Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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4. Juni 1908. 1500 Mk. Zum Ankauf von zwei Thorarollen für die Gemeinde Rixdorf werden 475 Mk. bewilligt. Dem Verein Tiergarten-Synagoge wird nach längerer Debatte eine Subvention von 3000 Mk. für das Etatsjahr 1908 gewährt. Punkt 14: die Umgestaltung der Barmizwafeier führt zu eigentümlichen Kontroversen. Glaubt man wirklich mit solchen Dingen Eindruck auf einen 13jährigen Knaben zu machen? Das bis jetzt übliche deutsche Gebet fing an: „Heiliger Israels", dafür soll es heißen „Ewiger Gott." Bisher: „Und sie sollen meinen Namen legen auf die Kinder Israel und ich will sie segnen." Jetzt: „An jedem Orte, an welchem du mich anrufst, will ich zu dir kommen und dich erhören." Dann folgt der Priestersegen! Das sind einige Pröbchen! Und das soll ein Schutz gegen die Taufe sein?? Berlin, 1. Juni. Am Sonntag den 31. Mai hat im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde unter dem Vorsitze des Herrn Geheimrat Goldberger die Generalversammlung der Berliner Mitglieder der A l l i a n c e I s r a e l i t e Universelle stattgefunden. Der Geschäftsführer Herr H. A. Klausner erstattete an Hand des in Druck ausgegebenen Jahrbuchs 1907 der Alliance den Jahresbericht und legte die besondere Tätigkeit des Lokal- Komitees Berlin und seiner Unterstützungs- Kommission im Zusammenhang mit dem Wirken des deutschen Bureaus und der deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jfraelite Universelle dar. Die Alliance hat im Jahre 1907 für die von ihr in drei Erdteilen unterhaltenen und geförderten 142 Knaben- und Mädchenschulen und Lehrlingsanstalten einschließlich der Ackerbauschulen 1529831,54 Francs ausgegeben, außerdem für die Präparandenanstalt, die zu dem Lehrerseminar für die Orientschulen gehört, einen Betrag , von 103913,30 Francs, zum Ankauf und Bau von Schulhäusern 59427 Francs, insgesamt also 1693171,84 Francs d. i. 30380,16 Francs mehr als im Vorjahre. Diese Ausgaben haben durch die regelmäßigen Einnahmen, aus den Zinsen der Sttftungskapitalien und aus den Beiträgen von Mitgliedern und Freunden volle Deckung gefunden. Die Einnahmen bezifferten sich auf 1 654 924,66 Francs, d. i. 4113534 Francs mehr als im Vorjahr. Darüber hinaus hat die Alliance Jfraelite Universelle für die durch die Statuten vorgesehene Unterstützungstätigkeit auch im abgelaufenen Geschäftsjahr aus besonderen Spenden große Summen ausgegeben, die dem Hilfswerk in den Berfolgungsländern zugute kamen. Die Zahl der Mitglieder der Alliance Jfraelite Universelle beträgt 33000. Die Generalversammlung nahm Und nun hatte der Prwatdozent, der einen sich mebrenden Ruf als Arzt genoß und seit seiner Taufe der bevorzugteste Hausarzt aller reichen Juden war, als er das Krankenzimmer verlassen hatte, trocken erklärt, der Kräfteverfall und die rapide zunehmende Herzschwäche seien unaufhaltbar. In seinem Arbeitszimmer saß der Kommerzienrat in seinem breiten Ledersessel. In seiner Linken, die auf die Lehne gestützt war, hielt er ein Taschentuch, mit dem er zuweilen sein tränenüberströmtes Angesicht trocknet. Norbert rauchte nachdenklich seine Ziaarretten und maß das Zimmer mit langsamen Schritten ab. Soeben hatte er den fassungslosen Vater nochmals leise, abrr eindringlich gemahnt, doch seine Würde nur etwas zu wahren. Was sollte das Dienstpersonal, die leise gehenden und kommenden und flüsternden Besucher dann von einem Kommerzienrat denken, der alle paar Minuten laut zu weinen und zu klagen begann! Ein korrekter, moderner Mensch fühle ebenso tief, wenn er auch seine Gemütsbewegung durch nichts verrate. Wozu diese Szenen, die in kein gebildetes Haus, höchstens auf die Bühne gehörten? Kronweiler horchte kurze Zeit auf die Reden des Sohnes, vergaß sie und sich und begann von Neuem laut zu schluchzen. In ihrem weißen, schneeigen Bett lag Adele, schöner als je im Leben, regungslos da. Nur zuweilen öffnete sie die Lippen und ries laut: „Dieser garstige Mensch, der mir den süßesten Glauben geraubt, den sogar Schiller geglaubt.-Felix, bii Verräter an Gott und Juden, warum hast du mich um die Fortdauer betrogen?" Frau Margot schnitt jedes Wort wie ein Dolchstich in die Seele. Sie, die sich bisher für die schuldloseste Person auf. Erden fühlte, empfand bei diesen Worten eine sich immer schwerer auf.die Seele wäl-- Der Israelit. den Bericht mit Zustimmung und Anerkennung entgegen und wählte kie turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder durch Akklamation wieder. Nürnberg, 28. Mai. Gestern Nachmitag tagte hier die Bayerische Rabbinerkonferenz, wobei hauptsächlich die Religionsschulfrage zur Behandlung kam/ hierauf fand' heute Vormittag nun die seitens der Adaß Jisroel einberufene Versammlung der orthodoxen bayerischen Rabbiner und der zum bayerischen Landesverein gehörigen orthodoxen Kultusvorstände statt,.ebenfalls zum Zwecke der Besprechung der Religionsschulfrage und wegen des von den Herren Justizrat Ofner und Sigmund Frankel in München an den bayerischen Landesverein gerichteten Antrages, zur Einsetzung einer Kommission zwecks Berbereitung der Revision des Edikts vom 16. Juni 1813. Die Versammlung war sich darüber klar, daß es keinem orthodoxen Vater zugemutet werden kann noch darf, seine Kinder an einem Religionsunterricht teilnehmen zu lassen, der einem Rabbiner untersteht, welcher das Programm der liberalen Vereinigung unterzeichnet hat. Die hiesige Adas Jisroel, welche schon längst eine durch die Kgl. Lokalschulinspektion konzessionierte Religionsschule besitzt, will nun für die Kinder ihrer Mitglieder, die diese Schule besuchen, den Dispens vom gemeindlichen Religionsunterricht erwirken und es unterliegt nach den Erfahrungen keinem Zweifel, daß die Kgl. Bayer. Staatsregierung, wo Gewissensnot vorhanden ist, wie in diesem Fall, den Dispens gewähren wird. Die Adas Jisroel wird aber auch um Ermächtigung des Zensurrechtes für ihre Rekigionsschule vorstellig werden. Hinsichtlich der Frage der Regelung des Editts vom 10. Juni 1813 liegt die Sache noch sehr im unklaren. Diese Frage wurde heute Nachmittag auch in der Versammlung des Ausschusses des Bayerischen Landesvereins dahier verhandelt. Anerkannt wurde, daß die Revision des Edikts geboten erscheint/ nur hinsichtlich der zu bildenden Kommission kam es zu sehr erregten Debatten, aber zu keiner Einigung. Die Rabbiner hatten erklärt, daß sie die Hälfte der in dieser Kommission zu vertretenden Stimmen beanspruchen, woraus die Mehrheit des Ausschusses nicht einaing. Dies führte dahin, daß die gewählten Rabbiner erklärten, unter diesen Umständen eine Wahl nicht annehmen zu können. Der hiesigen orthodoxen Religionsgesellschaft Adas Israel, der unbedingt ein großes Interesse an . der Neuregelung der Gesetzgebung zugesprochen werden muß, ist keine von ihr selbst zu bestimmende Vertretung in dieser Kommission zugestanden worden. Der aus der Mitte der zende Last. Warum hatte sie zugegeben, daß man solche große, ernste, niemals ergründbare Fragen von einem halbreifen Knaben beantworten ließ, der bisher nur oberflächlich herumgelesen, verworren gedacht und noch nichts Rechtes gelernt und schwerlich je etwas Ernstes leisten würde. Und dieser Knabe hatte mit seinen aufgelesenen Ansichten, die gar nichts Eigenes und ernst Erworbenes waren, die Seele eines vertrauenden Kindes vergiftet. Ob das Kind phantasiette? Nein, es sah mit klaren! Blick traurig und fragend die Mutter und den still weinenden Vater an. „Mama, so sprich doch! sehen wir uns niemals wieder? Sterbe ich ganz und gar, für ewig? mit meinen fünfzehn Jahren, verliere ich dich, die ich so liebe und du mich für immer! Schnell, Mama, schnell, ehe ich für immer von dir muß. Mama ist alles zu Ende schon hier auf Erden?" Ein verzweislungsvoller Blick, der sich tief iu bic Seelen der Eltern cinüohrtc, ruhte erwartungsvoll auf ihnen. „O Gott, o Gott! warum habt ihr mir diesen letzten Trost rauben lassen! war es denn nötig? warum? mozn?" Es waren die letzten Worte Adelens gewesen. Sie brannten aber fort und fort iu der Seele der Mutter. Sie brannten und quälten sie, während der Leichenrede des Rabbiners, der <»o Hausfreund den Geist, der in der Familie herrschte, kannte, vorsichtig und klug alles vermied, was Wiedersehenshoffnungen und Aufsrstehunasglaube berührt. Die letzten Worte Aoelens, der Berzweiflungsschrei eines seines letzten Trostes beraubten Kindes gellten fort und fort ui den Ohren der tiefgebeugten Mutter und brannten in ihrer Seele nach dem Begräbnis. Sie wühlten ihre trägen, schwachen Gc- 6« Nr. : 3. Seite 7. Bersammlunb eingebrachte Antrag, ein Vorstandsmitglied dieser Korporation in die Kommission aufzunehmen, blieb unberücksichtigt. Es steht fest, daß von der neuen Gesetzesregelung das Wohl und Wehe der Vereinigung abhängt und es besieht alle Veranlassung, nunmehr mit aller Macht dahin zu wirken, die gesetzliche Möglichkeit der gemeindlichen Zweiteilung zu erreichen. In orthodoxen Laienkreisen ist man überhaupt der Meinung, daß aus einem Zusammenwirken mit den Neologen kein Heil entspringen kann. Posen, 17. Mai. Auf Veranlassung des Herrn Rabbiner Dr. Wrcschner-Samter sind sämtliche amtterenden Rabbiner der Provinz behufs Gründung einer provinzialen Rabbinervereinigung zu einer konstituierenden Versammlung nach Posen einberufen worden. Erschienen waren die Herren: Bloch-Posen, Cohn - Rawsitsch, Dünner - Rogasen, Feilchenfeld-Posen, Grünthal-Pinne, Heppner-K'oschmin, Jakobsohn-Gnesen, Krauß-Schildberg, Levin- Kempen, Levin-Wreschen, Nobel-Filehne, Silberberg - Schrimm, Theodor - Bojanowo, Weyl- Czarnikau, Wreschner-Samter. Schriftlich entschuldigt hatten sich die Herren: Bamberger - Schönlanke, Lewkowitz - Schneide - Mühle, Perlitz-Nakel, Neuhaus-Ostrowo, Walter-Bromberg. Als Deputierter der Synagogen-Gemeinde Posen war Herr Israel Friedländer vom Vorstände entsandt. Wreschner-Samter begrüßt die Versammlung, insbesondere Herrn Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld sowie den Gemeindedeputterten, überträgt unter lebhaftem Beifall der Versammlung ersterem den Ehrenvorsitz, Oberrabbiner Feilchenfeld dankt der Versammlung und fordert in warmen Worten auf, für die bedrohte Baterscholle zu kämpfen und für ihren Besitz, d. h. auf unsere Zeiten angewandt, für die gedeihliche Entwickelung des Thorageistes im Judentum trotz feindlicher Anstürme jedes Opfer zu bringen. Herr Friedländer überbringt die herzlichen Grüße des Vorstandes, der stets zur Mitarbeit bereit fei, wo es sich um Förderung der altjüdischen Ideale handle. Wreschner-Samter legt in längerer Ausführung die Gründe dar, die ihn zur Einberufung der heutigen Versammlung bewogen haben. Die allgemeinen Zentralverbände seien wegen der schwer möglichen und daher nur selten erfolgenden gemeinsamen Zusammenkünfte nicht geeignet, das Bedürfnis nach gegenseittger Drregung im Thorastudium oder der Verständigung in aktuellen Fragen zu befriedigen. Als danken auf, als der kostbare Marmor sich über dem Grabe ihres Kindes erhob und der Epheu auf dem Hügel Wurzeln schlug. Und Frau Margot begann ihren Neffen, dem sie jetzt alle Schuld zuwälzte, zu hassen. Ihm maß sie die seelische Verzweiflung ihrer toten Adele in deren letzton Lebensstunde bei. Warum nahm er ihrem Kinde den letzten und besten Trost? Zu wessen Nutzen? Und dieser junge Mensch war auch schuld an ihrer eigenen Zerrissenheit. Und inmitten der brennenden Schmerzen ihres verwundeten Gemütes begannen an ihrer bisherigen vermeintlichen Gewißheit neue gegensätzliche Zweifel in ihr aufzusteigen. „Kein Wiedersehen!" murmelten ihre Lippen. „Vielleicht doch, vielleicht ja, hallte ein anderes Echo in ihrer Seele wieder." (Ein jüdischer Reger.) In Netvark (Staat New- Nork) besteht eil» jüdischer Sträflingsfürsorge-Berein, der unter anderem auch dafür sorgt, daß die jüdischen Sträflinge während der Pessachtage mit ritueller Kost versehen werden. So war es auch diesmal und die jüdischen Arrestanten des Newyorker Polizriarrestts freuten sich schon auf die bevorstehende Kost. Als am Erew-Pessach der Aufseher die jüdischen Inhaftierten kansturierte, meldete sich auch ein Arrestant, namens >-am Johnson, der zu einer Ordnungsstrafe von 10 Dollar verurteilt worden war, und da er diese nicht erlegen konnte, sie absitzen mußte. Zwischen Johnson und dem Aussetzer entspann sich nun folgendes Gespräch: Johnson: Herr Aufseher, ich melde, daß ich von heute an kein Brot esse, dä ich Jude bin. Aufseher: A, Sie hätten Lust auf Mazzos und.' möchten nun die jüdischen Vereine Wurzen, lvas? Aber daraus wird nichts. Wer hat jemals gehört, daß