen. Me Felder werden nach einem gemischten europäisch-arabischen System bewirtschaftet. Wenn auch die Bodenkultur nicht so intensiv wie z. B. in Chederah betrieben wird, so geht doch das Streben der Kolonisten nach möglichst rationellem Wirtschaftsbetriebe. Der Bruttoertrag mancher Kolonisten beläuft sich auf 7000 Franken jährlich, wobei der Nettoertrag sich auf etwa 3500 Franken stellt. Im Durchschnitt kann der Nettoertrag des Feldbaus (mit Ausnahme der Gartenwirtschaft) für den einzelnen Kolonisten auf etwa 1500 Franken berechnet werden. Da die Kolonie Sichron Jgakob zum größten Teile Bergland darstellt, so sucht man hauptsächlich Oelbaum pflanzen anzulegen. In der letzten Zeit ist man auch bestrebt, Fahrwege und Chausseen und sonstige Verkehrswege zu schaffen, zu welchem Zwecke die Kvlonie von oer Anglo-Palefllne-Company ein Darlehen von 12,000 Franken ausgenommen hat. Ferner haben die Kolonisten mit Hilfe der A.P.C. eine genossenschaftliche Leihrasse gegründet, die etwa 100 Mitglieder zählt. Das Verhältnis der Kolonie zur Regierung Krrßlar»-. Petersburg, 25 Mai. Am Hinblick auf die Agitation gegen den Militärdienst der Juden und den Vorschlag, sie überhaupt davon auszuschließen, erinnert die „Bess. Shisnj" an den Befehl des General Zerpizki vom 24. Juni 1905 snb Nr. 262, in welchem der Heloenmut eines Inden hervorgehoben wird. Es heißt darin: Am 16. Januar zur Zeit der Kämpfe bei Mukden wupde während des Arttlleriekampfes der 31. Artilleriebrigade mit den japanischen Brisautbattenen dem Bombardier der 2. Batterie der 31. Artilleriebrigade Lasar Lichtmacher, einem Juden, durch ein feindliches Geschoß der Arm abgerissen. Am 17. besuchte ich das Lazarett und bemerkte auch den Lichtmacher, dem soeben der Arm amputiert war. Er machte trotz feiner Leiden einen so kühnen und heldenmütigen Eindruck, daß ich ihn anredete. Ich war erstaunt über feine Willenskraft, Fassung und Kühnheit. Er bat, sofort nach seiner Genesung, wieder bei der Batterie eintreten zu dürfen, denn er fürchte, die Batterie werde ohne ihn nicht so gut arbeiten. Wie ich später erfuhr, war er wirklich der leitende Charakter der Batterie und sein Fortbleiben wurde schwer empfunden. Kaum war er entlassen, so reichte er eine flehentliche Bitte ein, wieder in den Dienst gestellt zu werden. Indem ich seine Bitte erfülle, hebe ich sein Betragen als musterhaft und der Nachahmung wert ^rvor. .Ich danke dem Lasar Lichtmacher für seine Ergebenheit gegen den Zaren und das Vaterland, in deren Dienste alle — Russen, Polen, Tataren, Deutsche, Juden — gleich sein müssen." — Unter den Akten der Dnmaredner zu Gunsten des antisemitischen Vorschlages befand sich leider ber Tagesbefehl sud 262 nicht. Petersburg, 30. Mai Das Komitee des Vereins zur Regel-ing der jüdischen Emigration, dessen Gründung Sie in letzter Nummer mitteilten, hielt gestern seine erste Sitzung ab, an der außer den Gründern des Vereins aus Petersburg auch die leitenden jüdischen Kreise aus Riga, Libau, Kiew, Moskau und Odessa sich betelligten. Nach langer Beratung und reger Diskussion wurde folgende Beschlüsse gefaßt: Der Verein soll eine unparteiische alle Fragen der Emigration umfassende Organisation mit Zweigvereinen in allen jüdischen Ansiedelungen Rußlands gründen, denen ein einheitliches Programm zu Grunde gelegt werden soll. Es sollen vor allem gute Auskunftsstellen gegründet werden wo die Emigranten die ihnen ist ein sehr gutes. Da die Kolonisten bloß amerikanische Gärten besitzen, brauchen fie für die Gärten den Zehnten nicht zu entrichten, weil die Regierung für die Anlagen auf die Dauer von 10 Jahren den Zehnten erlassen hat. Bom Getreidebau beläuft sich der Zehnte mit allen Nebenausgaben auf etwa 13 Prozent. Me Schule der Kolonie zählt jetzt etwa 200 Schüler. (Indische Auswanderung im Monat AprU.f Im Monat April sind im Netoyorker Hafen im Ganzen 2930 jüdische Emigranten gelandet u.s.w. 1298 Männer, 939 Frauen uno 663 Kinder. Nach Answanderungsländern verteilen sie sich wie folgt: Es kamen aus Rußland 2272, Oesterreich 320, Ungarn 127, Rumänien 158, England 25, Türkei und Deutschland je 8, Frankreich und Schweden je 1. Bon den Eingewanderten sind 2124 in Newyork geblieben. Im Aprll vorigen Jahres waren 3215 jüdrsche Emigranten nach Newyork gekommen. Während der ersten vier Monate des laufenden Jahres kamen insgesamt 86,014 Einwanderer gegen 317,213 im selben Zeitabschnitte des Borjochres, was ein Minus von nahezu 73 o/o bedeutet. Die jüdische Einwanderung in Newyork betrug in den ersten vier Monaten dieses Jahres 1907. Me jüdische Einwanderung ist demnach gegen das Borjahr um 29 Vs o/o gesunken. _ Seite ». Ro. 23 nützlichen Informationen hinsichtlich der Reise und ihres Reisezieles erlangen. - ***** ff? Die Hülfeleistung in den Ländern, die die Emigranten auf ihrer Durchreise berühren, soll besser organisiert werden. Es sollen in den Ländern, die als Reiseziel für die Auswanderer gelten, alle siHiabm Hilfswerke ins Leben gerufen werden, die de» neuen Ankömmlingen mit Rat und Tat zur Hand gehen könnten. > Das Komitee beschloß, sofort Zweigvereiue im ganzen Ansiedlnngsrayon zu gründen, die möglichst im Einvernehmen mit den dort bereits vorhandenen Hilfsgesellschaften die Arbeit zur Ordnung der Emigration ansnehmen sollen. Helsingfors, 25. Mai. Der berühmte dänische Schriftsteller und Krittler Georg Brandes hat unsere Stadt mit seinem Besuche beehrt. Alle polittschen Zeitungen brachten zu seinen Ehren Leitartikel, die den Ruhm Brandes' verkündeten und auch sein energisches Eintreten für die Freiheit und Selbständigkeit Finnland hervorhoben. Auch die russische Verwaltung tat ein Uebriges und erlaubte dem großen Schriftsteller, obzwar Jude, länger als drei Tage in der Hauptstadt Finnlands zu bleiben . . . Unter den vielen Deputierten der gemeinnützigen polittschen und literarischen finnischen Gesellschaften, die sich an Brandes nnt ihren Adressen oder Bitten wandten, befand sich auch eine Deputation des „Zentral-Comites für die Gleichberechtigung der Juden in Finnland". Herr Brandes, der für jeden ein freundliches Wort hatte, und seine finnischen Freunde geradezu mit Liebenswürdigkeiten überhäufte, empfing die Deputation sehr kalt und mit offenem Widerwillen. Der gut instruierte Diener wollte anfänglich die Juden gar nicht vorlassen, als aber ihrem Drängen nachgegeben werden mußte, bestand der Schriftsteller darauf, daß die Unterredung mit feinen Glaubensgenossen, die ja feiner Ansicht nach nicht von großer Wichtigkeit sein konnte, nur in Gegenwart anderer Personen, die zufällig bei ihm waren, stattfinden solte. Der anwesende politische Freund deS Herrn Brandes, Dr. Hirns, empfahl sich jedoch von selber, und die jüdischen Vertreter, vom kalten Empfang stark entmuttgt, trugen mit einigen schlichten Worten ihr Anliegen vor, daS in der Bitte gipfelte, er, Brandes, dessen Wort in Finnland so schwer ins Gewicht falle, möchte ein gutes Wort für fie einlegen und mit der Kraft seiner Feder zu der Elangimg der jüdischen Gleichberechtigung in Finnland beitrage». Herr Brandes hörte die Bitte ruhig, kalt und offenbar gelangweüt an, um am Ende zu erklären, daß er nichts zu machen imstande sei, fo fange die Regierung nicht dafür zu haben wäre. Im Besonderen meinte Brandes, fei «S ihm ganz unmöglich, der finnländifchen Jntellie, die ihm so viel Ehre zu Teil werde» mit scharfen Worten ihre Unterlassungssünden vorzuhalten. Als aber die Deputterten ihn auch an seine Pflicht gegen seine Glaubensgenossen ganz leise und vorsichttg erinnerten, versprach er endlich, vielleicht einmal bei Gelegenheit, der Juden in seinen Arttkeln über Finnland zu erwähnen. Die Enttäuschung über dieses Verhalten des gefeierten Schriftstellers! seinen gedrückten Glaubensbrüdern gegenüber ist in den jüdischen Kreisen sehr groß, und man fängt auch hier nach und nach an zur Einsicht zu gelangen, daß Intelligenz mit Rechtsuno Freiheitsliebe nicht immer identtsch sei. "4 4 'i i 4 •ci . '3 * England London, 26. Mai. Gestern fand im I „Jewish Working Men's Club" eine Sitzung j der „Föderation of Synagogues" statt. De» j Vorsitz führte der Präsident der Fedsratton Lord | Swaythling (Montague). Nach Verlesung und 1 Genehmigung des.Protokolls der letzten Bor- J standssitzung erhob sich Präsident Loro Swayth- W ling um die folgenden bedeutsamen Mitteilunge« | zu machen: |