Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6. Nr. 23. Der Jsraeüt. 4 Iu t 1308. es vor allem auf praktische Maßnahmen an, um die Lehre des Judentums in die weitesten Kreise zu tragen. Denn die Jugend sowohl als auch die Intelligenz gehe uns unrettbar verloren, während doch gerade das Judentum, '.ich tig aufgefaßt, keine Wissenschaft der Welt zu scheuen habe. Selbst die Kant-Laplac'sche Theorie, die doch so viel Unheil in den Köpfen angerichtet hat, kann heute wissenschaftlich nicht gelten, während die Wahrheit des Judentums in ewiger Jugend und Schönheit prange. Die Anregungen des Herrn Tr. Zimmermann fielen auf einen empfänglichen Boden. Der Vorstand wird einen Konsumverein auf streng religionsgesetzlicher Basis errichten, dessen Aufgabe es sein wird, für alle Bedürfnisse des rituellen Haushaltes zu sorgen. Nachdem noch Herr Rabbiner Dr. Fink aus die theoretische Bedeutung und die schwerwiegenden praktischen Folgen der durch die gegenwärtige Situation aufgeworfenen Probleme hinwies, wurde folgende Resolution zur Annahme vorgeschlagen: „Die liberale jüdische Vereinigung in Deutschland hat in dem znm Zwecke ihrer Konstituierung zur Versendung gebrachten Aufruf u. a. den Grundsatz verkündet? „Das liberale Judentum beruht aus der Anerkennung der fortschreitenden Entwickelung des Judentums, die es befähigt, bei Bewahrung seines wesentlichen und dauernden Gehaltes überlebte, zeitliche Erscheinungsformen zu verändern, oder wenn sie unhaltbar geworden, abzustreifen", und hat in der am 3. Mai 1908 in Berlin abgehaltenen konstituierenden Versammlung ein Programm zur Annahme gebracht, in welchem u. A. als Grundsatz verkündet wird: „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich fite Wie Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und bie unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judenturne fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht." Ferner: „Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnnehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden." ferner: „,Der Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten"; ferner: „Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt." Abgesehen davon, daß in den verkündigten Grundsätzen jeder Hinweis auf die Autorität unserer im Wege der Schrift und Ueberlieferung uns anvertrauuten öffentlichen Offenbarungsquellen vermißt wird, daß der Inhalt und Zusammenhang vielmehr zu der Annahme drängt, daß das Judentum seine Vollendung nicht in diesen Quellen, sondern, wenn überhaupt tn einer undefinierbaren Zukunft erst zu suchen habe'; abgesehen davon, daß diese Grundsätze von einer dem Judentum durchaus fremden Scheidung zwischen Form und Inhalt ausgehen; abgesehen davon, daß in denselben keinerlei Kriterien ausgestellt erscheinen; welche für diese Scheidung als maßgebend zu erachten wären, noch jene Gedankenoperation genannt werden, welche deren sichere Durchführung gewährleisten: erscheint hier ein dem Judentum fremdes, einem gewissen Erklärungsversuch des Naturgeschehens entlehntes „Prinzip der Entwickelung" als für das Judentum einzig maßgebend nnd grundlegend hingestellt. Lassen schon die in der Versammlung ohne Widerspruch hinbenommenen Aeußernngen der maßgebenden Führer, wie: „Gesetz und Lehre sind veränderlich lind der Zeit unterworfen"; ferner: „Das liberale Judentum kennt nur ein Dogma, das ist die Einzigkeit Gottes, — eil» Zugeständnis, das allerdings nur einer Inkonsequenz in der Anwendung der eigenen Grundsätze zu danken ist — alles andere sind von der Zeit für die Zeit gegebenen Gesetze"; ferner: „Die Liberalen glauben nicht an die unabänderliche Berpflichtungskraft der sogenannten Gesetze", die verhängnisvolle Tragweite dieser Grundsätze ohne weiteres zu erkennen, so kann es nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, daß mittels derselben bei folgerichtiger Anwendung jedes Gesetz, jedes Gebot, jede Pflicht aus dem Judentum ausyemerzt, jede seiner geheiligten Institutionen unterminiert werden kann. Es siele damit gleichzeitig die grundlegende Tatsache von der Erwählung Israels. Denn zur Bildung einer Religion nach dem Geschmacke der Zeit ist jedes andere Volk ebenso berufen und befähigt als dieses. Die Verkündigung solcher Grundsätze müßte in den Köpfen, namentlich der Heranwachsenden Generation eine unheilvolle Verwirrung herbeiführen, ihre Umsetzung in die Tat Kämpfe von unabsehbarer Tragweite herausbeschwören, selbst das heilige Band ehelicher Gemeinschaft und der Familienzugehörigkeit in den Kreis der Objekte erbitterten Streites hineinziehen. In Anbetracht dessen erhebt die in Neumanws Festsälen am 27. Mai 1908 zu Berlin tagende, von dem „Vereine zur Erhaltung des überlieferten Judentums" einberusene öffentliche Versammlung ihre warnende Stimme gegen die Propagierung dieser verderblichen Grundsätze, erklärt, daß dieselben sowhl mit dem Lchrinhalte des Judentums im Widerspruche als auch in dessen Geschichte ohne Analogon oasteyen, daher im Rahmen des Judentums keinen Platz haben und somit nicht berechtigt sind, sich als jüdisch auszugeben. Die Berufung auf den auch von uns anerkannten Grundsatz der Gewissensfreiheit ist für ein solches Unterfangen belanglos, für uns ist Gewissensfreiheit nur in stetem Zusammenhänge mit deren unerläßlichen Korrelate, der Gewissenhaftigkeit, denkbar. Unter allen Umständen mutz aber die Gewissensfreiheit ihren Befugnissen da eine Schranke setzen, wo die Mechte anderer in Frage kommen. Unser höchstes, ideales Gut, das Judentum, das in der von uns vertretenen Verfassung den Rang eines bedeutenden weltgeschichtlichen Faktors sich erkämpft hat, sehen wir aber aufs bedenklichste gefährdet, wenn sein Name, sein geschichtliches und moralisches Gewicht für Tendenzen in Anspruch genommen wirb, die den seinigen schnurstracks zuwiderlaufen." Die Versammlung nahm die Resolution fast einstimmig unter lautem Beifall an. E. R. B erlin, 24. Mai. Der heutigen Sitzung der Repräsentanten-Versammluna der jüdischen Gemeinde lag eine große Tagesordnung vor. Der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hat folgende Petition eingereicht: Gemäß § 46 des revidierten Statuts der jüdischen Gemeinde zu Berlin wird eine Kultuskommission eingesetzt. Dieser Kultust kommission wird die dauernde Verwaltung und Beaufsichtigung aller den Gottesdienst betreffenden Angelegenheiten übertragen. Die Kultuskommission zerfällt in zwei Abteilungen: 1. die Abteilurrg A, welcher der Gottesdienst nach altem Ritus, 2. die Abteilung B, welcher der gesamte übrige Gottesdienst untersteht, gleichgiltig, ob der Gottesdienst in Synagen oder an Festtagen zufolge besonderer Veranstaltungen der Gemeindebehörden, abgehalren wird. Jede Abteilung verwaltet die ihr überwiesenen Angelegenheiten allein und selbständig. Jede Abteilung ist allein und selbständig berechtigt, Beschlüffe hinsichtlich der ihr unterstellten Angelegenheiten vorbehaltlich der Genehmigung der Gemeindebehörde zu fassen und Anträge in diesen Angelegenheiten an den Gemeindevorstand zu richten. Jeder Abteilung liqgt ob a) die Beratung über Fragen des Gottesdienstes in den ihr unterstellten Anstalten, b) die Abordnung der Vorsteher für die festgottesdienstlichen Versammlungen, c) die Beratung über Fragen des Synagogen-Etats, insbesondere der Gehälter, ä) die Beratung der ihr vom Gemeindeoorstand zugewiesenen Angelegenheiten. Die Kultuskommission wird in gleicher Weise zusammengesetzt wie die übrigen Verwaltungskommissionen; in jeder Abteilung hat je ein Gemeinderabbiner Sitz und Stimme. Die Shnagogenvorstände bilden Unterabteilungen der Kulruskommission und unterstehen den Abteilungen A und B je nach der Einrichtung des Gottesdienstes. Dementsprechend wird der Artikel 1 der Satzung für die vorhandenen Vorstände der jüdischen Gemeinde abgeändert. Die Petttion wird ebenso wie die Petton des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums dem Ausschuß III überwiesen. Die Erben des Herrn Louis Koehne haben dem Fonds für verschämte Arme 2000 Mark überwiesen. Herr Berthold Israel wurde in den Vorstand der Synagoge Lützowftraße gewählt. Ein Antrag von Mitgliedern der Versammlung zur Drucklegung eines Sammelwerkes ruft eine längere Debatte hervor. Am 24. Mai 1910 ist nämlich der 100jährige Geburtstag Abraham Geigers. Von seinen Schülern und Freunden soll eine Festschrift erscheinen. Herr Weinberg rühmt Geigers Verdienst um die Wissenschaft, er beklagt, daß dieser Antrag nur von 5 liberalen Mitgliedern unterzeichnet sei und fragt, ob dies etwa im Interesse der liberalen Vereinigung geschehen soll. Herr Prof. Blaschke und Syndikus Lilienthal erklären, daß diese Angelegenheit mit keiner Partei etwas zu schaffen habe, es wird derselbe Antrag auch bei der Feier eines orthodoxen Gelehrten, z. B. Michael Sachs gestellt werden. Die Versammlung bewillig der berühmte Naturforscher in einem Bortrag, dem sie, gleich allen als gebildet geltenden Damen beigcuwhnt, lebhaft Beifall geklatscht hatte, als dieser Gelehrte das „Märchen von der Fortdauer der Seele", als das Ammengoschwätz rückständiger Menschen bezeichnet hatte. Damals war sie, gleich den meisten rungen und älteren Damen, die voller Begeisterung dem Redner ihre Sympathien kundgegeben hatten, nach dem Vortrag mit den Kinder in ein bekanntes Restaurant gegangen und hatte bereits unterwegs den ganzen Inhalt vergessen. Und nun frug sie ihre kranke Tochter ganz vlötzlich nach einer Sache, die ihr stets gleichgiltig war, über die sie nie ernstlich nachgedacht und als Gattin eines gesellschaftlich höher stehenden Mannes unmöglich zugestehcn konnte. „Wozu mein Kind, brauchst du das zu wissen?" Ist es nicht schon schön und genug, wenn man in diesem Leben es angenehm, sogar schon genußreich hat?" „Ja, wenn man dabei nicht zu früh sterben muß", antwortete langsam sprechend, die Kranke. Ein kalter Schauer durchfröstelte Frau Kronweiler. Wie sonderbar das Kind das sagte und wie merkwürdig dabei es die Mutter anblicktc — gar nicht kindlich. Dann hatte es, wie im Selbgespräch fortgcsahren: „Jetzt, Mammachen, wo ich so viel Zeit zum denken habe, keine Tanzkränzchen besuche, nicht zu Tennis und Rudern gehen kann, verstehe ich Niemanden mehr in unserer Familie, Niemanden von unseren Freunden und Bekannten. Niemand von uns allen glaubt doch an einen lebendan Gott, auch meine älteste Schwester Herta so wenig wie mein Bruder Norbert und du, Mammachen, doch erst recht nicht." „Ich weiß nicht, Kindchen", erwiderte Frau Margot mit unsicherer Stimme, „wo du hinauswillst." „Das sollst du gleich hören. Wenn doch Niemand von uns allen an einen Gott der Juden oder Gott der Christen glaubt, warum soll sich Norbert und warum will sich Herta taufen lassen? Und du selber billigst das; aber ich verstehe so was nicht. Und Vetter Felix, der noch am allerwenigsten an Gott, Seele und Unsterblichkeit glaubt, hat das Sakrament bei der Taufe förmlich herausgebrüllt. Er war es auch, der mick ausgelacht und verspottet hat, als ich ihm widersprach und sagte, unser Religionslehrer habe erzählt, daß Schiller fest an Gott und Unsterblichkeit geglaubt habe." Mit steigender Unruhe hatte die Mutter dem Kinde zugehört uno ihr war oabei immer beklommener zu Mute geworden^ „Liebstes, herzigstes Adelchen," begann sie mit zärtlich schmeichelndem Ton, du bist doch noch so jung, um dich mit solchen Grillen abzugeben." „Zu jung?" unterbrach Adele hastig, „wenn ich aber vielleicht gar nicht älter werde und bald sterben muß? Soll ich dann nie, nie, nie mehr dich, du niemals mich mehr in allen kommenden Zeiten sehen?" Frau Kronweiler brach in Tränen aus. „O, mein Kind, wie sprichst du so thöricht! und wie weh tust du mir!" Da richtete sich die Kranke im Bette auf und sagte feierlich: Mamachen, ich werde sterben, und dieses Zimmer nicht mehr lebend verlassen; ich fühle es. Nun aber antworte nnr: glaubst du auch nicht an Auferstehen und Wiedersehen? Ist es mit mir, mit meinen fünfzehn und dreiviertel Jahren für ewig aus? Ist die Liebe, die den Tot überdauert, ein Wahn?" Frau Kronweiler schrie laut auf. Adele war tief erschöpft zurückgesunken. In der Nebentür, die geräuschlos geöffnet worden war, stand die alte Krankenschwester, mit ihrem ernsten, runzeligen Gesicht und den gütigen, resignierten grauen Augen. Sie faßte Frau Margot sanft am Arm nnd führte sie aus dem Krankenzimmer. Die Nacht war still und lautlos vergangen, und still dämmerte der Morgen ins Krankengemach. Mit dem zunehmenden Tag nahm auch das Geräusch in den Straßen zu, drang aber nicht bis in 8ie stille Stube, in der ein blühendes Menschenleben zu Ende ging. Ein wütender, verbissener Zug lag aus Frau Margots Antlitz. Daß gerade ihr, die ein großartiges Reiseprogramm für den Frühling und Sommer mühevoll zusammengestcllt hatte, ein solches großes Unglück passieren wußte. Sie, die reiche, glückliche Frau, sie, die bisher auch nicht den leisesten Schatten eines schmerzlichen Ereignisses erlebt hatte, sie, die sich bisher nur des Daseins gefreut und mit allen Mitteln, die der Reichtum zu bieten vermag, genossen, sich niemals um etwas anderes als um Vergnügungen und Zerstreuungen gekümmert, sie sollte ein geliebtes Kind verlieren. Sie begann Hum erstenmale in ihrem Leben über ihre Vergangenheit nachzudenken. Womit hatte sie ein so großes Schicksal verdient? Wen Hatto sie je gekränkt und je beleidigt? Stet5 die Hauptfrage derer, die sich von dieser Sünde frei wissen,Kber nicht weiter fragen, .wem sie jemals Gutes erwiesen nmnn sie jemals zu Unglücklichen und von den Tücken des Lebens Mißhandelten gütig, liebreich und hilfreich gewesen. Frau Margots Tugenden gegen ihre Nebenmenschen, Ware» wie die von Tausenden vom Schicksal Begimsttgter, rein negativer Natur gewesen. Sie hielt sich für sehr gut, well sie nichts hervorragend Böses getan. Daraufhin glaubte sie ein verbrieftes Recht zu haben, bis an ihr fernes Lebensende, das ungetrübteste Glück flante&en |U Mfcfefft <