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Der Israelit · 1908-06-04 · Heft 23 (4.6.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 23 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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m 4. Juni 1908. Der JSraelit. Nr. 23. Seite 5 keinen Zweifel darüber zuläßt, wie Leben und Tod, Sein und Nichtsein des HtüD Dy in allen Zeiten von seinem jeweiligen Verhältnis zu der lebenerhaltenden Kraft der von ihm empfangenen Thora abhängen wird. miD -in on^y nsr. Wie drohende Berge, stürzende Felsen, verzehrende Feuerlawinen, gähnende Abgründe sahen sie, die Kinder Israel, so sie an diesem Tage in die weite Zukunft ihres Goluslebens hinausblickten, sich entgegenwinken. „Hier aber", sprach Gott „k Thora, die euch Stab und Stütze werden soll, das Licht, das die Nacht eures Exils erhellt, das einzige Rettungsmittel, das die Gefahr zu bannen, die Berge zu ebnen, die Klüfte zu überbrücken imstande ist, euch mit rettender Hand durch Nacht und Grauen ans Licht des Tages zu führen, wo die Ernten reifen zum Dienste dieser Thora. Dtp, dort, nicht hier am bescheidenen Sinai- Felsen, sondern dort, im finsteren Golus-Leben, dort, wo die Berge über euch Zusammenstürzen, die Abgründe sich auftun, die Wolken sich eng und düster zusammenziehen, und alle feindlichen Elemente sich zusammentun, um euch zu vernichten, dort sollt ihr die rettende und erhaltende Kraft der heute empfangenen Thora erfahren. Und darum: ann Dtp 1K^ Dkl 2V1Q DK DDi-map. rmyvatp o'-nyi nvnb in:on. Wir wachen in der ersten Schewuoth-Nacht und lernen einzelne Bruchstücke der heiligen Bücher und beschäftigen uns so mit dem, was uns Licht und Freude in finsterer Golusnacht geworden, und das uns allein die Ernte wieder wird reifen lassen im Sonnenscheine der Heimat. Mit regem, denkendem Geiste, mit offenen, klaren Augen schaue um dich! Denn viel sind der Verderber im inneren und äußeren Laaer, die dir die heilige Fahne aus der Hand reißen und dir so den Untergang bereiten wollen! Mit einer Festeshymne wird das Kapitel der Gesetzgebung eingeleitet, ein Jubelgesang und Schlachtenruf im Kampfe für die Thora, ein Siegeslied der um die Fahne der Thora Kämpfenden, ein Lied aus hoffnungsvoller Seele, die sich an ihren Gott schmiegt und von neuem ihm, Treue schwört. Und die Gebet voll Dank und Gottergebenheit, und die voll Sehnsucht und Vertrauen, durch die sich wie zu einer leuchtenden Perlendie 613 Gebote und Verbote aneinander reihen! Wie sie alle eine Sprache führen, sich im harmonischen Lobgesange vereinigen zu Ihm, der erhaben über Zeit und Raum die Thora für alle Zeiten Israel gab, und ihm das Fest der Gesetzgebung ddn läßt. zu einem Fest der Ernte werorrespondenzen und Machrichten. Dentfrhes Meirts. Berlin, 28. Mai. Das Berliner jüdische Publikum ist ganz entschieden besser als sein Ruf. Zu diesem Urteile mußte sich jeder bestimmt fühlen, der das in Neumann's Festsälen versamelte, vielhundertköpfige, aus Damen und Herren der besten Gesellschaftskreise sich zusammensetzende Publikum überschaute. Sie waren alle dem Rufe des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums" zu Berlin g folgt, um zu den durch die Gründung der „Liberalen Bereinigung in Deutschland" und deren Programm heraufbeschworenen, brennenden Fragen des jüdischen Lebens Stellung zu nehmen. Das einleitende Referat hatte der ehrwürdige Rabbiner Tr. O. Lipschütz übernommen. Er wies nach, wie die Reform schon in ihrer Sünden Maienblüte weder die Stimme des jüdischen Gesetzes, noch die des einfachen jüdischen Gefühls beachtet hat. Kein geringerer als der berühmte Komponist Meyerbeer, den doch.wohl kein Mensch zu den Fanatikern zählen wird, hat die Orgel für die Synagoge als vollständig ungeei^nrt verworfen. Tie Reform hat sich jedoch dieser von gewiß unverdächtiger Seite ausgehenden Warnung verschlossen, und damit die abschüssige Bahn des Abfalles von jüdischen Heiligtümern betreten, auf der es keinen Halt mehr gibt, der dahin führen mußte, wohin wir jetzt gelangt sind. Während im Judentume von jeher von der Synagoge aus der erweckende und aneifernde Ruf zur Treue und Anhänglichkeit an das Judentum ausging, erscholl von der Resormsynagoge der Ruf zum Abfalle hinaus in die Familie. War erst die hebräische Sprache zum Teil aus der Synagoge verdrängt, so war damit gleichzeitig J>ie Hauptquelle verstopft, aus der unseren Vorfahren immer wieder Ströme jüdischen Lebens hervor- -—• - quollen. Der Jude hatte von nun an keine dringende Vera l .ffung mehr, die Sprache seiner heiligen Urkunden zu erlernen, und war damit zugleich der ganzen Gedankenwelt, die in diesen beschlossen ist, entfremdet. Die unausbleibliche Folge ist die Vernachlässigung des gesamten jüdischen Pflichtenlebens.. Wenn nun Männer im Angesichte dieser schweren Verheerungen des jüd schen Lebens den Schäden d durch beizi-kommen glauben, daß sie den Abfall gleichsam zum leitenden Prinzipe erheben, so ist die geistige Verblendung nur aufs Tiefste zu bellagen. In der hierauf sich entspinnenden sehr anregenden Debatte war es zunächst wieder die Frage des Religionsunterrichtes, welche die Aufmerksamkeit der Versammlung auf sich lenkte. Als die von dem Leiter der Religionsschule Moabit, Dr. Kellermann, in Wort und Schrift vertretenen destrukttven Anschauungen zur Sprache gebracht wurden, zu welchem Gegenstände auch die Herren Rothenberg und Löwenthal das Wort ergriffen, gelangte eine Resolution zur Annahme, die aus mancher Seite noch als viel zu schonend angesehen wurde. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: Die am 27. Mai 1908 in Neumann's Festsälen tagende öffentliche Versammlung protestiert dagegen, daß Herr Dr. Kellermann, welcher in Wort und Schrift Tendenzen vertritt, welche darauf hinauslausen, den Offenbarungsglauben zu untergraben, alle auf demselben basierten Gebote und Wichten aus dem Judentum auszumerzen, innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde mit dem Amte eines Leiters einer Religionsschule betraut und hierdurch in die Lage versetzt wird, durch Verbreitung dieser Tendenzen aus die Heranwachsende Jugend auf unheilvolle Weise einzuwirken. Die Versammlung ersucht, diesen Protest dem Vorstande und den Herren Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde zu unterbreiten und die Herren zu bitten, Herrn Dr. Kellermann den Religionsunterricht zu entziehen. In Bezug auf das von der „Liberalen Vereinigung" in Deutschland veröffentlichte Programm meinte Herr Dr. Rosenthal, daß hierdurch die Dinge im vornhinein in eine schiefe Beleuchtung gerückt würden. Ein derartiges Programm setze eine Situation voraus, wie wir sie etwa vor hundert Jahren in Deutschland hatten, wo in den Gemeinden und Häusern noch jüdisches Leben in voller Blüte stand. Damals konnte ein Programm des Radikalismus wenigstens auf einen Boden der Zerstörung rechnen, heutigen Tages hat doch die Reform ihr Zerstörungswerk bereits vollbracht. (ä& gehört ein wahres Genie dazu, noch irgend etwas ausfindig zu machen, was der Zerstörung preisgegeben werden könnte. Herr Dr. med. Zimmermann führt aus, die Versammlung möge nicht den Schwerpunkt ihrer Leistungen in der Abfassung von Resoluttonen suchen. Ihm komme vielen Jahren in dieser Nacht die Synagoge nicht verließ, sein Totenkleid bis zur kommenden folgenden Nacht nicht ablegte, tauchte ständig vor ihm auf. Und der Onkel Schmaje war doch gut schon fünfunddreißig Jahre tot und er hatte ihn fast ganz vergessen, obgleich der Onkel wie ein Vater für ihn gesorgt hatte. Der Assessor Schultheiß war am nächsten Nachmittag in die Synagoge gegangen und wohnte der Seelenseier bei. Der Borbeter urw ein Männerquartet sangen eine eindrucksvolle Weise, deren Text er nicht verstand. Dann hatte der Rabbiner die Karmel betreten und die Religion Israels als den Glauben an diesseitiges Psltchtenleben an Fortdauer und Ewigkeit gefeiert. Der Geist Israels weile nicht bei Schrcckensbiwern der Verwesung und beim Totengebein in den Gräbern; die innere Stimmender ewige Gott, ein Gott, der n i e gestorben und im Sterben die Erlösung versprochen, der allein vermag über Grab und Staub hinweg wieder zu vereinigen, was im Leben zufammengehört, sich geliebt und verbunden gefühlt. Diese Hoffnung erhalte die Liebe zu den geliebten Toten, deren Seelen fortleben in reineren Regionen. Das waren eigentlich doch ganz andere Juden, ganz andere Menschen, alsdre der Assessor bei Krvnweiler mit unbewußtem Mißtrauen und steigender Abneigung still beobacht hatte. Hier in diesem weite» Gotteshaus waren Menschen versammelt, die an begangene Sünden, glaubten, sie durch gute Vorsätze- Gebet und Kasteiung m sühnen vaHNMen. Diese üchlreichen Judendior sMlten sich iin■* weihevoller Stimmung wie- . ttMM i£äÜ3i£iä& ten etwas Unvergängliches, Unsterbliches ihr Gemüt ausrichten. Schultheiß verglich wieder und wieder und kam dann zu den Schlußfolgerungen, daß er in vergangener Nacht bei dem glanzvollen Feste Juden kennen gelernt hatte, die nimmermehr ein Gewinn für das Christentum und die Nation sein konnten. Eine ärmliche, erbärmliche Gesellschaft, für die ihm der alte Juftizrat schade war. „Die schlechten, für die menschliche Gesittung und Gesellschaft unbrauchbar gewordenen, die kommen zu uns", schrieb er abends an seine Eltern. Monate waren hingegangen. Märzstürme folgten durch die Straßen und schüttelten Laternen und die kahlen Aeste der Bäume; rauhe aber zuverlässige Frühlingsboten. In einem dem Hof zu gelegenen Zimmer saß Frau Margot Krön weiter auf einem Chaiselongue und starrte in die kleine Flamme, der auf dem Touettetisch brennenden Lampe. Eine unheimliche Stille herrschte um sie her, in allen anstoßenden Räumen. Adele, die jüngste Tochter hatte sich in einem Tanzkränzchen erkältet und lag seit drei Wochen zu Bett. Der getaufte Privatdozent, der inzwischen Professor geworden, drang auf Zuziehung eines alten Kollegen, und der war in seiner wortkargen Weise ohne Urteilsäußerung wieder fortgegangen. Das galt in den eingeweihten Kreisen stets als böses Omen. Frau Krvnweiler war auf's Höchste indigniert; wütend auf den alten Professor, der ihre Frage kurz und barsch zuriükgewi<Gn : hatte. Jbt Me sich , nur m . auf dp Herr hatte „Je»*« genomverdächtig. ' War ihr bildhübsches Kind, die kluge, begabte Adele wirklich ernstlich krank? Unmöglich. Krankheiten waren seit den unvermeidlichen Masern in der Familie nicht vorgekommen und, von kleinen unvermeidlichen Indigestionen und allenfalls einem Schnupfen und Husten abgesehen, bisher unbekannt geblieben. Mit ernsten Situationen, bei denen es sich möglicherweise um Leben und Sterben handelte, hatte Familie Krvnweiler bisher nicht zu rechnen brauchen. Uick> nun, wo die Saison zu Emw gegangen und ein neueS Frühjahrsprogramm Mutter und Töchter schon beschäftigte, kam dieser unangenehme Zwischenfall mtt Adele. Heute Abend in der Dämmerung war der Arzt noch einmal gekommen, nachdem er Vormittags mtt dem alten Professor konsultiert hatte. Und er war doch kein Wichtigtuer; was er auch gar nicht nöttg hatte. Frau Krvnweiler war von ihrer üblen Laune allmählig in eine angstvolle Stimmung geraten. Adele war jedenfalls viel kränker, als sich die Mutter bisher vorgestellt hatte. Ihr Gatte war, nach langem unschlüssigem Schwanken, doch noch zu der Vorbesprechung des Auffichtsrates gegangen, obgleich die Wendung, die die Krankheit feiner jüngsten Tochter Adele seit Nachmittags genommen hatte, ihn sehr erregt hatte. In der dritten Woch: schon lag das Mädchen krank. Die Genesung hatte sich hingezogen Nick verzögerte sich seit drei Tagen und blieb bann mtt einer drohenden Wendung zu einer Verschlimmerung Heute Mittag, als Fwu Margot am Bette dü» Kindes saß, frug es ganz unvermittelt: glaubst du an Unsterbluhkeit?" Verwundert betrachtete die Frau ihre Solche Gespräche hatte die Mutter »och nie solchen Gedanken Nie «achgehcmgen, obgleich

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